Als Putinismus () bezeichnen verschiedene Autoren das politische System und die ideologische Untermauerung der Herrschaft von Präsident Wladimir Putin in Russland seit dem Jahr 2000. Alternative Bezeichnungen sind Putin-Regime, System Putin oder Moskauer Regime.

Der Putinismus war seit Beginn seines Auftretens bedeutenden innen-, außen- und wirtschaftspolitischen Entwicklungen unterworfen. Der anfängliche klassische Putinismus (2000–2008) deckt die ersten zwei Amtszeiten Putins als Präsident ab und wies noch bestimmte Elemente liberaler Politik auf. Darauf folgte die ideologisch undefinierte Tandem-Phase (2008–2012), also die Doppelherrschaft Putins mit Dmitri Medwedew. Die anschließende und bis heute fortdauernde Phase wird als entwickelter Putinismus bezeichnet, die von autoritärem Konservatismus, Militarismus und imperialem Nationalismus geprägt ist.

mini|Wladimir Putin bei seiner Rede nach der russischen Annexion der Krim am 18. März 2014

Spätestens seit dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 wird der Putinismus von einigen Historikern und Politologen auch als faschistisch bezeichnet. Stimmen aus der vergleichenden Faschismusforschung lehnen eine derartige Einschätzung bisher ab, da das Putin-Regime zwar ultranationalistisch, im Gegensatz zum Faschismus jedoch reaktionär und nicht revolutionär ausgerichtet sei, und vergleichen Putins Russland stattdessen mit imperialistischen Autokratien wie dem Russischen Kaiserreich unter Nikolaus I. oder dem Japanischen Kaiserreich während des Zweiten Weltkriegs. Im Kontext des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine seit 2022 prägten russische Dissidenten das Kofferwort Raschismus.

Aufkommen des Begriffs Als der russische Präsident Boris Jelzin am 31. Dezember 1999 zurücktrat, übernahm der damalige Ministerpräsident Putin, den Jelzin zu seinem Nachfolger bestimmt hatte, dessen Amtsgeschäfte zunächst kommissarisch. Der Begriff Putinismus wurde kurz danach geprägt. Als ersterWaleri Fjodorow, Julija Baskakowa et al.: ""Путинизм" как социальный феномен и его ракурсы" [= „Putinismus“ als soziales Phänomen und seine Aspekte]. In: Waleri Fjodorow (Hg.): Выборы на фоне Крыма: электоральный цикл 2016-2018 гг. и перспективы политического транзита [= Wahlen vor dem Hintergrund der Krim: Der Wahlzyklus 2016–2018 und Perspektiven des politischen Übergangs]. ВЦИОМ, Moskau 2018, ISBN 978-5-04-152324-4, S. 587–602. verwendete ihn der russische Mathematiker und Publizist Andrei Piontkowski, der später mehrere Bücher über Putin geschrieben hat. Am 11. Januar 2000 erschien in der Sowetskaja Rossija ein Artikel von Piontkowski, der am selben Tag auch auf der Website der Partei Jabloko zu lesen war. In der Überschrift dieses Artikels definierte Piontkowski den von ihm so genannten Putinismus als „das höchste und letzte Stadium des Räuber-Kapitalismus in Russland“. Er erklärte, dies sei das Stadium, in dem das Bürgertum „die Flagge der demokratischen Freiheiten über Bord wirft“. Weitere Merkmale des Putinismus seien die „Konsolidierung“ der Nation durch Hass gegen ethnische Minderheiten, die Bekämpfung der Redefreiheit, „Gehirnwäsche“, die Selbstisolation von der Außenwelt und weiterer wirtschaftlicher Niedergang. Im selben Artikel verglich Piontkowski Jelzin mit Hindenburg, der Hitler zur Machtergreifung verholfen hatte.Andrei Piontkowski: Путинизм как высшая и заключительная стадия бандитского капитализма в России (= Putinismus als das höchste und letzte Stadium des Räuber-Kapitalismus in Russland). Sowetskaja Rossija, 11. Januar 2000.

Der französische Philosoph Michel Eltchaninoff bezeichnet die ideologische Untermauerung des russischen Putin-Regimes in seinem 2015 erschienenen Buch Dans la tête de Vladimir Poutine (2016 und 2022 auf Deutsch unter dem Titel In Putins Kopf) ebenfalls als Putinismus.Michel Eltchaninoff: In Putins Kopf. Logik und Willkür eines Autokraten. Aktualisierte Neuausgabe, Stuttgart 2022 , S. 13, 81, 124 u. 133.

