Die Luftangriffe auf Wiener Neustadt fügten der Stadt zwischen 1943 und 1945 derart schwere Schäden zu, dass sie neben Tokio, Hiroshima, Nagasaki, Dresden, Düren, Paderborn und Coventry zu jenen Städten gehörte, welche die größten Zerstörungen im Luftkrieg während des Zweiten Weltkrieges hinnehmen mussten. Nach zwei Jahren Bombenkrieg wiesen zu Kriegsende von insgesamt 4178 Objekten nur ganze 18 Objekte keinerlei Schäden auf. Durch die Bombenabwürfe starben etwa 900 Menschen, rund 400 amerikanische Besatzungsmitglieder sowie mehr als 80 deutsche Piloten verloren bei den Luftkämpfen ihr Leben.

Trotz der großen Zerstörungen muss festgehalten werden, dass Wiener Neustadt nicht das Opfer einer Morale-Bombing-Strategie wurde, sondern einfach den damals begrenzten Möglichkeiten für Präzisionsangriffe Tribut zollen musste.

Bedeutung von Wiener Neustadt als Ziel der alliierten Bomberflotten mini|Dieser Nachbau einer Bf 109 mit Originalteilen aus den Wiener Neustädter Flugzeugwerken steht heute im Flugmuseum Aviaticum. mini|Für den Nachbau wurden auch Teile einer abgestürzten Maschine des Jagdgeschwaders 54 verwendet. mini|Schlepptender vom Typ 2'2'T30 wurden in den Raxwerken produziert. Die Bedeutung von Wiener Neustadt als Luftziel begründete sich einerseits durch Industrieanlagen, welche in der deutschen Luftrüstung eine wichtige Rolle spielten, und andererseits durch die Funktion als größter Feldflughafen der deutschen Luftwaffe und der daraus resultierenden strategischen Rolle für den Krieg in Südosteuropa.

Bezüglich Rüstung sind an erster Stelle die Wiener Neustädter Flugzeugwerke zu nennen, in denen das Standardjagdflugzeug der Luftwaffe, die Messerschmitt Bf 109, in großen Mengen produziert wurde. So kamen von 2673 im Jahre 1942 produzierten Bf 109-Jägern 1400, also mehr als 50 Prozent, aus Wiener Neustadt.Markus Reisner: Bomben auf Wiener Neustadt – Die Zerstörung eines der wichtigsten Rüstungszentren des Deutschen Reiches. 3., überarbeitete Auflage, Kral-Verlag 2014.

Ein weiterer wichtiger Industriebetrieb in der Stadt waren die Raxwerke, die sich im Laufe des Krieges zur größten Schlepptender-Fabrik Deutschlands entwickelten. Die Einheitslokomotiven der Baureihen 42 und 52 fuhren größtenteils mit den Tendern aus Wiener Neustadt und bildeten die logistische Grundlage für die Truppenversorgung der deutschen Wehrmacht. Von den Alliierten unbemerkt wurden außerdem in den Produktionsanlagen der Werke ab dem Frühsommer des Jahres 1943 Teile des Aggregat 4-Programmes erzeugt.

In und um Wiener Neustadt gab es außerdem mehrere große Betriebe, welche Munition und Artilleriegeschoße herstellten. Trotz dieser für die deutsche Kriegsführung wichtigen Rüstungskomponenten standen derartige Betriebe selten bis gar nicht auf der Prioritätenliste der amerikanischen Bomberverbände.

Ein wichtiges strategisches Ziel stellte hingegen im weiteren Verlauf des Krieges der Wiener Neustädter Luftpark dar, der sich aus den Fliegerhorsten Wiener Neustadt West und Wiener Neustadt Ost, dem früheren Industrieflugplatz der Wiener Neustädter Flugzeugwerke, sowie einer Luftwerft zusammensetzte. Beide dienten als Drehscheibe für den Luftkrieg im Süden und Südosten von Europa und beherbergten immer wieder größere Kampfverbände der Luftwaffe. So war ein Großteil der Luftflotte 4 am 6. und 7. April 1941 von Wiener Neustadt aus aufgebrochen, um Belgrad aus der Luft zu zerstören. Am Beginn des Balkanfeldzuges fand auch der erste Luftangriff statt, der von einem einzelnen Bristol-Blenheim-Bomber der jugoslawischen Luftwaffe geflogen wurde.Luftangriffe der jugoslawischen Luftwaffe am 6. und 7. April 1941, Webseite regiowiki.at, abgerufen am 29. Jänner 2015. Das feindliche Flugzeug wurde dabei von den Flak-Kräften des Wiener Neustädter Flughafens derart beschädigt, dass es bei Markt Allhau notlanden musste.Notlandung einer Bristol Blenheim bei Markt Allhau im März 1941, Webseite regiowiki.at, abgerufen am 29. Jänner 2015.

