mini|Erich Dieckmann, um 1924 rahmenlos|zentriert|klasse=notpageimage skin-invert-image|hochkant=0.8 Erich Dieckmann (* 5. November 1896 in Kauernik, Kreis Löbau, Westpreußen; † 8. November 1944 in Berlin) war ein deutscher Tischler, Möbeldesigner, Industriedesigner, Innenarchitekt, Architekt und Hochschullehrer. Neben Marcel Breuer gilt er als bedeutendster Möbeldesigner des Bauhauses in Weimar und Dessau.Prof. Dr. Anita Bach: Vom Bauhaus zur Bauhochschule. Erich Dieckmann in Weimar 1921 bis 1930. In: Prof. Dr. Anita Bach, Alexander von Vegesack: Erich Dieckmann – Praktiker der Avantgarde: Möbelbau 1921–1933. Bauhaus Weimar, Bauhochschule Weimar, Burg Giebichenstein, Ausstellung 13. Juni – 30. September 1990, Vitra Design Museum, Weil am Rhein 1990, ISBN 3-9802539-1-0, S. 35–40. Er entwickelte primär Mobiliar, sogenannte Typenmöbel, wie Schränke, Tische und Sitzmöbel, zunächst aus Holz in geometrischer Grundform mit rechtwinkligen Rahmen sowie deren standardisierte und normierte Ausführung, die eine kostengünstige Produktion ermöglichte. Später entwarf er auch teils schwungvoll geformte organische Sitzmöbel aus Holz, Natur- und Stahlrohr, aber auch Teppich-Dessins, Uhren, Einrichtungs- und Farbkonzepte für zweckgebundene Innenräume.Erich Dieckmann (1896–1944), auf: franklandau.comSessel (Modell 8219). In: Grassi Museum für Angewandte Kunst, Leipzig, auf: museum-digital.de Sein Leben und Werk gerieten durch seinen frühen Tod in Vergessenheit.Alexander von Vegesack: Vorwort und Dank. In: Anita Bach, Alexander von Vegesack: Erich Dieckmann – Praktiker der Avantgarde: Möbelbau 1921–1933. Bauhaus Weimar, Bauhochschule Weimar, Burg Giebichenstein, Ausstellung 13. Juni – 30. September 1990, Vitra Design Museum, Weil am Rhein 1990, ISBN 3-9802539-1-0, S. 7.
Biografie mini|Entwurf Liegesessel, Co 6 (Möbelentwürfe, Korbmöbel) Erich Dieckmann 1930 mini|Stahlrohrsessel Modell Cabaso, (mögliches Modell 8239) 1931 Erich Dieckmann Erich Dieckmann wurde am 5. November 1896 in Kauernik als dritter Sohn des königlich preußischen Landjägermeisters und Kaufmanns Hermann Dieckmann (1859–1924) geboren und wuchs in Niedersachsen auf. Er hatte noch zwei jüngere Brüder und eine Schwester. Über seine Mutter und die jüngeren Geschwister liegen bis jetzt keine Informationen vor.Erich Dieckmann: Geschichte eines Schwerkriegsbeschädigten, 14 Seiten handschriftlich mit eigenhändigen und großteils signierten Zeichnungen, Halle (Saale) 1934.
Schule Nach der Dorfschule in Bad Bentheim besuchte Erich Dieckmann das Realgymnasium in Goslar, das er im Jahr 1913 mit dem Einjährigen (Mittlere Reife) abschloss. Mit 16 Jahren fuhr er als Schiffsjunge auf dem Segelschiff Jonny für etwa ein Jahr zur See, um den Seemannsberuf zu erlernen, und gelangte so beispielsweise nach Russland, Großbritannien, Spanien und Afrika.Dr. Katja Schneider: Kurzbiographie. In: Prof. Dr. Anita Bach, Alexander von Vegesack: Erich Dieckmann – Praktiker der Avantgarde: Möbelbau 1921–1933. Bauhaus Weimar, Bauhochschule Weimar, Burg Giebichenstein, Katalog zur Ausstellung 13. Juni – 30. September 1990, Vitra Design Museum, 1990, ISBN 3-9802539-1-0, S. 109.Josef Straßer: 50 Bauhaus-Ikonen, 2009, S. 78f.
Erster Weltkrieg mini|hochkant|links|Fotografie 1. Weltkrieg Erich Dickmann mittig, älterer Bruder links (beide verwundet) und der Vater Hermann (1859–1924) sitzend, um 1917 Fotograf unbekannt Nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges im August 1914 meldete er sich wie viele enthusiastische und patriotische Deutsche 17-jährig freiwillig für den Dienst bei der Kriegsmarine, wurde jedoch mangels Bedarf zum kaiserlichen Heer einberufen und dem nach der Schlacht an der Marne von dem Hannoverschen Jäger-Bataillon Nr. 10 aufgestellten Reserve-Jäger-Bataillon Nr. 23 in Goslar (I. Res. Jäg. 23, im Grünen Korps) zugeteilt, das der 51. Reserve-Division und deren Untergliederung, der 101. Reserve-Infanterie-Brigade, unterstellt war. Das Reserve-Jäger-Bataillon Nr. 23 wurde an die Westfront in Marsch gesetzt. Im Herbst 1914 nahm Dieckmann an der Ersten Flandernschlacht teil, 1915 war er an der Eroberung von Langemarck nördlich von Ypern beteiligt. Sein linker Unterarm wurde dort durch ein kanadisches Explosivgeschoss zerschmettert. Sein Unterarm und die linke Hand wurden mit den damaligen Mitteln mühsam durch Implantate wieder aufgebaut, wodurch Dieckmann knapp zwei Jahre in Lazaretten lag, zuletzt in Göttingen. Durch die bleibende körperliche Behinderung, eine „Erwerbsbeschränkung“ von 50 % wurde attestiert,Dr. Angelika Emmrich: Erich Dieckmann als Lehrling und Geselle der Weimarer Bauhaus-Tischlerei. In: Prof. Dr. Anita Bach, Alexander von Vegesack: Erich Dieckmann – Praktiker der Avantgarde: Möbelbau 1921–1933. Bauhaus Weimar, Bauhochschule Weimar, Burg Giebichenstein, Ausstellung 13. Juni – 30. September 1990, Vitra Design Museum, Weil am Rhein 1990, ISBN 3-9802539-1-0, S. 29–34. musste er seinen Wunsch Seemann zu werden aufgeben. Sein älterer Bruder Ernst (1895–1916) fiel im Alter von 18 Jahren, an der Westfront in den Argonnen, ein weiterer älterer Bruder wurde wie Erich schwerverwundet.
Um studieren zu können, besuchte er erneut eine Oberrealschule und schloss sie mit der Reifeprüfung ab. An der Technischen Hochschule Danzig studierte er von 1918 bis 1920 Architektur, brach dieses Studium jedoch nach dem Vordiplom ab, weil ihm sowohl die Methodik als auch die Ziele der fachlichen Hochschullehre missfielen.Erich Dieckmann, auf: kettererkunst.de
Nach seinem Architektur-Vordiplom begann er an der Hochschule für Bildende Künste Dresden ein Mal- und Zeichenstudium, das ihn jedoch nicht zufriedenstellte.
Am Bauhaus Weimar mini|hochkant|Erich Dieckmann zu Beginn seines Studiums und seiner Lehre am Bauhaus in Weimar, um 1921 rahmenlos|zentriert|klasse=notpageimage skin-invert-image|hochkant=0.2|Künstlersignatur Erich Dieckmann (Möbeldesigner) Kurzform aus dem Jahr 1921 mini|hochkant|Typenmöbel, Isometrische Darstellung (Möbelentwürfe, Wohnräume) 03-03-1927 Erich Dieckmann mini|hochkant|Entwurf Kindertreppe, ca. 1925 mini|hochkant|Kindertreppe, ca. 1925 mini|hochkant|Größere Kombination von Körpern (Kompositionsstudien, geometrisch) 02-03-1933 Erich Dieckmann mini|hochkant|Entwurf Leichter Sessel, Modell Co 3 (Möbelentwürfe, Korbmöbel) Bleistift, auf Transparentpapier, Erich Dieckmann 1930 mini|hochkant|Korbstuhl (Modell 1) 1930 Erich Dieckmann mini|hochkant|Sitzmöbel-Entwicklungsreihen von Erich Dieckmann, 1931 mini|hochkant|Entwurf Stahlrohrsessel (Möbelentwürfe, Stahlrohrmöbel) Bleistift, auf Transparentpapier, Erich Dieckmann 1931 mini|hochkant|Entwürfe Stahlrohr-Liegesessel (Möbelbau, Stuttgart) Erich Dieckmann 1931 mini|hochkant|Erich Dieckmann, Passfoto, ca. 1930 (Fotograf unbekannt) mini|hochkant|Komposition aus verschiedenen Elementen (Kompositionsstudien, geometrisch) 1932 Erich Dickmann mini|hochkant|Entwurf Bleistift, Stift in Gelb, auf Transparentpapier Liegestuhl Dal Vera Modell 7 (Möbelentwürfe, Korbmöbel), Erich Dieckmann 1934
Ausbildung Gerhard Marcks machte ihn auf das Staatliche Bauhaus in Weimar unter Walter Gropius aufmerksam. Ab Wintersemester 1921/22 bis 1925 studierte Dieckmann dort mit einem Stipendium, zunächst bei Johannes Itten, und absolvierte parallel dazu ab Frühjahr 1922 ebenda eine Tischlerlehre. Dieckmann zählte während dieser Zeit zum engeren Kreis der Schüler von Walter Gropius und wurde durch diesen maßgeblich geprägt. Gropius reichte im Februar 1924 ein Gesuch bei der Handwerkskammer Weimar ein, Erich Dieckmann vorzeitig zur Gesellenprüfung zuzulassen, weil dieser als Nachfolger Marcel Breuers vorgeschlagen worden war. Die Handwerkskammer erließ Dieckmann daraufhin das dritte Lehrjahr, so dass er seine Lehre am 25. August 1924 mit der Gesellenprüfung vor der Handwerkskammer Weimar abschloss. Erst durch sein Studium und nicht zuletzt durch seine Lehre am Bauhaus fand Dieckmann Befriedigung hinsichtlich der Methodik und der vermittelten fachlichen Inhalte.
Ebenso wie für andere Bauhausschüler geriet der Würfel bzw. Quader zur wichtigsten Bezugseinheit angewandter Gestaltung. Wie sein Kollege Josef Albers suchte auch Dieckmann nach Möbelformen, die maschinell hergestellt werden konnten. Im Gegensatz zu Albers und Breuer wollte Dieckmann jedoch nicht auf die Möglichkeiten traditioneller Holzverbindungen und eine Betonung der natürlichen Eigenschaften des Holzes verzichten. Seine favorisierten Materialkombinationen waren Eiche-Vogelaugenahorn, Eiche-Paduk (auch: Padouk), Nussbaum-Ahorn und Nussbaum-Rüster.
Musterhaus Am Horn Die Inneneinrichtung des „Zimmers des Herren“ und des Esszimmers in dem von Georg Muche als Referenz- bzw. Leuchtturmprojekt unter den eingrenzenden Bedingungen der Hyperinflation für das Bauhaus geplanten Weimarer Musterhaus Am Horn wurde von Dieckmann 1923 konzipiert. Diese Einrichtungsplanung repräsentiert die erste selbständig ausgeführte Arbeit Dieckmanns.Die Form – Zeitschrift für gestaltende Arbeit, 4. Jg., Heft 19, 1. Oktober 1929, S. 514. Marcel Breuer lobte insbesondere die Einfachheit der funktionalen Konstruktion des nur aus Quadern bestehenden Entwurfes Dieckmanns für das Bett und „die monumentale Schönheit des Klaren, welche unsere ästhetischen Ansprüche auch ohne anorganischen Schmuck und Ornamentik voll befriedigt“.Marcel Breuer: Die Möbelabteilung des Staatlichen Bauhauses in Weimar. In: Fachblatt für Holzarbeiter, 20 (1925), S. 17. Das von Breuer und Dieckmann entworfene Mobiliar war formal einfach, zweckgebunden, materialgerecht und seine Gestaltung für eine industrielle Fertigung geeignet.
Nach dem erfolgreichen Abschluss seiner Lehrzeit arbeitete Dieckmann als angestellter „Etatgeselle“ in der Möbelwerkstatt am Bauhaus. Nun arbeiteten mehrere so bezeichnete „produktive Gesellen“ nach Dieckmanns Entwürfen, während Dieckmann selbst auch Entwürfe Dritter ausführte, so beispielsweise Stuhlentwürfe Breuers.
Protestbrief zum Urheberrecht Protestbrief der Studentenschaft, aufgesetzt von Erich Dieckmann, zum Urheberrecht an die Bauhausleitung vom 17. Oktober 1924 Zitatauszug:
Unterzeichnende, 17 weiter Lehrlinge und Gesellen:
Staatliche Hochschule für Handwerk und Baukunst zu Weimar Nach der Verlegung des Bauhauses nach Dessau blieb Dieckmann in Weimar und leitete die Möbelwerkstatt von April 1925 bis März 1926 gemeinsam mit Reinhold Weidensee. Per 1. Juli 1926 erfolgte deren Integration in die Staatliche Hochschule für Handwerk und Baukunst zu Weimar als Abteilung Tischlerei und Innenarchitektur.Der Sinn der Staatlichen Hochschule für Handwerk und Baukunst. In: Thüringische Landeszeitung Deutschland, Nr. 110, 21. April 1926. Im März 1926 unterzeichnete Dieckmann seinen Arbeitsvertrag als künstlerischer Leiter dieser Abteilung, der per 1. Juli 1926 für zunächst drei Jahre wirksam wurde. In dieser Funktion folgte er Walter Gropius und Marcel Breuer nach. Als Werkmeister stand ihm Reinhold Weidensee weiterhin zur Seite. Dieckmann war in der Folge maßgeblich am Aufbau einer vorbildhaften Versuchsanstalt für die Entwicklung von Typenmöbeln beteiligt, ein Projekt, das bis heute als seine bedeutendste Leistung eingestuft wird.