Eine metrische Notation (bzw. die dafür verwendeten metrischen Zeichen) dient in der Verslehre der Darstellung metrischer Schemata. Diese Schemata geben die Regelmäßigkeiten gebundener Sprache wieder. Je nachdem, woran sich solche Regelmäßigkeit festmacht, gibt es unterschiedliche Versprinzipien und dementsprechend auch unterschiedliche Formen metrischer Notation:

Dem quantitierenden Versprinzip der antiken, altgriechischen und lateinischen Metrik entspricht eine traditionelle, sehr verbreitete Notation, die hauptsächlich Länge und Kürze von Silben wiedergibt. Sie wird auch heute zur Darstellung metrischer Schemata in modernen Literaturen verwendet, wobei das Symbol für Länge () der Hebung und das für Kürze () der Senkung entspricht. Beispiel: stellt den Versfuß Daktylus dar.

Ebenfalls im Bereich der antiken Metrik ist eine vereinfachende Formelnotation üblich, die Abkürzungen für die gebräuchlichen Versfüße verwendet und Versmaße und Strophenformen durch diese Abkürzung in Kombination mit der Anzahl der Versfüße wiedergibt. Beispiel: „da“ ist Abkürzung für den Daktylus, „da6“ bezeichnet daher den aus sechs Daktylen bestehenden Hexameter.

Für das akzentuierende Versprinzip vor allem der älteren deutschen Dichtung ist eine von Andreas Heusler entwickelte Notation verbreitet, die sich stark an musikalischen Begrifflichkeiten orientiert und dementsprechend die Verse nicht nach Versfüßen, sondern nach Takten gliedert.

Dem silbenzählenden Versprinzip entsprechen Notationsformen, die eine Strophenform durch die Silbenzahl der Verse und das Reimschema wiedergibt. Zur Darstellung von Reimschemata ist noch eine Notationsform verbreitet, die für reimende Verse in Strophen- oder Gedichtform gleiche Kleinbuchstaben verwendet. Beispiel: aabb wäre die Notation für einen paarreimenden Vierzeiler.

Antike Notation

Entwicklung Die Anfänge metrischer Notation sind von der Entwicklung der Lesehilfen und der Interpunktion kaum zu trennen. Frühe Belege für metrische Markierung finden sich bereits in einer Inschrift auf dem sogenannten Nestorbecher von Ischia aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. Als Erfinder sowohl der Interpunktion als auch der metrischen Notation gilt jedoch Aristophanes von Byzanz, bedeutender Philologe und Vorsteher der Bibliothek von Alexandria im 2. Jahrhundert v. Chr. Aristophanes war sicher nicht der erste, der solche Zeichen verwendet hat, da solche schon vorher erwähnt werden, er ist aber der erste, dessen Namen mit der Verwendung von Betonungszeichen verbunden wird. Auf ihn gehen die Betonungszeichen Akut (´) und Gravis (`) zurück, mit denen in der Metrik heute noch Haupt- bzw. Nebenakzent markiert wird. Die Herkunft weiterer bereits in antiken Texten belegter metrischer Zeichen ist nicht bekannt. Zu diesen gehören insbesondere das eine Länge markierende diakritische Zeichen Makron (¯) und das die Kürze markierende Breve (˘). Auf diese gehen die heute in den Schemata verwendeten Symbole und zurück. Solche Lesehilfen erscheinen im Wesentlichen erst in den Papyri der Kaiserzeit, im 1. Jahrhundert v. Chr. sind vereinzelt prosodische Hilfen bezeugt.

Auf Aristophanes geht auch die zeilenweise Darstellung von Versen in lyrischen Texte zurück, zuvor waren diese wie Prosa fortlaufend geschrieben worden. Weiter trennte er Abschnitte durch einen Paragraphos (kurzen Strich zwischen den Zeilen), das Ende der letzten Strophe wurde mit einem Koronis (⸎; einer Art verziertem Paragraphos) markiert und sofern ein Gedicht in einem anderen Metrum folgte, wurde ein Asteriskos (⁜) verwendet.