Die Luftangriffe auf Wiener Neustadt Im Luftkrieg des Zweiten Weltkriegs galt die „Ostmark“ und damit auch Wiener Neustadt bis Herbst 1943 als „Reichsluftschutzkeller“, denn während Gebiete im Westen und Norden des Deutschen Reiches bereits seit Ende 1942 systematisch bombardiert wurden, lagen die Ziele in Ostösterreich außerhalb der Reichweite amerikanischer und englischer Bomber. Nach dem gescheiterten Tunesienfeldzug des Deutschen Afrikakorps (DAK) änderte sich mit der Kapitulation des DAK und seiner Verbündeten am 13. Mai 1943 die strategische Lage jedoch schlagartig. Die alliierten Bomber-Geschwader bedrohten nun von ihren Basen in Tunesien und Libyen die Südflanke des Deutschen Reiches. Die Bedrohung stieg noch weiter an, als nach ihrer Landung auf dem italienischen Festland die Alliierten rund um die Stadt Foggia ab Ende September 1943 große Flugfelder (den Foggia Airfield Complex) für ihre Bomberflotte in Betrieb nahmen. Im Oktober bündelten sie ihre Kräfte in der 15th Air Force, die nun bis Kriegsende für den strategischen Luftkrieg im Süden und Osten von Europa verantwortlich zeichnete.

Erster Angriff auf die Wiener Neustädter Flugzeugwerke am 13. August 1943 Die Zerschlagung der deutschen Luftrüstungsindustrie stand von Mitte 1943 bis Mitte 1944 an erster Stelle der alliierten Prioritätenliste. Für die Wiener Neustädter Flugzeugwerke bedeutete dies, dass sie im Rahmen der Operation Juggler am 13. August 1943 das Ziel für den Angriff von ursprünglich 101 Consolidated B-24-Bombern bildeten. Viele dieser Bomber waren aber nur notdürftig repariert worden, nachdem sie wenige Tage zuvor bei Angriffen auf die Ölförderanlagen von Ploiești schwere Beschädigungen davongetragen hatten. Insgesamt gelang es nur 65 Maschinen bis zum Ziel vorzudringen und 120 Tonnen Sprengbomben auf das Werk zu werfen. Die Amerikaner trafen dabei aber auf eine völlig überraschte Luftabwehr, welche sich im Reichluftschutzkeller zu sicher gefühlt hatte. Der Angriff kostete 134 Menschen auf dem Boden, darunter 26 französischen Zwangsarbeitern, das Leben. 128 wurden schwer, 806 leicht verwundet, 1500 obdachlos. Die alliierten Bomber-Geschwader verloren auf dem Rückweg drei Maschinen, wobei zehn Besatzungsmitglieder in Gefangenschaft gerieten. Eines der wenigen deutschen Jagdflugzeuge, welche versucht hatten, den Angriff abzuwehren, stürzte bei Szombathely ab, wobei der Pilot überlebte. Die Bomben hatten 30 fabriksneue Bf 109 auf dem Boden zerstört, weitere 81 mussten vor der Auslieferung an die Luftwaffe repariert werden. Insgesamt sank die Monatsproduktion der Wiener Neustädter Flugzeugwerke von 280 auf 180 Maschinen.

Zweiter Angriff auf die Wiener Neustädter Flugzeugwerke am 1. Oktober 1943 mini|Diese B-24 stürzte am 1. Oktober 1943 bei Naintsch ab, nur ein Besatzungsmitglied kam dabei mit dem Leben davon.Absturz einer B-17 bei Naintsch am 1. Oktober 1943, Webseite regiowiki.at, abgerufen am 30. Jänner 2015. Im Zuge der alliierten Luftoffensive gegen die deutsche Luftrüstung standen am 1. Oktober wieder Flugzeugwerke im Süden Deutschlands auf der Zielliste der schweren amerikanischen Bomber-Gruppen. Während der Angriff auf die Messerschmitt-Werke in Augsburg witterungsbedingt abgebrochen werden musste und stattdessen als Ersatzziel Feldkirch bombardiert wurdeLuftangriff auf Feldkirch am 1. Oktober 1943, Webseite regiowiki.at, abgerufen am 29. Jänner 1944., verlief der Angriff auf die Wiener Neustädter Flugzeugwerke wie geplant.Luftangriff auf Wiener Neustadt am 1. Oktober 1943, Webseite regiowiki.at, abgerufen am 29. Jänner 1944. Insgesamt gelang es 90 B-24-Bombern 182 Tonnen Sprengbomben auf Wiener Neustadt abzuwerfen, wobei die Flugzeugwerke aber auch die Raxwerke und Teile der Stadt aufgrund des ungenauen amerikanischen Zielverfahrens getroffen wurden. Anders als beim ersten Angriff war die deutsche Seite aber dieses Mal vorbereitet. Die Flak-Kräfte waren beträchtlich verstärkt worden und auch die Luftwaffe hatte mit der I. Gruppe des Jagdgeschwaders 27 einen kampferprobten Verband in die Ostmark verlegt, der auch prompt den sich schon auf dem Rückweg befindlichen Bombern empfindliche Verluste zufügte.Verluste der 44. Bomber-Gruppe beim Luftangriff auf Wiener Neustadt am 1. Oktober 1943, Webseite regiowiki.at, abgerufen am 29. Jänner 1944. Auf dem Boden gab es 52 Tote in den Industrieanlagen und 51 weitere in Wiener Neustadt und Umgebung. Die amerikanischen Angreifer verloren 56 Gefallene sowie 49 weitere Besatzungsmitglieder, die in Kriegsgefangenschaft gerieten. Die deutschen Jagdflieger büßten vier Flugzeuge ein, wobei ein Pilot tödlich bei einer Bruchlandung verunglückte. In den Flugzeugwerken führte der Angriff zu einem 40-prozentigen Produktionsausfall.

Gescheiterter Angriff auf die Wiener Neustädter Flugzeugwerke am 24. Oktober 1943 mini|Die B-17 war neben der B-24 der zweite Bombertyp den die Bomber-Gruppen der 15th Air Force flogen. Am 24. Oktober wollte die amerikanische Luftwaffe abermals die Wiener Neustädter Flugzeugwerke angreifen. 175 Bomber sollten dazu eingesetzt werden, doch aufgrund des schlechten Wetters mussten zahlreiche B-17 und B-24 schon vorzeitig umkehren. Die restlichen fanden das Primärziel nicht bzw. bombardierten zum Teil unwissentlich falsche Ziele. So blieb zwar Wiener Neustadt verschont, aber in Neunkirchen und Ebenfurth verloren insgesamt 29 Menschen ihr Leben. Das Bemerkenswerte an diesem Angriff war aber, dass bei diesem Angriff zum ersten Mal die Bomber bis zum Plattensee von eigenen Begleitjägern beschützt wurden.

Dritter Angriff auf die Wiener Neustädter Flugzeugwerke am 2. November 1943 Nach dem am 24. Oktober gescheiterten Angriff erfolgte die nächste Attacke auf die Wiener Neustädter Flugzeugwerke am 2. November. Die amerikanischen Bomber führten diese zum ersten Mal als Teil der 15th Air Force durch, die am Vortag unter dem Kommando von James Harold Doolittle gegründet worden war. Von 139 gestarteten B-17 und B-24 erreichten 112 den Raum von Wiener Neustadt. Während auch bei diesem Angriff Wohnviertel und Fabriken, die nicht das eigentliche Ziel waren, getroffen wurden, gab es im Flugzeugwerk eine Reihe von Treffern, welche die Flugzeugproduktion ins Mark trafen. So wurden neben wichtigen Montageeinrichtungen auch 115 vorgefertigte und 5 fertige Bf 109 sowie 80 Motoren total zerstört. Bis zum Dezember ging die monatliche Fertigung von 213 auf 37 Maschinen zurück, sodass sich Rüstungsminister Albert Speer gezwungen sah, die Dezentralisierung der Wiener Neustädter Flugzeugproduktion anzuordnen.

Der Angriff forderte mit 102 Toten auch wieder hohe Menschenverluste. Darunter befanden sich auch Angehörige des Fliegerhorstes, auf dem es ebenfalls schwere Zerstörungen gab. Die Angreifer verloren elf Maschinen, wobei 69 Besatzungsmitglieder den Tod fanden und 40 in deutsche Gefangenschaft gerieten. Für die deutsche Führung war dieses Ergebnis trotzdem nicht zufriedenstellend, weil für die Abwehr des Angriffes etwa 100 Jäger verschiedener Jagdgeschwader (3, 27, 27, 51 und 53) zur Verfügung gestanden hatten. Die Luftwaffe musste außerdem den Verlust von zwölf Maschinen und den Tod dreier Piloten beklagen. Reichsmarschall Hermann Göring war über die Leistung seiner Jagdflieger derart erbost, dass er die Kommandeure der beteiligten Jagdgruppen nach Salzburg zum Rapport zitierte.

Gescheiterter Angriff auf die Wiener Neustädter Flugzeugfabrik am 7. Jänner 1944 mini|Die 82nd Fighter Group, die mit der P-38 Lightning ausgerüstet war, erzielte die meisten Abschüsse aller fünf Jagd-Gruppen der 15th Air Force.