mini|hochkant=1.3|Das Haus mit den 99 Schafsköpfen
Das Haus mit den 99 Schafsköpfen war ein Wohn- und Geschäftshaus in der Alexanderstraße 45 am Alexanderplatz in Berlin. Es wurde 1783 im Auftrag von Friedrich II. als Immediatbau nach Plänen des Architekten Georg Christian Unger gebaut. Für den U-Bahn-Bau am Alexanderplatz wurde es 1927 abgerissen.
Geschichte mini|Stadtansicht von 1784:hinter den Kolonnaden rechts, das Haus mit den 99 Schafsköpfen
Das Haus mit der auffälligen Fassadendekoration aus zahlreichen Schafsköpfen aus Stuck wurde 1783 nach Plänen des Architekten Georg Christian Unger errichtet. Es gehörte zu den Berliner Immediatbauten, mit denen Friedrich II. nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges das Stadtbild Berlins verschönern wollte. Insgesamt entstanden etwa 300 Gebäude mit repräsentativen, umfangreich verzierten Fassaden. Die Häuser wurden ganz oder teilweise von Friedrich II. bezahlt, der sie verdienten Bürgern vermachte. Diese mussten sich im Gegenzug um die Erhaltung und Pflege der Häuser kümmern. Neben dem Alexanderplatz entstanden die Immediatbauten schwerpunktmäßig an der Ostseite des Gendarmenmarktes, in der Straße Unter den Linden sowie am Hackeschen Markt.
Der erst 1739 errichtete Vorgängerbau wurde 1782 abgerissen.M. Hahn: Gasthaus Zum goldenen Hirschen. In: Virtuelles Berlin um 1800, Berliner Klassik. Eine Großstadtkultur um 1800, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften 2006. Das Grundstück war 1739 von dem Kriegskommissarius Daniel Wersig für 3.770 Taler gekauft worden, der es 1743 an den Gastwirt Bölke für 6.650 Taler weiterveräußerte.W. E. Meyer: Das Haus mit den 99 Schafsköpfen. In: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins. 37. Jg., Verlag des Vereins für die Geschichte Berlins, 1920, S. 43 f. Dieser errichtete auf dem Grundstück ein Haus, in dem er den Gasthof Zum Goldenen Hirschen betrieb.E. Fidicin: Berlin, historisch und topographisch dargestellt: Mit einer Doppelkarte, Berlin im Jahre 1640 und 1842. C. H. Jonas 1843, S. 99 Die Tradition eines Gasthofs auf diesem Grundstück reicht bis in das 16. Jahrhundert zurück.K. L. Kapp: K. L. Kapp’s Berlin im Jahre 1869: Neuer und vollständiger Führer mit besonderer Rücksicht auf Verkehr, Handel, Industrie, Kunst und oeffentliches Leben. Mit einem neuen Plan von Berlin. Verlag von K. L. Kapp, 1869, S. 7
Schließlich wurde das Haus 1760 für 6.710 Taler an den Kaufmann Christian Homeyer verkauft. Dessen Sohn entschloss sich 1782, das inzwischen marode Gebäude abzureißen, um ein neues Wohn- und Geschäftshaus mit Gastwirtschaft an gleicher Stelle bauen zu lassen.
In dem neu erbauten Haus betrieb er zunächst den Gasthof zum Hirschen, bevor er das Grundstück 1794 für 25.000 Taler an den Gastwirt Friedrich Hagen veräußerte. 1813 erwarb es der Rentier Hagen für 30.000 Taler und teilte es in Parzellen auf. Einen Teil verkaufte er an den Maurermeister Krull für 50.000 Taler.
mini|Kampf um die große Barrikade, 1848, zu sehen ist das besetzte Haus mit den 99 Schafsköpfen
Beim Barrikadenaufstand im Rahmen der Märzrevolution wurde am 18. Mai 1848 auf der Neuen Königsstraße zwischen dem Haus mit den 99 Schafsköpfen und dem Gasthaus Stelzenkrug eine große Straßenbarrikade errichtet, die den Alexanderplatz nach Norden hin absperrte.J. G. Zschaler: Das ewig unvergeßliche Jahr 1848 oder eine Chronik und ein Gedenkbuch für jede Familie und zur Erinnerung ihrer Nachkommen. Verlag Lohse, Dresden 1849, S. 166 () Die Barrikade wurde besonders stark befestigt, unter anderem bestand sie aus zwei umgekippten Fuhrwerken. Der Inhaber der Eisenwarenhandlung im Haus mit den 99 Schafsköpfen, E. Legeler, unterstützte den Barrikadenbau durch Herausgabe von Eisenplatten und Spitzhacken.D. Minkels: Die historische Aussagekraft von Bildern am Beispiel der großen Barrikade am Alexanderplatz im Jahre 1848. In: Landesarchiv Berlin (Hrsg.): Berlin in Geschichte und Gegenwart, Gebr. Mann Verlag, 2001, S. 37–72 Das Haus mit den 99 Schafsköpfen wurde besetzt, teilweise wurden Dachziegel abgetragen, um die Barrikade vom Dach aus verteidigen zu können. Die Barrikade am Haus mit den 99 Schafsköpfen hielt als einzige der zahlreichen in den Berliner Straßen errichten Barrikaden den Angriffen der Armee stand und wird deshalb oft auch als die große Barrikade oder, wegen ihrer Lage in der Neuen Königsstraße als die Königsbarrikade bezeichnet.
