Die Lettow-Vorbeck-Kaserne war eine Kasernenanlage in Hamburg-Jenfeld, die von 1934 bis 1999 militärisch genutzt wurde. Sie umfasste 35,602 Hektar. Auf dem Gelände befindet sich heute das Stadtviertel Jenfelder Au mit Wohnbebauung und Gewerbebetrieben sowie öffentlichen Einrichtungen und Sportstätten.

Geschichte Bau und Nutzung durch die Wehrmacht Im Rahmen der Aufrüstung der Wehrmacht wurde in Hamburg-Jenfeld zur Errichtung einer Doppelkaserne 1934 ein Grundstück mit 114.201 Quadratmetern (für spätere Lettow-Vorbeck-Kaserne) sowie westlich davon eine weitere Fläche mit 195.695 Quadratmetern (für spätere Estorff-Kaserne) erworben. Noch im selben Jahr begann der Bau der späteren Lettow-Vorbeck-Kaserne für 920 Soldaten, 1935 die Errichtung der späteren Estorff-Kaserne für 1250 Soldaten. Die beide Kasernen erschließende wie auch trennende öffentliche Straße, der Loher Weg, wurde in Tangastraße (heute: Wilsonstraße) nach der Schlacht von Tanga umbenannt.

Die spätere Lettow-Vorbeck-Kaserne wurde als erste fertiggestellt, so dass am 15. Oktober 1935 der Regimentsstab und das II. Bataillon des Infanterieregiments 69 einziehen konnten. Die andere Garnison, die spätere Estorff-Kaserne, wurde am 8. April 1936 bezogen und mit dem I. Bataillon sowie der 13. und 14. Kompanie des Infanterieregiments 69 belegt. Der Regimentsstab wechselte im Frühjahr 1937 in die Estorff-Kaserne. Das III. Bataillon lag in Hamburg-Harburg, das Ergänzungsbataillon in Hamburg-Altona.Georg Tessin: Verbände und Truppen der deutschen Wehrmacht und Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg 1939–1945. Fünfter Band, Die Landstreitkräfte 31–70, hrsg. vom Bundesarchiv-Militärarchiv mit Unterstützung des Arbeitskreises Wehrforschung, Verlag E. S. Mittler & Sohn GmbH, Frankfurt am Main o. J., S. 287 Die Namensgebung der Kasernen und der Straße sowie der verwendete Bauschmuck in Form von Reliefs und Denkmälern orientierte sich an der militärischen Geschichte der ehemaligen deutschen Kolonien. Die westliche Kaserne erhielt am 5. Februar 1937 den Namen Lettow-Vorbeck-Kaserne (nach Paul von Lettow-Vorbeck), die östliche am 24. April 1938 den Namen Estorff-Kaserne (nach Ludwig von Estorff).

Das Infanterieregiment 69 war ab 1. September 1939 am Überfall auf Polen beteiligt und fortan nicht mehr in Hamburg stationiert. Am 27. März 1943 wurde aus dem Stab des Grenadierersatzregiments (mot.) 20 der Stab Kommandeur der Panzertruppen X in der Estorff-Kaserne gebildet. Im September 1944 verlegte dieser Verband in die Niederlande und dort im Oktober 1944 zum Grenadierregiment 1224 umgegliedert. In Hamburg erfolgte die Neuaufstellung des Stabes Kommandeur der Panzertruppen X mit letztem Einsatz im April 1945 an der Weser.Georg Tessin: Verbände und Truppen der deutschen Wehrmacht und Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg 1939–1945. Dritter Band, Die Landstreitkräfte 6–14, bearbeitet auf Grund der Unterlagen des Bundesarchivs-Militärarchiv, hrsg. mit Unterstützung des Bundesarchivs und des Arbeitskreises Wehrforschung, Verlag E. S. Mittler & Sohn GmbH, Frankfurt am Main o. J., S. 171 In der Estorff-Kaserne befand sich zudem das Panzergrenadierersatz- und Ausbildungsbataillon 90 mit der Stamm- und 1./Marschkompanie, die am 1. Dezember 1944 neu aufgestellt worden war.Georg Tessin: Verbände und Truppen der deutschen Wehrmacht und Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg 1939–1945. Sechster Band, Die Landstreitkräfte 71–130, bearbeitet auf Grund der Unterlagen des Bundesarchivs-Militärarchiv, hrsg. mit Unterstützung des Bundesarchivs und des Arbeitskreises Wehrforschung, Biblio Verlag, Osnabrück 1972, S. 113 Des Weiteren waren in der Lettow-Vorbeck-Kaserne die Dolmetscherkompanie X, die Panzergrenadiergeschützersatz- und Ausbildungskompanie 20 sowie die Panzergrenadiernachschubersatz- und Ausbildungskompanie 20 stationiert.

Darüber hinaus war während des Zweiten Weltkriegs in der Estorff-Kaserne eine Arrestanstalt der Wehrmachtsjustiz im Wehrkreis X eingerichtet.

