mini|hochkant=1.5|Klippe aus Rügener Kreide im Nationalpark Jasmund Rügener Kreide, auch Rügener Schreibkreide, ist die landläufige Bezeichnung für einen sehr reinen, sehr feinkörnigen, weißen, mürben und hochporösen Kalkstein der höchsten Oberkreide (Maastrichtium). Er ist unter anderem im Kliff der Steilküste des Jasmund im Nordosten der Insel Rügen aufgeschlossen („Kreidefelsen“).
Daneben ist Rügener Kreide der Handelsname für das Weißpigment, das aus diesen Kalksteinen gewonnen wird.
Stratigraphie Die Rügener Kreide gehört lithostratigraphisch zur Hemmoor-Formation der Schreibkreide-Gruppe und wird innerhalb dieser Formation als Rügen-Member ausgeschieden.Birgit Niebuhr: LithoLex [Online-Datenbank], Datensatz-Nr.: 2008077, BGR Hannover, letztmals aktualisiert am 12. März 2010, abgerufen am 14. Dezember 2014. Chronostratigraphisch fällt das Rügen-Member ins späte untere bis späte obere Untermaastricht (ca. 70 Mio. Jahre vor heute).
Merkmale Kreidekalksteine sind oft geschichtet. Die Rügener Kreide ist jedoch ungeschichtet-massig ausgebildet. Bemerkenswert ist die extreme Feinkörnigkeit und sehr geringe Zementation, die mit einer hohen Porosität einhergeht. Die geringe Zementation und die hohe Porosität bewirken, dass sich das Gestein mit sehr viel Wasser vollsaugen kann. Während trockene Rügener Kreide zwar relativ mürbe aber dennoch spröde ist, verhält sich wassergesättigte Rügener Kreide eher plastisch – fast wie feuchter Ton – und kann mit dem Messer geschnitten werden. Wie viele andere Kalksteine der Oberkreide hat die Rügener Kreide einen sehr hohen Gehalt an Calciumcarbonat (CaCO3, „kohlensaurer Kalk“). Bei der Rügener Kreide sind es mindestens 97 %. Der weit überwiegende Teil des Calciumcarbonats liegt in Form mikrometergroßer Niedrig-Mg-Calcit-Plättchen, sogenannter Coccolithen, vor, bei denen es sich um Reste von einzelligen, planktonischen Kalkalgen, sogenannten Coccolithophoriden, handelt. Die Kalkalgen lebten vor etwa 70 Mio. Jahren im lichtdurchfluteten Oberflächenwasser eines Meeres, das Norddeutschland bedeckte. Nach ihrem Tod sanken sie auf den Meeresboden und bildeten im Laufe der Zeit mächtige Ablagerungen aus Kalkschlamm. Dieser Kalkschlamm ist heute in Form der Rügener Kreide überliefert.
Ebenfalls typisch für die Rügener Kreide ist ihr hoher Gehalt an Konkretionen aus Feuerstein. Diese sind meist als Knollen ausgebildet und in einzelnen Horizonten angereichert. Teilweise gibt es aber auch plattige Bildungen verschiedener Mächtigkeit. Besonders große, zylindrische Feuersteinkonkretionen sind als „Sassnitzer Blumentöpfe“ bekannt (siehe auch → Paramoudra). Das Siliziumdioxid (SiO2), aus dem sich die Feuersteine gebildet haben, entstammt ursprünglich einzelligen Kieselalgen (Radiolarien, Diatomeen), die zusammen mit den Kalkalgen im Kreidemeer lebten: Nach Ablagerung des radiolarien- und diatomeenhaltigen Coccolithenschlamms löste sich das SiO2 der Kieselalgen in Wässern, die im Porenraum des Sedimentes zirkulierten und wurde an anderer Stelle im Sediment wieder ausgefällt. Diese Stellen werden heute durch die Feuersteine repräsentiert. Da der Feuerstein deutlich verwitterungs- und erosionsbeständiger ist als der Kalkstein, sammelt er sich am Strand der Kreidesteilküste an und wird während Sturmereignissen durch Wellen und Strömung auch in benachbarte Bereiche der Küste transportiert und dort abgelagert. Dahingehend besonders bekannt sind die Feuersteinfelder bei Prora.
Vorkommen Im nordöstlichen Teil der Insel Rügen, auf der Halbinsel Jasmund, befinden sich umfangreiche Kreidevorkommen. Am bekanntesten sind wohl die „Rügener Kreidefelsen“ der Kliffküste in der Umgebung von Sassnitz (siehe auch → Stubbenkammer, → Königsstuhl). Diese Küstenformationen sind Teil des Nationalparks Jasmund und stehen unter strengem Naturschutz.Jasmund: Folgenreiches Missverständnis. Website des BUND, abgerufen am 14. Dezember 2014.
