Die Blätterröhrlinge (Phylloporus) sind eine Pilzgattung aus der Familie der Steinpilzverwandten (Boletaceae). Dabei handelt es sich um eine Gruppe von Röhrlingen, deren Fruchtkörper auf der Hutunterseite keine Röhrenschicht („Schwamm“), sondern mehr oder weniger stark ausgeprägte Lamellen („Blätter“) aufweisen. Die Typusart ist das Europäische Goldblatt (Phylloporus pelletieri). Diese einzige in Europa vorkommende Art wurde von europäischen Autoren lange Zeit zu den Filzröhrlingen (Xerocomus) gezählt. Der Verbreitungsschwerpunkt der Blätterröhrlinge liegt auf dem amerikanischen und afrikanischen Kontinent, auch in Asien und Australien kommen Arten vor. Sie leben mit verschiedenen Bäumen in Symbiose.

Merkmale Makroskopische Merkmale Die Fruchtkörper besitzen eine trockene, matte und filzige Hutoberfläche und auf der Hutunterseite eine lamellenartige Struktur (Hymenophor). Die Lamellen sind an zahlreichen Stellen querverbunden (anastomisiert) und laufen am Stiel schwach bis normal herab. Das Sporenpulver ist braun mit einem oliven Farbton. Die Stieloberfläche ist teils mit sehr kleinen Körnchen bedeckt. Das kompakte Stielfleisch (Trama) fasert in Längsrichtung auf. Es gibt weder ein Teilvelum noch einen Ring (Annulus).

Mikroskopische Merkmale mini|Röhrlingsartige (boletoide) Sporen von Phylloporus boletinoides im Lichtmikroskop Die Hutdeckschicht ist ein Trichoderm, dessen Pilzfäden (Hyphen) manchmal im Alter teilweise kollabieren. Die Lamellentrama ist phylloporoid mit Randschichten aus nicht-gelatinisierten Hyphen, die sich gegenseitig berühren. Die röhrlingsartig geformten (boletoiden) Sporen erscheinen in der Vorderansicht spindelig-elliptisch, im Profil ungleich. Das Europäische Goldblatt, die einzige europäische Art dieser Gattung, besitzt eine bazillenartige („bacillate“) Sporenoberfläche. Ein großer Teil des Stiels ist mit einer schrittweise fragmentierenden Fruchtschicht (Caulohymenium) aus spärlich verstreuten sporentragenden Ständern (Basidien) bekleidet. Jene Bereiche sehen mit bloßem Auge aus wie sehr kleine Körnchen. Die Oberfläche der Stielbasis ist hingegen steril und haarig-filzig mit wirren Fäden bekleidet (Tomentum). Bei P. pelletieri tritt wahrscheinlich keine ausgeprägte seitliche Stielschicht auf. Im gesamten Fruchtkörper konnten keine Schnallenverbindungen gefunden werden.

Ökologie Die Blätterröhrlinge bilden mit verschiedenen Bäumen Ektomykorrhiza (siehe Tabelle im Abschnitt „Arten“).

Verbreitung In Europa ist nur das Europäische Goldblatt (Phylloporus pelletieri) heimisch. Den Schwerpunkt haben die Blätterröhrlinge auf dem amerikanischen und afrikanischen Kontinent.

Arten Bis auf das Europäische Goldblatt (Phylloporus pelletieri) stammen die nachstehend gelisteten Taxa aus Afrika, Amerika, Asien und Australien.