Britische Besatzung Während der Besatzung durch die Britische Rheinarmee nach dem Zweiten Weltkrieg kam Ende Februar 1946 das 2nd Battalion Irish Guards in die Estorff-Kaserne und die Anlage wurde noch im selben Jahr in St Patrick’s Barracks umbenannt. Im März 1947 zog diese Einheit wieder ab.Michael Ahrens: Die Briten in Hamburg. Besatzerleben 1945–1958. Forum Zeitgeschichte 23. Herausgegeben von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. Dölling und Galitz Verlag Hamburg, 1. Auflage 2011, S. 107, Fn. 109 In der Lettow-Vorbeck-Kaserne lagen 1946 das 2nd Battalion Scots Guards, die ihren Standort als St Andrew’s Barracks benannten. Im Dezember 1946 verließ dieses Bataillon die Kaserne.

Belegung durch die Bundeswehr mini|links|Namensschild an der nördlichen Wache der Wilsonstraße

Mit der Gründung der Bundeswehr wurden für die neuen Streitkräfte Truppenunterkünfte benötigt. In Hamburg identifizierte das Bundesverteidigungsministerium bereits im Dezember 1955 insgesamt 6 ehemalige Wehrmachtskasernen für die Stationierung, darunter die Lettow-Vorbeck-Kaserne und die Estorff-Kaserne. Allerdings waren beide Kasernen dem Sozialministerium von Nordrhein-Westfalen als Durchgangslager überlassen. Je 3000 Flüchtlinge und 40 Gewerbebetriebe waren hier noch untergebracht. Obwohl damit eine Entscheidung zur Räumung der Kasernen gefallen war, führten die Flüchtlingsströme aus den Gebieten jenseits der Oder-Neiße-Grenze und der DDR zu Verzögerungen bei der Übergabe der Anlagen. So konnte die Lettow-Vorbeck-Kaserne erst im August 1958 geräumt und 1959 von der Bundeswehr übernommen werden. Die vorgesehene Unterbringung der Heeresoffizierschule II fand jedoch nicht statt, vielmehr kam diese in die Douaumont-Kaserne in Hamburg. Die Estorff-Kaserne wurde zwar teilweise 1960 an die Bundeswehr übergeben, doch noch im August 1961 erschien die geplante vollständige Räumung zum 30. September 1961 durch weitere Flüchtlinge aus der DDR nicht möglich. Mit dem Bau der Berliner Mauer und die Schließung der innerdeutschen Grenze durch die DDR änderte sich dies.

Die Lärmbelastung der Wohnquartiere in der Umgebung und an der Strecke zum Standortübungsplatz Höltigbaum durch Kettenfahrzeuge der Bundeswehr führte zu Protesten. Dies betraf auch die Hanseaten-Kaserne in Hamburg-Horn und die Boehn-Kaserne. Deshalb wurden verschiedene Lösungen der Truppenverlagerung erwogen. So sollte das Lehrbataillon der Heeresoffizierschule II in die Lettow-Vorbeck-Kaserne ziehen, um die Distanz zum Übungsgelände zu verringern. Im Ergebnis wurde aus der Estorff-Kaserne die Panzerpionierkompanie 170 abgezogen und nach Lübeck verlegt.

Die Zusammenlegung zu einem Standort erfolgte 1973/1974. Die öffentliche Straße zwischen den bisherigen Kasernen wurde eingezogen und Teil des militärischen Geländes. Sie wurde zwischenzeitlich als Estorff-Lettow-Vorbeck-Kaserne bezeichnet. Am 7. August 1975 erhielt das gesamte Areal schließlich den Namen Lettow-Vorbeck-Kaserne. Während der Nutzung durch die Bundeswehr erweiterte man die Anlage im Süden um Fahrzeughallen und einen umfangreichen Instandsetzungsbereich.

Zur Zeit der Wende in der DDR wurden Teile des hier stationierten III. Bataillons des 1. Luftwaffenausbildungsregiments inklusive des Bataillonsstabes in die zu diesem Zeitpunkt freie Eggerstedt-Kaserne in Pinneberg ausgelagert, um ab 4. Januar 1990 Flüchtlinge aus der DDR einzuquartieren. Dazu wurden die Kompaniegebäude nördlich des Exerzierplatzes behelfsmäßig durch Bauzäune abgetrennt und konnten nur noch durch das nordwestliche Tor erreicht werden. Der militärische Bereich der Kaserne konnte nur noch durch das südöstliche Tor betreten werden. Für Aussiedler standen bis zu 460 Plätze in der Kaserne zur Verfügung.

mini|Rettungshubschrauber auf dem alten Exerzierplatz

Folgende Stäbe, Verbände, Einheiten und Dienststellen der Bundeswehr waren in der Lettow-Vorbeck-Kaserne stationiert: