mini|Michael Thonet (um 1855) Michael Thonet (* 2. Juli 1796 in Boppard; † 3. März 1871 in Wien) war ein deutsch-österreichischer Tischlermeister und Gründer der Gebrüder Thonet Bugholzmöbel-Fabrik in Wien. Thonet gilt weltweit als ein Pionier der Möbelproduktion und des Möbeldesigns.
Biografie Thonet war der Sohn des Gerbermeisters Franz Anton Thonet, der wie seine Ahnen aus Andernach stammte und 1796 nach Boppard übersiedelte. Im Kirchbuch war zunächst der französisch klingende Name „Donet“ eingetragen. Es wird vermutet, dass die Verdeutschung des Namens in Thonet erfolgte, um sich von den Franzosen zu distanzieren, die seinerzeit das Rheinland annektiert hatten.Welf Grombacher: Pionier des Designs. In: Märkische Oderzeitung. 27./28. Februar 2021, Journal S. 2.
Nach einer Tischlerlehre machte sich Thonet 1819 als Bau- und Möbeltischler selbstständig. Ein Jahr später heiratete er Anna Grahs. Mit ihr hatte er sieben Söhne, von denen zwei allerdings bereits im Kleinkindalter starben. Auch seine sechs Töchter überlebten das Kleinkindalter nicht.
Thonets Arbeit – zunächst nach hergebrachten Methoden konstruierte Möbel im Stil des Biedermeier – wurde geschätzt, und seine Produkte fanden auch in den benachbarten Städten am Rhein und im ganzen Moselgebiet Käufer. Von Anfang an war er um Qualität und Innovationen bemüht. Um 1830 begann Thonet mit Versuchen, Möbel aus verleimten und gebogenen Holzleisten herzustellen. 1836 hatte er mit dem Bopparder Schichtholzstuhl einen ersten Erfolg. Den für diese Arbeitsweise benötigten Leim lieferte die Michelsmühle aus Boppard. Versuche, sich sein Verfahren patentieren zu lassen, scheiterten 1840 in Preußen sowie 1841 in Großbritannien, Frankreich und Russland. Vor ihm hatten bereits Samuel Gragg 1808 und Jean-Joseph Chapuis 1815 Stühle aus gebogenen Holzteilen hergestellt.
Auf der Koblenzer Gewerbeausstellung im Jahre 1841 machte Thonet die Bekanntschaft von Fürst Klemens Wenzel Lothar von Metternich. Dieser soll, von den Möbeln begeistert, zu Thonet gesagt haben: „In Boppard werden Sie immer ein armer Mann bleiben. Kommen Sie nach Wien.“ Thonet nahm die Einladung an den kaiserlichen Hof nach Wien an und konnte schon im darauf folgenden Jahr seine Möbel, speziell seine Stühle, dem Kaiserhaus vorstellen.
Als der Betrieb in Boppard in eine finanzielle Krise geriet, wurde Thonets Eigentum gepfändet und versteigert. Thonet wanderte samt seiner Familie 1842 nach Wien aus. Zunächst fertigte er dort nur billige Stühle für den Möbelhändler Clemens List, die guten Absatz fanden. Auf dessen Empfehlung hin nahm er Kontakt zum englischen Architekten Peter Hubert Desvignes auf, der ihn an die Werkstatt Leistler empfahl. In den Jahren 1843 bis 1846 arbeitete Thonet gemeinsam mit seinen Söhnen für den Betrieb Carl Leistler an der Innenausstattung des Stadtpalais Liechtenstein. mini|Bugholzstühle von Michael Thonet 1836–1851, links der „Bopparder Stuhl“ (1836–1840) Ab dem Jahre 1849 wagte er wieder selbständig zu arbeiten und gründete eine eigene Werkstätte, die er bereits 1853 in einem Gesellschaftsvertrag an seine Söhne als zukünftige Inhaber übertrug. Er behielt in der Firma Gebrüder Thonet aber bis zu seinem Tode die oberste Leitung.
Bereits 1850 entstand sein Stuhl Nr. 1. Bei der Great Exhibition – der Londoner Industrieausstellung 1851 – erhielt Thonet für seine Vienna bentwood chairs eine Bronzemedaille und schaffte damit seinen internationalen Durchbruch. Bei der Weltausstellung Paris 1855 erreichte er eine Silbermedaille. Er verbesserte ständig seine Produktionsmethoden. So gelang ihm 1855 erstmals das Biegen von Massivholz. 1856 eröffnete Thonet eine weitere Fabrik in Koritschan in Mähren. Zum Fabrikgelände gehörten ausgedehnte Buchenwälder, die große Bedeutung für die Fabrikation hatten. Zudem war gegenüber dem Standort Wien die große Menge an ungelernten und damit billigen Arbeitskräften ein wichtiger Standortfaktor. hier: S. 43 f.