Aber auch im Hinterland des Jasmund liegt Kreide unter einer 1 bis 10 m mächtigen Deckschicht im Untergrund. Dort gibt es viele Steinbrüche und Tagebaue, von denen fast alle mittlerweile wegen Unwirtschaftlichkeit oder aus Landschaftsschutzgründen aufgegeben worden sind. Mit Wasser vollgelaufen, sind sie in Luftaufnahmen des Jasmund als kleine und große Seen und Teiche zu erkennen (der aktuell größte ist der „Kreidesee Wittenfelde“). Selbst im Stadtgebiet von Sassnitz sieht man noch alte Kreidebrüche, die aber aus der Anfangszeit des 19. Jahrhunderts stammen. Aktuell wird die Kreide im Tagebau Promoisel gefördert.
Geschichte Allgemeines mini|Karte des Sassnitzer Hafens um 1912 mit Kreidekai (unten links) und davon nach Nordwesten abgehend die Kreideseilbahn mini|Kreide-Tageabbau Promoisel Bereits um 1720 wurde in der Granitz Kreide für die Herstellung von Branntkalk (CaO) in Steinbrüchen abgebaut. Der Grundstein für die Rügener Kreideindustrie wurde aber erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch den Unternehmer und Naturforscher Friedrich von Hagenow (1797–1865) gelegt. Im Jahre 1832 pachtete er die Kreidebrüche in der Stubnitz, und im gleichen Jahr eröffnete er eine Schlämmerei in Greifswald. Die Rohkreide gelangte seinerzeit mit dem Schiff vom Jasmund in die Hagenow’sche Schlämmerei. Durch das Aufschlämmen wurde die Rohkreide von den unerwünschten Gesteinsbestandteilen wie Flint (Feuersteine, siehe oben) und feinkörnigeren Verunreinigungen (sogenannter Grand) getrennt, und nach dem gleichen Prinzip wird auch noch heute verfahren. Zu Zeiten von Hagenows und auch noch lange danach wurden Abbau und Aufbereitung der Kreide jedoch fast ausschließlich mit menschlicher Muskelkraft betrieben und die Arbeit war körperlich sehr anstrengend.
Ab dem späten 19. Jahrhundert entwickelte sich das Fischerdorf Sassnitz, in direkter Nachbarschaft der Stubnitz gelegen, langsam zu einem Zentrum der Kreideindustrie, nicht zuletzt weil der Großteil der Kreidegruben auf dem Jasmund lag. Zwischen den einzelnen Schlämmereien entwickelte sich ein harter Konkurrenzkampf. Schon von Hagenow musste seinen Betrieb 1850 unter anderem aus diesem Grund aufgeben. Daher schlossen sich 17 Unternehmen mit 23 Schlämmereien 1899 zu einem Kartell zusammen und legten für alle Mitglieder verbindliche Förder- bzw. Produktionsmengen und Preise fest.Hans Radant: Zu einigen Problemen aus der Geschichte der Monopolvereinigungen der Rügener Kreideindustrie. Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte. Bd. 5, Nr. 2–3, 1964, S. 215–239, Im Jahre 1928 wurden rund 500.000 t Rohkreide aus den Jasmunder Brüchen in Martinshafen am Großen Jasmunder Bodden und in Sassnitz verladen. Mit 80.000 t Umschlag spielte die Schlämmkreideproduktion auf dem Jasmund zu dieser Zeit jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Abnehmer der Rohkreide waren vor allem die Portlandzementfabriken in Wolgast, Lebbin und Stettin. So gehörten denn auch einige Gruben und Schlämmanlagen auf dem Jasmund direkt der Stettiner Portlandzementfabrik A. G. von Martin Quistorp. Der andere große Kreide- und Zementproduzent und bedeutendster Akteur im Rügener Kreidekartell war der 1872 von Johannes Quistorp gegründete Pommersche Industrieverein a. A.
