Friedrich Altrichter (* 3. September 1890 in Berlin; † 10. Dezember 1948 in der Lagerabteilung Nr. 13 Karaganda bei Bidaik, Oblast Karaganda, Kasachische SSR)Irina V. Bezborodova: Die Generäle des Dritten Reiches in sowjetischer Hand. (= Veröffentlichungen des Ludwig-Boltzmann-Institutes für Kriegsfolgen-Forschung. Bd. 4). Übersetzung durch Hermine Prügger, Verein zur Förderung der Forschung von Folgen nach Konflikten und Kriegen, Graz/Moskau 1998, ISBN 978-3-901661-03-7, S. 27; anderslautendes Sterbedatum (14. April 1949) bei Bradley et al. (1993). war ein deutscher Generalleutnant der Wehrmacht und einflussreicher Militärschriftsteller. Er war u. a. von 1936 bis 1939 Lehrer an der Kriegsschule in Dresden und 1941 Kommandeur der 1. Infanterie-Division.
Militärischer Werdegang Beförderungen 16. August 1910 Fahnenjunker-Unteroffizier 16. November 1910 Fähnrich 18. August 1911 Leutnant 18. August 1915 Oberleutnant 20. September 1918 Hauptmann 1. Dezember 1931 Major 1. Oktober 1934 Oberstleutnant 1. April 1937 Oberst 1. April 1941 Generalmajor 1. April 1943 Generalleutnant
Preußische Armee Friedrich Altrichter, aus Berlin stammend, trat im März 1910 als Fahnenjunker in das Grenadier-Regiment „König Friedrich Wilhelm II.“ (1. Schlesisches) Nr. 10 der Preußischen Armee in Schweidnitz ein und wurde noch im selben Jahr zur Kriegsschule in Neiße kommandiert. Im Mai 1914 wurde er dann kurzzeitig zur Gewehrfabrik Danzig kommandiert.
Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde er Adjutant des Ersatz-Bataillons seines Stammregiments. Eine gleiche Aufgabe folgte 1914 bei der Etappen-Inspektion der 9. Armee und 1915 bei der 99. Reserve-Infanterie-Brigade. Im November 1917 war er beim Stab des I. Bataillons im Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 230; er wurde schließlich Kompanieführer. Ab Januar 1918 wurde er als Batterieführer im Reserve-Artillerie-Regiment Nr. 50 verwendet. Daneben war Altrichter wechselweise als Zweiter Generalstabsoffizier beim Stab der 50. Reserve-Division tätig. Mit Kriegsende wurde er in das Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 229 versetzt.
Reichswehr und Dozentur In der Reichswehr folgten weitere Verwendungen in Infanterieregimentern, bis er 1929 Lehrer an der Infanterieschule wurde. In dieser Zeit begann auch seine militärschriftstellerische Tätigkeit.
Im Oktober 1933 wurde er Offizier zur besonderer Verwendung beim Chef der Heeresleitung im Reichswehrministerium, General der Infanterie Kurt von Hammerstein-Equord, in Berlin. Außerdem wurde er Dozent für Wehrwissenschaft und Wehrpsychologie an der Universität Frankfurt am Main. Im März 1934 kam er als Bataillonskommandeur zum 9. (Preußisches) Infanterie-Regiment nach Potsdam. Zu seinen Adjutanten gehörten u. a. Henning von Tresckow und Wolf Graf von Baudissin.Jürgen Förster: Wolf Graf von Baudissin in Akademia, Reichswehr und Wehrmacht. In: Rudolf J. Schlaffer, Wolfgang Schmidt (Hrsg.): Wolf Graf von Baudissin 1907–1993. Modernisierer zwischen totalitärer Herrschaft und freiheitlicher Ordnung. Oldenbourg, München 2007, ISBN 978-3-486-58283-3, S. 24.
Wehrmacht und Kriegsgefangenschaft 1936 wurde er an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg zum Dr. phil. promoviert (Thema: Die seelischen Kräfte des deutschen Heeres im Frieden und im Weltkriege). Im Oktober 1936 wurde er Lehrgangsleiter (D) an der Kriegsschule in Dresden.Personenregister. In: Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.): Aufstand des Gewissens. Der militärische Widerstand gegen Hitler und des NS-Regime 1933–1945. Im Auftrag des Bundesministeriums der Verteidigung, Mittler, Herford u. a. 1985, ISBN 3-8132-0213-5, S. 535. Er unterrichtete eine nicht unbeachtliche Zahl von jungen Offizieren unter dem empfundenen „Schock“ der Kriegsniederlage im Ersten WeltkriegGeorg Meyer: Auswirkungen des 20. Juli 1944 auf das innere Gefüge der Wehrmacht und auf das soldatische Selbstverständnis im Vorfeld des westdeutschen Verteidigungsbeitrages bis 1950/51. In: Thomas Vogel (Hrsg.): Aufstand des Gewissens. Militärischer Widerstand gegen Hitler und das NS-Regime 1933 bis 1945. Begleitband zur Wanderausstellung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes. Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, 5. völlig überarbeitete und erweiterte Auflage, Mittler, Hamburg u. a. 2000, ISBN 3-8132-0708-0, S. 327., er war allerdings kein Vertreter der Dolchstoßlegende.Hew Strachan: The Morale of the German Army 1917–18. In: Hugh Cecil, Peter Liddle (Hrsg.): Facing Armageddon: The First World War Experience. Pen & Sword Books, Barnsley 1996, ISBN 0-85052-506-3, S. 395 f. 1938 war er außerdem Kommandeur des Infanterie-Regiments 54 der Wehrmacht. Ende des Jahres erfolgte seine Verwendung als Lehrgruppenkommandeur (A) an der Kriegsschule.
Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges war er zunächst Kommandeur des Infanterie-Regiments 188 der 68. Infanterie-Division. Von Januar 1940 bis März 1941 war er für Infanterie-Lehrgänge zuständig und in der Führerreserve geparkt. Im Juli 1941 wurde er mit der Führung der 1. Infanterie-Division betraut. Von September 1941 bis April 1942 war er Kommandeur der 58. Infanterie-Division und erhielt am 23. Januar 1942 das Deutsche Kreuz in Gold. Vom 3. April bis 31. Mai 1942 befand Altrichter sich erneut in der Führerreserve und wurde anschließend Kommandeur der Division Nr. 154, ebenso der daraus hervorgegangenen 154. Reserve-, der 154. Feldausbildungs- und 154. Infanterie-Division. Im April 1945 wurde er noch Kommandeur des Feldausbildungskorps Mitte.
Als solcher geriet er im Mai 1945 in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Im Kriegsgefangenenlager 5110/48 Woikowo bei Iwanowo kam er in Kontakt mit „antifaschistischen Offizieren“ des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD), ohne sich ihnen jedoch anzuschließen.Wilhelm Adam: Der schwere Entschluß. Autobiographie. 15. Auflage, Verlag der Nation, Berlin 1974, S. 403. Ende 1948 verstarb er an Herzversagen in dem Gefangenenlager Bedaik in der Nähe von Bidaik in der Kasachischen SSR.
Militärwissenschaftliches Werk Schrifttum in der Weimarer Republik Bereits sein Werk Die kampfbereite Kompagnie (1929) wurde durch den deutschfreundlichen Schweizer Offizier Gustav Däniker als „wertvoll“ für Truppenführung und Ausbildung beschrieben.Gustav Däniker: Die kampfbereite Kompagnie. In: Allgemeine Schweizerische Militär-Zeitung 75=95 (1929) 6, S. 314.
Insbesondere seine soziologische Studie Die seelischen Kräfte des deutschen Heeres im Frieden und im Weltkriege (1932) gehört nach Meinung des Militärsoziologen Paul Klein u. a. (1998) zu den wichtigen militärpsychologischen Veröffentlichungen in der Zeit der Weimarer Republik,Paul Klein, Peter Michael Kozielski: Das Militär und die Sozialwissenschaften in Deutschland. In: Paul Klein, Andreas Prüfert (Hrsg.): Militär und Wissenschaft in Europa – kritische Distanz oder hilfreiche Ergänzung? 25 Jahre Arbeitskreis Militär und Sozialwissenschaften (= Militär und Sozialwissenschaften. Band 23). Nomos Verlag, Baden-Baden 1998, ISBN 3-7890-5758-4, S. 19. sie wurde bisweilen mit Carl von Clausewitz’ Hauptwerk verglichen und auch seinerzeit im angloamerikanischen Raum durch Paul F. Douglass gewürdigt.Paul F. Douglass: Die seelischen Kräfte des Deutschen Heeres im Frieden und im Weltkriege by Friedrich Altrichter. In: Books Abroad 8 (1934) 2, S. 199. Dem britischen Militärhistoriker Hew Strachan (2002) gilt sie als „einzige ernstzunehmende Analyse“ der Kampfmoral des deutschen Heeres im Ersten Weltkrieg.Hew Strachan: Ausbildung, Kampfgeist und die zwei Weltkriege. In: Bruno Thoß, Hans-Erich Volkmann (Hrsg.): Erster Weltkrieg – Zweiter Weltkrieg. Ein Vergleich. Krieg, Kriegserlebnis, Kriegserfahrung in Deutschland. Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, Schöningh, Paderborn u. a. 2002, ISBN 3-506-79161-3, S. 280. Auch der deutsche Militärhistoriker Christian Stachelbeck (2013) nahm eine vergleichbare Einschätzung vor.Christian Stachelbeck: Deutschlands Heer und Marine im Ersten Weltkrieg (= Beiträge zur Militärgeschichte / Militärgeschichte kompakt. Bd. 5). Oldenbourg, München 2013, ISBN 978-3-486-71299-5, S. 191. Strachan (1996) bezeichnete Altrichter als einen patriotischen, aber nicht unkritischen Beobachter dieser Zeit.Hew Strachan: The Morale of the German Army 1917–18. In: Hugh Cecil, Peter Liddle (Hrsg.): Facing Armageddon: The First World War Experience. Pen & Sword Books, Barnsley 1996, ISBN 0-85052-506-3, S. 388. Die Redaktion der Allgemeinen Schweizerischen Militär-Zeitung (ASMZ) schrieb bereits 1934 in einer Rezension von „einer der bedeutungsvollsten Erscheinungen auf dem Gebiet der Militärpsychologie“.Red.: Die seelischen Kräfte des deutschen Heeres im Frieden und im Weltkriege. In: Allgemeine Schweizerische Militär-Zeitung. 80=100 (1934) 3, S. 183–184.
Veröffentlichungen in der Zeit des Nationalsozialismus