Der Kreis der Jüdischen Opfer des Nationalsozialismus umfasst in Nettetal etwa 200 Juden, die zu Beginn der 1930er Jahre in einer Beziehung zur heutigen Stadt, das heißt zu den Orten Breyell, Hinsbeck, Kaldenkirchen, Leuth, Lobberich oder Schaag standen, da sie hier geboren wurden oder lebten, mit einem der Bürger verheiratet oder dessen Sohn oder Tochter waren. Von ihnen kehrten nach dem Ende der NS-Diktatur nur zwei aus den Konzentrationslagern zurück; die übrigen waren zum größten Teil von den Nationalsozialisten ermordet worden„Juden wurden in der Schoa auf verschiedenste Weisen ermordet, unter anderem: Vergasen, Erschiessen, lebendig verbrannt werden, lebendig begraben werden, Tod durch Erschöpfung durch Zwangsarbeit, Epidemien, mangels jeder hygienischer Bedingung oder dem Fehlen medizinischer Versorgung.“ (Erläuterung in der „Zentralen Datenbank der Namen der Holocaustopfer“ der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zur Verwendung des Mordbegriffs, http://db.yadvashem.org/names/search.html?language=de), eine Minderheit hatte sich durch Flucht nach Amerika retten können.
Für 66 der jüdischen Bürger, die Opfer des Nationalsozialismus wurden und ihren letzten freiwilligen Wohnsitz im Gebiet der Stadt Nettetal hatten, wurden hier in den vergangenen Jahren Stolpersteine verlegt (siehe Liste der Stolpersteine in Nettetal).
Novemberpogrom Die unter dem Begriff Reichspogromnacht zusammengefassten Übergriffe und Verbrechen begannen in der Kreisstadt Kempen am Morgen des 10. November 1938. Die in der Nacht zuvor über die Kommandostrukturen in NSDAP und SA einerseits sowie der Sicherheitspolizei (bestehend aus Kriminalpolizei und Gestapo) andererseits verschickten Anordnungen waren bereits am frühen Morgen umgesetzt worden, so dass der konkrete Befehl zum Niederbrennen der Synagoge gegen 8 Uhr 45 erfolgte und dann auch aufgrund einer lokalen Besonderheit rasch umgesetzt werden konnteDie Ereignisse in Kempen sind detailliert bei Kaiser, Band 2 beschrieben und werden hier nur insoweit wiedergegeben, wie sie Bezug zu Nettetal haben.: Das Kempener Arbeitsamt diente seit langem als inoffizieller Stützpunkt der SA, deren Führung den Leiter des Arbeitsamtes aufsuchte, der wiederum die Nachricht als Anweisung verstand und wie gewünscht reagierte: er befahl alle im Arbeitsamt beschäftigten SA-Männer zu sich, schickte sie nach Hause, ihre Uniformen anzuziehen und sich dann zu einer Judenaktion auf der Polizeistation im Bürgermeisteramt einzufinden.
In den Orten, die die heutige Stadt Nettetal bilden, begann das Pogrom erst am Abend des 10. November. Als Ursache gilt die fehlende Zentralisierung der SA, was ein Handeln wie in Kempen verhinderte. Es gab eine genügende Zahl von SA-Männern – entgegen Berichten, die in der Nachkriegszeit aufkamen und auch heute noch kolportiert werden, brauchte für den Pogrom nicht das Eintreffen von auswärtigen Schlägertrupps abgewartet werden. Ab 1948 mussten sich alleine aus der Stadt Kaldenkirchen 14 Männer vor dem Landgericht Krefeld verantworten; neun von ihnen wurden zu Haftstrafen verurteilt.Rheinische Post vom 12. Mai 1948 sowie (für die Revision) vom 13. April 1949, zitiert bei Leo Peters, S. 203ff
Die Ziele der SA-Schlägertrupps waren vorgegeben: die Synagoge in Breyell und die Synagoge in Kaldenkirchen (die niedergebrannt werden sollten), die jüdischen Wohnungen (die mit Unterstützung der Polizei „durchsucht“ werden sollten) und Ladengeschäfte, von denen es allerdings nicht viele gab, da die regionalen Juden zumeist als Viehhändler gearbeitet hatten (und der Viehhandel waren ihnen seit Anfang 1937 durch Schikanen faktisch und seit wenigen Monaten auch juristisch untersagt worden). Lediglich in Kaldenkirchen konnte man mehr als ein Ladenlokal antreffen, das von Juden geführt wurde.
