Sigurd ist eine Oper in vier Akten und neun Bildern von Ernest Reyer auf ein Libretto von Camille du Locle und Alfred Blau. Die Handlung basiert auf dem Nibelungenlied und weist einige Parallelen zu Richard Wagners Götterdämmerung aus dem Ring des Nibelungen auf. Die Uraufführung erfolgte am 7. Januar 1884 im Théâtre la Monnaie in Brüssel.
Handlung
Die Handlung spielt in Worms und Island zu Zeiten Attilas im 5. Jahrhundert.
Hilda, die Schwester des Burgunderkönigs Gunther, liebt insgeheim den Helden Sigurd. Deshalb schlägt sie die ihr angebotene Hand Attilas aus. Als Sigurd in Worms erscheint, reicht ihm Hildas Amme Uta einen verzauberten Liebestrank, der ihn nun seinerseits in Hilda verliebt macht. Sigurd und Gunther schwören sich ewige Treue, und Sigurd verpflichtet sich, Gunther und Hagen nach Island zu begleiten, wo Gunther die Walküre Brunehild für sich gewinnen will. Diese ist auf Geheiß Odins aus dem Himmel dorthin verbannt worden, weil sie verbotenerweise einem Sterblichen, Sigurd, im Kampf beigestanden hatte. Als Gunther verkleidet gelingt es Sigurd, den Zauber um Brunehilds Palast zu brechen und die Walküre zu befreien. In Worms angekommen, wird Brunehild in dem Glauben gelassen, Gunther habe sie befreit und werde sie zu seiner Frau machen. Sigurd hingegen fordert als Lohn für seinen Dienst die Hand Hildas. Nach der Doppelhochzeit verrät Hilda gegenüber Brunehild, dass nicht Gunther, sondern Sigurd, der Retter war. Brunehild löst daraufhin den Zauber des Liebestranks und lässt Sigurd erkennen, dass sie die für ihn bestimmte Frau ist. Als Gunther und Hagen dies beobachten, fordert Hagen Sühne für den vermeintlichen Verrat Sigurds und tötet ihn. Erst im Tod finden Brunehild und Sigurd zusammen.
Erster Akt. Worms
mini|links|hochkant=1.3|1. Festsaal der Burg Gunthers (1. Akt). 2. Rheinufer (3. Akt). 3. Gärten der Burg Gunthers (4. Akt). 4. Die Befreiung Brunehilds (2. Akt). 5. Das Totenfeld (2. Akt)
Große Halle der Burg Gunthers
Szene 1. Die Frauen der burgundischen Krieger, Gunthers Schwester Hilda, ihre Amme Uta und Gefolge preisen König Gunther, der sich auf einen neuen Kriegszug vorbereitet. Während alle feiern, grübelt Hilda über einen Traum nach, in dem ein von ihr aufgepäppelter Milan nach seiner Freilassung von einem Adler gerissen wurde. Uta erläutert ihr den Traum: Der Milan stehe für einen edlen Bräutigam, dem Gefahr durch einen Rivalen drohe. Hilda erklärt, dass sie für immer auf die Liebe verzichten wolle. Sie liebe aussichtslos den Helden Sigurd und habe bereits die Werbung Attilas zurückgewiesen. Die Gesellschaft löst sich auf.
Szene 2. Uta verspricht Hilda einen Liebestrank, mit dem sie Sigurd sicher für sich gewinnen werde.
Szene 3. Nach einem anstrengenden Ausflug erscheint König Gunther mit seinem Gefolge. Bei ihm befinden sich Hagen, ein Barde, Rudiger und die anderen Gesandten König Attilas. Diener tragen Fackeln, und Tische werden hereingebracht, um das Fest vorzubereiten. Gunther bekräftigt sein Bündnis mit Attila und bringt einen Trinkspruch auf ihn und seine Gesandten an. Gunther hat sich vorgenommen, Brunehild als Gattin zu gewinnen. Auf sein Bitten trägt Hagen das Lied dieser von Odin verbannten Walküre vor, die sich schlafend auf Island in einem Palast aus feurigen Mauern befindet. Nur der mutigste Krieger könne die Flammen durchdringen, um sie zu wecken und zur Frau zu erhalten.
Szene 4. Hilda und Uta gesellen sich mit ihrem Gefolge zu den Feiernden. Rudiger und seine Begleiter drängen Hilda erneut, Attilas Werben nachzugeben – doch diese schweigt und wirft sich Schutz suchend in die Arme ihres Bruders. Gunther erklärt, dass man Hildas Entscheidung akzeptieren müsse. Er ruft zu einer neuen Trinkrunde auf. Trompeten erschallen. Hagen erkundigt sich nach der Ursache und meldet dann die Ankunft eines stolzen Ritters in glänzender Rüstung.