Zeichen Die auf die antiken Notationsformen zurückgehenden heute zur Darstellung metrischer Schemata verwendeten Zeichen sind:

Zeichen Name Bedeutung Länge / elementum longum in der Regel eine lange Silbe, kann aber auch in zwei kurze Silben aufgelöst werden Kürze / elementum breve wird stets durch eine kurze Silbe realisiert Ambivalenz / elementum anceps lange oder kurze einzelne Silbe oder zwei kurze Silben oder Indifferenz / elementum indifferens lange oder kurze einzelne Silbe in der Regel kurze Silbe, kann auch lang sein in der Regel lange Silbe, kann auch kurz sein elementum biceps in der Regel zwei kurze Silben, kann auch durch eine lange Silbe realisiert werden in der Regel lange Silbe, kann auch durch zwei kurze Silben realisiert werden zwei oder eine kurze Silbe in modernen Nachbildungen antiker Metrik äolische Basis zwei Silben, von denen eine kurz sein kann Anaklase Vertauschung von Kürze und Länge (z. B. an Stelle eines Jambus) Vertauschung von Länge und Kürze (z. B. an Stelle eines Trochäus) Akephalie am Versanfang Katalexe am Versende fehlendes Element Separierung von Versfüßen bzw. Metren, alternativ kann auch Punkt, Komma oder verwendet werden oder Zäsur bzw. Dihärese durch Wortende entstehender Einschnitt im Versfußinneren bzw. am Verfußende häufiges Wortende Brücke verbotenes Wortende oder Versende Separierung von Versen im Fließtext, sonst meist durch Zeilenwechsel wiedergegeben oder ⦀ Strophenende Separierung von Strophen im Fließtext, sonst meist durch neuen Absatz wiedergegeben

Vor allem bei den seltener verwendeten Symbolen ist die Notation oft nicht einheitlich. So wird zum Beispiel die äolische Basis statt mit auch mit notiert und umgekehrt Anaklase mit notiert.Siehe z. B. C. M. J. Sicking: Griechische Verslehre.München 1993, S. 3f.

Manchmal wird bei der Notation auch differenziert zwischen den im Versschema verwendeten Symbolen und den für die Wiedergabe der aktuellen metrischen Gestalt verwendeten Symbolen. Da aber für die Wiedergabe der Längen und Kürzen in einem Vers grundsätzlich und ausreichend sind und die Unterscheidung sich normalerweise aus dem Kontext ergibt, wird in obiger Tabelle nicht zwischen Gebrauch bei Versschema und Versgestalt unterschieden.

Formelnotation Zur vereinfachten Darstellung von Versmaßen hat sich eine Formelnotation eingebürgert, die aus einer Abkürzung des jeweiligen Versfußes in Kombination mit deren (hochgestellter) Anzahl besteht. Der aus sechs Jamben bestehende jambische Senar wird dann als oder als notiert. Außerdem gibt es auch Abkürzungen für Versmaße bzw. Verstypen, bei denen die angegebene Zahl sich auf die Anzahl der Silben bezieht, so ist der alkäische Enneasyllabus.

Die Formelnotation kann auch zur Beschreibung von Strophenformen verwendet werden. So beschreibt / / / das Schema der alkäischen Strophe, / das Elegische Distichon und / / / oder abgekürzt

den Vierzeiler aus jambischen Fünfhebern.

Folgende Abkürzungen werden verwendet: Abkürzung Versfuß bzw. Versmaß ad Adoneus alc Alkäischer Vers an Anapäst ar Archilochius minor () bzw. Archilochius maior () as Asclepiadeus minor () bzw. Asclepiadeus maior () ba Baccheus cho Chorjambus cr Creticus da Daktylus diph Diphilius dis Distichon el Elegiambus ga Galljambus gl Glykoneus hem Hemiepes ia Jambus io Ionicus ith Ithyphallicus phal Phaläkeus (elfsiliger äolischer Vers) pher Pherekrateus pr Priapeus r Reizianischer Vers bzw. Reizianisches Kolon sa Saturnier sapph Sapphicus tr Trochäus wil Wilamowitzianus x Einzelsilbe

Die Anzahl der Versfüße kann durch weitere Kürzel für spezielle metrische Formen ergänzt oder auch ersetzt werden. So bezeichnet etwa einen katalektischen jambischen Quaternar.

Kürzel Bedeutung c oder ^ katalektisch d Dimeter mi a minore ma a maiore q Tetrameter t Trimeter

Bei Versmaßen, die unterschiedliche Formen aufweisen, kann die entsprechende Zahl nachgestellt werden. So würde zum Beispiel der 2. Glykoneus mit notiert werden. Ein Voranstellen bzw. Hochstellen der Zahl kann zu Verwirrung führen, da auf diese Art auch die Anzahl der Wiederholungen einer metrischen Form notiert wird.

Bei den füllungsfreien Versformen der älteren deutschen Sprachstufen, etwa des Mittelhochdeutschen wird häufig nur Zahl der Hebungen und die Kadenz notiert, eventuell in Verbindung mit dem Reimschema. Als Beispiel das Strophenschema des Bernertons: 4ma 4ma 3wb 4mc 4mc 3wb 4md 3we 4md 3we 4mf 3wx 3mf Das heißt, der erste Vers ist ein Vierheber mit männlicher Kadenz (4m), der dritte Vers ist ein Dreiheber mit weiblicher Kadenz (3w) und das Reimschema (der jeweils dritte Buchstabe) ist aab ccb dede fxf. Die Kadenz wird dabei mit m (männlich), w (weiblich) oder r (reich) notiert.

