Die Urgeschichte Griechenlands reicht von den ältesten menschlichen Spuren vor 700.000 Jahren bis an den Beginn einer breiteren schriftlichen Überlieferung.
Paläolithikum Aufgrund seiner Lage dürfte Griechenland für die erste Besiedlung Europas durch Angehörige der Gattung Mensch eine erhebliche Rolle gespielt haben.Dies und das Folgende nach John Bintliff: The Complete Archaeology of Greece. From Hunter-Gatherers to the 20th Century A.D., John Wiley & Sons, 2012. Doch wurden potentielle archäologische Fundstätten durch klimatische Veränderungen, tektonische Aktivität, das Landschaftsrelief und Überschwemmungen im Wechsel von Warm- und Kaltzeiten zerstört.
Alt- und Mittelpaläolithikum Als älteste Fundstätte in Griechenland gilt seit 2018 Marathousa 1 bei Megalopoli auf dem Peloponnes, ein Fundplatz, der seit langem bekannt ist, der aber nun erst dem Altpaläolithikum zugeordnet werden konnte.Vangelis Tourloukis, Nicholas Thompson, Eleni Panagopoulou, Domenico Giusti, George E. Konidaris, Panagiotis Karkanas, Katerina Harvati: Lithic artifacts and bone tools from the Lower Palaeolithic site Marathousa1, Megalopolis, Greece: Preliminary results, in: Quaternary International 497 (2018) 47–64 (academia edu). Die Homininen, die dort ihre Spuren, etwa vom Zerlegen von Waldelefanten (Palaeoloxodon antiquus) zum Zweck der Ernährung, hinterlassen haben, hielten sich an einem Seeufer auf. Die Jäger nutzten die Elefantenknochen aber auch als Werkzeuge und richteten sie entsprechend zu. Die lithische Analyse ergab große Ähnlichkeiten mit den Beständen etwa von Bilzingsleben oder Schöningen, aber auch anderen Fundplätzen, etwa in Italien, die auf ein Alter von etwa 400.000 Jahren datiert wurden. Bis 2023 wurden neben einem Makaken die Überreste von Elefanten, Flusspferden und Nashörnern, aber auch die einer ausgestorbenen Riesenhirschart. Der Fundplatz im Braunkohletagebau Megalopolis wurde auf ein Alter von 500.000 bis 400.000 Jahren datiert.Eleni Panagopoulou, Vangelis Tourloukis, Nicholas Thompson, […] und Katerina Harvati: The Lower Palaeolithic site of Marathousa 1, Megalopolis, Greece: Overview of the evidence, in: Quaternary International 497 (2018) 33–46, doi:10.1016/j.quaint.2018.06.031.
Die Abschlag- und Klingenindustrie von Rodia in Thessalien mit nur wenigen Faustkeilen wurde auf ein Alter von 200.000 bis 400.000 Jahren geschätzt. Möglicherweise lässt sich die Fundstätte Rodafnidia auf Lesbos dem Acheuléen zuordnen.Nena Galanidou, Constantin Athanassas, James Cole, Giorgos Iliopoulos, Athanasios Katerinopoulos, Andreas Magganas, John McNabb: The Acheulian Site at Rodafnidia, Lisvori, on Lesbos, Greece: 2010–2012, in: Katerina Harvati, Mirjana Roksandic (Hrsg.): Paleoanthropology of the Balkans and Anatolia, Springer, 2017, S. 119–138, hier: S. 135.
mini|Petralona 1, Archäologisches Museum Thessaloniki, 2010 Nur wenige menschliche Überreste wurden bisher ausgegraben. Der Schädel eines Mannes von etwa 30 Jahren wurde 1960 in der Tropfsteinhöhle von Petralona auf der Halbinsel Chalkidiki entdeckt.. Der Tote wurde zeitweise als Archanthropus europaeus petraloniensis bezeichnet.Petros Kokkoros, Antonis Kanellis: Découverte d'un crâne d'homme paléolithique dans la péninsule chalcidique, in: L’Anthropologie 64 (1960) 438–446. Er wurde 1981 auf ein Alter von 160.000 bis 240.000 Jahren datiert,Gerd Jochen Hennig, Wilfried Herr, Eicke Weber, N. I. Xirotiris: ESR-dating of the fossil hominid cranium from Petralona Cave, Greece, in: Nature 292 (1981) 533–536; doi:10.1038/292533a0. zwei Jahrzehnte später auf mindestens 300.000 Jahre.Michael Balter: In Search of the First European, in: Science 291,5509 (2001) 1724; doi:10.1126/science.291.5509.1722 Das Fossil konnte beiden Datierungen zufolge dem späten Homo heidelbergensis zugeordnet werden. 2025 wurde diese Datierung bestätigt.Christophe Falguères, Qingfeng Shao, Christian Perrenoud, Chris Stringer, Olivier Tombret, Lisa Garbé, Andreas Darlas: New U-series dates on the Petralona cranium, a key fossil in European human evolution, in: Journal of Human Evolution 206, 2025, 103732, doi:10.1016/j.jhevol.2025.103732. Genauer wurde ihm ein Alter von 286.000 ± 9.000 Jahren zugeschrieben.
Im griechischen Teil Thrakiens fanden sich vor allem Chopper, also Geröllwerkzeuge. Im türkischen Teil Thrakiens, genauer gesagt am Nordrand der Lagune von Küçükçekmece (Küçükçekmece Gölü), fanden sich etwa 1600 Artefakte in den Höhlen von Yarımburgaz, deren älteste auf etwa 400.000 Jahre datiert wurden. Wahrscheinlich bewohnte zuerst Homo erectus die Höhle. Meist wurde Feuerstein genutzt, aber auch Quarz und Quarzit. Insgesamt ähnelt die Industrie derjenigen der Höhlen von Rodia und Doumbia in Thessalien und Makedonien.Vangelis Tourloukis: The Early and Middle Pleistocene Archaeological Record of Greece. Current Status and Future Prospects, Amsterdam University Press, Amsterdam 2011, S. 40f. und 53.
Daneben lassen sich wenige Stätten durch Ähnlichkeiten mit datierten Industrien dem Mittelpaläolithikum zuweisen, wie etwa Kokkinopilos in Epirus. Dieser Fundort weist Eigenschaften des Moustérien auf. Die Steinartefakte der jüngeren Fundstätten weisen auf die in dieser Zeit auftauchende neue Steinbearbeitungstechnik hin, die unter dem Namen Levalloistechnik bekannt ist, und die dem Neandertaler zugeordnet wird. Von diesem sind inzwischen auch Artefakte auf dem PeloponnesKaterina Harvati et al.: New Neanderthal remains from Mani peninsula, Southern Greece: The Kalamakia Middle Paleolithic cave site, in: Journal of Human Evolution 64 (2013) 486–499. und auf Naxos an der Fundstätte StélidaThe Stélida Naxos Archaeological Project. aufgetaucht. Ob Naxos während der Kaltzeiten zeitweise trockenen Fußes erreichbar war, ist ungeklärt, doch ist die Fähigkeit, größere Wasserflächen zu überwinden, immerhin denkbar.Tristan Carter, Daniel Contreras, Sean Doyle, Danica D. Mihailović, Theodora Moutsiou, Nikolaos Skarpelis: The Stélida Naxos Archaeological Project: new data on the Middle Palaeolithic and Mesolithic Cyclades, in: Antiquity 88 (2014), S. 341, (). In der epirotischen Höhle von Asprochaliko, 4 km nordöstlich von Kokkinopilos im Tal des Louros wurden die untersten Schichten auf 100.000 Jahre datiert; im nahe gelegenen Kokkinopilos weisen Freilandfunde auf die Anwesenheit von Neandertalern vor 150.000 Jahren hin, allerdings ist dies umstritten.
Vier Kilometer westlich von der Fundstelle PS 43 befindet sich die mesolithische, also deutlich jüngere Fundstätte PS 3, in PS 43 spricht die Anwesenheit von Pfeilspitzen für Jagdtätigkeit, die Abwesenheit von Sicheln für die Zeit vor dem Neolithikum. Dies könnte ein Kriterium zur Eingrenzung sein, doch mögen die frühbäuerlichen Bewohner auch jenseits entsprechender Siedlungen gejagt haben.Nena Galanidou, Christina Papoulia: PS 43: A Multi-period Stone Age Site on the Kokytos Valley Bottom, in: Björn Forsén, Nena Galanidou, Esko Tikkala (Hrsg.): Thesprota Expedition III. Landscapes of Nomadism and Sedentism, Helsinki 2016, S. 99–120. Um den Lakonischen Golf tauchten im letzten Jahrzehnt mehrere Stätten auf, die zwischen 100.000 und 40.000 Jahre alt sind.Katerina Harvati, Eleni Panagopoulou, Panagiotis Karkanas: First Neanderthal remains from Greece: the evidence from Lakonis, in: Journal of Human Evolution 45 (2003) 465–473. (online). Darunter befand sich der Zahn eines Neandertalers aus Lakonien, der der Übergangszeit zum anatomisch modernen Menschen zugeordnet wird.
Auf Kreta fanden sich in der Schlucht des Megalopotamos oberhalb des Palmenstrandes von Preveli Artefakte, die auf ein Alter von 130.000 Jahren datiert wurden.Thomas F. Strasser u. a.: Stone Age Seafaring in the Mediterranean: Evidence for Lower Paleolithic and Mesolithic Inhabitation of Crete from the Plakias Region, in: Hesperia 79 (2010) 145–190 Volltext (PDF; 5,2 MB). Sie belegten, dass Neandertaler in der Lage waren, größere Distanzen über das Meer zu überwinden. Ihre typischen Moustérien-Steinwerkzeuge wurden darüber hinaus auf den Inseln Lefkada, Kefalonia und Zakynthos entdeckt.George Ferentinos, Maria Gkioni, Maria Geraga, George Papatheodorou: Early seafaring activity in the southern Ionian Islands, Mediterranean Sea, in: Journal of Archaeological Science 39 (2012) 2167–2176. (abstract). Neandertalergruppen lebten zugleich entlang der Flussläufe in Makedonien und Thessalien, denn auf einigen der gut erhaltenen Terrassen fanden sich Spuren entsprechender Lager. Dies gilt vor allem für das Gebiet westlich von Larisa. Die weiten Ebenen mit ihren Flussläufen zogen diejenigen Beutetiere an, von denen die Neandertaler ganz überwiegend lebten. Im Norden fand man Artefakte in den Höhlen von Rodia und Doumbia in Thessalien und Makedonien.Vangelis Tourloukis: The Early and Middle Pleistocene Archaeological Record of Greece. Current Status and Future Prospects, Amsterdam University Press, Amsterdam 2011, S. 53. Der Fundplatz wurde auf 200.000 bis 400.000 Jahre datiert. Danach erscheint eine lange zeitliche Lücke, die erst vor 60.000 Jahren endet, als wieder Neandertaler erschienen. Bei ihnen zeigen sich saisonale Wanderungen, die vor allem unternommen wurden, um natürliche Ressourcen entlang der Flüsse, aber auch die der küstennahen Marschenlandschaft zu nutzen. Auch an Felsüberhängen und in schmalen Taldurchgängen, von denen die grasenden Herden beobachtet und bejagt werden konnten, fanden sich Artefakte.
Jungpaläolithikum mini|hochkant=1.3|Die Ausbreitung des modernen Menschen mini|hochkant=1.3|Ungefähres Verbreitungsgebiet des Aurignacien Kennzeichen des Jungpaläolithikums ist eine neue Steinbearbeitungstechnik. Feuerstein wurde in einem neuartigen Klingenkonzept unter Anlage eines „Leitgrates“ verarbeitet. Das heißt, auf dem Kern wurde ein senkrechter Dorsalgrat angelegt, der das Abtrennen langschmaler Abschläge ermöglichte. Diese werden als Klingen bezeichnet.Joachim Hahn: Erkennen und Bestimmen von Stein- und Knochenartefakten. Einführung in die Artefaktmorphologie (= Archaeologica Venatoria 10), 2. Auflage, Tübingen 1993, S. 109–115.
Während der größten eiszeitlichen Vergletscherung um 28.000 bis 20.000 v. Chr. (nach anderen Angaben 24.500 bis 18.000 v. Chr.) – die letzten Neandertaler waren längst verschwunden – lag der Meeresspiegel um 100 bis 130 m tiefer als heute. Der nachfolgende Anstieg war durch das Abschmelzen der gewaltigen Eismassen bedingt, das sich über Jahrtausende hinzog. Die starken Schwankungen des Meeresspiegels zerstörten vor allem in den küstennahen Ebenen archäologische Artefakte.
Es ist beinahe unmöglich, auch nur eine entfernte Vorstellung davon zu gewinnen, wie viele Menschen um 20.000 v. Chr. in Europa lebten. Versuchsweise hat man die Bevölkerungszahl, unter Berücksichtigung der ökologischen Bedingungen einer fortgeschrittenen Kaltzeit, auf vielleicht 6.000 bis 10.000 geschätzt.Carol G. Thomasm: Greece. A Short History of a Long Story, 7,000 BCE to the Present, John Wiley & Sons, 2014, S. 8. Dabei handelte es sich um unsere unmittelbaren Vorfahren, die vor etwa 45.000 Jahren nach Europa gekommen sind.Stefano Benazzi et al.: Early dispersal of modern humans in Europe and implications for Neanderthal behaviour, in: Nature 479 (2011) 525–529 Volltext.