Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen AlbOriginalbezeichnungen , , deutsche Bezeichnung entsprechend ist ein von der UNESCO gelisteter Eintrag des Weltkulturerbes in Deutschland. Das Erbe umfasst neben der Eiszeitkunst sechs Höhlen auf der Schwäbischen Alb, in denen die ältesten Artefakte menschlichen Kunstschaffens gefunden worden sind. Da die nicht seltenen geologischen Formationen der Höhlen jedoch nur durch die Kunstwerke zu Weltkulturerbe erklärt werden konnten, entschied die UNESCO, hier die Eiszeitkunst als konstitutives Element mit in die Kulturerbedefinition aufzunehmen.

Die Fundstellen wurden als „Wiege der Kunst“ bezeichnetDeutschland, Wiege der Kunst. In: National Geographic Deutschland, Juni 2009. und stellen eine der ersten Siedlungsgegenden des modernen Menschen in Europa dar.List of first human settlements|englischsprachige Wikipedia Seite

Hintergrund Das Aurignacien war eine Kulturepoche, die etwa von 42.000 v. Chr. bis 31.000 v. Chr. dauerte. In Mitteleuropa ist es die älteste Kultur der jüngeren Altsteinzeit (Jungpaläolithikum). Klimageschichtlich fällt diese Epoche in die letzte Kaltzeit im Jungpleistozän, die in Süddeutschland als Würm-Kaltzeit bezeichnet wird.

Im Aurignacien breitete sich der anatomisch moderne Mensch (Homo sapiens) über Europa aus, während der Neandertaler verschwand. Auch wenn ornamentale künstlerische Formen bereits aus älterer Zeit bekannt sind, traten im Aurignacien erstmals figürliche künstlerische Darstellungen als Höhlenmalerei und Jungpaläolithische Kleinkunst auf, nahm also die bildende Kunst ihren Anfang. Aus dem Aurignacien stammen auch die ersten Knochenflöten, die zweifelsfrei als solche anerkannt werden und die auch die Ausübung von Musik in dieser Zeit belegen. Die Kunst des Aurignacien und späterer Epochen der letzten Kaltzeit wird auch zusammenfassend als Eiszeitkunst bezeichnet.

Einschreibung Eine Gruppe von sechs Höhlen der Schwäbischen Alb (auch Schwäbischer Jura genannt) war 2015 auf Vorschlag von Baden-Württemberg mit der Bezeichnung Höhlen der ältesten Eiszeitkunst auf die Vorschlagsliste Deutschlands zur Aufnahme in das UNESCO-Welterbe gesetzt worden. In: whc.unesco.org, UNESCO World Heritage Centre (englisch). 2017 wurden die Höhlen aufgrund eines Beschlusses der 41. Sitzung des Welterbekomitees unter der Bezeichnung Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb als Kulturerbe in die Liste des UNESCO-Welterbes eingetragen. Zusammenfassend heißt es dazu:

Die Eintragung erfolgte aufgrund des Kriteriums (iii).

Umfang Die Welterbestätte umfasst zwei voneinander getrennte Areale, eines im Tal der Ach im Alb-Donau-Kreis und eines im Lonetal im Grenzgebiet von Alb-Donau-Kreis und Landkreis Heidenheim. Sie haben insgesamt einen Schutzbereich von 462,1 ha und sind jeweils von einer Pufferzone umgeben, die insgesamt eine Fläche von 1.158,7 ha haben. Jedes dieser Areale enthält drei Höhlen, die in den folgenden Tabellen jeweils in Richtung flussabwärts sortiert sind.

Ref.-Nr. Bezeichnung Höhlen Gemeinde Kreis Schutzbereich Pufferzone 1527-001 Achtal Hohler Fels () Schelklingen Alb-Donau-Kreis 271,7 ha 766,8 ha Sirgensteinhöhle () Blaubeuren Geißenklösterle () 1527-002 Lonetal Bocksteinhöhle () Rammingen Alb-Donau-Kreis 190,4 ha 391,9 ha Hohlenstein-Stadel () Asselfingen Vogelherdhöhle () Niederstotzingen Landkreis Heidenheim

Höhlen und Funde Aus den Höhlen des Ach- und Lonetales und ihrer Umgebung sind (Stand 2016) insgesamt mehr als 50 figürliche Darstellungen sowie Fundstücke und Relikte von 24 Flöten aus dem Aurignacien bekannt.Eiszeitarchäologie auf der Schwäbischen Alb. Die Fundstellen im Ach- und Lonetal und in ihrer Umgebung. Hrsg. von Nicholas J. Conard, Michael Bolus, Ewa Dutkiewicz und Sibylle Wolf. Kerns Verlag, Tübingen 2015, ISBN 978-3-935751-24-7, S. 109. Die häufig aus Mammutelfenbein geschnitzten Figuren und Musikinstrumente sind .Eiszeitarchäologie auf der Schwäbischen Alb. Die Fundstellen im Ach- und Lonetal und in ihrer Umgebung. Hrsg. von Nicholas J. Conard, Michael Bolus, Ewa Dutkiewicz und Sibylle Wolf. Kerns Verlag, Tübingen 2015, ISBN 978-3-935751-24-7, S. 99.

