Cyberfeminismus ist ein feministischer Ansatz, der die Beziehung zwischen Cyberspace, Internet und Technologie in den Vordergrund stellt. Der Begriff kann sich auf Philosophien, Methoden, künstlerische Praktiken oder Gemeinschaften beziehen. Der Begriff wurde Anfang der 1990er Jahre geprägt, um feministische Praxen zu beschreiben, die das Internet, den Cyberspace und neue Medientechnologien im Allgemeinen theoretisieren, kritisieren, erforschen und neu gestalten wollen.

Die Entstehung des cyberfeministischen Denkens wird Donna Haraways A Cyborg Manifesto, der dritten Welle des Feminismus, dem poststrukturalistischen Feminismus, der Riot-Grrrl-Kultur und der feministischen Kritik an der angeblichen Auslöschung von Frauen in Diskussionen über digitale Technologien zugeschrieben. Angetrieben in den 1990ern durch die Verbreitung des Internets als Massenkommunikationsmittel.

Überblick Ein zentrales Anliegen des Cyberfeminismus als kritischer Diskurs im akademischen und künstlerischen Bereich ist es, das Körperliche in die Technologie zurückzubringen. Dabei geht es nicht nur um einen subversiven Umgang mit maskuliner Identität im digitalen Raum, sondern vor allem um die Kreation einer Vielzahl neuer Subjektivitäten.

In den Anfängen des Cyberfeminismus wurden digitale Technologien als Chance gesehen, die Gesellschaft zu verändern und herkömmliche Gender-Rollen zu kritisieren. Ein In diesem Sinne fordern die cyberfeministischen Theorien und Praxen die hierarchischen Machtbeziehungen zwischen Männern und Frauen in der Informations-Technologie heraus, erforschen das wechselseitige Verhältnis von Frauen und digitalen Medien und verweisen auf die Schaffung von Netzwerken und die Eroberung von Räumen im Cyberspace, die aus der Entwicklung neuer Partizipationsformen hervorgehen.Susan Hawthorne, Renate Klein (Hrsg.): CyberFeminism: Connectivity, Critique, and Creativity. Spinifex Press, Melbourne 1999, ISBN 1-875559-68-X.Mary Flanagan, Austin Booth (Hrsg.): Reload. Rethinking Women + Cyberculture. MIT Press, Cambridge 2002, ISBN 0-262-56150-6.

Cyberfeminismus benötigt notwendigerweise eine dezentralisierte, vielschichtige und mitbestimmungsorientierte Praxis, in welcher viele verschiedene Strömungen nebeneinander existieren können.switch.sjsu.edu: (englisch)

Verhältnis zum Technofeminismus Die Begriffe Cyberfeminismus und Technofeminismus haben viele Schnittstellen, sind aber auch auf unterschiedliche Ansätze zurückzuführen. Während Technofeminismus einen breiteren, interdisziplinären Ansatz beschreibt, der sich allgemein auf Technologien und deren Verhältnis zu Geschlecht bezieht, hat Cyberfeminismus einen spezifischeren Fokus auf digitale Technologien und den Cyberspace als Möglichkeitsraum. Technofeminismus verbindet Feminismus mit politischer Technikkritik und fragt: Von wem und für wen Technologie gestaltet wird? Der Cyberfeminismus, wird insbesondere von künstlerischen Positionen geprägt, die sich oftmals zur Aufgabe machten, den Begriff möglichst fluide und offen zu halten und immer wieder neu zu besetzen. Die Begriffe Cyberfeminismus sowie Technofemininismus müssen jeweils im Kontext gelesen werden. Cyberfeminismus findet seit seiner Entstehung weltweit in zahlreichen feministischen aktivistisch und künstlerisch arbeitenden Gruppen Anwendung und wird jeweils in unterschiedliche Richtungen ausgelegt und weitergedacht. Der Begriff Technofeminismus wird allgemein der Soziologin und feministischen Wissenschaftlerin Judy Wajcman zugeschrieben. Wajcman führte das Konzept in ihrem einflussreichen Buch „TechnoFeminism“ aus dem Jahr 2004 ein.

Cyberfeminismus und Kunst

Ein prägender Einfluss wird Donna Haraway zugeschrieben. Die Naturwissenschaftshistorikerin veröffentlichte 1985 ihren Text A Cyborg Manifesto, der 1995 in der deutschen Übersetzung erschien. Darin definiert Haraway Cyborgs als kybernetische Organismen, Hybride aus Maschine und Organismus, ebenso Geschöpfe der gesellschaftlichen Wirklichkeit wie der Fiktion. Haraways Text löste eine Welle subversiver und feministischer Aktionen aus. Inspiriert von diesem Manifest, waren die ersten, die 1991 den Begriff Cyberfeminismus prägten, die australische Künstlerinnengruppe VNS Matrix in ihrem Cyberfeminist Manifesto for the 21st Century.Sue V. Rosser: Through the Lenses of Feminist Theory: Focus on Women and Information Technology. In: Frontiers: A Journal of Women Studies. 26.1, 2005, , S. 1–23. In diesem Manifest proklamieren VNS Matrix: „Die Klitoris ist eine direkte Verbindung zur Matrix.“VNS Matrix: Cyberfeminist Manifesto for the 21st Century, abgerufen am 10. Dezember 2014.

mini|VNS Matrix Cyberfeminist Manifesto for the 21st Century – anonyme Adaption auf baskisch

Neben VNS Matrix und Donna Haraway sind weitere Schlüsselfiguren und Kollektive des Cyberfeminismus u. a. Rosi Braidotti, Sadie Plant, OBN (Old Boys Network), Cornelia Sollfrank, Nancy Paterson, Nathalie Magnan, Zoe Soufoulis und Alluquère Rosanne Stone alias Sandy Stone. Künstlerische Positionen des Cyberfeminismus werden auch der Netzkunst, Medienkunst sowie digitalen Kunst zugeschrieben.

Der Cyberfeminismus der 1990er wollte bewusst offen verstanden werden. Die Cyberfeministinnen agierten nomadisch und spontan, was ihnen einen großen Freiraum für künstlerische Experimente bot. Jede Person kann und sollte seinen eigenen Cyberfeminismus erfinden, wie das Old Boys Network (OBN) auf der ersten Cyberfeminist International von 1997 erklärte. An der First Cyberfeminist International, welche im Rahmen der Documenta X im Hybrid Workspace in Kassel stattfand, wurde von Cyberfeministinnen aus unterschiedlichen Ländern 100 Anti-Thesen formuliert, die sich mit der Definition von Cyberfeminismus auseinandersetzten.

mini|hochkant|Old Boys Network, 100 Anti-Theses of Cyberfeminism, 1997. mini|Cornelia Sollfrank (2004)

Cyberfeminismus ist:

‚kein grünes Häkeldeckchen‘ ‚keine Theorie, aber auch keine Praxis‘ ‚kein leerer Kühlschrank‘ ‚not about boring toys for boring boys‘ ‚not anti-male‘ ‚n’est pas triste‘ ‚weder eine Verlegenheitslösung, noch eine Nudelsauce‘, und vor allem:

mini|frauen·und·technik (1992)‚nicht mehr wegzudenken ...‘

Die Praxis der cyberfeministischen Kunst ist zwar mit der Gendertheorie verbunden und Cyberfeminismus wurde als Synonym für feministische Studien über neue Medien verstanden, die Zusammenhänge zwischen Geschlecht, Körper und Technologie untersuchen, aber darüber hinaus gab es kaum einen Konsens. Es fehlte ein klarer Bezugspunkt.

Bis heute beziehen sich Ausstellungskonzepte auf Ideen, die zunächst im cyberfeministischen Kontexten formuliert wurden, und schreiben diese fort. So lud der Kunstverein München beispielsweise im Herbst 2024 die Theoretikerin Sadie Plant im Rahmen der Ausstellung Key Operators: Weben und Coding als Mittel feministischer Geschichtsschreibung zu einem Vortrag ein. Die Kuratorinnen Inke Arns und Marie Lechner präsentierten 2018 im Hartware MedienKunstVerein in Dortmund die Ausstellung CMPTR GRRRLZ: Gender. Technology. History mit Arbeiten von u. a. Moreshshin Allahyari, Nadja Buttendorf, Louise Drulhe, Hyphen-Labs, Lauren Moffat, Jenny Odell und Lu Yang. In Zürich kuratierte Heike Munder für das Migros Museum für Gegenwartskunst 2019 eine Ausstellung zu Producing Futures – An Exhibition on Post-Cyber-Feminisms mit Arbeiten von Cao Fei, Lynn Hershman Leeson, Tabita Rezaire, VNS Matrix u. a.

Die Forscherin und Designerin Mindy Seu, die den Cyberfeminist Index (1990–2020) angelegt hat, zählt auch intersektionale Konzepte des Feminismus, wie den Black Cyberfeminism von Kishonna L. Gray zum „Vermächtnis des Cyberfeminismus“. Seit den 2000er Jahren sind, laut Seu, auch in Regionen, in denen das Internet erst später Verbreitung fand, Cyberfeminismus-Konzepte entstanden, etwa bei den Hackfeministas aus Mexiko.

