mini|Mirjams Tanz. Miniatur aus dem bulgarischen Tomić-Psalter um 1360. Mirjam in der Mitte spielt den tof, der hier wie eine Röhrentrommel aussieht, ihre Begleiterinnen schlagen Paarbecken zusammen. Tof, auch toph (), Plural tuppim, ist eine historische, vor allem durch das Alte Testament überlieferte allgemeine Bezeichnung für Trommeln. Mit dem tof der Bibel war eine Rahmentrommel gemeint, die überwiegend, aber nicht nur von Frauen zur Begleitung von Gesängen bei freudigen Tänzen und Ritualtänzen gespielt wurde. Mythisches Vorbild für die von Frauen im Orient gespielte Rahmentrommel ist die alttestamentliche Prophetin Mirjam mit ihren Begleiterinnen. Eisenzeitliche Terrakotta-Figurinen, die trommelnde Frauen zeigen, belegen diese in der Zeit des alten Israel in Palästina aufgekommene kulturelle Bedeutung der Rahmentrommel.
Etymologie Die ugaritische Sprache ist auf Keilschrifttexten aus dem Stadtstaat Ugarit vom 14. bis zum 12. Jahrhundert v. Chr. belegt. Die Texte wurden häufig als Korrektiv für die Übersetzung hebräischer Wörter des Alten Testaments herangezogen. Sie enthalten eindeutig identifizierte Bezeichnungen für Musikinstrumente, die auch in der Bibel vorkommen: knr, vokalisiert hebräisch kinnor, „Leier“; msltm, hebräisch mesiltayim, „Zimbel“ und tp, hebräisch tof, sowie wahrscheinlich ṯlb für „Flöte“.Matahisa Koitabashi: The Deification of the Lyre in Ancient Ugarit. In: Bulletin of the Society for Near Eastern Studies in Japan 36 (2), 1993, S. 1–17, hier S. 1 In der ugaritischen Schrift bedeutet die wohl onomatopoetisch entstandene Konsonantenwurzel tp „Trommel“, „Trommler“ und „trommeln“ und bezieht sich offensichtlich auf einen eher hellen Trommelklang mit wenig Resonanz. Die Wurzel tp ist in vielen Sprachen enthalten, in denen sie für eine Trommel, jedoch nicht immer für eine Rahmentrommel steht.
Tp und tof gehen möglicherweise auf das sumerische Wort DUB zurück, das unter die umfassendere Bezeichnung für „Musikinstrument“, BALAG, fällt. Sumerisch DÚB-DÚB, „schlagen“, wird im Akkadischen zu a-da-ab und adapu. Das sumerische Lehnwort kommt in mittelbabylonischer Zeit (zweite Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr.) in einem akkadischen Lexikontext mit dem Determinativ (klassifizierender Zusatz) urudu.adapa, „Kupfer“-adapa, vor. Diese Trommel könnte anfangs nicht rund, sondern zumindest eine gewisse Zeit quadratisch und ein- oder beidseitig mit Haut bespannt gewesen sein. Dass es sich bei adapa überhaupt um ein Schlaginstrument gehandelt haben dürfte, ergibt die textliche Nähe zum Wort lilissu, mit dem die große sumerische Kesseltrommel bezeichnet wird.Richard J. Dumbrill: The Archaeomusicology of the Ancient Near East. Trafford Publishing (Ebookslib), 2005, S. 363, 389f, ISBN 978-1-4120-5538-3
Neben der bei Ritualen verwendeten Kesseltrommel lilissu scheint auch die dub dem Determinativ erû zufolge aus „Kupfer“ (Bronze) bestanden zu haben. Das sumerische DUB findet sich ebenfalls abgewandelt im akkadischen Wort dadpu und über das persische dabdabe und das arabische dabdāb im alten georgischen Wort für die Zylindertrommel dabdabi.Farshid Delshad: Georgica et Irano-Semitica. Studien zu den iranischen und semitischen Lehnwörtern im georgischen Nationalepos „Der Recke im Pantherfell“. (PDF; 3,1 MB) Deutscher Wissenschaftsverlag, Baden-Baden 2009, S. 124 f., ISBN 978-3-86888-004-5 (Ars poetica. Schriften zur Literaturwissenschaft, 7) Möglicherweise überlebt der Name noch in der nordindischen Klappertrommel budbudika (entspricht dem damaru) und der kleinen nordwestindischen Sanduhrtrommel dhadd.Francis W. Galpin: The Music of the Sumerians and their Immediate Successors, the Babylonians and Assyrians. Cambridge University Press, Cambridge 1937; 2. unveränderte Auflage: Strasbourg University Press, Straßburg 1955, S. 5f
Im Aramäischen hieß die Rahmentrommel tupa, im Alten Ägypten tbu. Im arabischen Raum ist der Name daf (ad-duff, Plural dufūf, Dialektvarianten wie deff) weit verbreitet und gelangte mit der arabisch-andalusischen Musik als adufe auf die Iberische Halbinsel. In Moldawien heißen große Rahmentrommeln doba und kleine zweifellige Trommeln tobe und dube,Valeriu Apan: Romania. In: Thimothy Rice, James Porter, Chris Goertzen (Hrsg.): Garland Encyclopedia of World Music. Volume 8: Europe. Routledge, New York / London 2000, S. 877 in Turkmenistan wird eine kleine Rahmentrommel mit 26 Zentimetern Durchmesser dap genannt.Jean During, Veronica Doubleday: Daf(f) and Dayera. In: Encyclopædia Iranica.
Tof wird an 16 Stellen im Alten Testament erwähnt: ; ; ; ; ; und ; ; ; ; und ; und .
In („Zum Spott für die Leute stellte er mich hin, ich wurde einer, dem man ins Gesicht spuckt.“) ist das Verb „spucken“ die Übersetzung von tofet (תֹּפֶת), ein abwertender Ausdruck, der im Tanach im übertragenen Sinn für den Altar des religiösen Kindsopfers steht. Überwiegend in Bibelkommentaren bis zum 19. Jahrhundert kommt die zweifelhafte Herleitung tofet von tof vor, eine Assoziation, die mit den beim Opferritual gespielten Trommeln begründet wird. Deren Schlagen sollte demnach die Schreie des lebendig verbrannten Opfers übertönen.Vgl. Christoph Starke, Johann Georg Starke, Johann Bernhard Hassel (Hrsg.): Synopsis Bibliothecae Exegeticae In Vetus Testamentum: Kurzgefaßter Auszug Der gründlichsten und nutzbarsten Auslegungen über alle Bücher Altes Testaments. Heilmann, Biel 1751 (online bei BSB)
In der altgriechischen Bibelübersetzung Septuaginta wird tof mit tympanon (τύμπανον) übersetzt, in der spätantiken lateinischen Bibel Vulgata mit tympanum. In beiden Texten ist zweifellos eine Trommel gemeint. Auf griechischen Vasen ist das tympanon in Gestalt einer flachen Kesseltrommel seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. abgebildet.James Blades: Percussion Instruments and their History. S. 177 Aus tympanon wurde im Englischen die Bezeichnung für die Rahmentrommel mit Schellen, timbrel (erstmals in King Alisaundre, der romantisch ausgeschmückten Versdichtung zum Leben Alexanders, Anfang des 14. Jahrhunderts erwähntSibyl Marcuse: Musical Instruments: A Comprehensive Dictionary. Doubleday, New York 1964, Stichwort timbrel, S. 524), und für die Pauke, timpani.
Herkunft und Bauform Mesopotamische Rahmentrommeln Weder bei den sumerischen noch den biblischen Namen von Musikinstrumenten finden sich konkrete Aussagen zu ihrer Bauform, weshalb die Formen der Musikinstrumente nur von Abbildungen bekannt und namentlich nur durch Rückschlüsse zuzuordnen sind. Das sumerische Wort BALAG für „Musikinstrument“ konnte Saiteninstrumente (im engeren Sinn Leiern) oder Trommeln meinen. In Mesopotamien erschienen in der ersten Dynastie von Uruk im 4. Jahrtausend v. Chr. auf Tonsiegelabrollungen in den Königsgräbern von Ur und gleichzeitig mit Leiern und Harfen in der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. auf Einlegearbeiten in den Stadtstaaten Kisch und Mari Schlagidiophone als Gegenschlagstäbe und Klappern. In den Gräbern von Ur und Kisch fand man einige Klappern aus Metall, die von den Musikern paarweise mit beiden Händen zusammengeschlagen wurden. Auf den Abbildungen ist erkennbar, dass Tänzerinnen die Klappern zu ihrer rhythmischen Begleitung einsetzten.