Szene 5. Gunther sitzt auf seinem Thron unter einem Baldachin mit Hilda an seiner Seite, umgeben von seinen Kriegern. Unter Trompetenklängen erscheint Sigurd in voller Rüstung. Er hat von Gunthers Plan, Brunehild zu gewinnen, gehört und fordert ihn auf, diesen aufzugeben, da er selbst dieses Ziel habe. Die Ritter und Gunther sind zunächst empört über seine hochmütigen Worte, doch der Ankömmling stellt sich als Sigurd, Sohn König Sigemons vor. Dieser Name ist Gunther wohlbekannt, denn Sigurd hatte einst seine Schwester aus Feindeshand gerettet. Er verzichtet auf einen Kampf und beide schwören sich ewige Freundschaft. Hilda überreicht Sigurd ein Trinkglas, um den Bund zu besiegeln – es ist der Liebestrank Utas. Rudiger gibt Hilda im Namen Attilas ein Armband als Abschiedsgeschenk. Unterdessen verspürt Sigurd bereits die Auswirkungen des Tranks. Er verspricht Gunther, ihm bei der Eroberung der Walküre zu helfen, fordert aber im Gegenzug einen anderen Lohn, den er nach ihrer Rückkehr nennen werde.
Zweiter Akt. Island
Erstes Bild. Heiliger Wald am Meeresufer. Ein Opferaltar unter einer großen Linde
Szene 1. Unter den Gesängen der Priester und des Volks bringt der Hohepriester Odins dessen Gattin Fréja eine Krone als Opfer dar.
Szene 2. Gunther erscheint unter seinem Baldachin mit Hagen, seinen Kriegern und dem bewaffneten Sigurd. Trompeten erschallen. Der Hohepriester fragt nach dem Grund für ihr Eindringen, und Sigurd, Gunther und Hagen erklären, dass sie aus dem Rheinland angereist seien, um die schlafende Walküre zu wecken. Der Hohepriester und die anderen Isländer warnen sie vor dem sicheren Tod, der ihnen durch die magischen Wesen dieses Orts drohe – doch die Burgunden lassen sich nicht abschrecken. Daraufhin verkündet der Priester das Wort Odins: Brunehilds Zauber könne nur ein einziger Held lösen, der im dunklen Tal das heilige Horn erklingen lasse. Er müsse reiner als der Anbruch eines schönen Tages sein und dürfe weder unter dem Joch einer Frau gestanden noch jemals Liebesworte geflüstert haben. Sigurd fordert ihn auf, ihm das heilige Horn Odins zu bringen. Einer von ihnen werde sich auf den Weg machen. Die Priester und das Volk verschwinden zwischen den Bäumen.
Szene 3. Sigurd erklärt seinen Begleitern, dass er die Aufgabe auf sich nehmen wolle. Es sei offensichtlich, dass Odin mit seiner Beschreibung ihn gemeint habe. Damit Brunehild ihn nicht erkenne, werde er mit Gunther die Rüstung tauschen und das Visier verschlossen halten. Dann werde er sie Gunther als Jungfrau übergeben.
Szene 4. Priester und Volk kehren mit dem heiligen Horn zurück. Der Hohepriester übergibt es Sigurd und erklärt: Sobald um ihn herum die Geister heulen, müsse er es dreimal erklingen lassen. Dann werde sich der Palast erheben. Falls Sigurd erfolgreich sein sollte, müssten sie schnellstens wieder abreisen, um der Rache der Geister zu entgehen. Während der Vorhang niedergeht, entfernt sich der Chor. Sigurd bleibt allein zurück.
Zweites Bild. Das Totenfeld „Folkranger“
Eine düstere mit Dolmen und anderen Druidensteinen durchsetzte Ebene. Im Hintergrund ein mit Trauerbäumen umgebener See.
Szene 5. Sigurd nimmt seinen Mut zusammen. Er gedenkt Hildas, ruft die Elfen, Kobolde und Geister herbei und bläst zum ersten Mal in das Horn.
Szene 6. Der Himmel verdunkelt sich, es donnert, und der Wind pfeift durch die Bäume. Die drei Nornen zeigen sich am Seeufer. Sie haben Tränen in den Augen und waschen weiße Kleidungsstücke, die sie zu verderben scheinen. Sie erklären Sigurd durch Gesten, dass es sich um das für ihn bestimmte Leichentuch handelt. Dann verschwinden sie im See. Sigurd setzt das Horn zum zweiten Mal an, doch plötzlich erscheinen unter Blitzgewitter bewaffnete Walküren von allen Seiten und versuchen, es ihm zu entreißen. Er bekämpft sie beherzt, doch nun greifen auch Kobolde und andere Geister an. Schließlich gelingt es Sigurd, sich an einen Felsen zu lehnen und in das Horn zu blasen.