Die Breyeller Synagoge, die im Oktober 1910 eingeweiht worden war, brannte an diesem Abend nieder. Wie die Zerstörung abgelaufen ist, ist kaum bekannt, sicher ist lediglich, dass sie in Brand gesteckt wurde. Nach dem Krieg wurde im Rahmen der Wiedergutmachung festgehalten: „Auf Anordnung der staatlichen Stellen mußte die Gemeinde für die Beseitigung der Trümmer sorgen; die Kosten der Aufräumung, welche 398,01 RM betragen, waren dem Grundstückseigentümer in Rechnung zu stellen. Da Klaber [gemeint sind hier die Erben von Jacob Klaber, der das Grundstück für die Synagoge zur Verfügung hatte] den Betrag kaum würde zahlen können, wurde er im Jahre 1939 mehrfach unter Androhung zwangsweiser Betreibung aufgefordert, das Grundstück unter Aufrechnung mit den Kosten an die Gemeinde Breyell abzutreten. Der Kaufakt wurde am 20.3.1940 … getätigt und ein Kaufpreis von 300,- RM festgesetzt, welcher durch die der Gemeinde entstandenen Unkosten abgegolten war.“Zitiert nach Leo Peters, S. 182
Die Synagoge in Kaldenkirchen war im Juli 1873 eingeweiht worden und 1923 renoviert worden; sie wurde ebenfalls während des Novemberpogroms zerstört. Zeitgenössische Berichte zur Zerstörung der Kaldenkirchener Synagoge gibt es nicht. Erst nach dem Krieg wurde aktenkundig, was hier im November 1938 geschehen war. Ein ehemaliger SA-Mann gab 1948 vor dem Entnazifizierungsausschuss zu Protokoll: „Am 10.11.1938 erhielt ich von dem Sturmführer H[] … den Auftrag, die Synagoge in Kaldenkirchen zu zerstören. Von dem SA-Heim, begaben wir uns … zur Synagoge hin. Das Werkzeug hierfür wurde mitgenommen. Dort angekommen, erhielt ich den Befehl, die Leiter zu besteigen und aufs Dach zu steigen. Wir warfen dann einige Dachziegel herunter, um den Dachstuhl freizubekommen. Die Tragebalken habe ich dann mit durchgesägt. Der Dachstuhl wurde dann zum Einsturz gebracht. Die ganze Aktion dauerte von 19.15 bis 21.45 Uhr. Nach dieser Zerstörung gingen wir geschlossen zum SA-Heim zurück. Es wurden dort vier Trupps eingeteilt, die dann die jüdischen Geschäfte zerstören mußten, welches auch durchgeführt wurde…“Zitiert nach Leo Peters, S. 202f
Zur Zerstörung der jüdischen Geschäfte und Wohnungen gibt es eine zwei Jahre zuvor gemachte Aussage: „Nach dem Abbruch der Synagoge sind alle Beteiligten zum SA-Heim gegangen. Hier wurden die Trupps von dem Sturmbannführer J[] und dem Sturmführe H[] neu eingeteilt mit dem Auftrag, bei den Juden die Einrichtungen zu zertrümmern. Ich bekam diesen Auftrag für die jüdischen Wohnungen von Jakob H[] und Gustav S[]. Vom SA-Heim sind wir zuerst nach H[] gegangen. Dort haben wir einen Teil der Möbel zerschlagen. Den Juden ist nichts passiert. Von dort gingen wir zu S[] in der Steylerstr. Dort wurde die ganze Geschäftseinrichtung zertrümmert. Ich weiß noch ganz genau, dass ich eine Nähmaschine zertrümmert habe. Bemerken möchte ich noch, daß ich besonders darauf geachtet habe, daß nichts gestohlen wurde. Nachdem wir unseren Auftrag ausgeführt hatten, führte ich meine Leute wieder zum SA-Heim…“Zitiert nach Leo Peters, S. 203 Entgegen den Darstellungen der Täter gab es bei den Überfällen nicht nur zertrümmerte Einrichtungsgegenstände, sondern tatsächlich auch Verletzte und in der Folge sogar Todesfälle, deren Häufung und Ursachen in der systematischen Verfolgung in den Wochen zuvor zu sehen sind:Die folgenden Aussagen stammen von Else Heymann verheiratete Lion in: Kauwertz S 141ff
Eine Woche nach dem Pogrom wurde die Familie Lion in der Fährstraße noch einmal von der SA überfallen. Mit den Worten „Ihr habt nichts abgekriegt, jetzt wollen wir mal hier aufräumen!“ stürmten sie die Wohnung und zerstörten die Einrichtung. Bei diesem Überfall sprang die 76-jährige Bertha Lion aus einem Fenster im Obergeschoss ihres Hauses und brach sich den Oberschenkel, seitdem war sie gehbehindert. Eine Woche nach diesem Überfall, am 28. November 1938, erlag der in der gleichen Wohnung lebende 74-jährige Gustav Sanders einem Herzinfarkt. Seine Schwester Julia Hoffstadt, 79 Jahre alt, starb am 4. Dezember 1938. Die 87-jährige bettlägerige Witwe Eva Sanders wurde beim Überfall auf die Wohnung ihres Stiefsohns Sally in Lobberich von einem Stein am Kopf getroffen, den SA-Männer geworfen hatten, um die Fensterscheiben zu zertrümmern; sie starb am 23. Dezember 1938 an den Folgen der dabei erlittenen Verletzungen. Der Metzgermeister Simon Defries, 83 Jahre alt, der beim Pogrom eine Treppe hinuntergestürzt war, starb am 2. Januar 1939.
