Unter Medizinersprache (auch Medizinerdeutsch, Arztsprache oder Fachsprache Medizin) versteht man die im Medizinbereich gebräuchliche Sprachgebung. Es handelt sich um eine Sondersprache oder Berufssprache. Als solche ist sie der Juristen-, Theologen-, Psychologen-, Pädagogen-, Soldaten-, Techniker- oder Pilotensprache vergleichbar. Sie hat sich historisch entwickelt und reicht über verschiedene Sprachebenen und Anwendungsbereiche. Die Ausdifferenzierung in eine Vielzahl von Fachdisziplinen brachte eine erhebliche Ausweitung des Vokabulars mit sich.

Sprachebenen Kauderwelsch Als Kauderwelsch bezeichnet man eine Sprachgebung, die verschiedene fremdsprachliche Elemente zu einem schwer verständlichen Deutsch miteinander vermischt.Friedrich Kluge (Begr.), Elmar Seebold (Bearb.): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 23. Aufl. Walter de Gruyter, Berlin 1995, S. 434 Es kann sich dabei um die Ausdrucksweise eines bestimmten Fachjargon, aber auch um Stilblüten oder einfach um sprachlichen Schwulst handeln:

In der Internet-Präsentation der Urologischen Abteilung des Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München finden sich als Hinweis zur Nachuntersuchung bei der Therapie von Hodentumoren folgende Sprachkonstruktionen: „Dies erfordert eine hohe Compliance des Patienten und ist mit einigem Risiko im Sinne einer Therapieeskalation bedacht. Möglich ist es, ein risikoadaptiertes Überwachen nach einigen Kriterien des Grundtumors (Gefäßeinbrüche, Embryonalzellkarzinomanteil) durchzuführen. Weiterhin ist es auch möglich, statt der Operation primär zwei Zyklen einer Thermotherapie zu applizieren. Nachteil ist hier die durch die Chemotherapie bedingte Toxizität bei Fertilitätsstörung unklaren Ausmaßes.“ Anschließend ist von einer „Operation im Sinne einer ejakulationsproduktiven retroperitonealen Lymphadenektomie“ die Rede. -- Internetabruf am 10. März 2009, wortgleich bei Überprüfung am 5. Dezember 2014

Die Sprachstufe des Kauderwelsch kennzeichnet sich hier durch eine Wort- und Satzbildung aus deutschen, englischen, lateinischen und griechischen Sprachanteilen, die teilweise auch adjektivisch, adverbial und verbial umgestaltet bzw. in Komposita verarbeitet werden. Bei einer Sprachanalyse im Deutschunterricht der gymnasialen Oberstufe in Recklinghausen charakterisierte eine Arbeitsgruppe diese Art der Sprachgebung in ihrer „Sprach-Diagnose“ als „linguistisch obskures Kompilieren und kryptomanes Kopulieren quasipräziser Kommunikationselemente mit dem Verdacht bzw. Odium einer prätentiösen Exklusivitätsambition und in toto dem Resultat einer patientenaversen Kooperationspossibilität“.Unterrichtsprotokoll v. 25. März 2009

Umgangssprache Unter Umgangssprache versteht man die im täglichen Gebrauch verwendete Alltagssprache. Sie stellt einen umfangreichen Wortschatz relativ präziser deutschsprachiger Ausdrucksformen bereit. Der Mediziner bedient sich ihrer vor allem im Gespräch mit Patienten über Fragen der medizinischen Heilbehandlung und Themen seines Fachgebiets, für das sich die Fachsprache in der Regel nicht eignet. Wie viel Fachvokabular dabei einfließen kann, wird letztlich von der Sprachkompetenz und Vertrautheit des Patienten mit seinem Leiden und der Notwendigkeit genauerer Auskünfte abhängen.Brian H. Spitzberg: Einführung in Kommunikationskompetenz der Gesundheitsberufe, In: Journal of Publik Health Research 1. Dezember 2013

