Die Verwandtschaftsethnologie ist ein Fachgebiet der Ethnologie, das sich seit seiner Entstehung im 19. Jahrhundert vor allem mit den Regeln von Verwandtschaftsbeziehungen, Verwandtschaftssystemen und Verwandtschaftsterminologien in verschiedenen Kulturen beschäftigt. Neuere Trends (etwa die New Kinship Studies) interpretieren klassische Felder der Verwandtschaftsethnologie wie Heirat, Deszendenz und Filiation neu und gehen der Frage nach, wie Verwandtschaft gemacht wird, wie sie ausgehandelt, symbolisch erzeugt und durch Alltagshandeln bestätigt wird.Erdmute Alber, Bettina Beer u. a. (Hrsg.): Verwandtschaft heute: Positionen, Ergebnisse und Perspektiven. Reimer, Berlin 2010, S. 20.
Geschichte Anfänge im 19. Jahrhundert Die Anfänge der Verwandtschaftsethnologie lassen sich auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückführen. In den 1860ern wurden gleich mehrere Arbeiten veröffentlicht, die sich mit Verwandtschaftsbeziehungen in verschiedenen Kulturen auseinandersetzen. Durch den Positivismus jener Zeit geprägt gingen Wissenschaftler wie Herbert Spencer, Henry Sumner Maine, Johann Jakob Bachofen, John Ferguson McLennan, Lewis Henry Morgan, James Frazer und Edward Tylor von einer sozialen, kulturellen und mentalen Evolution von Gesellschaften aus, die sich vom Einfachen/Primitiven zum Komplexen/Fortschrittlichen entwickelten.Elman R. Service: A century of controversy. Ethnological issues from 1860 to 1960. (= Studies in anthropology). Academic Press, Orlando 1985, S. 3.
Einige Wissenschaftler versuchten die unilineare Evolution von Gesellschaften anhand der Entwicklung von Verwandtschaftsbeziehungen aufzuzeigen. Basierend auf der Annahme, dass jede Gesellschaft gewisse Regelungen über den Transfer von Eigentum und sozialer Position nach dem Tod festlegt und sich diese Regelungen von Gesellschaft zu Gesellschaft deutlich voneinander unterscheiden, untersuchten zunächst Juristen verschiedene Systeme von Familienrecht.Robin Fox: Kinship and marriage. An anthropological perspective. Cambridge University Press, Cambridge / New York 1983, S. 16. Die Grundlage für ihre Untersuchungen bildeten die Berichte von Missionaren, Botanikern, Geografen, Museumssammlern oder Reisenden. Als sogenannte armchair anthropologists gingen sie – Morgan ausgenommen – nicht selbst ins Feld, sondern bildeten ihre Theorien mithilfe der bereits vorliegenden Daten und der vergleichenden Methode. Den Anfang machten die beiden Juristen und Gelehrten der frühen indoeuropäischen Geschichte Johann Bachofen und Henry Maine, die ihre Werke im selben Jahr (1861) veröffentlichten.
Erste Veröffentlichungen Der Brite Sir Henry Sumner Maine war auf Basis seiner Untersuchungen zu indoeuropäischen Institutionen davon überzeugt, dass die ursprüngliche Form der Familie patriarchalisch war. In seinem Werk Ancient Law vertritt er die These, dass die frühesten Staatsformen unter der Annahme aufgebaut wurden, dass alle Mitglieder Nachfahren einer primordialen Familie waren. In der weiteren Entwicklung wächst diese Familie zunächst zu einer Sippe (gens) an, um sich dann von einem Stamm zu einem Staatenbund oder Staat zu entwickeln. Dementsprechend verwendet er auch die römischen Begriffe agnatisch und kognatisch für die zwei Hauptformen der Verwandtschaft: als agnatisch bezeichnet er altertümliche Verwandtschaftssysteme, die ihre Verbindungen nur von den männlichen Mitgliedern ableiten, wohingegen in modernen Gesellschaften eine kognatische, d. h. gleichberechtigte Erbfolge praktiziert wird.Elman R. Service: A century of controversy. Ethnological issues from 1860 to 1960. Academic Press, Orlando 1985, S. 5.
Im Gegensatz zu Maine argumentiert der Schweizer Johann Jakob Bachofen in seinem Werk Das Mutterrecht anhand einer Reihe vereinzelter Hinweise bei sogenannten primitiven Stämmen für eine universale, niedrige Entwicklungsstufe, in der das Matriarchat die Grundlage der Gesellschaft bildet. Um seine Theorie zu bekräftigen, postulierte auch er eine stufenweise Entwicklung, die mit einer promiskuitiven Periode beginnt, in der die Verwandtschaftsbeziehungen über die Mutter abgeleitet werden, da die Väter durch das zwanglose Sexualverhalten zumeist unbekannt waren. Im weiteren Verlauf wird nach Maine dieses zunächst vorherrschende Matriarchat durch ein Patriarchat abgelöst, da die voranschreitende Entwicklung der Gesellschaft eine Stärkung der männlichen Rolle erfordere.Elman R. Service: A century of controversy. Ethnological issues from 1860 to 1960. Academic Press, Orlando 1985, S. 7.
Auch der schottische Rechtsanwalt John Ferguson McLennan veröffentlichte 1865 in seinem Werk Primitive Marriage eine evolutionistische Theorie der Familie. Ausgangspunkt für seine Überlegungen war der weitverbreitete Brauch des symbolischen Brautraubes, den er als Überbleibsel einer früheren, tribalen Entwicklungsstufe betrachtete, in der Brautraub tatsächlich und nicht nur symbolisch stattfand. Seine Theorie besagt demnach, dass jede Gesellschaft eine Serie von Entwicklungsstufen durchlaufen muss, begonnen mit einer promiskuitiven Gesellschaftsform, die in ein matrilineares Verwandtschaftssystem übergeht, das wiederum von einem patrilinearen System abgelöst wird. Der Höhepunkt der Entwicklung ist nach McLennan mit der Monogamie erreicht, in der die Verwandtschaft sowohl vom Mann als auch von der Frau abgeleitet wird. Zudem prägte er die Begriffe Exogamie und Endogamie, indem er Heiratsregeln aufzeigte, die entweder die Eheschließung mit Frauen von außerhalb (Exogamie) oder mit Frauen innerhalb der eigenen sozialen Gruppe (Endogamie) vorschreiben.Elman R. Service: A century of controversy. Ethnological issues from 1860 to 1960. Academic Press, Orlando 1985, S. 8.
Lewis Henry Morgan
Der amerikanische Ethnologe Lewis Henry Morgan verfolgte ebenfalls die Idee von einer ansteigenden Gesellschaftsentwicklung in drei Stufen: Wildheit – Barbarei – Zivilisation. Durch seine Feldforschungen bei den Irokesen stellte er fest, dass sich ihre Art der Benennung von Verwandten von der unseren unterscheidet. Beispielsweise wurde mit dem Begriff Vater nicht lediglich der direkte männliche Verwandte bezeichnet, sondern gleich mehrere männliche Verwandte. Morgan begann auf der Suche nach einer Erklärung Verwandtschaftsterminologien von überall auf der Welt und der antiken Klassik zu sammeln und zu vergleichen. Er fand heraus, dass viele, in Zeit und Raum weit voneinander entfernte Völker ähnliche Arten von Verwandtschaftsbenennungen verwendeten und es einige wenige Standardtypen solcher Benennungen gab.Robin Fox: Kinship and marriage. An anthropological perspective. Cambridge University Press, Cambridge / New York 1983, S. 19. So erstellte er einen umfassenden Katalog, den er 1871 in seinem 600-Seiten-Werk The Systems of Consanquinity and Affinity of the human Family veröffentlichte. Das Buch enthält auf über 200 Seiten drei Übersichtstabellen mit Begriffen, die Verwandtschaftsbeziehungen (oder systems of consanguinity) aus drei verschiedenen linguistischen Gruppen beschreiben: Table I: Semitic, Aryan, and Uralian families; Table II: Ganowanian family; Table III: Turanian and Malyan families. Annähernd könnte man hier auch sagen, dass sich Morgan mit der ersten Gruppe auf die Völker Europas und Westasiens, mit der zweiten auf die amerikanischen Indianer und mit der dritten Gruppe auf die Völker Süd- und Ostasiens und Teilen Ozeaniens bezog. Diese drei Übersichtstabellen unterteilte er wiederum in mehrere Tabellen (insgesamt 139 Tabellen). Die Textabschnitte des Buches fungieren als eine Art Kommentar zu den Tabellen und teilen das Buch so in drei Teile.Thomas R. Trautmann: Lewis Henry Morgan and the invention of kinship. University of California Press, Berkeley 1987, S. 5f.
Die Bedeutung von Morgans Werk bleibt bis heute unbestritten – nicht zuletzt, da er und Sir Edward Tylor durch ihre Veröffentlichungen im Jahr 1871 als Begründer der Ethnologie gelten. Für einige Zeit beschäftigten sich vor allem Verwandtschaftsethnologen in Amerika hauptsächlich mit Verwandtschaftsterminologien (siehe beispielsweise Alfred Kroeber 1909 oder George P. Murdock 1949).Janet Carsten: After kinship. Cambridge University Press, Cambridge / New York 2004, S. 16. Dennoch wird Morgan mittlerweile vorgeworfen, er habe die Bedeutungen hinter seinen Terminologien nicht verstanden und sei ebenfalls den Fehlern der Evolutionstheorie aufgelaufen.
Entwicklungen Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die evolutionistischen Theorien durch neue Theorien (z. B. Diffusionismus) und Ethnologen wie Franz Boas überholt. Verwandtschaft blieb zwar für die nachfolgenden Ethnologen – u. a. Bronislaw Malinowski, Alfred Radcliffe-Brown, Edward E. Evans-Pritchard und Meyer Fortes – der zentrale Bestandteil ihrer Arbeiten; der Fokus änderte sich jedoch. Ihr Hauptaugenmerk lag nicht mehr auf Verwandtschaftsterminologien und das Aufzeigen von gesellschaftlicher Evolution. Ihr Hauptinteresse galt der Frage nach dem Fundament von Gesellschaften, die trotz Abwesenheit von Staatlichkeit funktionierten. Ihrer Erkenntnis nach bestimmten vor allem Verwandtschaftsbeziehungen die politischen Strukturen und sicherten den Fortbestand staatenloser Gesellschaften. Folglich konzentrierten sich die Ethnologen jener Zeit auf die Regeln der Verwandtschaftszuordnung (Heirat, Filiation, Deszendenz), den sozialen Kontext der Kernfamilie, die Untersuchungen von Lineages und die Variabilität verwandtschaftlicher Institutionen in verschiedenen Kulturen.Janet Carsten: After kinship. Cambridge University Press, Cambridge / New York 2004, S. 10f.
Funktionalismus
Bronislaw Malinowski brachte durch seine langen Feldforschungsaufenthalte in Melanesien frischen Wind in die (Verwandtschafts-)Ethnologie. Er war weder an Terminologien noch an evolutionistischen Spekulationen interessiert. Vielmehr versuchte er die Bräuche der Trobriander im Kontext ihrer eigenen Kultur und anhand der Funktionen ihrer Institutionen zu erklären.Robin Fox: Kinship and marriage. An anthropological perspective. Cambridge University Press, Cambridge / New York 1983, S. 20. Im Sinne des Funktionalismus stellte die Kernfamilie für ihn eine universale soziale Institution dar, deren Funktion es war, „die Gemeinschaft mit Mitgliedern zu versorgen“.Bronisław Malinowski: Eine wissenschaftliche Theorie der Kultur und andere Aufsätze. Pan, Zürich 1949, S. 37. Dabei interessierten ihn insbesondere einheimische Familienkonstellationen und die Beziehung zwischen Eltern und Kindern – letztere zum Teil aufgrund der Beeinflussung durch die freudsche Psychologie.
Strukturfunktionalismus