Internierungen in Dachau Während des Pogroms waren die meisten männlichen und unter 65-jährigen Juden wie angeordnet in „Schutzhaft“ genommen worden.Das Folgende wurde von Hans Kaiser für die Kempener Juden ermittelt, gilt aber sicher auch für die Juden aus Nettetal. Am darauffolgenden Tag, Freitag, den 11. November, brachte man die Verhafteten in die Strafanstalt Anrath bei Krefeld. Am Mittwoch darauf, am 16. November 1938, fuhr man die unter 55-Jährigen auf Lastkraftwagen zum Duisburger Hauptbahnhof (die Älteren wurden nach Hause entlassen), wo sie einen Sonderzug der Reichsbahn bestiegen, dessen Ziel das KZ Dachau war. „Als Bewacher kommen Gestapo-Beamte mit, vorsorglich für 12 Stunden mit Verpflegung versehen. Was die jüdischen Insassen angeht, lautet die Gestapo-Anweisung jedoch: Für die Häftlinge ist keine Marschverpflegung mitzunehmen.“
Unter den Internierten waren 17 Nettetaler Juden; sie wurden nach einigen Wochen oder Monaten wieder entlassen, sofern sie die KZ-Haft überlebt hatten, und nachdem ihnen deutlich gemacht worden war, dass es bei dieser Verhaftungswelle vor allem um die Einschüchterung, Ausplünderung und schließlich die Vertreibung der Juden aus dem Reich gegangen war.Heiko Pollmeier, Inhaftierung und Lagererfahrung deutscher Juden, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung, 1992, S 115; siehe auch Dirk Riedel, Ordnungshüter und Massenmörder im Dienst der „Volksgemeinschaft“: Der KZ-Kommandant Hans Loritz, Reihe Geschichte der Konzentrationslager 1933–1945, Band 12, S. 202f., 2010. Die Namen, Geburts- und Haftdaten entsprechen den Registern der KZ-Gedenkstätte Dachau; weitere Juden, denen die Internierung in Dachau drohte, da sie das passende Alter hatten und sich im Reich aufhielten, waren Ernst Grunewald (* 1894), Sally Moser (* 1884), Max Rosenthal (* 1885), Hermann Sanders (* 1885), Sally Sanders (* 1904) und Siegmund Zanders (* 1882); zu ihnen liegen in der KZ-Gedenkstätte Dachau jedoch keine Informationen vor.
Siegfried Bamberger, geboren am 7. Juni 1884 in Neidenstein, Arbeiter in Mönchengladbach, Ehemann von Regina Rebekka Levy aus Breyell, vom 17. November 1938 bis zum 1. Dezember 1938 in Dachau inhaftiert Abraham Cohen, geboren am 30. Oktober 1889 in Kaldenkirchen, Viehhändler in Kaldenkirchen, vom 17. November 1938 bis zum 22. Dezember 1938 in Dachau inhaftiert Simon Harf, geboren am 3. November 1905 in Beckrath, Arbeiter in Kaldenkirchen, vom 17. November 1938 bis zum 11. Februar 1939 in Dachau inhaftiert Kurt Höflich, geboren am 20. September 1902 in Breyell, Kaufmann in Breyell, vom 17. November 1938 bis zum 9. Februar 1939 in Dachau inhaftiert Fritz Klaber, geboren am 6. November 1904 in Breyell, Gehilfe in Breyell, vom 17. November 1938 bis zum 16. Februar 1939 in Dachau inhaftiert Hermann Levy, geboren am 9. Dezember 1909 in Breyell, Viehhändler in Korschenbroich, vom 17. November 1938 bis zum 29. Dezember 1938 in Dachau inhaftiert Emil Levy, geboren am 6. März 1909 Breyell, Landwirt in Breyell, ab dem 17. November 1938 in Dachau inhaftiert, dort am 9. Februar 1939 gestorben Max Levy, geboren am 27. August 1907 in Breyell, Viehhändler in Breyell, vom 17. November 1938 bis zum 23. Februar 1939 in Dachau inhaftiert Max Lion, geboren am 4. Februar 1905 in Kaldenkirchen, Kaufmann in Kaldenkirchen, vom 17. November 1938 bis zum 10. Januar 1939 in Dachau inhaftiert Berthold Mosheim, geboren am 25. Mai 1904 in Adorf, Rechtsanwalt in Düsseldorf, vom 17. November 1938 bis zum 5. Dezember 1938 in Dachau inhaftiert Albert Sanders, geboren am 17. Juni 1895 in Kaldenkirchen, Metzger in Kaldenkirchen, vom 17. November 1938 bis zum 18. Januar 1939 in Dachau inhaftiert