Unter dem Begriff Kindheitstrauma (auch Bindungstrauma, Entwicklungstrauma, Kindheits-Belastungsfaktoren, frühkindliche Stress-Erfahrungen, adverse childhood experiences kurz: ACE) werden zusammengefasst: Kindesmisshandlung, sexueller Missbrauch von Kindern, schwere Vernachlässigung, Kriegserlebnisse (siehe auch Kriegskind), Trennung/Scheidung der Eltern sowie weitere familiäre/soziale Stressfaktoren, wie beispielsweise elterlicher Substanzmissbrauchhttps://28years.de/uncategorized/wenn-eltern-zu-viel-alkohol-trinken-kann-das-kinder-traumatisieren/. Wenn das Geschehen die individuellen Möglichkeiten der Verarbeitung und Integration übersteigen, nennt man die Folgen Trauma. Es ist eine schwerwiegende psychische Verletzung. Erinnerungen werden unzusammenhängend abgespeichert und können getriggert werden, bspw. ein bestimmter Geruch. Der Geschädigte erlebt dann die Überforderung erneut, was als Retraumatisierung bezeichnet wird.

In Deutschland liegen die Häufigkeiten von schweren Trauma-Ereignissen zwischen etwa 1 und 11 % der Bevölkerung. Kindheitstraumen können dramatische und langfristige Folgen für beziehungserschütterte Menschen (Gahleitner)Gahleitner: Professionelle traumapad̈agogische Beziehungsgestaltung und Einbettung PDF, Kinder- und Jugendhilfe St. Mauritz, Münster, abgerufen am 4. September 2022 haben, besonders wenn eine entsprechende Vulnerabilität (Verletzlichkeit, Diathese) vorliegt. Es besteht eine Dosis-Wirkungs-Beziehung: Je schwerwiegender und längerdauernd die Trauma-Ereignisse sind, je früher sie eintreten und je mehr Ereignisse und Belastungen insgesamt bestehen, umso höher steigt die Wahrscheinlichkeit für körperliche oder/und psychische Erkrankungen sowohl im Kindes- als auch im Erwachsenenalter. Andererseits entwickelt der weitaus größere Teil der Betroffenen langfristig keine Erkrankungen, und zwar wenn keine Vulnerabilität vorliegt, wenn Schutzfaktoren (Resilienz) zur Verfügung stehen oder wenn die Traumen weniger schwerwiegend sind.

Die Entwicklung von Kindheitstraumen zu Erkrankungen im Erwachsenenalter geschieht vorwiegend auf zwei Wegen: Einerseits erhöht sich bei Betroffenen die Vulnerabilität gegenüber künftigen Stress-Ereignissen, und andererseits zeigen Betroffene vermehrt gesundheitliche Risikoverhaltensweisen, zum Beispiel Rauchen oder Alkoholmissbrauch. Die Ergebnisse zur Häufigkeit sind durch große Studien epidemiologisch abgesichert. Sie legen Maßnahmen der Prävention in der frühen Kindheit nahe, zum Beispiel durch den Einsatz von Familienhebammen.

Prävalenz Zahlen zur Prävalenz (Häufigkeit) von Kindheitstraumen liegen in Deutschland in Form der Polizeilichen Kriminalstatistik und der Kinder- und Jugendhilfestatistik (siehe Artikel Kindesmisshandlung) vor. Es ist von einer erheblichen Dunkelziffer auszugehen. Bei Bevölkerungsstichproben ist das Problem der unerkannten Fälle deutlich geringer. In einer repräsentativen deutschen Bevölkerungsstichprobe vom April 2010 wurden 2504 Erwachsene retrospektiv nach Kindheitstraumen bis zum Alter von 18 Jahren befragt (mittleres Alter 50,6 Jahre, Spannweite 14 bis 90 Jahre). Zu fünf vorgegebenen Formen von Misshandlung und Vernachlässigung gaben die Befragten die Häufigkeit beziehungsweise den Schweregrad in vier Stufen an (Lebenszeitprävalenz).W. Häuser, G. Schmutzer, E. Brähler, H. Glaesmer: Maltreatment in childhood and adolescence: Results from a survey of a representative sample of the German population. In: Dt. Ärzteblatt International. 2011, 108, S. 287–294.

Form der Misshandlung leicht bis extrem % schwer/extrem % emotionale Misshandlung 14,9 1,6 körperliche Misshandlung 12,0 2,7 sexuelle Misshandlung 12,5 1,9 emotionale Vernachlässigung 49,3 6,5 körperliche Vernachlässigung 48,4 10,8 Tab. 1 Häufigkeiten von Kindheitstraumen in Abhängigkeit vom Schweregrad (mittlere Spalte alle Schweregrade, rechte Spalte nur Schweregrad schwer/extrem); Mehrfachnennungen möglich

Die verschiedenen Formen von Misshandlung und Vernachlässigung treten mit unterschiedlicher Häufigkeit auf. 1,9 % der Befragten waren schwerer sexueller Misshandlung ausgesetzt gewesen, 10,8 % schwerer körperlicher Vernachlässigung. Bei Berücksichtigung von Misshandlung und Vernachlässigung aller Schweregrade (das heißt bei weiter Definition) ergeben sich höhere Häufigkeiten, zum Beispiel sexuelle Misshandlung mit 12,5 %. Vernachlässigung kam drei- bis fünfmal häufiger vor als Misshandlung. Viele Befragte hatten mehrere Formen von Misshandlung und Vernachlässigung erlebt (Kumulation, Häufung). Zwei Formen schwerer Misshandlung beziehungsweise Vernachlässigung waren 3,3 % der Befragten ausgesetzt gewesen, drei bis fünf Formen 2,3 % der Befragten.

In einer früheren repräsentativen Erhebung der deutschsprachigen Bevölkerung im Alter von 16 bis 59 Jahren berichteten von den knapp 3300 Befragten 74,5 % mindestens ein Ereignis der Züchtigung vor dem Alter von 16 Jahren (zum Beispiel „Meine Eltern haben mir eine runtergehauen“). 10,6 % der Befragten berichteten mindestens ein Ereignis der körperlichen Misshandlung (zum Beispiel „Meine Eltern haben mich geprügelt, zusammengeschlagen“). Mindestens ein Ereignis sexuellen Missbrauchs mit Körperkontakt vor dem Alter von 16 Jahren hatten 8,6 % der Frauen erlebt und 2,8 % der Männer. Von diesen waren sexuellem Missbrauch mit Penetration ausgesetzt gewesen 3,3 % der Frauen und 0,9 % der Männer. „Der grössere Teil der Vorfälle mit Körperkontakt [besteht] aus sexuellen Berührungen ohne Penetration“.P. Wetzels: Gewalterfahrungen in der Kindheit. Sexueller Missbrauch, körperliche Misshandlung und deren langfristige Konsequenzen. Nomos, Baden-Baden 1997.

Die enorme Größenordnung der Problematik wird in folgender Modellrechnung deutlich: Bei der Bevölkerungszahl in Deutschland von ca. 80 Millionen und unter der hypothetischen Annahme, dass die Prävalenzen für Kindheitstraumen in der gesamten Bevölkerung gleich sind, wären bei einer Prävalenz von 1 % schätzungsweise 800.000 Menschen betroffen; bei 10 % wären es 8 Millionen Menschen.

In einer US-Bevölkerungsstichprobe von über 17.000 Personen wurden zehn Kategorien von Kindheitsbelastungs-Erfahrungen unter 18 Jahren retrospektiv erhoben; zusätzlich zu den oben genannten Kindheitstraumen wurden fünf Situationen familiärer Dysfunktion erfragt (The Adverse Childhood Experiences [ACE] Study; mittleres Alter 56 Jahre, Spannweite 19 bis 92 Jahre).V. J. Felitti, R. F. Anda, D. Nordenberg, D. F. Williamson, A. M. Spitz, V. Edwards, M. P. Koss, J. S. Marks: Relationship of Childhood Abuse and Household Dysfunction to Many of the Leading Causes of Death in Adults. The Adverse Childhood Experiences (ACE) Study. In: American Journal of Preventive Medicine. 1998; 14, S. 245–258.

Kindheitsbelastungs-Kategorie Prävalenz % emotionaler Missbrauch 10,6 körperliche Misshandlung 28,3 sexueller Missbrauch (körperliche Berührung) 20,7 emotionale Vernachlässigung 14,8 physische Vernachlässigung 9,9 Gewalttätigkeit gegenüber Mutter 12,7 Substanzmissbrauch von Haushaltsmitglied 26,9 psych. Erkrankung von Haushaltsmitglied 19,4 Trennung/Scheidung der Eltern 23,3 Haftstrafe von Haushaltsmitglied 4,7 Tab. 2 Häufigkeiten von belastenden Kindheits-Erfahrungen ACE; Mehrfachnennungen möglichCenters for Disease Control and Prevention. Prevalence of Individual Adverse Childhood Experiences. www.cdc.gov/ace/prevalence.htm

28,3 % der Befragten hatten körperliche Misshandlung erfahren, 26,9 % hatten erlebt, dass mindestens ein Mitglied im Haushalt Substanzmissbrauch (Alkohol- oder Drogenmissbrauch) betrieb. Bei sexuellem Missbrauch besteht ein erheblicher Unterschied zwischen Frauen und Männern (weiblich 24,7 %; männlich 16,0 %). Legt man sieben Belastungs-Kategorien zugrunde (siehe Tabelle 2 ohne emotionale und physische Vernachlässigung sowie ohne Trennung/Scheidung), so hat nur die Hälfte (49,5 %) der Befragten kein Kindheitstrauma erlitten; 24,9 % haben ein Trauma und 25,6 % haben zwei oder mehr Traumata erlitten. Die Kumulation von Kindheitstraumen ist mit einem Viertel sehr häufig.

In Stichproben von psychiatrischen und psychosomatischen Patienten liegen die Häufigkeiten von Kindheitstraumen deutlich höher. In einer retrospektiven Untersuchung von 407 erwachsenen psychosomatischen Patienten waren die drei am häufigsten genannten Kindheits-Belastungsfaktoren: emotional schlechte Beziehung zu den Eltern (67 %); chronische familiäre Disharmonie/mit Gewalt (59 %); berufliche Anspannung beider Eltern von klein auf (43 %).

Die aufgrund von Kumulation schwerwiegendsten Kindheitstraumen waren: häufig geschlagen/misshandelt (26 %); schwerer sexueller Missbrauch (9 %).

Bei diesen beiden Traumaformen gaben die Patienten im Durchschnitt jeweils noch fünf weitere Belastungsfaktoren an.U. T. Egle, J. Hardt, R. Nickel, B. Kappis, S. O. Hoffmann: Früher Stress und Langzeitfolgen für die Gesundheit – Wissenschaftlicher Erkenntnisstand und Forschungsdesiderate. In: Z Psychosomatische Medizin & Psychotherapie. 2002, 48, S. 411–434.

Die am häufigsten angewendete Erhebungsmethode der Kindheitstraumen ist die retrospektive Befragung von Erwachsenen mittels Fragebogen. Diese Methode ist insofern als valide (gültig) anzusehen, „dass Erinnerungen an traumatische Ereignisse vergleichsweise valide bezüglich der Frage, ob ein Ereignis stattgefunden hat oder nicht, erfasst werden können. […] Epidemiologische Untersuchungen tendieren zu einer Unterschätzung der realen Prävalenzen.“

Folgen der Trauma-Erfahrungen Kurzfristige Folgen von Kindheitstraumen sind gegebenenfalls körperliche Verletzungen sowie akute Belastungsreaktionen und psychoreaktive Symptome, vor allem akute Angstsymptome.L. Goldbeck: Kindesmisshandlung und Kinderschutz. In: F. Petermann (Hrsg.): Lehrbuch der Klinischen Kinderpsychologie. 7. Auflage. Hogrefe, Göttingen 2013, S. 661–699. Im Weiteren kann sich eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickeln. Bei anhaltendem Stress erfolgt langfristig eine erhöhte Kortisol-Ausschüttung. Es kommt zu Beeinträchtigungen der Hirnentwicklung und zu „biologischen Narben“, was sich in einer lebenslangen Dysfunktion des Stress-Verarbeitungssystems im Sinne einer erhöhten Vulnerabilität für körperliche wie psychosoziale Belastungssituationen niederschlagen kann.U. T. Egle, J. Hardt: Gesundheitliche Folgen von Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung in der Kindheit. In: M. Cierpka (Hrsg.): Frühe Kindheit 0 - 3. Springer, Berlin 2012, S. 103–114. Weiterhin kann es zu sozialen, emotionalen und kognitiven Beeinträchtigungen kommen.

In der von John Bowlby begründeten Bindungstheorie bedeuten belastende und traumatisierende Verhaltensweisen von Eltern, dass sie sich gegenüber dem Kind nicht feinfühlig verhalten. Fehlende Feinfühligkeit verhindert, dass das Kind eine sichere Bindung entwickeln kann. Der in früher Kindheit erworbene Bindungsstil beziehungsweise eine Bindungsstörung können den gesamten Lebenslauf beeinflussen.K. E. Grossmann, K. Grossmann: Die Entwicklung psychischer Sicherheit in Bindungen – Ergebnisse und Folgerungen für die Therapie. In: Z Psychosomatische Medizin & Psychotherapie. 2007, 53, S. 9–28.

Risiko-Verhaltensweisen Die ACE-Studie geht von der Annahme aus, dass Opfer von Kindheitstraumen ab Kindheit/Jugendalter vermehrt gesundheitliche Risiko-Verhaltensweisen, zum Beispiel übermäßiges Essen, zeigen, die dann zu vermehrten körperlichen Gesundheitsstörungen oder/und psychischen Erkrankungen und zu einer verkürzten Lebensdauer führen können. Die ausgewählten zehn Risiko-Verhaltensweisen im Erwachsenenalter gehören in den USA zu den führenden Ursachen von Morbidität und Mortalität. In Tabelle 3 werden die Wahrscheinlichkeiten der Risiko-Verhaltensweisen aufgeführt in Abhängigkeit vom ACE-Wert, d. i. die Anzahl der Kindheitsbelastungs-Kategorien, in denen der/die Befragte jeweils mindestens ein Trauma-Ereignis erlitten hatte. Der ACE-Wert bildet in etwa die Kumulation der Trauma-Ereignisse ab.