Anton Claus hat den Kampf um die große Barrikade auf einer Lithographie festgehalten, die auch das Haus mit den 99 Schafsköpfen zeigt. Allerdings ist es durch eine Überzeichnung der Geschosshöhen sehr viel höher dargestellt, als es tatsächlich war.
Hagen verkaufte 1856 das Gebäude Alexanderstraße 45 für 56.000 Taler an den Sanitätsrat Dr. Hildebrandt. Dieser verkaufte das Haus schließlich 1879 an Paul Juergens, den Inhaber der Kontobücherfabrik, Druckerei und Papierwarenhandlung L. Juergens, die bereits seit 1860 als Mieter Geschäftsräume in den ersten beiden Stockwerken des Hauses nutzte. Im Jahr 1889 erbten Paul und Hans Juergens das Haus mit den 99 Schafsköpfen von ihrem Vater. Nachdem die Pläne für die Umgestaltung des Alexanderplatzes im Rahmen des U-Bahn-Baus den Abriss des Hauses vorsahen, verkauften sie es schließlich an die Harmonie Häuserverwertungs-Gesellschaft GmbH, die es 1927 abreißen ließ.Vorsatzblatt des Faksimile-Reprints von H. Juergens, L. Juergens, P. Juergens: Festschrift 75 Jahre Papier-Handlung L. Juergens, Papierhaus, Geschäftsbücher-Fabrik, Mal- und Zeichenwaren, Buchdruckerei. 1844–1919. Archiv-Verlag, Braunschweig 1999
Sage zur Entstehung der Fassadenverzierung Aufgrund der auffälligen Fassadenornamente entstand in Berlin um das Haus eine Sage, die die Bezeichnung Haus mit den 99 Schafsköpfen erklärt:
Der Wahrheitsgehalt dieser Sage ist ungewiss. Der Geschichte des Hauses zufolge müsste der undankbare Bürger der Sohn des Kaufmanns Homeyer gewesen sein, der das Haus 1783 als Immediatbau von Friedrich II. erhielt. Tatsächlich waren viele der beschenkten Bürger unzufrieden mit den Gebäuden, da sie für die von ihnen vorgesehene Gewerbenutzung ungünstig entworfen waren und die oft aufwendigen Fassaden, mit denen Friedrich II. das Stadtbild verschönern wollte, hohe Kosten für Unterhalt und Pflege verursachten.
In einigen Handwerkszünften war das Haus mit den 99 Schafsköpfen das geheime Kennzeichen für die Stadt Berlin.F. Ebel, G. Thielmann: Rechtsgeschichte: von der römischen Antike bis zur Neuzeit. Hüthig Jehle Rehm, Heidelberg 2003, S. 148. Als solche Kennzeichen dienten in den Zünften oft besonders auffällige Gebäude oder Kunstwerke. Welches Kennzeichen für eine Stadt stand, wurde Wanderburschen durch die Zunftmitglieder dieser Stadt nur mitgeteilt, wenn sie dort eine Zeit als Handwerker gearbeitet hatten. Die Kenntnis über das geheime Kennzeichen einer Stadt galt damit als Beweis, dort Arbeit geleistet zu haben und nicht nur durchgewandert zu sein.
Lage mini|Lage des Hauses mit den 99 Schafsköpfen am Alexanderplatz
Das Haus mit der Nummer 45 stand an exponierter Lage an der spitzgewinkelten Ecke der Alexanderstraße 45 zwischen der Landsberger und der Bernauer Straße, die 1810 in Neue Königstraße umbenannt wurde und seit 1995 Otto-Braun-Straße heißt. Der Platz trug zur Erbauungszeit des Hauses den Namen Auf der Contre-Escarpe oder auch Ochsenplatz, da hier ein wöchentlicher Viehmarkt abgehalten wurde. Nach dem Besuch des Zaren Alexander in Berlin 1805 wurde er diesem zu Ehren in Alexanderplatz umbenannt.
Das Haus war in einen Häuserblock integriert. An der Seite zur Landsberger Straße schloss sich ein ebenfalls von Unger entworfenes Haus und daran wiederum das Textilkaufhaus Friedrich Hahn an. Nach der im Haus mit den 99 Schafsköpfen untergebrachten Kontobuchfabrik und Papierhandlung L. Juergens wurde der Gebäudekomplex auch als Hahn-Jürgens-Block bezeichnet.V. Viergutz: Der Hahn-Jürgens-Block am Alexanderplatz – Zur Planungs- und Baugeschichte des Geländes vor dem Georgenkirchplatz. In: Berlin in Geschichte und Gegenwart. 2006, S. 73–105.
Nach dem Abriss des Gebäudeblocks 1927 für den U-Bahn-Bau am Alexanderplatz war zunächst eine neue Bebauung des Grundstücks geplant. Aufgrund der Weltwirtschaftskrise verzögerte sich das Bauvorhaben aber. Schließlich entstand auf dem Gelände das Minolhaus, das im Vergleich zum Haus mit den 99 Schafsköpfen etwas zurückversetzt stand und den nördlichen Abschluss des Alexanderplatzes bildete. Das Minolhaus wurde 1968 abgerissen, an seiner Stelle wurde das Haus des Reisens gebaut.
Inzwischen befindet sich auf dem Alexanderplatz etwa an der Stelle, an der die Fassade des Hauses mit den 99 Schafsköpfen verlief, das Denkmal für die große Barrikade von 1848 in Form einer Pflastersteinmarkierung. Der tatsächliche Standort der Barrikade lag etwa dort, wo heute die Straßenbahngleise verlaufen.G. Jochheim: Der Gasthof „Zum Hirschen“. In: Der Berliner Alexanderplatz. Ch. Links Verlag, 2006, S. 44 ff
Architektur mini|Fassadenentwurf von C. G. Unger für das Haus mit den 99 Schafsköpfen
Das Haus mit den 99 Schafsköpfen wurde als dreigeschossiges Gebäude geplant. Es verfügte über einen deutlich hervortretenden Risalit auf fünf offenen Rundbögen, der den Haupteingang des Hauses hinter einer dreiachsigen Arkade verdeckte. Die Fassade war mit Sandsteinquaderung versehen und reich mit Ornamenten verziert. Das erste Obergeschoss besaß Rundbogenfenster mit profilierten Faschen, Schlusssteinkartuschen und Brüstungsdekor. Im zweiten Obergeschoss befanden sich dagegen rechteckige Fensteröffnungen mit Tuchgehängen, Konsolen und Tropfenplatten. Der Mittelrisalit endete in einem Giebeldreieck, das mit einem vergoldeten Hirsch, dem für den Gasthof namensgebenden Hauszeichen, und der Inschrift „Erbaut 1783“ verziert war.
Unter dem Hauptgesims waren als Opfertierschädel gestaltete Widderköpfe aus Stuck angebracht, auf die die Bezeichnung des Hauses im Volksmund als Haus mit den 99 Schafsköpfen zurückging. Durch bauliche Veränderungen des Bauwerks reduzierte sich die Zahl der Schafsköpfe nach und nach. Die genaue Anzahl der ursprünglich vorhandenen Ornamente ist nicht bekannt, wahrscheinlich waren es wohl nie tatsächlich um 99 Tierköpfe.J. Bousset: Zur Eröffnung der Untergrundbahn vom Alexanderplatz durch die Frankfurter Allee nach Friedrichsfelde (Linie E) und der Erweiterung der Linie C vom Bahnhof Bergstraße über den Ringbahnhof Neukölln bis zum Bahnhof Grenzallee. 21. Dezember 1930 In einer Akte von 1895 wird die Anzahl der Schafsköpfe mit 30 angegeben, in einem Zeitungsartikel von 1908 ist von 25 Schafsköpfen die Rede.H. Kügler: Das Haus mit den 99 Schafsköpfen. In: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins. 47. Jg., Verlag des Vereins für die Geschichte Berlins, 1930, S. 116 f
Beim Abriss des Hauses 1927 wurden die meisten der Schafskopfornamente aus Stuck zerstört. Sieben Schafsköpfe konnten erhalten werden und wurden dem Märkischen Museum übergeben.W. Stengel: Bericht über die Erwerbungen des Jahres 1928. Reihe zu den Erwerbungen des Märkischen Museums. Berlin 1928, S. 34. Außerdem wurde ein Grundstein mit der Inschrift „Sophie Tugendreich: Homeiern. gebohrne: Boelcken Berl: den 5ten April 1783“ gefunden, der ebenfalls im Märkischen Museum aufbewahrt wird.
Nutzung mini|Wochenmarkt auf dem Alexanderplatz 1887, im Hintergrund das Haus mit den 99 Schafsköpfen