mini|Nordhausen 1912Von April 1944 bis zum 1. April 1945 griff die US-amerikanische Luftwaffe mehrmals den Fliegerhorst und die Stadt Nordhausen mit insgesamt 296 Tonnen Bomben an.Olaf Groehler: Bombenkrieg gegen Deutschland. Berlin 1990. S. 449 Am 3. und 4. April 1945, eine Woche vor dem Einmarsch der US-Armee, erfolgten dann zwei verheerende Luftangriffe auf Nordhausen durch das Bomber Command der britischen Royal Air Force mit 2.386 Tonnen Bomben. Sie zerstörten über 75 % der Kreisstadt am Südharz und forderten mindestens 8.800 Menschenleben. Es handelte sich um die größte Katastrophe in der tausendjährigen Geschichte von Nordhausen.

Nordhausen vor den Luftangriffen mini|400px|Einwohnerzahl von Nordhausen ab 1800. Deutlich sichtbar der Hochpunkt Anfang 1945 und der Tiefpunkt nach den Bombardements

Die südlich des Harzes gelegene Stadt Nordhausen hatte vor dem Zweiten Weltkrieg 42.000 Einwohner. Durch Ortsfremde (Luftkriegsevakuierte, Flüchtlinge, ausländische Arbeitskräfte, Verwundete und Kriegsgefangene) war deren Zahl Anfang März 1945 auf 65.000 Einwohner angestiegen.Peter Kuhlbrodt (Hrsg.): Schicksalsjahr 1945. Inferno Nordhausen. Nordhausen 1995. S. 20, 33 Insbesondere für Evakuierte aus Berlin, Hamburg und Westdeutschland waren die Stadt Nordhausen und der Kreis als Aufnahmeräume ausgewiesen. Als Garnison hatte Nordhausen keine ältere Tradition. Mitte der 1930er Jahre wurde im Süden der Stadt die große Anlage der „Luftnachrichten-Schule 1“ gebaut, die „Boelcke-Kaserne“, mit Lehrräumen, Unterkünften und Fahrzeughallen. Südlich der Stadt errichtete die Luftwaffe einen Fliegerhorst als Ausbildungsplatz und zeitweise Flugzeugwerft. Bis Mitte März 1945 wurden hier Flugzeuge für den Mistelschlepp („Huckepack“-Flugzeuge) montiert und Piloten dafür geschult. Sonst diente der Fliegerhorst 1945 noch zum Auftanken von Jagdflugzeugen bei Zwischenlandungen. In provisorischen Unterkünften in der Stadt gab es die evakuierte „Marineverwaltung West“. In der Stadt und ihrer nahen Umgebung existierten viele Lazarette mit insgesamt etwa 1.000 Verwundeten. Die Lazarette und Krankenhäuser trugen weithin sichtbare große Rotkreuz-Symbole auf den Dächern. Im Rahmen des Luftschutzes waren auch in der Fachwerkstadt Nordhausen Luftschutzkeller, mit Mauerdurchbrüchen zu Nachbarkellern, ab Spätsommer 1943 öffentliche Luftschutzräume (als eigentlicher Luftschutzbunker wurde nur der Felsenkeller im Gehege bis Februar 1945 fertig ausgebaut), ausbetonierte und abgedeckte Splittergräben und Löschwasserteiche angelegt worden. Es gab ein Flugwarnkommando der Luftwaffe (FLUKO), aber Anfang April 1945 keine nennenswerte Flak- oder Jagdabwehr mehr für die Stadt. Wie überall, waren Betriebe in Nordhausen auf Rüstungsproduktion umgestellt worden.

Das Mittelwerk Dora bei Nordhausen produzierte Anfang April 1945 keine V-Waffen oder andere Rüstungsgüter mehr. Die dort Beschäftigten, darunter Tausende von Häftlingen des KZ Mittelbau und Zwangsarbeitern, wurden evakuiert. Das Werk selber oder seine Verkehrsanbindungen waren nie Ziel alliierter Luftangriffe.

Die frühere Luftnachrichtenschule 1 oder Boelcke-Kaserne wurde seit Herbst 1943 (?) nicht mehr militärisch genutzt. Tausende von Arbeitern, später auch Flüchtlingen fanden dort Unterkunft. Im Südteil richteten die Junkers-Werke eine Flugmotoren-Montage ein, in der größtenteils „Fremdarbeiter“ eingesetzt waren. Seit 8. Januar 1945 befand sich im Nordteil ein bald überfülltes Häftlingslazarett des KZ Mittelbau.Manfred Schröter: Die Zerstörung Nordhausens. Meyenburg-Museum Nordhausen, 1988, S. 6–8 Im Februar kamen zeitweise 3.500 Häftlinge aus dem KZ Groß-Rosen in Schlesien dazu.Walter Geiger: Nordhausen im Bombervisier. Verlag Neukirchner, Nordhausen 2000. S. 258

Frühere Luftangriffe mini|US-Luftbild von Nordhausen 1944. Fliegerhorst am unteren Bildrand, Boelcke-Kaserne mittlerer Bildrand rechts Der erste Fliegeralarm in der Stadt wurde bereits am 4. September 1940 nachts gegeben. Am 26. August 1940 war der Flugplatz zum ersten Mal von zwei Bombern angegriffen worden. Andere Angriffe in der Umgebung der Stadt, wohl „Notabwürfe“ von Bomben, erfolgten ab Sommer 1942.

Am 11. April 1944 gab es durch einen Angriff mit Bordkanonen und Maschinengewehren , notierte die Nordhäuser Luftkriegschronistin Johanna Meyer.Walter Geiger: Nordhausen im Bombervisier. Nordhausen 2000, S. 220 Am 24. August 1944 fielen sechs Luftwaffensoldaten bei einem der häufiger werdenden Angriffe auf den Fliegerhorst. Die 34 – mit Spreng- und Brandbomben angreifenden – Flugzeuge attackierten auch den Bahnhof. Am 13. September 1944 brachte bei Nordhausen ein deutsches Jagdflugzeug eine B-17 „Flying Fortress“ durch Rammen zum Absturz.Fred Dittmann: Fliegerhorst und Luftnachrichtenschule 1 Nordhausen 1935-1945. Bad Langensalza, 2006, S. 141 Am 7. Oktober 1944 warfen 24 amerikanische B-17 „Flying Fortress“ 57 Tonnen Bomben auf den Flugplatz.

Ab Herbst 1944 flogen immer häufiger Jagdbomber Angriffe auf Eisenbahnzüge auch im weiteren Umfeld von Nordhausen. So zerstörten am 21. Februar 1945 Jagdbomber durch Bordwaffenbe-schuss einen voll besetzten D-Zug zwischen Berga-Kelbra und Aumühle, 40 Menschen waren auf der Stelle tot.Peter Kuhlbrodt: Schicksalsjahr 1945. Inferno Nordhausen. Nordhausen 1995, S. 17–18 Durch Angriffe von Tieffliegern gab es immer häufiger zivile Tote bei Nordhausen.

Am 22. Februar 1945 richteten 30 schwere amerikanische Bomber vom Typ B-24 „Liberator“, deren Ziel der Verschiebebahnhof gewesen sein soll,Walter Geiger: Nordhausen im Bombervisier. Nordhausen, 2000. S. 100 beträchtliche Zerstörungen in der östlichen Unterstadt an, an Wohngebäuden und auf Betriebsgelände. Der Angriff erfolgte im Rahmen der anglo-amerikanischen Operation Clarion gegen Verkehrsziele in Deutschland. Für 48 der 51 Toten fand eine öffentliche Trauerfeier auf dem Neuen Friedhof am Schlageter-Ring (Stresemann-Straße) statt.

Am 1. April 1945, Ostersonntag, erzielte ein US-Jagdbomber einen Volltreffer auf das Hotel „Hessischer Hof“ und ein Nachbarhaus. Es starben 30 Zivilisten und Marine-Offiziere.Manfred Schröter: Die Zerstörung Nordhausens. Meyenburg-Museum Nordhausen, 1988, S. 8–17

Die Zahl der Luftalarme in Nordhausen hatte bis Anfang April 1945 auf 861 zugenommen, davon alleine im März 174 Alarme, täglich 5 bis 6.Walter Geiger: Nordhausen im Bombervisier. Nordhausen, 2000, S. 57 Über Nordhausen führte eine Hauptroute der zunehmenden alliierten Bomberströme nach Berlin und in das mitteldeutsche Industriegebiet. Das erklärt die meisten der vielen Luftalarme, die die Bevölkerung Tag und Nacht nicht mehr zur Ruhe kommen ließen.

Vorbereitungen auf den „Doppelschlag“ und Angriffsbefehl Bereits Ende 1944 hatten britische Fernaufklärer nachts unter tagheller Beleuchtung durch Magnesiumbomben die Stadt und ihre Umgebung sorgfältig aus der Luft fotografiert.Manfred Schröter: Die Zerstörung Nordhausens. Nordhausen 1988, S. 55 Ende März 1945 wurde dann vom Supreme Headquarters Allied Expeditionary Force (SHAEF) der Befehl zum Luftangriff auf Nordhausen an das Bomber Command der Royal Air Force erteilt.Manfred Schröter: Die Zerstörung Nordhausens. Meyenburg-Museum Nordhausen, 1988, S. 54–55 Luftmarschall Arthur Harris befahl am 2. April für einen Doppelschlag an zwei Tagen.Walter Geiger: Nordhausen im Bombervisier. Nordhausen 2000, S. 108–109 3.466 britische Soldaten kamen als fliegendes Personal zum Einsatz, 14 im Alter von 22 Jahren kamen durch Absturz ums Leben. Zweck des Angriffs war: To kill military and Nazi personal evacuted from Berlin to these baracks and the town of Nordhausen (gemeint das Areal der Boelcke-Kaserne).Walter Geiger: Nordhausen im Bombenvisier. Nordhausen 2000, S. 121

Der Großangriff am 3. April 1945 mini|Britische Avro Lancaster beim Abwurf eines Blockbuster: 4000-Pfund-Minenbombe und von Stabbrandbomben (1944) mini|Britische Sprengbomben, darunter auch eine Minenbombe HC 4000 256 Bombenflugzeuge der No. 1 und No. 8 Group der RAF, darunter 247 schwere, viermotorige Avro Lancaster (Tragfähigkeit je 6 Tonnen Bombenlast) und 9 schnelle Mosquito-Leichtbomber (je eine Tonne Bombenlast) starteten am 3. April 1945 in England. Beteiligt war auch eine polnische Staffel mit 14 Maschinen.Walter Geiger: Nordhausen im Bombervisier. Nordhausen 2000, S. 121 Begleitet wurden die Bomber von 17 Begleitjäger-Staffeln. 220 Bombenflugzeuge erreichten ihr Ziel Nordhausen und warfen von 16:15 bis 16:25 Uhr 2.690 Sprengbomben ab.Walter Geiger: Nordhausen im Bombervisier. Nordhausen, 2000. S. 149 Die Maschinen flogen relativ niedrig, die Nordhäuser konnten das Öffnen der Bombenschächte sehen. Vorausgegangen war das Setzen von Zielmarkierungen über der Boelcke-Kaserne mit Magnesium-Leuchtzeichen („Christbäume“) durch Führungsmaschinen. Den Hauptschlag führte ein Pulk von 191 Lancaster-Bombern, der aus Richtung Kyffhäuser einflog. Nach vielen Fehlwürfen auf das Gebiet zwischen Bielen und Nordhausen zerstörten diese besonders den gesamten südöstlichen Quadranten der Stadt. Dazu gehörte als Hauptziel die Boelcke-Kaserne (die vor allem mit kranken Häftlingen belegt war).Manfred Schröter: Die Zerstörung Nordhausens. Meyenburg-Museum Nordhausen, 1988, S. 49, 54 Das Kriegstagebuch des britischen Bomber Command schreibt dazu: “...to attack what were believed to be military barracks near Nordhausen. Unfortunately, the barracks housed a large number of concentration camp prisoners and forced workers ...The bombing was accurate and many people in the camp were killed; the exact number is not known.” Martin Middlebrook und Chris Everitt: The Bomber Command War Diaries. Midland. 2011. S. 691/692 Ein Teil der Überlebenden flüchtete in die Umgebung. Die Stadt war durch Zerstörung der Infrastruktur ohne Strom, damit auch ohne Sirenen, und ohne Leitungswasser. Die Dächer waren abgedeckt, die Fenster zersplittert. Die Verletzten wurden gesammelt und nach Neustadt und Sülzhayn gebracht, die Ausgebombten erhielten Notquartiere in der Stadt selbst und ihrer Umgebung. Viele Nordhäuser flüchteten aus der Stadt in zwei Stollen der unterirdischen Anlagen von Mittelbau Dora im Kohnstein bereits am 3. April Geflüchtete, später wurden es 10.000. Das Stadtkrankenhaus war beschädigt, die Patienten wurden in Notkrankenhäuser in das benachbarte Petersdorf gebracht, vor allem in das Ausflugsrestaurant Harzrigi.Manfred Schröter: Die Zerstörung Nordhausens. Meyenburg-Museum Nordhausen, 1988, S. 22 f. Bomben fielen auch auf mehrere benachbarte Dörfer und deren Flur, besonders betroffen war Bielen. Zwei Bomber gingen auf Hin- und Rückflug verloren.

Der Großangriff am 4. April 1945 mini|Rathaus (1945 ausgebrannt), dahinter Marktkirche St. Nikolai (1945 zerstört) mini|Rautenstraße (1945 zerstört, Häuser abgetragen) mit Stadthaus (1945 ausgebrannt)