Die Geschichte Tasmaniens reicht vom Ende der letzten Eiszeit (vor ca. 10.000 Jahren) bis zur Gegenwart. Vor etwa 35.000 Jahren wurde die Insel von Aborigines besiedelt. Im 19. Jahrhundert wurde sie von Großbritannien kolonisiert. Dieser Artikel beschreibt die Kolonialgeschichte und den Widerstand dagegen.
Kolonialgeschichte Um anderweitigen Besitzansprüchen zuvorzukommen, gründeten die Briten im September 1803 mit Risdon Cove ihre erste Siedlung auf Tasmanien, der im Laufe eines Jahres noch zwei weitere folgen sollten.
Erste Kolonisierung Die erste Besiedlung (‘Risdon Cove’) wurde ausgehend von Sydney unter der Leitung von Lieutenant John Bowen in die Tat umgesetzt. Er traf im September 1803 ein und gründete – in einem von George Bass vorgeschlagenen Gebiet im Südosten der Insel – an einem Seitenarm des Derwent die erste Siedlung. In seiner Begleitung befanden sich 94 Strafgefangene und Soldaten aus Sydney. Im darauffolgenden Februar kamen nochmals über zweihundert Gefangene und Militärs unter der Leitung von Colonel David Collins. Diesmal direkt von England ausgesandt, errichteten sie nach einer Besichtigung von Port Phillip und Risdon Cove am gegenüberliegenden Ufer des Derwent die Siedlung Sullivan’s Cove, das spätere Hobart.
Zweite Kolonisierung Im November kam es zur zweiten, von Sydney ausgehenden Okkupationswelle. Gouverneur Philip G. King teilte die Insel in zwei Regierungsbezirke: Südlich des 42. Breitengrades in den Bezirk ‘Buckingham’ mit den beiden bereits bestehenden Siedlungen. Im nördlichen Bezirk ‘Cornwall’ ließ er eine dritte Siedlung gründen. Unter dem Kommando von Vizegouverneur William Paterson wurde bei Port Dalrymple (heute Launceston) an der Mündung des Flusses Tamar River George Town gegründet.
Keine der drei Siedlungen war anfangs autark. Nachdem die Besitzansprüche Großbritanniens an Tasmanien geklärt waren, hielten sich die beiden Regierungen mit Subventionen bedeckt, so dass die Kolonialisierung Tasmaniens nur sehr langsam voranschritt.
Zwanzig Jahre nach der Erstbesiedlung erreichte die europäische Bevölkerung Tasmaniens eine Einwohnerzahl von 10.000 und noch im Jahre 1923 waren weite Teile der Insel unerforscht. Neben den ersten drei Siedlungszentren entwickelten sich in deren Umgebung einige weitere entlang der Flussläufe – dem Tamar im Norden und dem Derwent im Süden – oder der Küstenlinie. Nach dreißigjähriger Besiedlungsdauer Tasmaniens war die Straße zwischen der Inselhauptstadt Hobart und der Hauptstadt des Nordbezirkes Launceston unzulänglich ausgebaut.
Robbenfang Chronologisch überlappend fand neben der Kolonialisierung eine weitere Entwicklung statt, deren Anfänge in die 1790er Jahre zurückreichen. Diese Entwicklung – die Etablierung des Robbenfangs und die Jagd nach anderen Meeressäugern in der Bass-Straße und der Westküste Tasmaniens – hatte bereits in vorkolonialer Zeit eine abweisende Einstellung der Insulaner gegenüber den Europäern hervorgebracht. Anfänglich wurden die Robbenfänger nur saisonal auf den Inseln abgesetzt und am Ende der Fangzeit wieder abgeholt. Nachdem die Nachfrage nach Tran, Fleisch, Haut und Haaren der Meeressäuger angestiegen war, etablierten sich zunehmend feste, ganzjährig bewirtschaftete Fangstationen.
Frauenraub Im Zuge dieser Entwicklung steigerte sich das Interesse der Robbenfänger an tasmanischen Frauen. Anfänglich brachten sie die Frauen am Ende der Saison wieder aufs Festland zurück und begnügten sich mit jeweils einer Aborigine. Nachdem man jedoch die Effizienz ihrer Arbeitskraft sowohl bei der Robbenjagd, als auch bei der täglichen Nahrungsbeschaffung erkannt hatte, nahmen die Entführungen ein verheerendes Ausmaß an. Zunehmend wurden die Frauen unter Zuhilfenahme von Gewalt verschleppt und auf die für die Aborigines unerreichbaren Inseln deportiert. Zu Beginn der Robbenfängerepoche wurden Aboriginefrauen von den Europäern im Tauschhandel erworben. In der Regel waren diese nicht, wie teilweise behauptet wird, Frauen der eigenen Lokalgruppe, sondern solche, die sie ihrerseits von den Nachbargruppen geraubt hatten. Nach den ersten gewaltsamen Entführungen war der Weg des friedlichen Tauschhandels versperrt. Die Robbenfänger überfielen die Bewohner der Nord- und Ostküsten, töteten die Männer und verschleppten deren Frauen, wie bei dem von George Augustus Robinson untersuchten Cape-Grim-Massaker aufgedeckt.
Hemmnisse der Kolonisierung mini|Proklamation an die Aborigines zum friedlichen Zusammenleben Anfangs war die Kolonie für freie Siedler wenig reizvoll. Das Brachland der wenigen Ebenen musste unter Strapazen erst urbar gemacht werden.
In Europa kursierte darüber hinaus die Auffassung, die Ureinwohner seien gefährliche Wilde. Auch der hohe Anteil an Strafgefangenen unter der europäischen Bevölkerung wurde mit Misstrauen beobachtet. 1804 kamen auf einen freien Siedler mehr als vier Häftlinge, wobei es zu bedenken gilt, dass diese 'freien' Siedler meist keinesfalls freiwillig dort ansässig wurden. Streng genommen waren es keine Siedler, sondern Soldaten, Beamte und Handwerker, die nach Van-Diemens-Land abkommandiert waren.
In keine andere australische Kolonie wurden so viele Strafgefangene deportiert wie nach Tasmanien. Insgesamt wurden 74.000 auf die Insel verbannt, darunter 12.000 bis 13.000 Frauen. Erst 1825 war das Verhältnis zwischen freien und deportierten Europäern ausgeglichen: Von den circa dreizehntausend Einwohnern waren erstmals nur noch die Hälfte Strafgefangene. In den darauf folgenden Jahren verbesserte sich das Verhältnis noch etwas zugunsten der freien Siedler. Aber Mitte der 1830er Jahre wurde die Abschiebung von Häftlingen noch verstärkt und erreichte in den 1840er Jahren ihren Höhepunkt, als die Deportation nach New South Wales eingestellt wurde. Die Bevölkerungsentwicklung der freien Siedler muss ähnlich verlaufen sein, denn 1844 kamen auf insgesamt 60.000 Europäer immer noch 30.000 Strafgefangene.
Ein anderes Ungleichgewicht begünstigte ebenfalls die langsame Entwicklung der Kolonie. In den Anfangsjahren gab es auf Tasmanien kaum Frauen – zumindest keine europäischen. 1828 kamen auf vier Männer nur eine Frau. Noch 1840 gab es nicht einmal halb so viele Frauen wie Männer. Die Diskrepanz des Geschlechterverhältnisses nahm über die Jahre nur sehr langsam ab, so dass Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts noch immer kein Gleichgewicht hergestellt war. Wohl gab es zahlreiche Gesuche, alleinstehende Frauen in die Kolonie zu entsenden; eine dahingehende Maßnahme wurde jedoch von der bürgerlichen Gesellschaft der jungen Städte blockiert, da sie befürchteten, dass die ohnehin schon stark grassierende Prostitution dadurch noch verschärft werden könnte. Diese durchaus streitbare Argumentation nährte sich aus der damals vorherrschenden Einstellung; eine ehrbare Frau würde eine solche Reise niemals alleine antreten.
Ein weiteres Hemmnis war die Tatsache, dass viele Sträflinge bereits zu Beginn der Kolonisation entflohen waren. Diese schlossen sich zum Teil den Robbenfängern der umgebenden Inseln an oder durchstreiften in Banden raubend, plündernd und mordend das Land. Um einer drohenden Hungersnot in der jungen Kolonie zu entgehen, erlaubte man ihnen 1805, sich ihre Nahrung durch Jagd selbst anzueignen. Viele kehrten aus den Wäldern nicht wieder zurück. Diese Banden (‘bushrangers’) wurden von den frühen Siedlern als noch größere Bedrohung empfunden als die Urbevölkerung selbst. Erst 1817 unter Vizegouverneur William Sorell wurde dieses Problem endgültig gelöst.
Übergriffe Trotz all dieser Widrigkeiten nahm die europäische Bevölkerung langsam, aber kontinuierlich zu. Mit dem Bevölkerungszuwachs verstärkte sich der Druck auf die Aborigine.
Im Mai 1804 töteten die Royal Marines in der Nähe von Risdon um die vierzig tasmanische Aborigines. Ab diesem Zeitpunkt stieg die Gewaltbereitschaft sowie das Konfliktpotential ständig an. Die Militärs gingen immer entschlossener vor, wurden aber von den zivilen Siedlern noch übertroffen, die eine Unzahl von Verbrechen an der vorkolonialen Bevölkerung verübten. Meist werden in diesem Zusammenhang die zivilen Siedler nach Berufsgruppen unterteilt, da alle diese Gruppen bei der beginnenden Eskalation verschiedene Rollen einnahmen. Neben Soldaten, Polizisten und Beamten, die meist im Auftrag der Regierung handelten, werden fünf Hauptgruppen unterschieden:
Die Bürger der aufkeimenden Städte, die die Ereignisse meist nur vom Hörensagen kannten, spielten nur eine untergeordnete Rolle. Sie machten jedoch als Vertreter der öffentlichen Meinung ihren Einfluss bei der Regierung geltend.
Von den bereits erwähnten Robbenfängern, die den Aborigines zwar kein Land, aber deren Frauen raubten, wurden wohl die meisten und grausamsten Verbrechen verübt, die häufig an Perversion kaum zu überbieten sind. Sie störten empfindlich das Geschlechterverhältnis und provozierten Fehden unter den Stämmen, die sich ihrerseits der Frauen wegen bekriegten.
Bei den Bauern, die ihr in der Nähe der Siedlungen gelegenes, günstig erworbenes Land bestellten, gab es individuelle Unterschiede und meist wird in den Quellen ein neutrales Bild der Bauern gezeichnet. Aber auch einige von ihnen machten sich einen Spaß daraus, den Ureinwohnern (‘black crows’) aufzulauern und sie zu töten. Ihr schlimmster Einfluss lag vermutlich in der Landnahme, die im Laufe der Jahre einen einwanderungsbedingten Bevölkerungsdruck bei den Aborigines auslöste. Allein im Zeitraum von 1811 bis 1814 stieg die Anbaufläche von rund 3.000 auf rund 12.000 Hektar an.
Die bekanntgewordenen, von den Strafgefangenen an den Aborigines verübten Verbrechen bildeten nur die Spitze eines Eisberges. Sie bekriegten sich sogar untereinander und machten auch den weißen Siedlern das Leben schwer. Allerdings waren sie, ebenso wie die Robbenjäger, nicht an der Landnahme beteiligt.
Die Viehzüchter und Schafhirten, deren Stationen meist am Rande der besiedelten Gebiete und somit außer Reichweite des Gesetzes lagen, standen den Robbenfängern und Strafgefangenen in nichts nach. Diesen drei Gruppen ist gemein, dass, obwohl ihr Handeln weitgehend der Öffentlichkeit entzogen war, trotzdem unzählige ihrer Grausamkeiten überliefert wurden. Zwischen 1811 und 1814 stieg die Anzahl der Schafe in Tasmanien von 3.500 auf 38.000, so dass auch der Anteil der Viehzüchter am Landraub gewaltig war, zumal sie ihre Tiere häufig auch illegal zum Weiden in die Wildnis trieben.
Verbrechen Die tasmanischen Aborigines wurden vergewaltigt und auf andere Weise gefoltert, kastriert, versklavt, verstümmelt, bei lebendigem Leibe verbrannt, vergiftet oder anderweitig getötet und danach zum Teil an die Hunde verfüttert. Nach nur dreißigjähriger Besiedlungsdauer war die ehemals mehrere Tausend zählende Aboriginesbevölkerung bis auf einen kümmerlichen Rest von zweihundert Individuen ausgerottet. Die Regierung missbilligte die Gewalt gegen die Aborigines zunächst formal, tolerierte sie jedoch faktisch durch ihr unentschlossenes Vorgehen. 1826 änderte sich die Politik unter Lieutenant-Governor Arthur: Aborigines, die Widerstand leisteten, wurden als Aufständische behandelt, und das bewaffnete Vorgehen gegen sie wurde staatlich organisiert.
Nur ein einziges Mal wurden Europäer für derartige Ausschreitungen zur Rechenschaft gezogen: Zwei Männer wurden wegen Misshandlungen von Aborigines öffentlich ausgepeitscht. Einer hatte einem Jungen ein Ohr abgeschnitten, der andere einem Mann den Finger, um ihn als Pfeifenstopfer zu benutzen.
Umso verwunderlicher ist es, dass sich die Europäer zu Beginn der Kolonialzeit unbehelligt durch größere Gruppen Aborigines bewegen konnten. Noch im Jahre 1824 schrieb die ‘Hobart Town Gazette’: „Im Ganzen genommen sind die schwarzen Eingeborenen der Kolonie die friedlichsten Geschöpfe der Welt“.
Abgesehen von Frauenraub und Mord dezimierte sich die Urbevölkerung Tasmaniens durch grassierende Epidemien und den rapiden Rückgang des Wildbestandes.