Die im Hohlen Fels gefundene Venusfigurine zählt mit einem Alter von ca. 42.000 bis 38.000 Jahren weltweit zu den ältesten bekannten figürlichen Darstellungen des menschlichen Körpers, der ähnlich alte Löwenmensch vom Hohlenstein-Stadel stellt einen Menschen mit dem Kopf und den Gliedmaßen eines Höhlenlöwen dar. In den anderen Höhlen wurden ähnlich einzigartige Funde gemacht, beispielsweise die etwa 40.000 Jahre alten Tierfigurinen der Vogelherdhöhle oder die 42.000 bis 43.000 Jahre alten Knochenflöten aus dem Geißenklösterle.

Bild der Höhle Name Beschreibung Funde Bild eines Fundes 130x130px|Hohler Felsweitere Bilder Hohler Fels Die Höhle besteht aus einem 15 Meter langen Gang und einer darauffolgenden Halle, die mit einer Grundfläche 500 m² und einem Rauminhalt von 6000 m³ eine der größten der Schwäbischen Alb ist.Venusfigurine aus Mammut-Elfenbein, Flöte aus der Speiche eines Gänsegeiers, blattförmig bearbeitete Horn­stein­spitze130x130px|Venusfigurweitere Bilder 130x130px|Sirgensteinhöhleweitere Bilder Sirgensteinhöhle Die Gesamtlänge der Höhle beträgt 42 Meter bei maximal 10 Metern Höhe. Im hinteren Teil wird die Höhle durch natürliche Öffnungen in der Decke erhellt. 5000 Silexartefakte, Geschossspitzen, Pfrieme und Glätter 130x130px|Geschossspitzeweitere Bilder 130x130px|Geißenklösterleweitere Bilder Geißenklösterle Die Halbhöhle ist durch zwei vor­springende Felswände geschützt. Sie liegt etwa 60 m über der Talsohle des Achtals. Adorant, in Elfen­bein­plättchen graviertes Mensch-Tier-Mischwesen, Flöten aus Knochen und Elfenbein 130x130px|Adorantweitere Bilder 130x130px|Bocksteinhöhleweitere Bilder Bocksteinhöhle Die Höhle ist eine etwa 15 m × 20 m große Halle im Felsen rund 50 m über der Talsohle des Lonetals. Großes Keilmesser (Bocksteinmesser) aus der Bocksteinschmiede 130x130px|Bocksteinmesser 130x130px|Hohlenstein-Stadelweitere Bilder Hohlenstein-Stadel Die Höhle ist eine 50 m lange Horizontal­höhle ohne größere Hallen. Der Eingang ist 8 m breit und 4 m hoch. Löwenmensch aus Mammut-Elfenbein 130x130px|Löwenmenschweitere Bilder 130x130px|Vogelherdhöhleweitere Bilder Vogelherdhöhle Die Höhle hat drei Eingänge und besteht aus zwei Teilen: Die Große Vogelherdhöhle ist ein 40 m langer gebogener Gang zwischen zwei 2,5 bis 3,5 m hohen Mundlöchern, die Kleine Vogelherdhöhle ist am Ein­gang sehr eng und ebenfalls etwa 40 m lang. Ein Durchgang zwischen den zwei Höhlen ist bis auf einen mehrere Zentimeter hohen Spalt verschüttet. Die Höhle ist nicht öffentlich zugänglich. Tierfiguren aus Mammut-Elfenbein, Venusfigurine aus einem Wild­schwein­zahn 130x130px|Wildpferdweitere Bilder

Museumspädagogische Darstellung Schwerpunktmäßig dargestellt und gewürdigt werden diese Höhlen und ihre paläolithischen Artefakte auf museumspädagogischem und szenografischem Weg im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren (in der Nähe der Höhlen im Achtal), im Museum Ulm, im Landesmuseum Württemberg in Stuttgart und im Museum der Universität Tübingen MUT. Von den in vier Museen ausgestellten Originalen befinden sich mehr als die Hälfte im MUT Alte Kulturen auf Schloss Hohentübingen.

Literatur

Nicholas J. Conard, Ernst Seidl: Das Mammut vom Vogelherd. Tübinger Funde der ältesten erhaltenen Kunstwerke. MUT, Tübingen 2008, ISBN 978-3-9812736-0-1. Nicholas J. Conard: Das Vogelherdpferd und die Ursprünge der Kunst (= Kleine Monographien des MUT 5). MUT, Tübingen 2016, ISBN 978-3-9817947-7-9.

Weblinks

UNESCO-Welterbe Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb auf der Website der Deutschen UNESCO-Kommission UNESCO Weltkulturerbe „Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb“ In: www.iceageart.de, Land Baden-Württemberg, Landesamt für Denkmalpflege Weltkultursprung. In: www.welt-kultursprung.de, Arbeitsgemeinschaft Eiszeitkunst Wann hat der Mensch die Kunst erfunden? In: SÜDLICHT, Bayerischer Rundfunk, 21. Juni 2017 UNESCO-Welterbe im Museum der Universität Tübingen MUT: Presseinformationen, Fotos und 3D-Animationen der Objekte; In: www.unimuseum.de, Eberhard Karls Universität Tübingen, Museum der Universität Tübingen MUT Die Höhlen der ältesten Eiszeitkunst Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg auf YouTube Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb – UNESCO-Welterbe Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg auf YouTube Hochauflösende 3D-Modelle einiger Funde auf www.iceageart.de

Einzelnachweise Nadja Podbregar: Fund am Hohle Fels - Feuerstein-Blattspitze belegt Großwildjagd der Neandertaler, auf: wıssenschaft.de/DAMALS.de vom 27. Juli 2021

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