Hulbuk (, ) war eine mittelalterliche Stadt an der Stelle des heutigen Dorfes Kurbon Schahid (Курбон Шаҳид, auch Pingan) in der tadschikischen Provinz Chatlon. Vom 9. Jahrhundert bis zum Anfang des 11. Jahrhunderts war Hulbuk unter der Oberherrschaft der Samaniden und ab 1024 unter den Ghaznawiden die Hauptstadt der Provinz Chuttal (Khuttalan) und gehörte zu den größten Städten in Zentralasien. 1064 schlugen die Seldschuken einen Aufstand nieder und zerstörten die Stadt, die im 12. Jahrhundert aufgegeben wurde.
In der Zitadelle wurden von 1953 bis 1991 und erneut seit 2003 mehrere, bis in das 5./6. Jahrhundert zurückreichende Bauphasen einer Palastanlage einschließlich einer Moschee und herrschaftliche Wohngebäude ausgegraben. Der 70 Hektar große städtische Wohnbereich um den Zitadellenhügel ist nur ansatzweise erforscht, dafür wird seit 2004 die weitgehend verschwundene Umfassungsmauer der Zitadelle nach ihrer mutmaßlichen einstigen Form rekonstruiert. mini|hochkant=1.3|Rekonstruierte Umfassungsmauer der Zitadelle. Südwestliche Schauseite
Lage
Kurbon Schahid liegt im Distrikt (nohija) Wose (Восеъ) rund 175 Kilometer südöstlich der Landeshauptstadt Duschanbe. Die Fernstraße A385 führt über Wahdat an Norak vorbei durch Danghara und erreicht knapp 60 Kilometer danach Kurbon Schahid. Der nächste, etwas größere Distrikthauptort Wose folgt acht Kilometer östlich. Weitere 19 Kilometer östlich von Wose liegt die Stadt Kulob. Die A385 biegt sechs Kilometer westlich von Kurbon Schahid nach Süden zur Kleinstadt Farchor (Parkhar) am Fluss Pandsch ab, der über eine weite Strecke die Grenze zu Afghanistan bildet. Direkt im Ort zweigt eine Nebenstraße zu einigen Dörfern in ein Hügelgebiet nach Norden ab.
Der östliche Teil der Provinz Chatlon ist überwiegend bergig mit einigen fruchtbaren Talebenen dazwischen. In den bis über 3000 Meter hohen Wachsch-Bergen im Nordosten entspringt der Kizilsu, fließt am südlichen Ortrand vorbei und mündet nach 25 Kilometern in den Pandsch. Kurbon Schahid liegt auf etwa 480 Metern Höhe in der an dieser Stelle sieben Kilometer breiten Flussebene; die Hügel im Norden bilden mit etwa 1000 Metern Höhe die Ausläufer der Wachsch-Berge. Die baumlosen, nur mit Gras bewachsenen Hügel dienen als Weideland, während auf den bewässerten Feldern der Ebene überwiegend Baumwolle, Weizen und Mais angebaut wird. In südöstlicher Richtung ist der sechs Kilometer entfernte, 1334 Meter hohe Salzberg Chodscha Mumin zu sehen, den bereits Marco Polo (1254–1324) beschrieb und der nach Schätzungen über 30 Milliarden Tonnen Salz enthält. Tourism Authority of Tajikistan
1932 war eine Bahnlinie von der usbekischen Stadt Termiz nach Qurghonteppa fertiggestellt. Deren Weiterführung von Qurghonteppa über Kurbon Schahid und Wose nach Kulob wurde 1956 in Betrieb genommen. Sie dient zum Abtransport von Baumwolle und Salz aus dieser Region.M. V. Hambly: Road vs. Rail. A Note on Transport Development in Tadzhikistan. In: Soviet Studies, Vol. 19, No. 3. Januar 1968, S. 421–425, hier S. 422f
mini|Wohnhäuser an der Durchgangsstraße gegenüber der Zitadelle Im Mittelalter gehörte Hulbuk zur Provinz Chuttal innerhalb des in der Antike Transoxanien und von den Arabern im Mittelalter mā warāʾan-nahr benannten Gebietes. Chuttal lag – wie die geographischen Bezeichnungen beinhalten – jenseits (nördlich) des antiken Oxus (heute Amudarja, in diesem Bereich Pandsch), begrenzt im Westen entlang des Wachsch von den Provinzen Wachsch und Kubodijon, nach denen die heutigen Städte Wachsch und Kubodijon benannt sind, nordwestlich von Chaghaniyan und im Osten von Darwos (Darvaz). Zeitweilig erstreckte sich der Machtbereich Chuttals vom Tal des Kizilsu bis zum Tal des Wachsch.Boris A. Litvinsky: The Hephthalite Empire. In: Boris A. Litvinsky (Hrsg.): History, S. 146 Während der Herrschaft der Mongolen und Timuriden war Chuttal für die Pferdezucht und die Herstellung von Pferdesätteln berühmt. Der Provinzname Chuttal wurde im Lauf des 16. Jahrhunderts zugunsten von Kulob aufgegeben, wie der heutige östliche Distrikt heißt.Clifford Edmund Bosworth: Ḵottal. In: Encyclopædia Iranica
Die Provinz Wachsch mit der Hauptstadt Chelawerd, die bis zum 8. Jahrhundert existierte (heutiger Name des Siedlungshügels Kafirkala, in Kolchosobod), war politisch mit Chuttal verbunden. Ab dem 10. Jahrhundert hieß ein anderer Ort in der Provinz Wachsch Chelawerd (Khelaverd, Halaward, später Lagman), er lag beim heutigen Dorf Uzun nahe Kolchosobod. Die Stadt Lewkand (heute Wachsch, westlich von Hulbuk) lag eine Tagesreise nordöstlich von Halaward. In zwei Tagesreisen von Hulbuk Richtung Nordosten war Munk (heute Chowaling, Khovaling) zu erreichen.Vasily Vladimirovich Barthold: Turkestan Down to the Mongol Invasion. Second Edition. Messrs. Luzac and Company, London 1958, S. 69 Hulbuk lag nicht an einer Handelsroute, stand aber mit den großen Marktstädten Balch (im Norden Afghanistans) und Tirmidh (Termiz in Usbekistan) in Verbindung. Die Entfernung auf den alten Handelswegen betrug nach Balch 250 Kilometer über Tirmidh. Von Balch folgte die Straße dem Amudarja nach Nordwesten bis Amul (Türkmenabat in Turkmenistan) und bog dort in nördlicher Richtung nach Buchara ab. Es gab eine von Merw über Balch kommende Verbindung, die nach Osten zur historischen Provinz Darwos und durch Berg-Badachschan bis China führte. Andere Waren kamen aus dem Irak der Abbasiden.Pierre Siméon: Hulbuk, 2012, S. 389f, 407
Geschichte Chuttal gehörte im 6. Jahrhundert zum Machtbereich der Hephthaliten. Die lokalen Herrscher trugen den persischen Titel chuttal-schah oder scher-i chuttal.Boris A. Litvinsky, M. H. Zamir Safi: The Later Hephthalites in Central Asia. In: Boris A. Litvinsky (Hrsg.): History, S. 177 Die Eroberung der antiken Region Baktrien durch die muslimischen Umayyaden begann Mitte des 7. Jahrhunderts mit einem Feldzug nach Tirmidh, 654 erreichten sie Sogdien und 675/676 eroberten sie Chuttal. Arabische Autoren nannten das heute Nordafghanistan, den Südosten Usbekistans und den Südwesten Tadschikistans umfassende Gebiet Tocharistan. 681 überwinterte erstmals ein arabischer Feldherr mit seinen Truppen nördlich des Oxus.Étienne de La Vaissière: Sogdian Traders. A History. (Handbook of Oriental Studies. 8. Abteilung: Central Asia, Band 10) Brill, Leiden/Boston 2005, S. 265f Es gab in dieser Zeit mehrfach Widerstand der lokalen Herrscher von Chuttal. Das Reich Chuttal, das seit der Zeit der späten Hephtaliten eigene Münzen herausgab, besaß eine schlagkräftigere Armee als etwa Badhghis weiter südlich (vgl. Provinz Badghis in Nordafghanistan), das sich früh den Arabern unterwarf.J. Harmatta, Boris A. Litvinsky: Tokharistan and Gandhara under Western Türk rule (650–750). In: Boris A. Litvinsky (Hrsg.): History, S. 382 Wie at-Tabarī berichtet, schlossen sich die Fürsten von Chuttal, Buchara und Chaghaniyan mit Tarkan Nizak, dem turkischen Herrscher über Tocharistan zu einem Gegenangriff auf die Umayyaden in Tirmidh zusammen. 726 eroberten die Umayyaden Chuttal einschließlich Hulbuk und darüber hinaus Transoxanien bis zur Grenze am Syrdarja im Ferghanatal. Sie errangen die Oberherrschaft, ohne die Gebiete, in denen viele Türken lebten, vollständig unter ihre Kontrolle zu bringen. At-Tabarī nennt eine Reihe von lokalen Herrschern (arabischer Erbtitel mālik, Plural mulūk, „König“) in Chuttal bis zum Jahr 750/751, als der Gouverneur von Balch, Abū Dāwūd Chālid ibn Ibrāhīm, den Herrscher aus Hulbuk entfernen ließ. Dieser floh zunächst in ein turkisches Gebiet und später nach China. Aus der Mitte des 8. bis zur Mitte des 9. Jahrhunderts gibt es keine Quellen zu Hulbuk.
Ab 850 beherrschten die Samaniden den Westen Transoxaniens vom Ferghanatal über Samarqand bis nach Herat, während Chuttal im 9. und 10. Jahrhundert von der vermutlich aus dem Iran stammenden, kurzlebigen Dynastie der Banijuriden kontrolliert wurde, über deren Herrscher nur wenig vor allem von Münzfunden bekannt ist.Vgl.: Vladimir N. Nastich: A Survey of the Abbasid Copper Coinage of Transoxania. Zu ihrem Einflussbereich gehörten auch, wie namentlich auf Silbermünzen festgehalten, südlich des Amudarja das Gebiet Andarab (heute ein Distrikt in der Provinz Baglan),Jere J. Bacharach: Andarāb and the Banījurīds. In: Afghanistan Journal, Jg. 3, Heft 4, 1976, S. 147–150 außerdem die benachbarten Gebiete Taloqan, Balch und Panjshir. Anfang bis Mitte des 10. Jahrhunderts waren die Banijuriden selbst Vasallen der Samaniden, jedoch offensichtlich mit einem besonderen Status, da sie eigene Münzen prägten und keine Abgaben zahlten. Als Reaktion auf einen Aufstand der Chaghaniyan im Bund mit den Banijuriden brannte der Samanidenherrscher Nuh ibn Nasr (reg. 943–954) im Jahr 948 den Palast der Chaghaniyan nieder und zerstörte um diese Zeit wahrscheinlich auch den 200 Kilometer entfernten, ersten Palast der Banijuriden in Hulbuk. Eine Brandschicht lässt sich durch Keramikfunde auf einen terminus ante quem Mitte 10. Jahrhundert festlegen und durch Münzen auf die drei Jahrzehnte vor 930 weiter eingrenzen.
Nach der Auflösung des Emirats der Samaniden eroberten die Ghaznawiden 1024 unter Sultan Mahmud von Ghazni (reg. 997–1030) Chuttal. Der ismailitische Dichter Nāsir-i Chusrau (1004–1072/78) schrieb, Mahmud habe den Fürsten von Chuttal mit seinem Kriegselefanten niedergetrampelt.Michael Fedorov: New Data on the Appanage Rulers of Khuttalān and Wakhsh. In: Iran, Vol. 44, 2006, S. 197–206, hier S. 201 Die Familie der Banijuriden scheint dennoch die Eroberung und den Brand überstanden und auch unter den Ghaznawiden bis zum ersten Viertel des 11. Jahrhunderts weiterexistiert zu haben, wie Münzfunde belegen. Eine Schwester Mahmud von Ghaznis wurde mit einem Gouverneur von Hulbuk verheiratet, was für einen besonderen Status der Familie unter den Ghaznawiden spricht.Pierre Siméon: Hulbuk, 2012, S. 388–390
Seit der abbasidischen Zeit (ab 750) wurde die religiöse Erziehung zu einer eigenständigen Disziplin. Laut dem persischen Historiker Abu'l-Fadl Bayhaqī (995–1077) gab es im 11. Jahrhundert in Chuttal über 20 Madrasas, in Balch soll es zum Vergleich mehrere 100 gegeben haben. Davon blieb in der Region Chuttal einzig Chodscha Maschhad südlich von Schahritus erhalten, wenn auch nur als Denkmal.A. K. Mirbabaev, P. Zieme and Wang Furen: The development of Education: Maktab, Madrasa, Science and Pedagogy. In: C. E. Bosworth, M. S. Asimo (Hrsg.): History of Civilizations of Central Asia. The age of achievement: A.D. 750 to the end of the fifteenth century. Volume IV. (Multiple History Series) UNESCO Publishing, Paris 2000, S. 39