Blätterröhrlinge (Phylloporus) weltweit Wissenschaftlicher Name Autorenzitat Verbreitung Symbiosepartner Phylloporus alborufus Costa Rica Eichen Phylloporus arenicola USA Kiefern Phylloporus aurantiacus Costa Rica Eichen Phylloporus australiensis Queensland Phylloporus bellus Costa Rica, Mexiko Eichen, Scheinkastanien Phylloporus bogoriensis Singapur Zweiflügelfruchtbäume Phylloporus boletinoides Belize, USA Eichen, Kiefern Phylloporus caballeroi Argentinien, Bolivien, Costa Rica, Panama Anden-Erle, Alnus acuminata Phylloporus centroamericanus Costa Rica, Mexiko Eichen Phylloporus clelandii Westaustralien Roter Eukalyptus Phylloporus colligatus Guyana Dicymbe Phylloporus curvatus Thailand Scheinkastanien Phylloporus cyanescens Australien, Malaysia Eichen, Scheinkastanien Phylloporus depressus Zaire Johannisbrotgewächse Phylloporus dimorphus Thailand Scheinkastanien Phylloporus fibulatus Kolumbien Anden-Eiche Phylloporus flavidulus Borneo Buchengewächse Phylloporus flavipes Brasilien unbekannt Phylloporus foliiporus Japan, USA Eichen, Kiefern Phylloporus gomphidioides Burundi Johannisbrotgewächse Phylloporus guanacastensis Costa Rica unbekannt Phylloporus guzmanii Mexiko Eichen, Kiefern Phylloporus gymnocystis Brasilien Hülsenfrüchtler Phylloporus hyperion Australien Kasuarinen Phylloporus incarnatus Singapur Buchengewächse Phylloporus infuscatus Thailand Scheinkastanien Phylloporus leucomycelinus Australien (?), USA Buchen, Eichen, Eukalypten Phylloporus luteobasalis Kongo Johannisbrotgewächse Phylloporus luxiensis China unbekannt Phylloporus manausensis Brasilien Neea, Wolfsmilchgewächse Phylloporus nigrescens Zaire Johannisbrotgewächse Phylloporus novae-zelandiae Neuseeland Scheinbuchen Phylloporus ochraceobrunnescens Malaysia Buchengewächse Phylloporus orientalis Australien, Borneo, Singapur Buchengewächse, Myrtengewächse Phylloporus orientalis var. brevisporus Singapur Akazien, Allocasuarina (?), Eukalypten, Kasuarinen Phylloporus parvisporus Singapur Buchengewächse Phylloporus pelletieri Europa Buchen, Fichten, Kastanien, Kiefern, Lärchen Phylloporus phaeosporus Borneo Buchengewächse Phylloporus phaeoxanthus Costa Rica, Kolumbien, Mexiko Eichen Phylloporus phaeoxanthus var. simplex Costa Rica Eichen Phylloporus pratensis Brasilien unbekannt Phylloporus pseudopaxillus Kenia Johannisbrotgewächse Phylloporus pumilus Indonesien Zweiflügelfruchtbäume Phylloporus purpurellus Costa Rica, Kolumbien Eichen Phylloporus purpureus Zaire Johannisbrotgewächse Phylloporus purpureus var. ambiguus Burundi, Zaire Johannisbrotgewächse Phylloporus rhodophaeus Zaire Johannisbrotgewächse Phylloporus rhodoxanthus USA Buchen, Eichen Phylloporus rubiginosus Thailand Scheinkastanien, Zweiflügelfruchtbäume Phylloporus rubriceps Borneo Buchengewächse Phylloporus rufescens Singapur Buchengewächse Phylloporus scabripes Belize Kiefern, Eichen Phylloporus scabrosus China unbekannt Phylloporus squamosus Malaysia Eichen Phylloporus stenosporus Malaysia Eichen Phylloporus sulcatus Indochina unbekannt Phylloporus testaceus Zaire Johannisbrotgewächse Phylloporus testaceus var. bisporus Zaire Johannisbrotgewächse Phylloporus tubipes Kongo Johannisbrotgewächse Phylloporus tunicatus Malaysia Buchengewächse Phylloporus veluticeps Australien unbekannt Phylloporus viridis Brasilien unbekannt

Verwandtschaft und Systematik mini|Briefmarke aus Moldawien Die Blätterröhrlinge stellen in der Familie der Steinpilzverwandten (Boletaceae) eine Besonderheit dar, weil ihre Fruchtkörper eher Lamellen als ein röhrenartiges Hymenophor ausbilden. Andere Fruchtkörpermerkmale, die Sporen-Morphologie sowie die chemischen und molekulargenetischen Daten stützen jedoch die Zugehörigkeit der Gattung zu den Steinpilzartigen. Von einigen Autoren wie Ladurner & Simonini (2003) werden die Blätterröhrlinge in die Gattung der Filzröhrlinge (Xerocomus) eingegliedert. Binders (1999) molekularen Untersuchungsergebnissen zufolge ist Phylloporus eine Schwestergruppe der Filzröhrlinge – jene Gattung umfasst die Arten um die Ziegenlippe (Xerocomus subtomentosus). Maria-Alice Neves (2007) sieht in Phylloporus zudem eine monophyletische Gruppe, die von den Filzröhrlingen abzutrennen ist.

Trotz mehrerer breit angelegter phylogenetischer Studien der Boletaceae ist die verwandtschaftliche Position der Blätterröhrlinge innerhalb der Familie unklar. Früher umfasste die Gattung lediglich eine europäische und eine amerikanische Art. Obwohl die meisten Gattungsvertreter in tropischen Gebieten vorkommen, wurden diese in den Studien vor 2007 nicht berücksichtigt. Neves stellt in ihrer Dissertation 26 Arten aus verschiedenen Erdteilen vor, darunter 19 tropische Taxa. Insgesamt beschrieb sie 7 Arten neu, 2 Arten erhielten in einer späteren Arbeit (2010) einen Namen. Darüber hinaus klärte die Mykologin die Nomenklatur um den Artkomplex von Phylloporus rhodoxanthus auf.

Anmerkung Der Begriff „bacillate“ („bacillées“ auf Französisch) wurde von Heinemann und seinen Mitarbeitern für das feine, aber sehr charakteristische Sporenornament geprägt, das im Rasterelektronenmikroskop zu erkennen ist. Die Sporenoberfläche sieht aus, als wäre sie mit stabförmigen Bakterien (Bazillen) bedeckt. Diese bacillate Ornamentik ist mit ca. 10.000–15.000-facher Vergrößerung auch bei der Ziegenlippe (Xerocomus subtomentosus) und mit 30.000-facher oder höherer Vergrößerung beim Braunen Filzröhrling (X. ferrugineus) nachweisbar.

Quellen Literatur

Einzelnachweise

Weblinks

Blatterrohrlinge