Der 1859 entwickelte Stuhl Nr. 14 – besser bekannt als Konsumstuhl Nr. 14 – gilt bis heute als „Stuhl aller Stühle“; bis 1930 wurden davon ca. 50 Mio. Stück produziert und verkauft. Die Firma Gebrüder Thonet erzielte mit diesem Entwurf bei der Weltausstellung Paris 1867 eine Goldmedaille.
Am 10. Januar 1862 starb Thonets Frau Anna. Thonet vergrub sich noch mehr in seine Arbeit und war auch in der Folge an allen Geschäftsgründungen und Neuentwicklungen maßgebend beteiligt. Nach Aussagen von Besuchern und Mitarbeitern hielt er sich oft in seinem Arbeitsanzug auf dem Betriebsgelände auf, was gelegentlich zu Verwechslungen führte: In Anekdoten wird berichtet, dass er auf die Frage nach der Firmenleitung Besucher immer an seine Söhne verwies, ohne selbst erkannt zu werden.
Kaiser Franz Joseph I. zeichnete Michael Thonet mit dem Goldenen Verdienstkreuz mit der Krone sowie mit dem Ritterkreuz des Franz-Joseph-Ordens aus.Gebrüder Thonet. In: Die Gross-Industrie Oesterreichs. S. 326. mini|Gruft der Familie Thonet auf dem Wiener Zentralfriedhof Gegen Ende des Jahres 1870 zog sich Thonet bei der Besichtigung eines Waldes in Ungarn eine Erkältung zu, von der er sich nicht mehr erholte. Im Alter von 75 Jahren starb Michael Thonet am 3. März 1871 in Wien. Zu diesem Zeitpunkt unterhielt die Fa. Gebrüder Thonet Verkaufsstellen in Barcelona, Brüssel, Bukarest, Chicago, Frankfurt am Main, Graz, Hamburg, London, Madrid, Marseille, Moskau, New York, Neapel, Odessa, Paris, Prag, Rom und Sankt Petersburg sowie zahlreiche Fabrikationsstätten, vor allem in Mittel- und Osteuropa.
Seine erste Grabstätte befand sich auf dem Sankt Marxer Friedhof in Wien. 1888 wurde Thonet in die Familiengruft auf dem Wiener Zentralfriedhof umgebettet. Auf dem Friedhof von Koritschan (heute Koryčany, Tschechien) befindet sich ebenfalls eine „Grabstätte der Familie der Thonets“ (tschechisch: Hrobka rodiny Thonetů).
Auch nach dem Tod Michael Thonets wuchsen sein Unternehmen und die entstandene Bugholzmöbelindustrie weiter: Um das Jahr 1900 betrieben in Österreich-Ungarn und außerhalb 52 Firmen in mehr als 60 Fabriken die Erzeugung von Möbeln aus gebogenem Holz. In Österreich-Ungarn allein beanspruchte diese Industrie die regelmäßige forstwirtschaftliche Nutzung von 150.000 ha Buchenwaldungen. Bugholzmöbel wurden in alle Welt exportiert und etwa 30.000 Menschen fanden auf diesem Erwerbsgebiet Beschäftigung.
Im Jahr 1953 wurde nach Michael Thonet die Thonetgasse im 22. Wiener Gemeindebezirk Donaustadt benannt.
Wirken mini|Produktion in Bistritz am Hostein in der Tschechoslowakei, 1930 Im Jahre 1819 gründete Michael Thonet seinen Einmannbetrieb, der bald durch seine Qualitätsarbeit weithin bekannt wurde. Auf erste systematische Experimente mit neuen Verarbeitungstechniken schlossen sich 1830 erfolgreiche Formversuche mit Furnierschichten und im Leim gekochten Stäben an. 1841 meldete er ein Patent für die Bugholztechnik in Frankreich, England und Belgien an. Thonet beteiligte sich an der Ausstellung von Versuchsarbeiten in Koblenz. Der Staatskanzler Fürst Metternich, der selbst aus Koblenz stammte, wurde auf Thonet aufmerksam und ermunterte ihn zur Umsiedlung nach Wien.
Thonet unternahm 1842 eine Reise nach Wien und erlangte dort ein Patent der k.k. Hofkammer Wien: «Jede, selbst die sprödeste Gattung Holz auf chemisch-mechanischem Wege in beliebige Formen und Schweifungen zu biegen.» Die teuren, 1841 beantragten Auslandspatente brachten finanzielle Rückschläge. Thonet nahm an der „Allgemeinen Industrie-Ausstellung“ in Mainz teil und beschäftigte in seiner Werkstatt 20–25 Arbeiter. Nach der Umsiedlung der Familie nach Wien begann eine Zusammenarbeit mit dem Wiener Möbelhändler Clemens List. Die Produktion preiswerter Stühle führte zu gutem Absatz. 1843 begann die Zusammenarbeit mit dem englischen Architekten P. H. Desvignes.