Mit dem Zusammenbruch am Ende des Zweiten Weltkrieges kamen die Kreideförderung und -aufbereitung vorübergehend zum Erliegen. Einige Anlagen, unter anderem die Kreideseilbahn zum Sassnitzer Hafen, wurden demontiert und als Kriegsentschädigung in die Sowjetunion verbracht.Wulf Krentzien: Sassnitz auf Rügen – gestern und heute. Die Damals Reihe. Europäische Bibliothek, Zaltbommel 2011 (unveränd. Neudruck der Auflage von 2003), ISBN 978-90-288-6720-8. Zudem bedeutete die Zugehörigkeit der Insel Rügen zur Sowjetischen Besatzungszone und später zur DDR die Beseitigung privatwirtschaftlicher Strukturen in der Rügener Kreideindustrie für die nächsten 45 Jahre. Erst in dieser Periode löste in vielen Bereichen moderne Technik die anstrengende körperliche Arbeit vollends ab. Da mit dem Wiederaufbau Kreide als Rohstoff bald wieder gefragt war, nahmen nach 1945 insgesamt 19 Kreidebrüche auf Rügen den Betrieb auf, die ab 1957 im VEB Vereinigte Kreidewerke Rügen zusammengeschlossen waren. Schon vor 1945 war in den ältesten Brüchen am östlichen Rand des Jasmunds und bei Lohme, ebenso wie in den Brüchen vom Dumsevitz, Rosengarten und Altkamp auf Südrügen der Abbau eingestellt worden. Mit der Fertigstellung eines großen und modernen Kreidewerkes in Klementelvitz zwischen Sassnitz und Sagard wurden nach 1962 viele weitere kleinere Kreidebrüche aufgelassen und der Betrieb in VEB Kreidewerk Rügen umbenannt. Der Betrieb gehörte zu DDR-Zeiten verschiedenen Institutionen an. So unterstand er zeitweise dem Rat des Bezirkes Rostock, gehörte dann zur Vereinigung der VEB Bindebaustoffe Halle und danach zur VVB Zement Dessau, die später in VEB Zementkombinat Dessau (ZEKOM) umbenannt wurde. Im Jahre 1984 wurde die juristische Selbstständigkeit des VEB Kreidewerk Rügen schließlich aufgehoben, und er wurde dem VEB Zementwerke Rüdersdorf als Betriebsteil 6 zugeordnet. Unter günstigen Bedingungen erreichte das Kreidewerk Klementelvitz, das nach Inbetriebnahme als eines der modernsten Kreidewerke Europas galt, eine Jahresproduktion von 185.000 t Schlämmkreide und 55.000 t Grand.
Im Zuge der wirtschaftlichen Umwälzungen infolge der politischen Wende in der DDR in den Jahren 1989 und 1990 wurde der VEB Zementwerke Rüdersdorf von der Readymix AG übernommen und das Kreidewerk in Klementelvitz wurde ausgegliedert, in eine GmbH umgewandelt und verblieb zunächst bei der Treuhandanstalt. Der Betrieb der Grubenbahnen für den Transport der Rohkreide aus dem Tagebau Wittenfelde nördlich von Klementelvitz, der zu dieser Zeit einzigen aktiven Kreidegrube auf Rügen, wurde eingestellt. Am 13. August 1993, nach Klärung aller Eigentumsfragen an Grund und Boden, erfolgte die Übernahme der Kreidewerk Rügen GmbH durch die Vereinigte Kreidewerke Dammann KG und damit die Schweizer Omya AG.Botho-Ekkehard Hendel: Das Unternehmen Kreidewerk Rügen GmbH. In: 20 Jahre Bergamt Stralsund. Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Mecklenburg-Vorpommern, 2010, S. 19–21 (). Bis dahin war der Absatz des Betriebes auf nur 25.000 t gesunken. Omya investierte bis 2010 insgesamt fast 50 Mio. € und errichtete eine hochmoderne Anlage für die Kreideproduktion – vom Abbau bis zur Verladung. Ende der 1990er Jahre wurde der Tagebau Wittenfelde stillgelegtWulf Krentzien: Sassnitz im Wandel: 1945 bis 2007. Sutton Verlag, Erfurt 2008, ISBN 978-3-86680-302-2, S. 98 und an seiner statt der Tagebau Promoisel ca. 1 km weiter westlich in Betrieb genommen. Dort waren zu Abbaubeginn etwa 25 Mio. t Rohkreide verfügbar. Die frisch gebrochene Kreide gelangt nunmehr über eine 2 km lange Bandanlage ins Werk und wird dort mit der neuen Naßaufbereitungstechnologie zu Schlämmkreide in unterschiedlichen Feinheiten aufbereitet. Mittlerweile liegt die Jahresproduktion des Werkes bei bis zu 500.000 t. Im Jahre 2009 erging der Planfeststellungsbeschluss für das zukünftige Abbaufeld Goldberg/Lancken-Dubnitz südlich von Klementelvitz, in dem bis zum Jahr 2117 35 Mio. t Kreide abgebaut werden dürfen.Kreidekalk und Kieselkreide. Website des Landesamtes für Umwelt, Naturschutz und Geologie Mecklenburg-Vorpommern.
Gewinnung mini|Alte topographische Karte mit Martinshafen am Großen Jasmunder Bodden und Kreidebahn mini|Kreidebrücke im Hafen von Wiek auf Rügen vor der Sanierung mini|Historische Abbildung vom Kreideabbau im Steinbruch Buddenhagen (1963)