Ab dem 3. Jahrtausend werden auch Trommeln dargestellt. Auf einem in Tell Agreb gefundenen Tongefäß sind drei Frauen abgebildet, die nach einer unsicheren Rekonstruktionszeichnung in der linken Hand eine runde Trommel oder möglicherweise eine Platte hochhalten, die sie mit einem Stab in der rechten Hand schlagen. Genauer erkennbar sind Trommeln auf Tontafeln ab etwa 2000 v. Chr., dem Beginn der Ur-III-Zeit. Tänzerinnen halten kreisrunde Gegenstände mit beiden Händen vor der Brust, so dass es sich nach Ansicht von Wilhelm Stauder um beidseitig mit Haut bespannte Rahmen gehandelt haben könnte, die mit Kügelchen gefüllt waren und die als Rasseltrommel geschüttelt wurden. Rasseltrommeln gingen demnach den geschlagenen Rahmentrommeln voraus, die in der babylonischen Zeit in der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends in Vorderasien und Ägypten weit verbreitet waren.Wilhelm Stauder: Die Musik der Sumer, Babylonier und Assyrer. In: Bertold Spuler (Hrsg.): Handbuch der Orientalistik. 1. Abteilung: Der Nahe und der Mittlere Osten. Ergänzungsband IV: Orientalische Musik. E.J. Brill, Leiden/Köln 1970, S. 182–184
Tontafeln aus Nippur und Babylon des 18. Jahrhunderts v. Chr. zeigen eine andere Spielhaltung der runden Rahmentrommel, die nun mit der linken Hand an die linke Schulter gepresst und ohne Stöckchen mit der rechten Hand geschlagen wird. Die Abbildungen wirken streng, was auf einen kultischen Zusammenhang hindeuten könnte. Möglicherweise praktizierte die Musikerin die noch heute übliche Spielweise, indem sie mit den Fingern der linken Hand auf den Rand des Fells und mit der rechten Hand in die Mitte schlug, um dadurch unterschiedliche Lautstärken und Klangfarben zu erzeugen. Eine andere Figur aus dem 18. Jahrhundert v. Chr. stellt eine Tänzerin dar, die eine Rahmentrommel in Kopfhöhe weit von sich hält und zur Begleitung einer Leier in einer weniger streng festgelegten Art agiert. In dieser Zeit scheint die Rahmentrommel bei den Babyloniern und gemäß ähnlichen Abbildungen auch bei den weiter nördlich lebenden Assyrern statt bisher solistisch bei Kulten nun eher zur Unterhaltung und im Zusammenspiel mit anderen Instrumenten eingesetzt worden zu sein.Wilhelm Stauder: Die Musik der Sumer, Babylonier und Assyrer. S. 198 f
Die vermutlich älteste erhaltene Figur mit einer Trommel aus Zypern ist eine vogelköpfige weibliche Terrakottastatuette der Spätbronzezeit, die 1400–1230 v. Chr. (spät-zypriotisch II) datiert. Die stehende Musikerin hält mit seitwärts abgewinkelten Armen einen runden flachen Gegenstand, der als Trommel gedeutet wird, quer vor der linken Brust. Bis um 700 v. Chr. sind keine weiteren Trommeldarstellungen aus Zypern bekannt.Erin Walcek Averett: Drumming for the Divine: A Female Tympanon Player from Cyprus. In: MVSE. Annual of the Museum of Art and Archaeology, Band 36–39. University of Missouri, 2002–04, veröffentlicht Herbst 2008, S. 15–28, hier S. 16
Glockenförmige Trommlerin-Figurinen Der in der Bibel genannte tof war nach heutigen Erkenntnissen eine kreisrunde Rahmentrommel mit einem Durchmesser von 25 bis 30 Zentimetern (der Länge eines Unterarms). Eine solche Trommel schlägt eine in das 9. bis 7. Jahrhundert v. Chr. datierte, weibliche Terrakottafigur aus Schiqmona (heute Tell as-Samak, eine eisenzeitliche Siedlung in der Nähe des Karmel-Gebirgszugs im Norden Israels). Diese Trommlerin ist eine von 14 Exemplaren, die als glockenförmige (konische) Trommlerin-Figuren zusammengefasst werden und die einen winzigen Teil der über 700 eisenzeitlichen Terrakottafiguren aus den Küstengebieten Palästinas ausmachen. Die älteste glockenförmige Trommlerin-Figur stammt aus dem 11./10. Jahrhundert vom Berg Nebo; ab dem 8./7. Jahrhundert v. Chr. werden sie den Phöniziern zugerechnet. Drei Figuren wurden in Samaria gefunden, von drei weiteren ist der Fundort unbekannt. Die stilistisch unterschiedlichen Figuren sind 15 bis 25 Zentimeter groß und innen hohl. Anders als die fein herausgearbeiteten Gesichtszüge sind von den schematischen flachen Händen nur die Umrisse ohne Finger zu sehen. Im Unterschied zur babylonischen Musikerin hält die in den glockenförmigen Tonfiguren aus Palästina abgebildete Trommlerin ihr Instrument tiefer, näher am Körper und nahezu rechtwinklig zum Oberkörper nach vorn gerichtet. Eine solche Haltung kommt ansonsten nur bei einigen jüngeren (6. Jahrhundert v. Chr.) Figuren aus Zypern vor. Terrakotta-Trommlerinnen aus dem Norden Phöniziens halten ihr Instrument ebenfalls ähnlich, jedoch steif und mit den Händen symmetrisch auf beiden Seiten der Membran. In einer solchen Haltung sind Trommeln kaum spielbar, es könnte sich hierbei auch um Becken handeln.Joachim Braun: Die Musikkultur Altisraels/Palästinas, S. 104f
Terrakottaplaketten mit Trommlerinnen