Operation Red Wings, auch unter der Bezeichnung Schlacht von Abbas Ghar bekannt, war der Codename für eine militärische Unternehmung der United States Navy SEALs im Jahr 2005 im Afghanistan-Krieg.

Zusammenfassung der Ereignisse

Die Operation Red Wings fand von Juni bis Juli 2005 im Pech-Distrikt der Provinz Kunar, an den Hängen der Sawtalo-Sar-Berge, im Osten von Afghanistan, etwa von der Provinzhauptstadt Asadabad entfernt, statt. Ziel der Operation war es, die lokalen Aktivitäten der Anti-Koalitions-Miliz zu unterbinden. Ahmad Shah führte eine kleine bewaffnete Gruppe von Personen an, die den Taliban nahestanden und in der Provinz Nangarhar aktiv waren. Sie waren das Primärziel der militärischen Aktivitäten der US-amerikanischen Streitkräfte. Am Konzept der Unternehmung war das 2. Bataillon des 3. US-Marineinfanterie-Regiments beteiligt. Für die Durchführung der Eröffnungsphase waren Spezialkräfte wie SOF-Einheiten (Special Operations Forces – deutsch: Spezialeinheiten), US Navy SEALs und Kommandos der SOAR(A), des US Army Special Operations Kommando, des 160. Special Operation’s Aviation Regiment vorgesehen.Ed Darack: Command Chronology for 3rd Battalion, 3rd Marines, Jan-Jun 2005 (en.) Ein Team aus vier Navy SEALs sollte mit einem Hubschrauber im Operationsgebiet abgesetzt werden, als Spähtrupp feindliches Gebiet aufklären sowie die Gruppe um Ahmad Shah ausfindig und unschädlich machen. Das Unternehmen schlug fehl, und die SEAL-Gruppe wurde in einem schweren Feuergefecht bis auf einen Überlebenden, Marcus Luttrell, getötet. Bei der Rettungsaktion wurde ein Chinook-Hubschrauber von einer RPG-Rakete abgeschossen. Alle Soldaten an Bord kamen dabei ums Leben. Die sich anschließende Operation Red Wings II, welche drei Wochen andauerte, hatte zum Ziel, die Leichen der gefallenen US-Soldaten zu bergen und Marcus Luttrell zu retten. Die Gruppe um Ahmad ShahFotografie von Ahmad Shah zog sich hinter die pakistanische Grenze zurück und kehrte dann verstärkt mit neuen Waffen ins Sawtalo-Sar-Gebirge zurück. Mittlerweile hatte Shah durch den Abschuss des US-Hubschraubers große Anerkennung bei den Taliban gewonnen. Im August 2005 wurde er während der Nachfolgeoperation Whaler schwer verwundet.

Hintergrund

Nach der Invasion in Afghanistan verlegten sich US-Streitkräfte und Verbündete zunehmend von „kinetischen“ Operationen der Massenheere zur sogenannten Aufstandsbekämpfung (COIN Counterinsurgency) im kleineren Maßstab auf Kommandoebene. Im Jahr 2004 lag der Schwerpunkt auf dem Prozess des Nation Building und der Verbesserung der allgemeinen Sicherheitslage auch in entfernten Provinzen, dem Ermöglichen von freien Wahlen sowie der Verbesserung der Infrastruktur. Als bedeutsamer Meilenstein wurden die Wahlen des Afghanischen Nationalparlamentes in Kabul im September 2005 angesehen. Aufgrund seiner isolierten Lage und seiner Nähe zu Pakistan kam es in der Provinz Kunar zu anhaltenden Unruhen, die von etwa zweiundzwanzig lokalen Milizgruppen (Anti Coalition Militia – ACM) initiiert wurden, welche teilweise den Taliban und al-Qaida angegliedert waren, teilweise aber auch einen kriminellen Hintergrund wie Holzschmuggel hatten. Um sichere Wahlen in der Provinz Kunar zu gewährleisten, wurden eine Reihe von Operationen durchgeführt, um die Macht der ACM zu brechen.