Chronologie 1970er-Jahre Shulamith Firestone schuf mit The Dialectic of Sex: The Case for Feminist Revolution eine Grundlage für viele cyberfeministische Aktivitäten. In ihrem Buch untersucht Firestone die Möglichkeit, mithilfe von Technologie Sexismus zu beseitigen, indem Frauen von der Reproduktionsarbeit befreit werden. In vielerlei Hinsicht kann dies als Vorläufer des Cyberfeminismus angesehen werden, da es die Frage aufwirft, welche Rolle Technologie beim Abbau des Patriarchats spielen sollte.

1980er-Jahre Cyborg Donna Haraway war mit ihrem 1985 erschienenen Essay „A Cyborg Manifesto: Science, Technology, and Socialist-Feminism in the Late Twentieth Century“, der später in „Simians, Cyborgs and Women: The Reinvention of Nature“ (1991) nachgedruckt wurde, die Inspiration und Wegbereiterin des Cyberfeminismus. Haraways Text stellt einen neuartigen Ansatz zur Untersuchung der Trennung zwischen Kultur und Natur dar. Sie zeigt das Potenzial einer völlig neuen Ontologie der Hybridisierung von Natur und Kultur anhand des Cyborgs auf, einer Kombination aus Maschine und Organismus. Haraways Verwendung des Cyborgs veranschaulicht ihre konzeptionellen Ansätze zu Sozialismus und Feminismus bei der Untersuchung von Dichotomien wie Natur/Kultur, Geist/Körper und Idealismus/Materialismus. Haraways Cyborgs sind eine Verschmelzung von Vorstellungskraft und materieller Realität. Der Cyborg ist ein Dualismus, im Gegensatz zu einer Dichotomie; in der Verwischung der Grenzen festgelegter Kategorien liegt ein Wert. Die Notwendigkeit einer Trennung zwischen Kultur und Natur ist nicht mehr relevant, und der Cyborg entsteht aus der Verschmelzung dieser Grenze.

1990er-Jahre Afrofuturismus Der vom US-amerikanischen Literaturkritiker Mark Dery in den 1990er Jahren geprägte Begriff des Afrofuturismus befasst sich mit Themen der Afrikanischen Diaspora vor dem Hintergrund einer technokulturellen und von Science-Fiction-Elementen geprägten Weltsicht. Der Journalist Jochen Dreier beschreibt den Afrofuturismus als „Widerstand gegen die Bilder von einer weißen Zukunft, einer weißen Geschichte und einer weißen Macht über den schwarzen Körper“.

Der Fokus auf weiße, cisgeschlechtliche feministische Perspektiven und die fehlende Berücksichtigung von Aspekten der Intersektionalität führte zur Entwicklung von eigenen Subgenres nicht-weißer Feministinnen in anderen künstlerischen Bewegungen, etwa im Rahmen des Afrofuturismus.

2000er-Jahre Technofeminismus 2004 erscheint das Buch TechnoFeminism von Judy Wajcman.

2010er-Jahre Xenofeminismus Der Xenofeminismus bezeichnet eine Bewegung, die Technologie in die Überwindung eines gesellschaftlichen Machtprinzips einbezieht, das auf Konzepten von Geschlecht, Klasse und Ethnie beruht. Der Begriff wurde 2014 vom feministischen Kollektiv Laboria Cuboniks eingeführt. Im Manifest Xenofeminismus: Eine Politik für die Entfremdung argumentiert das Kollektiv, dass Biologie und Natur veränderlich sind, zugunsten einer Zukunft, in der Kategorien von Geschlecht, Klasse, Ethnie, geografischer Position von Macht entbunden sind und Menschen sich neue Technologien zunutze machen, um Autonomie zu erlangen, etwa über ihren Körper oder ihre Arbeitsbedingungen. Die Bewegung hat drei Hauptmerkmale: Sie ist techno-materialistisch, antinaturalistisch und setzt sich für die Abschaffung der Geschlechter ein. Sie widerspricht insbesondere biologistischen Idealen, die von einer reinen Geschlechtsbinarität ausgehen. Der Xenofeminismus verfolgt ähnliche Konzepte wie der Cyberfeminismus, setzt einen wesentlichen Unterschied aber in der Einbeziehung von Queer- und Transgender-Gemeinschaften.

2020er-Jahre Glitch Feminismus 2020 erscheint das Buch Glitch Feminism: A Manifesto von Legacy Russel. Während der digitale Glitch oft als Fehler oder fehlerhafte Überlagerung abgetan wird, beschreibt Legacy Russell den Glitch zwischen Geschlecht, Technologie und Körper als Möglichkeitsraum. Als Gelegenheit, sich in einer unendlichen Vielfalt von Identitäten zu inszenieren und zu verwandeln. Russell argumentiert, dass es keinen Sinn mehr macht, zwischen digital und analog zu unterscheiden.