Sturm im Wasserglas. Komödie in drei Akten ist ein Schauspiel von Bruno Frank aus dem Jahr 1930. Franks erfolgreichstes, heute kaum noch gespieltes Stück wurde 1931 und später mehrfach verfilmt, 1937 auch in einer englischen Version.
Die „auf den ersten Blick leicht daherkommende Komödie“ mit ihrer zeitlosen Handlung knüpft an die Tradition des Volkstheaters und des französischen Boulevardtheaters an. Sie „lebt nicht zuletzt von ihrem Lokalkolorit, vom durch den bayerischen Dialekt geprägten Wortwitz“.#Kirchner 2009, S. 189.
Ein idealistisch gesinnter Journalist, getrieben von Zivilcourage und humaner Gesinnung, setzt seine Existenz aufs Spiel, indem er in einem scheinbaren Bagatellfall die soziale Kälte eines karrieresüchtigen, heuchlerischen Kommunalpolitikers aufdeckt und so eine arme Frau aus einer Notlage rettet.
Hinweis: Zahlen in runden Klammern, zum Beispiel (512), verweisen auf die entsprechende Seite in den Ausgewählten Werken von Bruno Frank aus dem Jahr 1957 (#Frank 1957). mini|hochkant|Sturm im Wasserglas
Handlung Erster Akt Zimmer bei Thoss. – Der junge Redakteur Franz Burdach soll im Auftrag von Quilling, dem Herausgeber der Abendpost, den Bürgermeisterkandidaten Stadtrat Doktor Thoss interviewen. Statt Thoss trifft er dessen attraktive Gattin an. Zwischen beiden entspinnt sich ein charmantes Geplauder. Frau Vogl, eine einfache, ältere Frau, dringt herein und versucht, ihr Anliegen vorzubringen. Da Thoss nicht zuhause ist, lässt Viktoria sie in einem Nebenraum warten. Sie gibt Burdach ihr Mitgefühl mit der Frau zu erkennen, was dieser mit Begeisterung aufnimmt.
Viktorias Freundin Lisa, Quillings Frau, tritt ein. Sie ignoriert Burdach, der sich vorübergehend verabschiedet. Lisa, die heftig schwärmt für Thoss, dringt in Viktoria, gesellschaftlichen Ehrgeiz zu entwickeln, während diese sich damit begnügen will, ihrem Mann eine loyale Partnerin zu sein. Endlich erscheint Thoss, und als er allein mit seiner Frau ist, bringt er genervt den Fall eines Pförtners zur Sprache, über dessen Lohnerhöhungswunsch man in der Kommission endlos diskutiert hat. Viktoria erkundigt sich mitfühlend nach Einzelheiten. Thoss macht ihr klar, dass ihm der Pförtner vollkommen gleichgültig ist und sein Augenmerk nur dem großen Ganzen gilt.
Amtsdiener Pfaffenzeller tritt ein und legt Thoss Akten zur Unterschrift vor. Zufällig bringt er den Fall der Frau Vogl zur Sprache. Sie kann die Hundesteuer nicht bezahlen, deren Verdoppelung Thoss durchgesetzt hat. Ihr Hund ist im Gewahrsam des Amtsdieners und soll nach Fristablauf getötet werden. Pfaffenzellers Appell an Thoss, Gnade vor Recht ergehen zu lassen, stößt bei diesem auf taube Ohren. Frau Vogl dringt wieder ins Zimmer. Thoss versucht vergeblich, sie abzuwimmeln. Während Pfaffenzeller und Frau Vogl sich angelegentlich über den Hund Toni unterhalten, kommen Viktoria und Burdach hinzu.
Thoss erklärt, dass es nicht um die Sache, sondern ums Prinzip geht, und dass er dieses ohne jede Rücksicht durchsetzen will. Viktoria führt Frau Vogl hinaus, und Burdach schlägt Thoss vor, gemeinsam die Steuer anstelle der armen Frau zu bezahlen, aber dieser bleibt unerbittlich. In dem anschließenden Interview schwafelt Thoss von seinen sozialen Überzeugungen, während Burdach den Fall der Frau Vogl nicht vergessen kann. Zwischendurch wirft Thoss die alte Frau aus dem Haus und setzt seinen Redeschwall fort. Aber Burdach hört längst nicht mehr hin ...
Zweiter Akt Gleiches Zimmer, am nächsten Tag. – Viktoria ist allein, Thoss ist unterwegs, um seine Wahlrede zu halten. Frau Vogl wird gemeldet. In einem langen Redeschwall erklärt sie, dass ihr Hund ihr ein und alles ist. Viktoria sieht kaum eine Möglichkeit, der alten Frau zu helfen. Frau Vogl berichtet von einem Artikel in der Abendpost, der Thoss’ Gnadenlosigkeit skandalisiert und zu einer Spendensammlung für Frau Vogl aufruft.