Phasen Der Osteuropaexperte Richard Sakwa unterschied 2013 im als Putinismus bezeichneten politischen System Russlands vier Phasen, wobei er für die ersten beiden Phasen zwischen den Jahren 2000 und 2008 die Bezeichnung klassischer Putinismus verwendet. In dieser Zeit sei die historische Entwicklung des Regimes noch offen gewesen. Als dritte Phase des Putinismus nennt Sakwa die „Tandem-Regierung“, also die Doppelherrschaft während der Präsidentschaft Dmitri Medwedews mit Putin als Ministerpräsidenten von 2008 bis 2012. Für die bisher letzte Phase seit 2012 verwendet Sakwa den Begriff „entwickelter Putinismus“. Sakwa betont die Kontinuität der Entwicklung, die schon mit Boris Jelzin 1991 begann und von Anfang an bei der Steuerung der politischen Prozesse bestimmte autoritäre Elemente aufwies. „Beide (Jelzin und Putin) haben versucht, die konkurrierenden Ansprüche zu steuern, nämlich den Drang nach politischer Partizipation und sozialer Sicherung einerseits, und die Fragmentierung des postsowjetischen Eurasiens sowie die neuen sicherheitspolitischen Herausforderungen auf internationaler Ebene andererseits.“ Wahlen stellten seit 1991 „einen sekundären Vorgang zur Legitimierung des Status quo dar“.

In seiner entwickelten Form wies der Putinismus nach Sakwa „neue Methoden des politischen Managements“ auf: die Strategie selektiven Zwangs gegen Führungspersönlichkeiten der Opposition wie Alexei Nawalny, die Strategie der Beschränkung etwa des Demonstrationsrechts und des Aktienbesitzes im Ausland. In der Strategie der Kooptation sei die Allrussische Volksfront wichtigster „Kooptierungsmechanismus“. In der Strategie des Überzeugens seien ideologische Initiativen unternommen worden, „unter anderem durch eine betont antiwestliche Haltung, eine engere Verbindung zur orthodoxen Kirche und das Eintreten für konservative kulturelle und Familienwerte“. Sakwa diagnostiziert, diese Phase sei von Stagnation, Unterdrückung des Pluralismus und Korruption gekennzeichnet. Alternative sei ein „Putinismus ohne Putin“ als fünfte Phase durch anhaltenden „Druck demokratischer Bewegungen, begleitet von einer Wiederbelebung des Verfassungsstaates“ oder „Revolution und Kollaps“. Zu Beginn glaubten Liberale an Fortschritt durch Putin. Über die Jahre wurden die konservativen Bevölkerungsschichten im peri-urbanen und ländlichen Raum zu seinen Unterstützern.

Auch Michel Eltchaninoff (2022) macht im Putinismus verschiedene Phasen aus. So hätten Putins Ansichten ab 2013 eine „konservative Wende“ genommen, und seit 2014 sei Putin „zum Imperialisten“ geworden.Michel Eltchaninoff: In Putins Kopf. Logik und Willkür eines Autokraten. Aktualisierte Neuausgabe, Stuttgart 2022 , S. 12 f.

Der Slawist Riccardo Nicolosi weist auf einen hinzugetretenen apokalyptischen Unterton hin, der den späten Putinismus charakterisiere: Russland werde propagandistisch als Katechon gesehen, als Wahrer traditioneller Werte und Bannerträger einer multipolaren Ordnung, als Sitz einer eigenen russischen Zivilisation, die sich gegen den Westen in einem messianischen Endkampf behaupten müsse. Ein Ende dieses Konfliktes durch einen Frieden in der Ukraine sei sachlogisch in dieser Vorstellung gar nicht enthalten.

Merkmale Charakterisierungen Samuel P. Huntington sah 2002 Putins Verhältnis zum Westen als wesentliches Merkmal des Putinismus. Während Jelzin sich mit dem Westen ideologisch und kulturell identifiziert habe, sei Putin bloß ein Pragmatiker: „Wenn es ihm passt, kooperiert er mit den USA, mit dem Westen“; er könne aber auch genau das Gegenteil tun.Die blutigen Grenzen des Islam. In: Die Zeit, Nr. 37/2002.

Der deutsche Politikwissenschaftler Manfred Sapper beschrieb in einem Rückblick auf das Jahr 2012 den Putinismus anhand von vier Unterschieden zur realsozialistischen Diktatur in der Sowjetunion: An die Stelle der KPdSU sei „eine Vielzahl von Klans, Seilschaften und Netzwerken“ getreten, „die ihre materiellen Interessen befriedigen, indem sie ökonomisch relevante Ressourcen wie die exportfähigen Rohstoffbranchen kontrollieren“ und sich aus den Erlösen bereichern. Es gebe keine messianische Ideologie mehr. Zwar werde keine „Massengewalt“ angewendet, aber Willkür und Repression seien an der Tagesordnung. Und: Die Grenzen seien offen – man könne das „System Putin“ verlassen.Manfred Sapper: . Brockhaus.

Für Markus Wehner beruht der Machterhalt der „modernen Diktatur“ in Russland vor allem auf Propaganda (und nicht wie früher auf Gewalt).Markus Wehner: Putins Kalter Krieg: Wie Russland den Westen vor sich hertreibt. Verlag Knaur eBook, 2016, ISBN 978-3-426-43835-0, Kapitel 5: Russlands Informationskrieg. Die Propaganda der Russischen Föderation setzt auf Nationalismus und die traditionellen Symbole Militär und orthodoxes Christentum und brandmarkt die urbanen, jungen Liberalen als fünfte Kolonne des feindlichen Auslands.Paul Baines, Nicholas O’Shaughnessy, Nancy Snow (Hrsg.): The SAGE Handbook of Propaganda Verlag SAGE, 2019, ISBN 978-1-5264-8625-7, S. 493.

Marcel H. Van Herpen, Direktor der Cicero Foundation, beschrieb im Jahr 2013 Übereinstimmungen des Putinismus mit Merkmalen des Bonapartismus, des italienischen Faschismus und des Berlusconismus.Van Herpen, 2013, S. 203. Mit dem Regierungssystem Napoleons III. sah er insofern Gemeinsamkeiten, als auch der Bonapartismus durch einen allgegenwärtigen Geheimdienst, Zensur der Medien, ein formelles Mehrparteiensystem mit schwacher Stellung des Parlaments und ein Streben nach Vergrößerung des Territoriums sowie militärische Abenteuer gekennzeichnet gewesen sei. Im Putinismus sei jedoch die physische Repression durch Steuerung der öffentlichen Meinung über die Medien und Wahlmanipulationen ersetzt worden.Van Herpen, 2013, S. 7 f.

Wjatscheslaw Wolodin von der Partei Einiges Russland sagte im Oktober 2014 zuspitzend: „Wenn es Putin gibt, dann gibt es Russland. Wenn es Putin nicht gibt, gibt es auch Russland nicht.“

Alan Posener von der Welt schrieb im Zusammenhang mit der Diskriminierung von Minderheiten in Russland: „Der Putinismus lebt davon, außen- und innenpolitische Feinde zu schaffen und sie propagandawirksam niederzuringen.“

Walter Laqueur prognostizierte schon früh nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, dass in Russland keine (westliche) Demokratie entstehen würde. Er wunderte sich nur über die Geschwindigkeit des Wandels des politischen Systems und seiner Ideologie, „vom Kommunismus zum Staatskapitalismus, vom Internationalismus zum Nationalismus und dieser getragen von einem bedeutenden Einfluss der orthodoxen Kirche“. Russland sei 2015 wieder eine Diktatur, „autoritär, aber nicht faschistisch“. Allerdings verfüge dieses autoritäre System mit seiner Ideologie über ein Sendungsbewusstsein, „eine Bemühung, Russlands Sendung weiter zu führen“, wobei diese Sendung für Laqueur „abgesehen vom weitverbreiteten Glauben, dass der Westen dekadent sei“ noch schwammig blieb. Russland müsse aber gemäß Überzeugung seiner Führung eine „moralische und kulturelle Führungsrolle“ spielen, da der Westen seine Werte aufgegeben habe. Laqueur postulierte eine Überzeugung des Kremls, wonach die Daseinsberechtigung Russlands direkt von dieser Führungsrolle abhinge.