Szene 7. Der See ist nun in ein sanftes Licht getaucht. Die Walküren und Kobolde sind verschwunden. Nixen erheben sich langsam aus dem See und dem Schilf, während Elfen aus dem Wald kommen. Sie umarmen Sigurd und versuchen ihn tanzend in den See zu drängen. Sigurd widersteht. Eine Elfe stiehlt ihm das Horn und entflieht damit. Sigurd reißt sich los und versucht, das Horn zurückzuerhalten. Unter Donner und Blitzen erscheinen die Walküren und Kobolde erneut. Trotzdem gelingt es Sigurd, sich zwischen den Schwertern der Walküren hindurchzuwinden und der Elfe das Horn wieder zu entreißen. Er bläst zum dritten Mal hinein. Nach einem Donnerschlag tost der Wind erneut auf. Die drei Nornen kehren zurück, um Sigurd zu dem flammenden Palast zu führen, der sich allmählich aus dem See erhebt. Auf ein Zeichen der Nornen stürzt dessen Mauer ein und gibt den Blick auf einen prachtvollen Saal frei.
mini|links|Zweiter Akt, drittes Bild. Sigurd vor dem Flammenpalast
Drittes Bild. Ein Saal eines verzauberten Palasts
Die drei Nornen bringen Sigurd zur schlafenden Brunehild. Er senkt sein Visier und weckt sie. Brunehild erhebt sich. Sie grüßt ihren Befreier, schenkt ihm ihren Gürtel als Liebesbeweis und fordert ihn auf, sie mit sich in sein Heim zu führen. Dann schläft sie in seinen Armen ein und sinkt mit ihm auf das Bett zurück. Sigurd denkt an seinen Freund Gunther und legt sein Schwert zwischen sich und Brunehild. Dann beschwört er die besiegten Geister, sie zur Burg Gunthers zu tragen.
mini|Zweiter Akt, viertes Bild, Sigurd und Brunehild in der Kristallgondel
Viertes Bild
Der magische Palast wird wieder vom See verschlungen. Das Bett mit Sigurd und Brunehild verwandelt sich in eine Kristallgondel und wird von den drei nun in Schwäne verwandelten Nornen fortgezogen. Die Landschaft hat ihren düsteren Charakter verloren und wird von einem magischen Licht erleuchtet. Die Nixen, Elfen und Kobolde tanzen auf dem Gras. Der Vorhang senkt sich.
Dritter Akt. Worms
Erstes Bild. Ein Garten der Burg Gunthers
Szene 1. Ein unsichtbarer Chor ruft den noch schlafenden Gunther, um ihm die Rückkehr Sigurds zu melden. Uta und Hilda schleichen sich zwischen den Bäumen heran, um das Geschehen heimlich zu beobachten.
Szene 2. Gunther erwacht allmählich. Während die Sonne aufgeht, erscheint Sigurd mit der noch immer schlafenden Brunehild im Hintergrund der Szene. Er teilt Gunther mit, dass er seinen Schwur gehalten habe. Brunehild werde bald als seine Braut aufwachen. Er selbst erwarte nun seine Belohnung. Sigurd entfernt sich und lässt Brunehild bei Gunther zurück.
Szene 3. Während sich der unsichtbare Chor von der ehemaligen Walküre verabschiedet, wendet sich Gunther Brunehild zu. Diese erwacht in Erwartung, ihren Gatten zu erblicken. Zunächst bezweifelt sie, dass Gunther ihr Befreier sein soll. Doch als er sich als König der Burgunden vorstellt, akzeptiert sie ihn als künftigen Ehemann und Herrn. Gunther triumphiert.
Szene 4. Von der rechten Seite erscheinen Hilda und Uta. Während Hilda bereits in Freude über die Gegenliebe Sigurds schwelgt, hat Uta böse Vorahnungen und mahnt, dass niemand von ihrem Geheimnis (dem Liebestrank) erfahren dürfe.
mini|links|Dritter Akt, zweites Bild. Sigurds Einzug vor dem Schloss
Zweites Bild. Eine große Terrasse vor dem Schloss Gunthers
Rechts das Schloss mit einem Tor und mehreren Eingängen. Links die Wohnhäuser der Bauern und große Bäume. Im Hintergrund der Rhein.
Szene 1. Holzfäller, Schiffsleute, Jäger und Fischer sowie die burgundischen Frauen und Kinder beginnen ihr Tagewerk, und auch die Krieger erwachen allmählich. Die Arbeiter entfernen sich in unterschiedliche Richtungen.
Szene 2. Hagen verlässt das Schloss, gefolgt von seinen Kriegern mit Trompeten und Bannern. Er lässt einen Hornruf erklingen, worauf sich die Bevölkerung wieder versammelt, um seine Neuigkeiten zu vernehmen. Hagen verkündet die bevorstehende Hochzeit des Königs mit der Walküre Brunehild und fordert die Anwesenden auf, der Braut einen triumphalen Empfang zu bereiten.