Lisa tritt ein, sie ist in höchster Erregung. Thoss wurde in der Wahlversammlung mit Gebell empfangen und niedergeschrien. Burdach, der Autor des Skandalartikels, kommt herein, um sich vor Thoss zu verantworten. Viktoria muss erkennen, dass Burdach seine Existenz für seine Überzeugung aufs Spiel gesetzt hat. Als Kind erlebte er die grausame Misshandlung hilfloser Tiere und schwor sich, als Erwachsener nie mehr tatenlos zuzuschauen.
Thoss kommt herein, am Boden zerstört, er wurde der Lächerlichkeit preisgegeben, seine Karriere ist beendet. Er und der hinzukommende Quilling beschimpfen Burdach, er wird entlassen. Vor dem Haus hat sich eine Menschenmenge versammelt, die unter Hundegebell heftig protestiert. Thoss bricht zusammen, und Lisa, die ihn trösten will, verrät ihre Liebesbeziehung mit ihm. Thoss droht Burdach, ihn zu vernichten. Pfaffenzeller tritt ein und berichtet, der Hund sei aus dem Gewahrsam gestohlen worden.
Dritter Akt Im Amtsgericht. – Thoss hat Burdach des Hundediebstahls angeklagt, weil er Toni aus der Amtsstube entführt und zu Frau Vogl zurückgebracht hat. Viktoria und Thoss sind geschieden, Thoss ging in die Industrie nach Berlin, Quilling und Lisa „liegen in Scheidung“ und Frau Vogl hat wieder ihren Hund und will sich nach der ergiebigen Spendenaktion demnächst einen Kiosk kaufen. Vor Gericht stellt sich heraus, dass Burdach kein Verbrechen begangen hat, da er nicht eingebrochen hat, sondern den Hund aus einem unverschlossenen Verschlag entwendete. Es handelt sich daher um einen Verstrickungsbruch, den der Richter milde mit einem Tag Haft auf Bewährung bestraft. Großes Happy End: Viktoria und Burdach werden ein Paar, Burdach wird wieder angestellt, Quilling und Lisa versöhnen sich und Frau Vogl und Pfaffenzeller sehen zusammen mit Toni einer rosigen Zukunft entgegen.
Szenenfotos aus Bruno Franks „Sturm im Wasserglas“ in der Aufführung vom 19. Dezember 1930im Staatstheater Stuttgart. Frau Vogl (Emmy Remolt-Jessen), Pfaffenzeller und Hund Toni im Flur des Gerichts.
Personen Hauptrollen Stadtrat Doktor Konrad Thoss ist „ein gut aussehender Mann, Ende dreißig“ (519), ein politischer Karrierist und engstirniger Bürokrat, der Bürgermeister werden will und nach noch Höherem strebt. In Fensterreden schwafelt er von der ihm gestellten Aufgabe „die geistige und körperliche, sittliche und wirtschaftliche Wohlfahrt der gesamten Einwohnerschaft zu festigen und zu fördern“ (529), und entlarvt sich bei der ersten besten Gelegenheit als heuchlerischer Verächter des „kleinen Mannes“. Seine Ehefrau Viktoria ist „eine reizende junge Frau, impulsiv, heiter und frei“ (513). Trotz ihrer gesellschaftlichen Stellung hat sie sich ihre unverbildete Natürlichkeit und ihr menschliches Mitgefühl erhalten. Der Herausgeber der „Abendpost“ Quilling ist „ein behäbiger Herr gegen fünfzig, Typ eines saturierten Großbürgers, dem seine Ruhe lieb ist.“ (545). Er steht auf der Seite der Macht, deren Sprachrohr seine Zeitung ist. Seine Frau Lisa ist „eine noch junge, lebhafte Dame, der aber etwas Naives und Provinzielles anhaftet“ (517). Sie hält sich und ihresgleichen „für etwas Besseres“ und hat kein Verständnis für „einfache Leute“. Franz Burdach ist Redakteur bei der „Abendpost“ und „ein junger Mensch von vielleicht Achtundzwanzig, höchst unbekümmert und frisch, alles andere eher als »edel« und pathetisch“ (513), ein unbestechlicher Idealist, den auch existentielle Bedrohungen nicht verbiegen. Frau Vogl ist eine Blumenfrau „um die Fünfzig, derb, mit allen Kennzeichen großer Gutmütigkeit“ (515). Sie ist eine Frau aus dem Volk, die nichts von großer Politik versteht, aber das Herz auf dem rechten Fleck hat. Der Amtsdiener Pfaffenzeller ist „ein behäbiger Mann von über fünfzig“ (523). Er ist ein biederer Beamter, aber nicht ohne eigenes Urteil und menschliches Mitgefühl.
Nebenrollen Betty, Stubenmädchen bei Thoss.
In der Gerichtsverhandlung des dritten Akts treten die folgenden Personen hinzu: Der Vorsitzende des Amtsgerichts (555). Der Staatsanwalt, ein Mann des Gesetzes, der Frau Vogls Hund für „ein ganz besonders wertloses, schäbiges, aus allen Rassen zusammengestoppeltes Exemplar“ hält (568). Der Tierarzt Unzelmann tritt als Gutachter auf, der Tonis Rasse und seinen Verkaufswert bestimmen soll (566).
Außerdem: Toni, „eine Art kleiner Schnauzer“ (563). Zwei Schöffen, zwei Gerichtsdiener und ein Protokollführer (stumme Rolle).
Entstehung Karikatur von Th. Th. Heine„Hundesteuer-Erhöhung“im Simplicissimus, 1932 Link zum Bild (Bitte Urheberrechte beachten)
In München setzte 1928 der Stadtrat eine drastische Erhöhung der Hundesteuer durch. Am 1. Juli versammelten sich 6.000 Hundebesitzer mit ihren Hunden zu einer „Hundedemo“. Der Demonstrationszug zog in Begleitung einer Musikkapelle von der Theresienwiese durch die Straßen, um gegen die hohe Steuer zu protestieren.„Hundebesitzer demonstrieren“ auf muenchen.de, Stadtchronik 1928. Schließlich sah sich der Stadtrat gezwungen, die Steuererhöhung zurückzunehmen. Der Skandal um die Hundesteuererhöhung schlug so hohe Wellen in der Öffentlichkeit, dass sich Th. Th. Heine noch vier Jahre später im Simplicissimus in einer politischen Karikatur darauf beziehen konnte,Abbildung: #Heine 1932. und selbst in unserer Zeit wird im München-Baedeker in dem Abschnitt „Kurioses“ noch dieses Aufstandes der Hundehalter gedacht.
Bruno Frank, der damals in München lebte, nahm den rücksichtslosen und unsozialen Akt der politischen Klasse zum Anlass für seine „Theatersatire gegen die bornierte Engstirnigkeit der Bürokratie“.#Kluge 1989. Anhand eines scheinbar nichtigen Einzelfalls – eine alte Frau kann die erhöhte Hundesteuer nicht mehr bezahlen – deckt er die Scheinmoral eines gewissenlosen Politikers auf, dem er den jungen, idealistisch gesinnten Journalisten Burdach gegenüberstellt, der sich mit Zivilcourage für die entrechtete Frau einsetzt und dadurch seine Existenz verspielt. Der Titel des Stücks ist vor diesem Hintergrund eher ironisch zu verstehen, denn von einem Sturm im Wasserglas kann nur der persönlich unberührte Politiker aus seiner Vogelperspektive sprechen, oder wie es Burdach ausdrückt: „Es gibt keine kleinen Härten.“
Daneben nutzte Frank die Gelegenheit, beispielhaft das Menetekel des drohenden nationalsozialistischen Vormarschs auszumalen (bei der Reichstagswahl am 14. September 1930 wurde die NSDAP zur zweitstärksten Partei), indem er in einer Rassehundparabel durch immer wiederkehrende Seitenhiebe den nationalsozialistischen Rassenwahn der Lächerlichkeit preisgab.
In seiner „Kleinen Autobiographie“ aus dem Jahr 1930 fasste Bruno Frank seine sechs Universitätsjahre kurz und bündig zusammen: „Er studierte dann an mehreren Universitäten Jurisprudenz, seinem wundervollen Vater zuliebe mit heiligem Eifer, aber äußerst geringer Begabung.“ Das juristische Studium ging trotz seines erklärten Widerwillens nicht spurlos an ihm vorüber. Der tiefere Einblick in Rechtswesen und Justiz, den er dabei gewann, erlaubte ihm, in seinem Werk Fragen des Rechts und des Strafvollzugs mit Sachkunde und Leidenschaft zu diskutieren („Der Großkanzler“ in Tage des Königs, Sechzehntausend Francs, Der Goldene).
Die Gerichtsverhandlung im dritten Akt des „Sturm im Wasserglas“ bot ihm eine willkommene Plattform, das Gerichtswesen mit galligem Humor, aber auch mit viel menschlicher Sympathie zu persiflieren. Unter anderem demonstrierte er an einem sinnfälligen Beispiel die Weltfremdheit der juristischen Kaste, wenn er den Gerichtsdiener den Unterschied zwischen einem Einbruch und einem Verstrickungsbruch erklären lässt, und wenn der Gerichtsdiener dem Redakteur Burdach an den Kopf wirft: „Sie wolln a gebildeter Mensch sein und wissn net amal, was a Verstrickungsbruch is. Da siecht ma’s wieda!“
Aufführungen Szenenfotos der Uraufführung Link zum Bild (Bitte Urheberrechte beachten)
Sturm im Wasserglas wurde am 29. August 1930 im Schauspielhaus Dresden uraufgeführt. Der Simplicissimus berichtete in seiner Ausgabe vom 3. November 1930 über einen Vorfall, der sich bei einer der Aufführungen am Dresdener Schauspielhaus zutrug: