Manuel Rodrigues Coelho (* um 1555, wahrscheinlich in Elvas; † um 1635 in Lissabon) war ein portugiesischer Komponist, Organist,Die Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG), Personenteil Band 4, Bärenreiter Verlag, Kassel und Basel 2000, ISBN 3-7618-1114-4.Marc Honegger, Günther Massenkeil (Hrsg.): Das große Lexikon der Musik. Band 2: C – Elmendorff. Herder, Freiburg im Breisgau u. a. 1979, ISBN 3-451-18052-9. Cembalist, HarfenistM. S. Kastner: Der Lebenslauf des Padre Manuel Rodrigues Coelho. In: Três compositores lusitanos para instrumentos de tecla, ..., Fundaçao Calouste Gulbenkian, Lissabon 1979, S. 204 und S. 216 (Fußnote 33). und Priester. Er war einer der bedeutendsten portugiesischen Tastenmusik-Komponisten überhaupt, und der einzige im 17. Jahrhundert, dessen Werk gedruckt wurde.

Leben und Wirken Das genaue Geburtsdatum von Padre Manuel Rodrigues Coelho ist nicht bekannt; das heute allgemein angegebene Geburtsjahr von ca. 1555, wie auch einige biographische Daten, basieren auf Forschungen und Überlegungen von Macario Santiago Kastner;M. S. Kastner: Três compositores lusitanos para instrumentos de tecla, séculos XVI e XVII: António Carreira, Manuel Rodrigues Coelho, Pedro de Araújo. Fundaçao Calouste Gulbenkian, Lissabon 1979, S. 171–217. vermutlich war der Komponist ein paar Jahre jünger, er muss aber vor 1563 geboren sein.Es gibt aus dem Jahr 1588 in den Taufregistern der Kathedrale Elvas zwei Einträge eines Padre Mestre Manuel Rodrigues, die wahrscheinlich von unserem Komponisten stammen. Da er mindestens 25 Jahre alt sein musste, um den Titel Padre Mestre tragen zu dürfen, kann er nur vor 1563 geboren sein. M. S. Kastner: Der Lebenslauf des Padre Manuel Rodrigues Coelho. In: Três compositores lusitanos para instrumentos de tecla, séculos XVI e XVII (Drei lusitanische Komponisten für Tasteninstrumente): António Carreira, Manuel Rodrigues Coelho, Pedro de Araújo. Fundaçao Calouste Gulbenkian, Lissabon 1979, S. 177–178. Coelho selber gibt im Vorwort zu seinen Flores de Musica an, dass er aus Elvas stamme, und seit seinem achten Lebensjahr an der Kathedrale dieser Stadt studiert habe.“… em a See d’Elvas, minha igreja primitiva, & natural, aonde me criei, & de idade de oyto anos ja nisto estudava”. Manoel Rodrigues Coelho: Prologo da Obra aos Tangedores. In: Manuel Rodrigues Coelho: Flores De Musica Pera o Instrumento de Tecla & Harpa, Vol. I, 1976/1959 (2.ª edição), S. XXXIX. Laut Kastner diente Coelho vielleicht in den Jahren 1573 bis 1577 als stellvertretender Organist am Dom zu Badajoz in Spanien.Diese Information ist nicht hundertprozentig beweisbar, da es viele Personen namens M„anuel Rodriguez“ gab. Da bei seiner Entlassung 1577 behauptet wurde, er habe seinen Dienst nicht zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten erfüllt, kann es zwar sein, dass dies einfach auf M. R. Coelhos jugendliche Unerfahrenheit zurückzuführen ist. Es wäre aber auch denkbar, dass es sich um einen anderen Manuel Rodriguez handelte, der später nicht zwangsläufig professioneller Organist geworden sein muss, wie Kastner einfach voraussetzt. Kastners Idee, dass M.R. Coelho 1573-77 die Orgelvertretung in Badajoz übernahm, ist übrigens der Knackpunkt, warum er Coelhos Geburtsdatum so früh auf „um 1555“ ansetzte. M. S. Kastner: Der Lebenslauf des Padre Manuel Rodrigues Coelho. In: Três compositores lusitanos …, séculos XVI e XVII: António Carreira, Manuel Rodrigues Coelho, Pedro de Araújo. Fundaçao Calouste Gulbenkian, Lissabon 1979, S. 186–192. Er wurde irgendwann zwischen 1580 und 1589 Organist am Dom zu Elvas. 1602 erhielt er einen Ruf als Kaplan und „Clavierist“ (tangedor de tecla)Diese Bezeichnung ist sehr interessant, weil sie sich nicht nur auf die Orgel beschränkt, sondern alle möglichen Tasteninstrumente der damaligen Zeit miteinschließt: Verschiedene Arten von Virginal oder Spinett, Cembalo, Clavichord. an der Königlichen Kapelle in Lissabon;Portugal wurde von 1580 bis 1640 von den spanischen Königen regiert, d. h. von 1580–1598 von Philipp II (I) von Spanien, 1598–1621 von Philipp III (II) von Spanien, 1621–1640 von Philipp IV (III) von Spanien (in Klammern: Nummerierung als portugiesischer König!). Das bedeutet, dass der König selber in Lissabon fast immer abwesend war, weil er sein riesiges Reich zentral von Spanien aus regierte. Philipp III war während Coelhos Amtszeit nur ein einziges Mal ab Mai 1619 „zu einem mehrwöchigen Aufenthalt“ in Lissabon und bereiste auch andere portugiesische Städte wie Evora und Coelhos Heimat Elvas. M. S. Kastner: Der Lebenslauf des Padre Manuel Rodrigues Coelho. In: Três compositores lusitanos …, séculos XVI e XVII: António Carreira, Manuel Rodrigues Coelho, Pedro de Araújo. Fundaçao Calouste Gulbenkian, Lissabon 1979, S. 209–211. er soll außerdem Harfe gespielt haben.Das kann man indirekt aus dem Titel der Flores de Musica schließen, es gibt außerdem Dokumente, die von seinem Harfenspiel sprechen. M. S. Kastner: Der Lebenslauf des Padre Manuel Rodrigues Coelho. In: Três compositores lusitanos para instrumentos de tecla, …, Fundaçao Calouste Gulbenkian, Lissabon 1979, S. 204 und S. 216 (Fußnote 33). Seine Kollegen waren die Spanier Diego de Alvarado (Organist) und Francisco Garro als Kapellmeister. Coelho war außerdem ab 1603 erster Organist der Kathedrale von Lissabon. Am 13. Oktober 1633 trat er in den Ruhestand. Von ihm ist das umfangreiche Sammelwerk Flores de Musica pera o Instrumento de Tecla & Harpa überliefert, erschienen in Lissabon im Jahr 1620.

mini|Flores de musica, Titelblatt (1620) Bedeutung Die Sammlung Flores de Musica ist der ältesteEs gab vermutlich eine erste Publikation um 1536: Uma Obra e Arte de tanger von Gonçalo de Baena. Es ist jedoch vermutlich kein Exemplar erhalten. M. S. Kastner: Introduction (englisch). Manuel Rodrigues Coelho: Flores De Musica … Vol. I, Lissabon 1976/1959 (2.ª edição), S. XXII, Fußnote 1. überlieferte Druck portugiesischer Instrumentalmusik und besteht aus über 200 Folios (Blätter im historischen Papierformat 210 × 330 mm) mit Werken für Tasteninstrumente oder Harfe. Sie enthält 24 Tentos,'Tento' ist die von Coelho verwendete portugiesische Form des spanischen Wortes 'Tiento'. etwa 100 Kyrie- und Magnificat-Versetten mit Singstimme, 4 Pange lingua, 4 Ave maris stella und 4 „Suzanas“ (Bearbeitungen der Chanson Suzanne un jour von Orlando di Lasso). Das Werk lässt deutliche stilistische und formale Einflüsse der spanischen Tastenmusik der Renaissance, insbesondere von Antonio de Cabezón, erkennen; es steht auch in der Nachfolge des bedeutenden portugiesischen Komponisten António Carreira. Die Flores de Musica sind in einer Clavier-Partitur notiert, so wie die handschriftlich überlieferte Musik der portugiesischen Vorgänger Coelhos. In seinem Vorwort gibt der Komponist auch einige Tipps zur Ausführung seiner Musik, u. a. solle man „mit der rechten und linken Hand, wo immer es möglich ist, trillern (quebrar).““… que se ha de quebrar com a mão esquerda, & direita, todas as vezes que for possivel.” Manoel Rodrigues Coelho: Advertencias Particulares pera se tangerem estas obras com perfeiçao. In: Manuel Rodrigues Coelho: Flores De Musica … Lissabon, 1976/1959, S. XLI. (Das Wort „quebrar“ bedeutet eigentlich brechen, hier bezieht es sich auf die Pralltriller und Mordente, die in der spanischen Musik „quiebros“ heißen.)

Coelhos bedeutendste Werke sind seine Tentos: „In ihnen ist die Wandlung vom Renaissance-Tiento zum barocken Typus, die sich bei Peraza und Aguilera schon deutlich ankündigt, endgültig vollzogen“ (Willi Apel).Willi Apel: Coelho. In: Geschichte der Orgel- und Klaviermusik bis 1700. Bärenreiter, Kassel 1967/2004, S. 508. In Flores de Musica gibt es jeweils drei Tentos in jedem der acht traditionellen Kirchentöne. Das ist sehr ungewöhnlich, weil einige Tonarten sonst beliebter als andere waren (z. B. 1. und 2. Ton), während andere eher selten verwendet wurden (z. B. 3. und 4. Ton). Coelhos Tentos sind sehr lang (durchschnittlich 200–300 Takte) und bestehen aus mehreren Abschnitten. Der Beginn steht immer im geraden Takt, später gibt es meistens auch einen Abschnitt in einem tänzerischen Dreiertakt, häufig – aber nicht immer – am Ende. Imitativer Kontrapunkt spielt vor allem zu Beginn eine Rolle, später treten motivische Figurationen (glosas) stärker in den Vordergrund. Coelhos Initialthemen stehen normalerweise in ruhigen Notenwerten, möglicherweise leiten sich manche von gregorianischen Melodien, oder von seinerzeit bekannten Motetten ab.Das könnte auch für die spanische Tastenmusik gelten und auch für italienische Ricercare. Hier könnten noch musikwissenschaftliche Studien betrieben werden. Beispielsweise ähnelt das Thema des Tento Nr. 9 im 3. Ton dem Beginn der Motette „Duo Seraphim“ von Francisco Guerrero (1528–1599).aus: Francisco Guerrero: Sacrae Cantiones, 1589 und 1597. Eingesungen von der Capella Reial de Catalunya und Hesperion XX unter Leitung von Jordi Savall auf der CD Francisco Guerrero: Sacrae Cantiones, Astrée Auvidis E 8766, 1992.

Streckenweise machen Coelhos Tentos manchmal den Eindruck, aus der Improvisation geboren zu sein. Kastner beobachtete, dass im Verlauf mehrerer Tentos von Coelho immer wieder ein „in Demut getauchtes“, „sehnsüchtiges“ (saudoso), „ausgesprochen lusitanisches“Diese Beobachtungen von Kastner sind wirklich sehr gut getroffen. Saudade gilt den Portugiesen selber als typische National-Eigenschaft. Das Wort ist schwer zu übersetzen, es bedeutet ungefähr „Sehnsucht“, beinhaltet aber auch etwas Depressives, wie Resignation. Heute findet die Saudade ihren Ausdruck im Fado. Motiv auftaucht, das Kastner das „Coelho-Motiv“ nannte, und das aus der Tonfolge „g - g - g - f - e - f - e - d - e“Die unregelmäßige Notierung der Notennamen und Striche ist Absicht, und soll den Rhythmus andeuten. oder seinen Transpositionen besteht (sehr deutlich z. B. in Nr. 5, T. 177–216, oder in Nr. 6, T. 146–195).M. S. Kastner: Manuel Rodrigues Coelho / Tento-Studie und Kompositionen auf gregorianische Choralmelodien. In: Três compositores lusitanos … Lissabon 1979, S. 228 und S. 244–245.

Coelhos Harmonik ist einfach, klar und dezent, seine Musik weicher und weniger dissonant als z. B. diejenige von seinem jüngeren spanischen Kollegen Correa de Arauxo (1584–1654). Dabei ist Coelhos Behandlung von Dissonanzen sehr interessant, er bringt manchmal übermäßige Quinten und Terzen, melodisch verminderte Quarten und übermäßige Primen. Auch simultane harmonische Querstände sind häufig und können als besonderes Stilmerkmal seiner Musik angesehen werden.

Chromatik kommt bei Coelho nur ganz vereinzelt und rudimentär vor, z. B. im Thema des sehr virtuosen Tento Nr. 21 im 7. Ton, das auch von Sweelinck in einer seiner Fantasien verwendet wurde. Bei einer Beurteilung von Coelhos Harmonik und Stil muss man allerdings auch die sehr strengen, konservativen Vorgaben der spanischen Musiktheorie und der Inquisition beachten. Vergleiche mit jüngeren italienischen Zeitgenossen wie Trabaci, Mayone oder Frescobaldi hinken von vornherein.

Musikhistorisch besonders interessant sind in Flores de Musica auch die Magnificat-Versetten (also die Nummern 32 bis 37 und 39), das Nunc dimittis (Nr. 38) und die Psalm-Versetten (Nr. 40 bis 47), in denen der zugrunde liegende gregorianische Choral zwar stets als Cantus firmus dient, aber auf einem zusätzlichen Notensystem mit unterlegtem Text notiert ist. Bei den Psalmvertonungen hingegen wandert der Choral als integraler Bestandteil von Stimme zu Stimme. Der abschließende Block der Sammlung bringt Vertonungen verschiedener Kyrie-Melodien in spezifischer Auswahl.