In den Jahren 1843–1846 folgte die Ausstattung des Palais Liechtenstein mit Parkett unter Leitung der Werkstatt von Karl Leistler nach einem Entwurf von P. H. Desvignes. 1849 war das Ende der Arbeit für Leistler und Thonet machte sich in Wien zusammen mit seinen Söhnen selbstständig. Sein Gönner P. H. Desvignes unterstützte ihn über zwei Jahre mit regelmäßigen wöchentlichen Geldvorschüssen. Das Café Daum am Kohlmarkt in Wien wurde mit dem Sessel Nr. 4 aus Mahagoni, dem sprichwörtlichen Wiener Kaffeehausstuhl möbliert. Dieser wurde dann 1876 gegen den inzwischen ausgereiften Serientyp Nr. 14 ausgetauscht. Das Hotel „Zur Königin von England“ in Pest (Buda-Pest) orderte 400 Sessel aus hellem Eschenholz.
Der Stuhl Nr. 4 wurde 1850 im „Niederösterreichischen Gewerbeverein“ ausgestellt und erweckte allgemeines Interesse. Bei der die Weltausstellung in London 1851 im Kristallpalast von Joseph Paxton erhielt der Stuhl die Prämierung mit der großen Bronzemedaille – der höchsten Auszeichnung für Industrieprodukte. Die Ausstellungsstücke kaufte P. H. Desvignes für seinen Landsitz in Lewisham bei London an, die nach seinem Tode im Jahre 1883 von der Familie Thonet wieder zurückgekauft wurden. mini|Thonet-Brunnen in Gedenken an Michael Thonet auf dem Bopparder Marktplatz Michael Thonet beantragte 1852 für seine fünf Söhne das Patent „Dem Holze durch Zerschneiden und Wiederzusammenleimen jede beliebige Biegung und Form in verschiedener Richtung zu geben“, welches bis zum 28. Juli 1864 verlängert wurde. Die erste Verkaufsniederlassung öffnete in der Strauchgasse, im Palais Montenuovo (Wien). 1853 erfolgte aus Platzgründen die Umsiedlung in die zu Gumpendorf gehörige Mollardmühle. Die Firma Thonet beschäftigte 42 Arbeiter (neun Tischler, einen Drechsler, acht Furnierschneider (Handbetrieb), zwei Leimer, acht Raspler, zwei Beizer, zehn Polierer und zwei Zusammenschrauber). Die Rohrgeflechte wurden in Heimarbeit hergestellt. Die erste Dampfmaschine mit vier PS wurde in der Produktion eingesetzt, und erste Lieferungen gingen ins Ausland. Am 1. November 1853 übertrug Michael Thonet das Geschäft auf seine fünf Söhne: Franz, Michael, August, Josef und Jakob Thonet.
1854 wurden auf der inoffiziellen Weltausstellung in München unter anderem die bereits serienmäßig hergestellten Stuhlmodelle Nr. 2 und Nr. 3 gezeigt.
1855 nahm er an der Weltausstellung in Paris (mit preiswerten „Consummöbeln“) teil und bekam erste Exportaufträge aus Frankreich und Südamerika. 1856 wurde Thonet und seinen Söhnen die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen. Es folgte die Erteilung des Patents „Auf die Anfertigung von Sesseln und Tischfüßen aus gebogenem Holze, dessen Biegung durch Einwirkung von Wasserdämpfen oder siedenden Flüssigkeiten geschieht“. Dieses blieb bis zum 10. Dezember 1869 in Kraft, bis es durch Verzicht endete. Das Unternehmen baute das Zweigwerk in Koritschan zur Fertigung von Halbfabrikaten, die im Stammhaus in Wien montiert wurden.
Im Jahre 1857 kamen erste Fertigprodukte aus dem Werk in Koritschan zur Produktion von aus Einzelteilen zusammenschraubbarer Möbel für den Export auch in tropische Länder. 1858 wurde die Wiener Fabrik in der Mollardgasse aufgelöst. 1859 begann die Produktion mit Hilfe neuartiger Stahlschienen, die eine exakte Biegung massiver Holzstäbe ermöglichten. Der Stuhl Nr. 14 wurde ins Programm aufgenommen und im Werk in Koritschan produziert. Er wurde zum meistfabrizierten Modell, bis 1930 waren 50 Millionen hergestellt.
1860 ließ Thonet ein für das Militär interessantes Nabenrad mit Speichen patentieren, dem zwar eine große Aufmerksamkeit, aber kein finanzieller Erfolg beschieden war. Die Länder Preußen, England und Frankreich umgingen die Patentgebühren, indem sie vorgaben, ein solches Rad schon konzipiert zu haben. Der erste Schaukelstuhl aus gebogenem Holz wurde in Koritschan produziert. Er wurde ein großer Verkaufserfolg und löste die schweren Modelle aus Metall ab, die bislang ohne großen Erfolg auf dem Markt waren. Im Jahre 1860 beschäftigte die Fabrik Koritschan circa 300 Arbeiter und produzierte täglich circa 200 Stühle und Möbelstücke.