Akzentnotation Im Deutschen und anderen modernen Sprachen gilt in der Metrik das akzentuierende Versprinzip, das heißt statt Länge und Kürze wie in der quantitierenden Metrik der Griechen und Römer ist der Wechsel von betonten und unbetonten Silben ausschlaggebend. Viele in quantitierender Metrik mögliche Versfüße treten daher praktisch nicht auf. Beispielsweise können zwar durchaus zwei an sich betonte Silben nebeneinander stehen, doch entweder ergibt sich aus dem Rhythmus des Verses, dass die eine gegenüber der anderen betont wird oder zwischen beiden Silben entsteht ein deutlicher Einschnitt, der im Versmaß als Dihärese oder Versgrenze abzubilden ist. Umgekehrt treten Folge von mehr als zwei unbetonten Silben kaum auf, da in einer längeren Folge schwacher Silben eine Nebenakzent erhält.

Demnach könnte man die Darstellung metrischer Schemata im Deutschen und ähnlichen Sprachen stark vereinfachen und lediglich betont und unbetont unterscheiden bzw. Akzent und evtl. Nebenakzent markieren. Im 19. Jahrhundert übernahm man daher zunächst die antike Notation und verwendete das Längenzeichen für betonte und das Kürzezeichen für unbetonte Silben, was heute noch so praktiziert wird.

Alternativ hat man die antike Praxis übernommen, lange Vokale bzw. Iktus im Text durch Apex zu markieren, und markiert betonte Silben durch einen Akut-Akzent über dem Silbenvokal: Johann Wolfgang Goethe: Willkommen und Abschied. v. 1f.

Abstrahierend wurde dann von Friedrich KauffmannFriedrich Kauffmann: Deutsche Metrik nach ihrer geschichtlichen Entwicklung. 3. Aufl. Elwert, Marbach 1912., Wolfgang KayserWolfgang Kayser: Kleine deutsche Versschule. Francke, Bern 1946, mit zahlreichen Folgeauflagen. und Anderen jede Silbe durch ein „x“ dargestellt, wobei der Hauptakzent durch Akut und der Nebenakzent durch Gravis markiert wird. Im Beispiel ergäbe das: . Noch einfacher hat dann Ulrich Pretzel Hebung durch „X“ und Senkung durch „x“ dargestellt. Im Beispiel: .

Heuslersche Notation

Oberflächlich ähnlich, aber mit einem ganz anderen zugrundeliegenden Ansatz ist die von Andreas Heusler in seiner monumentalen, dreibändigen Deutschen Versgeschichte verwendete Notation, die vor allem im Bereich der germanistischen Mediävistik und da vor allem bei Untersuchungen zur mittelhochdeutschen Metrik heute noch vielfach verwendet wird.

Heusler gliedert dabei entsprechend der von ihm entwickelten Taktmetrik den Vers nicht wie bis dahin üblich nach Versfüßen, sondern – ähnlich wie beim Takt in der Musik – nach Takt gleicher Gesamtlänge, die stets mit einer Hebung beginnen. Den taktfüllenden Silben werden unterschiedliche Längen mit entsprechenden Notenwerten zugewiesen, wobei eine normale Silbe die Länge einer Mora hat, was einer Viertelnote entspricht und durch dargestellt wird. Der Hauptakzent wird durch Akut () und der Nebenakzent durch Gravis () markiert. Da ein Takt stets mit einer Hebung beginnt, bilden Senkungen am Anfang des Verses einen als Versauftakt bezeichneten Versteil, die letzten beiden Takte bilden die Kadenz und der Rest des Verses das Versinnere.

Die Heuslersche Notation verwendet die folgenden Zeichen: Zeichen Notenwert Moren Bedeutung 1 4 Vier Viertel 3/4 3 Drei Viertel 1/2 2 Zwei Viertel 3/8 3/2 Dreiachtel 1/4 1 Viertel 1/8 1/2 Achtel 1/16 1/4 Sechzehntel unbestimmte Silbe 1/4 1 pausiertes Viertel Taktgrenze Versende einsilbiger Auftakt zweisilbiger Auftakt Viertelsilbe mit Hauptakzent Viertelsilbe mit Nebenakzent

Der bekannte erste Vers von Goethes FaustGoethe Faust. Eine Tragödie. Zueignung. v. 1, online

würde im bewegten Zweivierteltakt nach Heusler wie folgt notiert werden:

Silbenzählende Versschemata Beim silbenzählenden Versprinzip ist der Vers bestimmt durch: die Zahl der Silben