Im Unterschied zu der für den wissenschaftlichen Bereich unerlässlichen Fachsprache verfügt die medizinische Umgangssprache über einen breiten allgemeinverständlichen Wortschatz. Der Großteil der im medizinischen Alltag erforderlichen Kommunikation lässt sich ohne jeden Bedeutungsverlust über diesen Wortschatz abwickeln. Er dient vor allem dem Gespräch mit dem weniger fachkundigen Patienten und seiner Einbindung in die medizinische Behandlung.C. Teutsch: Arzt-Patienten-Kommunikation, In: Med Clin North Am. September 2003, 87 (5): 1115-45

Zunächst steht der Medizinersprache dazu ein rein deutschsprachiger Wortschatz zur Verfügung. Er reicht von umgangssprachlichen Berufsbezeichnungen wie „Hautarzt“, „Augenarzt“ oder „Zahnarzt“ (der kein „Dentist“ mehr ist) über institutionelle Ausdrücke wie „Krankenhaus“, „Krankenschwester“ oder „Arzthelferin“ über Körperteilbenennungen wie „Schlüsselbein“, „Weisheitszahn“ oder „Rippenfell“ bis zu medizinischen Maßnahmen wie „Abhorchen“ oder „Röntgenbestrahlung“ und Krankheiten wie „Mandelentzündung“, „Lungenentzündung“, „Knochenhautentzündung“, „Windpocken“, „Zuckerkrankheit“ oder „Krebsgeschwulst“.

Statt mit Fremdwörtern wie „Compliance“ des Patienten kann auch von seiner „Mitarbeit“, statt von „Toxizität“ auch von „Giftigkeit“, statt von „applizieren“ auch von „verabreichen“ gesprochen werden. Der „Ophthalmologe“ verliert als „Augenarzt“, der „Dermatologe“ als „Hautarzt“, die „Gynäkologie“ als „Frauenheilkunde“ etwas an Exklusivität, aber nicht an medizinischer Bedeutung. Der Begriff „Klimakterium“ ist auch als „Wechseljahre“, „nodulär“ als „knötchenförmig“, „maligne“ als „bösartig“ vermittelbar. „Varizellen“ werden als „Windpocken“ von jedem verstanden. Eine „Pneumonie“ lässt sich dem Patienten auch als „Lungenentzündung“, eine „Obstipation“ auch als „Verstopfung“, eine „Osteoporose“ auch als „Knochenschwund“ ohne Sinnabstriche nahebringen. Auch umgangssprachlich lässt sich zwischen einer „Distorsion“ als „Verdrehung“, einer „Kontusion“ als „Prellung“ und einer „Luxation“ als „Verrenkung“ unterscheiden. Die „Medizin“ versteht sich außerdem grundsätzlich auch als „Heilkunde“, die „Prävention“ als „Gesundheitsvorsorge“ oder die „Therapie“ als „Heilungsmaßnahme“. Der „Patient“ ist ein „Kranker“ und an seiner Krankheit „Leidender“. „Procedere“ heißt auf Deutsch „weiteres Vorgehen“.Otto Dornblüth: Wörterbuch der klinischen Kunstausdrücke. Verlag Veit & Comp., Leipzig 1894Duden – Wörterbuch medizinischer Fachbegriffe, 9. Auflage, Mannheim 2003

Der Arzt und Kabarettist Eckart von Hirschhausen kolportiert in seinem „Arzt-Deutsch-Lexikon“ die oft hochtrabende Medizinersprache, deren Fachvokabular er in einem „Grundkurs Arztsprache“ in teils sehr banale Alltagsausdrücke überträgt, wobei allerdings eher der Wunsch nach Kalauern als nach seriösen Übersetzungen die Feder führt.Eckart v. Hirschhausen: Langenscheidt Arzt–Deutsch / Deutsch–Arzt. Lachen, wenn der Arzt kommt. Langenscheidt, Berlin 2007

Fachsprache

Historisch bedingt, enthält die medizinische Fachsprache bzw. medizinische TerminologieChristoph Weißer: Fachsprache, medizinische. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 387–389. bis heute zahlreiche fremdsprachliche Ausdrücke aus der antiken oder arabischen Medizin. Vor allem die Fachrichtung der Anatomie stützt sich seit dem 16. Jahrhundert stark auf ein durch das Latein und ein latinisiertes Griechisch geprägtes Vokabular.Vgl. etwa Bartolomeo Castelli: Lexicon medicum graeco-latinum. Venedig 1642; nach Jacobus Pancratius Bruno neu hrsg. von Johannes Rhodius. Padua 1721; weitere Ausgabe: Genf 1746. Die Fachsprache ist in weiten Teilen nicht allgemeinverständlich, weil sie ein hinter dem Wortschatz stehendes Fachwissen voraussetzt. Sie ist auf exakte Formulierungen angewiesen und ausgelegt. Die Anatomie besitzt als einziger medizinischer Teilbereich eine auf festen Regeln beruhende,Christoph Weißer: Fachsprache, medizinische. 2005, S. 387. differenzierte Nomenklatur, um im wissenschaftlichen Bereich Körperteile, Regionen und Lagebeziehungen unmissverständlich lokalisieren und kommunizieren zu können. Auf der Basis der Fachsprache ist ein wissenschaftlicher Erfahrungsaustausch möglich. Für die Alltagspraxis des Arztes und die Patientenkommunikation ist sie jedoch nur sehr bedingt tauglich.

Abwertende Begriffe „Arztmuffel“ bezeichnet einen Patienten, der aus unterschiedlichen Gründen Arztkontakte, vor allem medizinische Vorsorgeuntersuchungen sowie nicht unumgängliche Behandlungen, meidet. „Herumdoktern“ bedeutet ein wenig zielgerichtetes, nach dem Prinzip „Versuch-und-Irrtum“ vorgehendes Verfahren einer medizinischen Behandlung. Der Begriff findet im übertragenen Sinne auch in anderen Lebensbereichen, etwa in der Technik, Verwendung. „Mediziner-Slang“ wird verwendet für die Sprachfassung von Medizinerdeutsch, die sich durch Unverständlichkeit für Außenstehende oder durch eine ungepflegte Wortwahl kennzeichnet. Die Slang-Sprache kommt in der Regel nur im internen Medizinbetrieb zur Geltung. „Zahnklempner“ kann einen nicht gerade zartfühlend mit seinen Patienten umgehenden oder auch wenig kompetenten Zahnarzt bezeichnen.

Patientensprüche Mein Arzt ist ganz hervorragend: -- Er benutzt so viele Fremdwörter, und die gehen ihm so leicht von der Zunge. Die Diagnose ist nicht so wichtig. Es braucht vor allem einen guten Fachbegriff. „Grüß Gott“, sagte der Anästhesist, als er dem Patienten die Narkose verabreichte. Das Auskurieren eines Schnupfens dauert mit ärztlicher Hilfe 14 Tage und ohne diese zwei Wochen.

Sprachkritik Arzt und Patient: Sprachliches Missverständnis (Karikatur London 1823) |mini Missverständnis zwischen Arzt und Patient (Kolorierte Lithographie. London Wellcome-Bibliothek)|mini|links

In der Alltagsmedizin wird häufig kritisiert, dass es vielen Ärzten schwerfällt, die in Terminologieseminaren erlernte Sprache bzw. den Mediziner-Slang oder Bildungsjargon in ein für die Patienten verständliches Deutsch zu übersetzen, wie es auch von Lehrern, Juristen, Psychologen oder Technikern in ihren Bereichen erwartet wird. Der kompetente Arzt hat es nicht nötig, sich mit unverständlichem Fachvokabular zu profilieren oder sein Tun dahinter zu verbergen. Er überzeugt mit einer auch sprachlich verständlichen Offenlegung seines Erkenntnisgewinns und Handelns den Patienten und schafft damit eine für die Heilungsprozesse notwendige Vertrauensbasis und Zusammenarbeit auf Augenhöhe.W. Langewitz: Zur Erlernbarkeit der Arzt-PatientenKommunikation in der Medizinischen Ausbildung, In: Bundesgesundheitsblatt 2012, 55:1176-1182