Eine Leistungsexkursion, auch Leistungsexkurs genannt, eines Kernreaktors besteht darin, dass die geregelt ablaufende Kernspaltungskettenreaktion sich durch eine Fehlfunktion oder Fehlsteuerung auf eine (Wärme-)Leistung oberhalb der Auslegungsgrenze verstärkt. Dies löst normalerweise eine Reaktorschnellabschaltung aus. Erfolgt die Abschaltung jedoch nicht, kann im Falle eines Leistungsreaktors die erzeugte Leistung die Sicherheitsreserven des Kühlkreislaufs übersteigen, so dass die Temperatur im Reaktor auf gefährliche Werte ansteigt und Zerstörungen die Folge sind.

Eine Analogie bei chemischen Reaktionen stellt das „thermische Durchgehen“ dar, die Überhitzung einer exothermen chemischen Reaktion oder einer technischen Apparatur aufgrund eines sich selbst verstärkenden, Wärme produzierenden Prozesses.

Vorfälle (Beispiele)

Godiva

mini|Beschädigter Godiva-Reaktor nach einem Vorfall in dem Jahr 1954. Die drei Teile bilden einen unreflektierten ca. 54 kg "kritische Anordnung" aus hoch-angereichertem (>90 %) 235U. Der Reaktor wurde aus der Distanz bedient; kein Personal wurde verletzt.

RBMK

Bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl kam es durch eine Reihe von Bedienungsfehlern zusammen mit besonderen Eigenschaften des verwendeten Reaktortyps RBMK (zum Beispiel positiver Dampfblasenkoeffizident) zu einer nicht beherrschbaren, plötzlichen Leistungsexkursion, die zur Zerstörung des Reaktors mit Kernschmelze und Freisetzung großer Mengen von radioaktivem Material führte.R. H. Zahoransky (Hrsg.): Energietechnik. 6. Auflage, Springer Vieweg 2013, ISBN 978-3-8348-2279-6, Seite 112

SL-1 mini|Argonne Low Power Reactor (ALPR), später genannt Stationary Low-Power Reactor (SL-1) mini|SL-1 Ausschnitt Beim Abschluss von Wartungsarbeiten am SL-1, einem Versuchsreaktor der US-Army am Idaho National Laboratory, kam es am 3. Januar 1961 zu einer Leistungsexkursion, die drei Techniker das Leben kostete. Der speziell für den Betrieb in entlegenen arktischen Regionen entwickelte minimalistische und auf 93 Prozent hoch angereicherte Reaktor war auf eine Leistung von 3 Megawatt (thermisch) ausgelegt und besaß kaum Schutzvorkehrungen. Laut Untersuchungsbericht wurde der Reaktor beim manuellen Hantieren mit den Kontrollstäben prompt überkritisch und die thermische Leistung stieg innerhalb von 4 Millisekunden auf etwa 20 Gigawatt an. Der in einigen Bereichen schlagartig verdampfende nukleare Brennstoff löste eine Wasserdampfexplosion aus, die das überstehende Wasser nach oben drückte. Der entstehende Wasserhammer traf den Deckel des Reaktorgefäßes, der etwa 2,7 Meter hochgeschleudert wurde. Die in den Deckel eingelassenen Armaturen der Kontrollstäbe wurden ausgeworfen und flogen mit ca. 26 m/s durch den Betriebsraum. Bei den Bergungsarbeiten wurde der dritte Techniker erst relativ spät entdeckt, da er von einer Kontrollstabführung getroffen wurde und sein Körper sich unter der Decke befand. Durch die nun freien Öffnungen im Reaktordeckel schossen Wasser und Dampf in den Betriebsraum und kontaminierten den Bereich mit Spaltprodukten aus dem zerstörten Kern. Auch das Areal um das Reaktorgebäude wurde kontaminiert, da dieser Reaktortyp keinen Sicherheitsbehälter hat. Parallel zu den Aufräumarbeiten ließ die Atomic Energy Commission einen Aufklärungsfilm zur internen Verwendung produzieren, der inzwischen freigegeben wurde. Der englische Film ist im Abschnitt Weblinks zu finden.

Siehe auch Bethe-Tait-Störfall

Literatur

Weblinks

Film: SL-1 Accident (englisch)

Einzelnachweise

Kategorie:Unfallart Kategorie:Reaktortechnik