Das 3. Bataillon des 3. US-Marineinfanterie-Regiments war dem Regionalkommando Ost, RC(E) (Regional Command East), unterstellt und begann bereits Ende 2004 damit, verstärkt Militärpräsenz zu zeigen und bezog Spezialeinheiten für Operationen im unwegsamen Berggelände mit ein. Die Operation Spursbenannt nach dem Basketballteam San Antonio Spurs fand im Februar 2005 im Korengal-Tal statt. Dabei waren ebenfalls US Navy SEALS beteiligt. Nach Spurs folgten Operation Mavericksbenannt nach dem Basketballteam Dallas Mavericks im April und Operation Celticsbenannt nach dem Basketballteam Boston Celtics im Mai 2005.handschriftliche Notiz von Lance Seiffert über mögliche Operationsnamen Im April 2005 wurde der ACM-Kommandeur Najmudeen zur Kapitulation gezwungen. Nach der Aufgabe von Najmudeen gingen die „Bandenaktivitäten“ in der Region signifikant zurück, hinterließen jedoch auch ein Machtvakuum. Oberstleutnant Norman Cooling vom 3. Bataillon/3. US-Marineinfanterie-Regiment startete im Mai 2005 die Operation Stars, welche eine weitere Sicherung und Festigung der US-Militärpräsenz in der unruhigen Bergregion zum Ziel hatte. Feindaufklärung unter Hauptmann Scott Westerfield hatte eine kleine Zelle ausfindig gemacht, welche offensichtlich die Nachfolge der Najmudeen-Miliz angetreten hatte. Shah und die selbsternannten „Bergtiger“Gefechtsbericht auf der Homepage von Lt. Michael P. Murphy wurden verdächtigt, mindestens elf Überfälle (Feuerüberfälle und Sprengstoffanschläge) gegen Koalitionstruppen und die Provinzregierung von Kunar verübt zu haben. Operation Red Wings sollte die Shah-Gruppe in ihrem Rückzugsgebiet, dem Sawtalo SarBergregion um Asabad, endgültig unschädlich machen.

Planung und Feindaufklärung mini|Planungsskizze der Operation Red Wings

Mit der Planung der Operation Red Wings wurde unmittelbar nach Eintreffen des Bataillonsstabes 2./3. US-Marineinfanterie-Regiment unter der Leitung von Lieutenant Colonel Andrew MacMannis und Stabschef Major Thomas Wood begonnen. Captain Scott Westerfield war für die Feindaufklärung zuständig und identifizierte anhand mehrerer Fotografien den noch relativ unbekannten Gegner Ahmad Shah Dara-I-nur (übersetzt Ahmad Shah: „vom Tal der Erleuchteten“), machte seinen Geburtsort im Kuz-Kunar-Distrikt ausfindig und fand heraus, dass er damals für Gulbuddin Hekmatyār kämpfte. Wood entdeckte, dass Shah sich ins Dorf Chichal, welches sich auf dem Höhenrücken des Sawtalo Sar im unteren Korangal-Tal befand, zurückgezogen hatte. Bilder der Luftaufklärung wurden ausgewertet, welche menschliche Siedlungen in dieser Region feststellten, wobei vier Punkte in nähere Auswahl gezogen wurden, von denen man annahm, dass sie für Shah von besonderem Interesse seien.

Es wurde entschieden, dieses Gebiet aufgrund der geringen Mondhelligkeit im Monat Juni auszuheben und Shah als „High-Value-Target“ zu eliminieren oder gefangen zu nehmen (capture or kill). Die Unternehmung sollte von einem kleinen Kommandoteam bei Nacht durchgeführt werden. Das SEAL Team 10 sollte bei Tarnung durch Dunkelheit mit einem Transporthubschrauber in einiger Entfernung vom Operationsgebiet abgesetzt werden, im Schutz der Nacht zum Einsatzraum marschieren und Shah ausfindig machen. Die Eliminierung selbst sollte durch ein Marine-Corps-Scout-/Sniper-Team – einem Späher-/Scharfschützenteam – erfolgen. An der Gesamtplanung war eine besondere Kommandostruktur aus kombinierten Special Forces (CJSOTF-A) beteiligt, welches auch die MH-47-Hubschrauber zur Verfügung stellte.

Team mini|links|Michael P. Murphy und Matthew G. Axelson, gefallene Mitglieder des Spähtrupps der US Navy SEALs mini|Michael P. Murphy

Das SEAL-Team bestand aus den folgenden Soldaten:

Navy Lieutenant Michael P. Murphy, SEAL Delivery Vehicle Team 1 (SDVT-1) Petty Officer Second Class Danny P. Dietz, SEAL Delivery Vehicle Team 2 (SDVT-2) Petty Officer Second Class Matthew G. Axelson, SEAL Delivery Vehicle Team 1 (SDVT-1) Navy Hospital Corpsman Second Class Marcus Luttrell, SEAL Delivery Vehicle Team 1 (SDVT-1)

Ablaufplanung

Operation Red Wings gliederte sich in fünf Phasen:

Phase 1 Shaping („Gestaltung“): Ein Aufklärungs- und Überwachungsteam der US Navy SEALs sollte dazu eingesetzt werden, um in der Region, in der die Gruppe von Ahmad Shah vermutet wurde, sich einer verdächtigen Siedlung zu nähern, in der Shah sich zu diesem Zeitpunkt aufgehalten haben solle. Diese Gruppe sollte für Phase 2 der direkten Eingreifgruppe zuarbeiten, indem sie die Strukturen der Ahmad-Shah-Miliz aufklären sollte. Phase 2 Action on the Objective („Aktion im Zielgebiet“): Zuerst sollte die Eingreifgruppe der SEALs mit einem MH-47-Hubschrauber abgesetzt werden. Kurz danach sollte eine Gruppe Marineinfanteristen folgen, die Shah und seine Männer entweder gefangen nehmen oder töten sollten. Phase 3 Outer Cordon („Äußere Absperrkette“): US-Marines und die afghanische Nationalarmee sollten die umliegenden Täler auf der Suche nach anderen mutmaßlichen Aufständischen durchkämmen. Phase 4 Security and Stabilization („Sicherheit und Stabilisierung“): In den Tagen nach den ersten drei Phasen sollten US-Marines und die afghanische Nationalarmee der lokalen Bevölkerung medizinische Hilfe gewähren und deren Bedürfnisse wie verbesserte Straßen, Brunnen und Schulen ermitteln. Phase 5 Exfiltration („Abzug“): Abhängig von der Feindaktivität sollten die US-Marines für einen weiteren Monat in dem gesicherten Gebiet bleiben und es dann verlassen.

Durchführung

Der Angriff der SEALs erfolgte in der Nacht des 27. Juni 2005 nach Absetzen aus MH-47 Hubschraubern auf dem Sawtalo-Sar-Gebirge. Einer der Hubschrauber führte eine Reihe von Tarnmanövern, sogenannte „decoy drops“ aus, um den Gegner über die wahre Absicht des Kommandounternehmens im Unklaren zu lassen. Die vier SEALs wurden auf dem Sattelberg zwischen Sawtalo Sar und Gatigal Sar im Süden des Gebirges abgesetzt. Der Absetzpunkt war ca. 2,5 km von der eigentlichen Zielregion entfernt.

Die Gruppe bewegte sich zu einem Beobachtungspunkt, von wo aus sie die Zielregion einsehen konnten. Das Team wurde in einem Waldstück von Ziegenhirten entdeckt und damit die Mission gefährdet. Lieutenant Murphy entschied sich, die Zivilisten nicht zu liquidieren, sondern sie gemäß den militärischen Einsatzregeln freizulassen. Das Team vermutete, dass die Ziegenhirten zum Dorf zurücklaufen und sie dort an die Taliban verraten würden und zogen sich deshalb in eine rückwärtige Position zurück.

Nach einer Stunde wurde das SEAL-Aufklärungsteam von zahlenmäßig überlegenen Taliban mit leichten RPK-Maschinengewehren, RPG-7-Panzerbüchsen, AK-47-Gewehren und leichten 82-mm-Mörsern angegriffen. Die Stärke des Feuerüberfalls und die Überlegenheit des Gegners zwang die SEALs dazu, sich in eine Bergschlucht am nordöstlichen Teil des Sawtalo Sar, in der Nähe des Shuryek-Tals, zurückzuziehen. Von dort aus unternahmen sie mehrere erfolglose Versuche, mithilfe von Funk und Satellitentelefon mit ihrem Gefechtseinsatzzentrum Kontakt aufzunehmen. Eine dauerhafte Verbindung konnte nicht aufgebaut werden. Das Team hatte lediglich die Möglichkeit durchzugeben, dass sie gerade unter Beschuss standen. Innerhalb kurzer Zeit wurden sie von den Taliban umgangen und von mehreren Seiten unter Feuer genommen. Drei Teammitglieder wurden getötet. Allein Marcus Luttrell überlebte mit einer Anzahl von Knochenfrakturen und weiteren schweren Verletzungen. Auf der Flucht versteckte er sich und verlor zwischenzeitlich das Bewusstsein. Als er wieder erwachte und seine Flucht fortsetzte, wurde Luttrell von Angehörigen eines Paschtu-Stammes, die mit den Taliban verfeindet waren, gerettet und in Sicherheit gebracht.