mini|„Nürnberger Himmelsspektakel“ von Hans Glaser Das Nürnberger Himmelsspektakel von 1561 ist ein ungewöhnliches Ereignis, das sich am 14. April 1561 über der Stadt Nürnberg zugetragen haben soll. Der Vorfall wurde von dem Briefmaler und Drucker Hans Wolff Glaser bildlich wie schriftlich auf einem kolorierten Flugblatt (als Nürnberger Flugblatt von 1561 bekannt) festgehalten.
Das Nürnberger Flugblatt von 1561 zeigt und beschreibt eine vorgebliche Himmelserscheinung vor der aufgehenden Sonne, bei der zahlreiche kugel-, kreuz- und zylinderförmige Objekte am Himmel miteinander „gekämpft“ haben sollen. Der Bericht wird unter Historikern und Meteorologen, aber auch in den Grenz- und Protowissenschaften, diskutiert. Besonders die Ufologie zeigt reges Interesse an dem Flugblatt, da in dem darin enthaltenen Bericht ihrer Meinung nach eine Himmelsschlacht zwischen unbekannten Flugobjekten beschrieben wird.William J. Birnes: The Everything UFO Book. S. 19–21. Meteorologen hingegen sehen in dem Gemälde eine künstlerisch-interpretative Darstellung einer natürlichen Halo-Erscheinung.Robert Greenler: Rainbows, Halos and Glories. S. 106–109. Historiker vermuten eine bildliche Vermengung von mehreren, zeitlich unabhängig erfolgten, historischen wie natürlichen Ereignissen. Den von Hans Glaser verfassten Bericht bewerten sie als mit religiösen Interpretationen und Mahnschriften ausgeschmückten Hörensagen-Bericht. Das Nürnberger Flugblatt von Hans Glaser ist nicht das einzige seiner Art, besonders im 15. und 16. Jahrhundert waren Flugblätter mit Berichten über vorgebliche „Wunderzeichen“ und „Himmelsspektakel“ weit verbreitet und beliebt.Wiebke Schwarte: Nordlichter. S. 88–99.
Beschreibung des Flugblattes Die obere Hälfte des Flugblattes wird von einem handkolorierten, großformatigen Holzschnitt dominiert, die untere Hälfte nimmt der Begleittext in altdeutscher Schrift ein. Sowohl Abbildung als auch Text stammen von Hans Glaser.
Die Darstellung zeigt auf der linken Seite die Stadt Nürnberg, auf der rechten Seite den – zu jener Zeit noch selbstständigen – Stadtteil St. Leonhard. Auf dem Bild steht die gleichnamige Kirche „St. Leonhard“ in Flammen, es scheinen Kanonenkugeln auf das Dach zu stürzen. Aus einem Haus direkt hinter der Kirche ragt eine Kanone hervor, es steigen zwei dickliche Rauchsäulen daraus empor. Im Hintergrund sind weitere, zu dieser Zeit eigenständige Stadtteile zu erkennen. Die aufgehende Sonne impliziert, dass der Betrachter nach Osten blickt und somit seinen Rücken dem Westen zuwendet. In der Mitte des Bildes befindet sich die Sonne mit menschlichem Gesicht, ihre Augen blicken leicht nach rechts. Hinter der Sonne sind zwei Mondsichel-Formen zu sehen, lose um die Sonne herum sind zahlreiche Kugeln, Kreuze und Rohre bzw. Zylinder angeordnet. Die zylindrischen Gebilde enthalten abwechselnd drei bis fünf Kugeln, manche dieser Kugeln dringen gerade aus den Zylindern hervor. Unter der Sonne, leicht nach links versetzt, ist eine übergroße, pechschwarze Speerspitze zu sehen, deren spitzes Ende nach links, in Richtung Stadt, weist.Carl Gustav Jung: Ein moderner Mythus. S. 94–97.
Das Flugblatt wird heute in der Zentralbibliothek Zürich (Schweiz) aufbewahrt. Es wurde aus unbekannten Gründen in zwei Teile zerschnitten und auf zwei Unterlageblätter montiert. Es stammt – nach Angaben der Bibliothek – aus dem Privatbesitz von Johann Jakob Wick und war ursprünglich Teil seiner Flugblattsammlung Wickiana.Wiebke Schwarte: Nordlichter. S. 7–9.
Ort der Geschehnisse Zentrum der Geschehnisse soll die Stadt Nürnberg gewesen sein, der Bericht stammt von Hans Wolff Glaser. Ihm zufolge begann das Spektakel am frühen Morgen des 14. April 1561 gegen sechs oder sieben Uhr und währte knapp über eine Stunde lang. Die Erscheinung sei für eine Vielzahl ortsansässiger Zeugen in und um Nürnberg sichtbar gewesen.
Ereignisbeschreibung Dem Flugblatt zufolge wurde am Morgen des 14. April 1561 gegen sechs oder sieben Uhr am Himmel über Nürnberg eine beängstigende Erscheinung beobachtet:
Originaltext
Übersetzung ins moderne Neuhochdeutsch
Deutungen und Interpretationen Ufologische Deutungen In der Ufologie wird das Nürnberger Flugblatt immer wieder als Indiz oder gar Beweis für angebliche Ufo-Begegnungen und Besuche durch Außerirdische in früherer Zeit herangezogen. Hintergrund sind hierbei die vorgeblichen, als „gewalttätiges Erscheinen“ und „Kampfgeschehen“ verstandenen Beschreibungen der zahlreichen „Zeugenberichte“, welche auf am Himmel kämpfende Ufos schließen lassen sollen.
Der Ufo-Forscher, Astronom und Skeptiker Jacques Vallée widerspricht dem und gibt zu bedenken, dass es auffällig sei, dass die zahlreichen vormodernen Berichte über „Wunderzeichen“ und „Himmelsspektakel“ teilweise wortgleich dieselbe Ereignisbeschreibung vortragen. Die Berichte mit ihren stets gleichen Inhalten würden sich selbst über die Jahrhunderte hinweg in ihrer Grundstruktur nicht ändern und auch die am Ereignis beteiligten Objekte seien immer dieselben. Stets gehe es um Kugeln, Bälle und/oder diskusförmige Objekte von erstaunlicher Manövrierfähigkeit, welche sich vor der Sonne am Himmel und im Weltraum Kämpfe lieferten. Ebenso die ewig gleich beschriebene Formationsbildung der Objekte und die sehr lange Dauer der Ereignisse stimme nachdenklich. Zudem würden in den zahlreichen Texten, obwohl aus unterschiedlichen Jahrzehnten und Jahrhunderten stammend, stets dieselben Floskeln und Phrasen gebraucht, um die Ereignisse zu beschreiben. Und jedes dieser Ereignisse wurde religiösen, administrativen wie wissenschaftlichen Behörden gemeldet und auf Flugblättern veröffentlicht.
Jacques Vallée fragt sich einerseits, ob es richtig wäre, all diese Berichte heute aus Bequemlichkeit verschiedenen Naturphänomenen zuzuschreiben und es dabei zu belassen, da alternative Deutungsmöglichkeiten nicht ohne Weiteres ausgeschlossen werden könnten. Andererseits sei es unwahrscheinlich, dass sich die Technologie hinter den vermeintlichen außerirdischen Flugobjekten über die Jahrhunderte in den Berichten nicht weiterentwickle und auch die beteiligten Außerirdischen stets dieselben zu sein scheinen. Außerdem seien weder Sinn und Zweck noch ein Motiv für solche Himmelsschlachten ersichtlich.Jaques Vallee: Wonders in the Sky. Seite 125.
Historiologische Deutungen Skeptiker und Historiker, wie zum Beispiel Ulrich Magin, machen zunächst auf zwei schwerwiegende Ungereimtheiten in dem Holzschnitt Glasers aufmerksam: so ist beispielsweise nicht geklärt, warum die berühmte Kaiserburg in der Darstellung der Stadt fehlt, obwohl sie zu Glasers Zeit das Wahrzeichen Nürnbergs schlechthin war. Hingegen findet sich in dem Holzschnitt die in Flammen stehende St.-Leonhard-Kirche, obwohl sie bereits bei einem Brand im Jahre 1508 völlig zerstört und erst 1560 wieder aufgebaut worden war. Hans Glaser hielt sich den Nürnberger Stadturkunden zufolge zwischen 1540 und 1571 in der Stadt auf; ihm muss dieses historische Ereignis bekannt gewesen sein. Die historischen wie chronologischen Diskrepanzen in dem Holzschnitt stärken laut Magin die Vermutung, dass das Nürnberger Flugblatt mehrere, zu unterschiedlichen Zeiten stattgefundene Ereignisse und natürliche Himmelsphänomene miteinander vermischt. Der mit religiösen Mahnschriften ausgeschmückte Text lässt darauf schließen, dass Glaser offenbar nie selbst Augenzeuge des Wunders war, sondern teilweise aus dem Hörensagen schöpfte, teilweise naturkundliche Berichte und Dokumente heranzog.
In der Darstellung und dem Bericht Glasers sei außerdem ein häufig wiederkehrendes Motiv zu erkennen: Das der apokalyptischen Reiter und der „Himmelsheere“. Dabei geht es um zwei verfeindete Heerscharen göttlicher Herkunft, die am Himmel erscheinen, um dort vor den Augen aller Gläubigen eine wilde Schlacht auszutragen, bis eines der Heere bezwungen ist. Danach verschwindet die Siegerarmee auf wundersame Weise und der Bericht schließt mit einer religiös-belehrenden Ermahnung ab. Himmelsheere und apokalyptische Reiter galten (und gelten) als Vorboten herannahenden Unheils, oder als Ankündigung des Weltuntergangs und des Jüngsten Gerichts.
Zum Vergleich verweist Magin auf frühneuzeitliche Flugblätter, in denen ganz ähnliche „Wunderzeichen“ und „Himmelsschlachten“ beschrieben werden, so zum Beispiel in einem Flugblatt von Leonhardt Kellner aus dem Jahr 1551. Allen gemeinsam sind vor allem die „fliegenden Kugeln, Kreuze und Speerspitzen“, die meist nahe der Sonne gesichtet werden und die laut Augenzeugen aufeinander losgehen, „als ob sie Krieg miteinander führten“, wie es das berühmte Basler Flugblatt von 1566 formuliert. Gemäß Magin hatte Hans Glaser lediglich die Darstellung einer solchen „Himmelsschlacht“ seiner Zeit technologisch wie sinngemäß angepasst: statt Pferden, Reitern und Schwertern lässt er in seinem Flugblatt moderne Kanonen und deren Geschosse gegeneinander kämpfen. Ebenfalls allen Flugblättern ist gemein, dass sie entweder tatsächliche, historische Ereignisse mit natürlichen Himmelsphänomenen (zum Beispiel Halos und Nordlichter) darstellerisch vermischen oder schlicht in religiöser Form parodieren. Die „fliegenden Rohre“ aus dem Nürnberger Flugblatt zeigen daher keine „Mutterschiffe“ oder „Ufos“, sondern tatsächlich das, was sie abbilden: mit Kugeln gefüllte und Kugeln abfeuernde Kanonen. Auf den Abbildungen werden sie lediglich in der Luft schwebend dargestellt, um den symbolischen Bezug zu Gott und dem Himmel aufzuzeigen.
Magin weist abschließend darauf hin, dass Berichte über vorgebliche „Himmelsschlachten“ bereits in der Antike und besonders im Mittelalter sehr populär waren und in erstaunlich großer Zahl niedergeschrieben und auf Flugblättern und Holzschnitten verbreitet wurden. Zu dieser Zeit hatte die christliche Religion großen Einfluss auf Alltag und Weltbild der einfachen Menschen und deutete Himmelserscheinungen aller Art als „göttliche Wunderzeichen“ oder als „Warnzeichen Gottes“. Dementsprechend sind auch die Abbildungen mit christlichen Symbolen geradezu übersät. Fromme Menschen sahen sich durch derlei Flugblätter und Wunderberichte „von Gott ermahnt“, sich zu ihm zu bekennen und ihm treu zu bleiben. Daher wäre ein Bericht wie jener von Glaser wenig verwunderlich, da die Menschen zu seiner Zeit das Flugblatt korrekt zu deuten gewusst hätten.
Andere Skeptiker, wie zum Beispiel Wiebke Schwarte, halten ebenfalls dazu an, Flugblätter über „Wunderzeichen“ mit Vorsicht zu betrachten. Es sei wenig ratsam, die darin enthaltenen Berichte wörtlich zu nehmen, da es sich meist um von der Kirche in Auftrag gegebene Mahnschriften handelt. Ihr Sinn und Zweck war weniger wissenschaftliche Aufklärung, sondern vielmehr kirchliche Propaganda und Manipulation, und ihre Popularität wurde von der Kirche ausgenutzt. Das Anhalten zur Umkehr und zum Bekenntnis lasse sich gut aus den mahnend-belehrenden Abschlusstexten herauslesen. Untermauert wird dies durch die oft starken Übertreibungen in den Ereignisbeschreibungen sowie die unnötig polyszenischen Darstellungen, welche zwar auf natürliche Naturphänomene hindeuten mögen, aber selbst übertrieben wirken. Frühneuzeitliche Flugblätter wie das Nürnberger Flugblatt seien daher teilweise eher mit heutigen Boulevard-Zeitungen zu vergleichen.Wiebke Schwarte: Nordlichter. S. 23–26.
Meteorologische Deutungen