Die Kindergartenbewegung war eine im 19. Jahrhundert entstandene pädagogische Reformbewegung, die sich für die Verbreitung des von Friedrich Fröbel entwickelten Kindergartens und seiner Erziehungsgrundsätze einsetzte. Ausgehend von den deutschen Staaten verbreitete sie sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts international und entwickelte in verschiedenen Ländern unterschiedliche institutionelle und pädagogische Ausprägungen.Ann T. Allen: Kommt, laßt uns unsern Kindern leben. Kindergartenbewegungen in Deutschland und den Vereinigten Staaten, 1840–1914. In: Zeitschrift für Pädagogik. Band 35, Nr. 1, 1989, S. 65–84, doi:10.25656/01:14505.
In ihrer Frühphase war die Bewegung mit liberalen und demokratischen Reformbestrebungen sowie mit der entstehenden Frauenbewegung verbunden. Die Ausbildung und Tätigkeit als Kindergärtnerin eröffnete Frauen zugleich ein neues berufliches Tätigkeitsfeld im Bildungswesen.Ann Taylor Allen: Spiritual Motherhood: German Feminists and the Kindergarten Movement, 1848–1911. In: History of Education Quarterly. Band 22, Nr. 3, 1982, S. 319–339, doi:10.2307/367772.
Pädagogische Grundlagen
mini|Die Kinderbewahranstalt von 1852 im Holstenwall 6 in der Hamburger Neustadt war eine der ersten Kinderbetreuungseinrichtungen der Stadt.
Fröbels Kindergartenkonzeption unterschied sich von vielen zeitgenössischen Kinderbewahranstalten und Kleinkinderschulen. Während solche Einrichtungen häufig vor allem der Beaufsichtigung und Versorgung noch nicht schulpflichtiger Kinder dienten, verband Fröbel institutionelle Kleinkinderziehung mit einem ausdrücklichen Bildungsanspruch.Franz-Michael Konrad: Der Kindergarten. Seine Geschichte von den Anfängen bis in die Gegenwart. Lambertus, Freiburg im Breisgau 2004, ISBN 3-7841-1532-2.
Zentral war die Vorstellung der kindlichen Selbsttätigkeit. Spiel und angeleitete Beschäftigungen sollten körperliche, geistige und soziale Fähigkeiten fördern. Zu den von Fröbel entwickelten Mitteln gehörten die später als Fröbelgaben bezeichneten Spielmaterialien sowie Bewegungs-, Sing- und Gestaltungsspiele.Ann T. Allen: Kommt, laßt uns unsern Kindern leben. Kindergartenbewegungen in Deutschland und den Vereinigten Staaten, 1840–1914. In: Zeitschrift für Pädagogik. Band 35, Nr. 1, 1989, S. 65–84, hier S. 66–67, doi:10.25656/01:14505.
Diese Grundsätze erhielten innerhalb der Kindergartenbewegung auch gesellschaftliche Bedeutung. Besonders im Umfeld der Revolution von 1848/49 verbanden Teile der Bewegung Selbsttätigkeit und gemeinschaftliches Handeln mit liberalen Vorstellungen von Erziehung und gesellschaftlicher Reform.Ann T. Allen: Kommt, laßt uns unsern Kindern leben. Kindergartenbewegungen in Deutschland und den Vereinigten Staaten, 1840–1914. In: Zeitschrift für Pädagogik. Band 35, Nr. 1, 1989, S. 65–84, hier S. 67–69, doi:10.25656/01:14505.
Entwicklung in Deutschland
Entstehung
1837 gründete Fröbel in Blankenburg eine „Pflege-, Spiel- und Beschäftigungsanstalt“, die als Vorläufereinrichtung des späteren Kindergartens gilt. In den folgenden Jahren entwickelte er sein pädagogisches Konzept weiter und warb durch Vorträge, Veröffentlichungen und Ausbildungskurse für eine neue Form der Kleinkinderziehung.
1840 führte Fröbel für sein Konzept die Bezeichnung „Kindergarten“ ein. Der Begriff brachte die Vorstellung zum Ausdruck, dass Kinder sich entsprechend ihren eigenen Anlagen entwickeln und dabei durch eine geeignete erzieherische Umgebung unterstützt werden sollten.Ann Taylor Allen: The Kindergarten in Germany and the United States, 1840–1914: A Comparative Perspective. In: History of Education. Band 35, Nr. 2, 2006, S. 173–188, doi:10.1080/00467600500528040.
Zur Verbreitung des Konzepts gehörte auch die Ausbildung von Frauen für die Arbeit mit kleinen Kindern. Damit entwickelte sich die Tätigkeit der Kindergärtnerin zu einem der neuen pädagogischen Berufsfelder des 19. Jahrhunderts.
Revolution von 1848/49
Während der Revolution von 1848/49 erlebte die Kindergartenbewegung eine erhebliche Ausbreitung. Im Jahr 1848 wurden nach den von Ann Taylor Allen ausgewerteten zeitgenössischen Angaben 44 neue Kindergärten gegründet. Ein Lehrerkongress in Rudolstadt richtete zudem eine Petition an die Frankfurter Nationalversammlung, in der Kindergartenklassen als Bestandteil des öffentlichen Bildungswesens gefordert wurden.Ann T. Allen: Kommt, laßt uns unsern Kindern leben. Kindergartenbewegungen in Deutschland und den Vereinigten Staaten, 1840–1914. In: Zeitschrift für Pädagogik. Band 35, Nr. 1, 1989, S. 65–84, hier S. 68, doi:10.25656/01:14505.
Der Kindergarten wurde damit zeitweise zu einem Anliegen liberaler und demokratischer Reformkreise. Fröbels Pädagogik wurde in diesem Umfeld teilweise über die Kleinkinderziehung hinaus mit Vorstellungen gesellschaftlicher Erneuerung verbunden.
Besonders Frauen aus liberalen und demokratischen Milieus engagierten sich in der Bewegung. Die Kindergartenarbeit ermöglichte ihnen, zeitgenössische Vorstellungen weiblicher Erziehungsfähigkeit mit öffentlicher Tätigkeit, Ausbildung und Erwerbsarbeit zu verbinden.Ann Taylor Allen: „Geistige Mütterlichkeit“ als Bildungsprinzip. Die Kindergartenbewegung 1840–1870. In: Elke Kleinau, Claudia Opitz (Hrsg.): Geschichte der Mädchen- und Frauenbildung. Band 2: Vom Vormärz bis zur Gegenwart. Campus, Frankfurt am Main/New York 1996, ISBN 3-593-35413-6, S. 19–34.
Preußisches Kindergartenverbot
Nach dem Scheitern der Revolution geriet die Kindergartenbewegung in das Umfeld der politischen Reaktion. Am 7. August 1851 verbot das preußische Kultusministerium die nach Fröbels Grundsätzen arbeitenden Kindergärten. Die Behörden brachten die Fröbelsche Kindergartenbewegung mit sozialistischen und religionskritischen Bestrebungen in Verbindung.Ann T. Allen: Kommt, laßt uns unsern Kindern leben. Kindergartenbewegungen in Deutschland und den Vereinigten Staaten, 1840–1914. In: Zeitschrift für Pädagogik. Band 35, Nr. 1, 1989, S. 65–84, hier S. 68–69, doi:10.25656/01:14505.
Eine Rolle bei dieser politischen Einordnung spielten auch die Reformvorstellungen von Fröbels Neffen Karl Fröbel und dessen Frau Johanna sowie deren Hamburger Bildungsprojekt. Das Verbot richtete sich jedoch gegen die Fröbelschen Kindergärten insgesamt.
Fröbel starb 1852 und erlebte die Aufhebung des Verbots nicht mehr. 1860 wurde das generelle preußische Kindergartenverbot aufgehoben. Der entsprechende Ministerialerlass stellte fest, dass die zuvor angenommene religiöse und sozialpolitische Gefährlichkeit nicht grundsätzlich mit den nach Fröbels System arbeitenden Einrichtungen verbunden sei.Centralblatt für die gesammte Unterrichts-Verwaltung in Preußen. Jahrgang 1860, S. 238–240. An den Bemühungen um die Aufhebung war Bertha von Marenholtz-Bülow maßgeblich beteiligt.Gabriele Gehlen: Einige Überlegungen und Anmerkungen zu Bertha von Marenholtz-Bülow (1816–1893). In: Mitteilungsblatt des Förderkreises Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung e. V. Band 13, Nr. 1, 2002, S. 28–32, hier S. 29, doi:10.25656/01:15897.
Frauenbewegung und Professionalisierung
Die Kindergartenbewegung war eng mit der Entwicklung der bürgerlichen Frauenbewegung verbunden. Sie griff die zeitgenössische Vorstellung einer besonderen weiblichen Erziehungsaufgabe auf, erweiterte deren Geltungsbereich jedoch über Familie und Haushalt hinaus. Daraus entwickelte sich das Konzept einer gesellschaftlichen oder „geistigen Mütterlichkeit“, mit dem Frauen ihre pädagogische Tätigkeit im öffentlichen Raum begründeten.
Die Ausbildung zur Kindergärtnerin eröffnete insbesondere bürgerlichen Frauen neue Möglichkeiten beruflicher Tätigkeit. Kindergärten, Ausbildungsstätten und später auch Berufs- und Fachorganisationen trugen zur Professionalisierung dieses Tätigkeitsfeldes bei.
Eine wichtige Vertreterin der Bewegung war Bertha von Marenholtz-Bülow, die Fröbel 1849 kennenlernte. Sie setzte sich in den folgenden Jahrzehnten für die Gründung von Kindergärten und Ausbildungsstätten ein und verbreitete Fröbels Pädagogik durch Veröffentlichungen und Kontakte im In- und Ausland.Gabriele Gehlen: Einige Überlegungen und Anmerkungen zu Bertha von Marenholtz-Bülow (1816–1893). In: Mitteilungsblatt des Förderkreises Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung e. V. Band 13, Nr. 1, 2002, S. 28–32, hier S. 29–31, doi:10.25656/01:15897.
Zu den weiteren Vertreterinnen gehörte Henriette Schrader-Breymann, die Fröbels pädagogische Ansätze weiterentwickelte und sich dabei auch kritisch mit einzelnen Elementen seiner Kindergartenpraxis auseinandersetzte.Jane Read: Froebelian women: networking to promote professional status and educational change in the nineteenth century. In: History of Education. Band 32, Nr. 1, 2003, S. 17–33, hier S. 21, doi:10.1080/0046760022000032396.
Internationale Ausbreitung
Die Kindergartenbewegung entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von ihrem Ausgangspunkt in den deutschen Staaten zu einer internationalen pädagogischen Bewegung. Die Entwicklung in Deutschland wird aufgrund seiner Bedeutung als Entstehungs- und Ausgangsraum im vorangehenden Abschnitt gesondert behandelt. Eine wichtige Rolle bei der internationalen Verbreitung spielten deutschsprachige Auswanderinnen und Auswanderer, politische Emigrantinnen und Emigranten nach der Revolution von 1848/49 sowie Pädagoginnen, die Fröbels Methoden im Ausland bekannt machten.
Die Fröbelsche Pädagogik wurde in den jeweiligen Ländern nicht unverändert übernommen, sondern mit unterschiedlichen gesellschaftlichen, kulturellen und bildungspolitischen Bedingungen verbunden.Roberta Wollons: The Black Forest in a Bamboo Garden: Missionary Kindergartens in Japan, 1868–1912. In: History of Education Quarterly. Band 33, Nr. 1, 1993, S. 1–35, doi:10.2307/368518.
Zu den Ländern, für die die internationale Verbreitung der Kindergartenbewegung in der bildungshistorischen Forschung eingehend untersucht worden ist, gehören unter anderem die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Japan.Jane Read: Froebelian women: networking to promote professional status and educational change in the nineteenth century. In: History of Education. Band 32, Nr. 1, 2003, S. 17–33, doi:10.1080/0046760022000032396.
Vereinigte Staaten
Besonders erfolgreich verbreitete sich die Kindergartenbewegung in den Vereinigten Staaten. Deutschsprachige Einwanderinnen und Einwanderer sowie politische Flüchtlinge aus den deutschen Staaten übertrugen Fröbels pädagogische Vorstellungen in die Vereinigten Staaten.Ann T. Allen: Kommt, laßt uns unsern Kindern leben. Kindergartenbewegungen in Deutschland und den Vereinigten Staaten, 1840–1914. In: Zeitschrift für Pädagogik. Band 35, Nr. 1, 1989, S. 65–84, hier S. 69–74, doi:10.25656/01:14505.
Margarethe Meyer-Schurz, die Fröbels Pädagogik in Europa kennengelernt hatte, richtete 1856 in Watertown (Wisconsin) einen deutschsprachigen Kindergarten ein. Er gilt als erster Kindergarten der Vereinigten Staaten.Ann T. Allen: Kommt, laßt uns unsern Kindern leben. Kindergartenbewegungen in Deutschland und den Vereinigten Staaten, 1840–1914. In: Zeitschrift für Pädagogik. Band 35, Nr. 1, 1989, S. 65–84, hier S. 69, doi:10.25656/01:14505.
Elizabeth P. Peabody eröffnete 1860 in Boston den ersten englischsprachigen Kindergarten der Vereinigten Staaten. Anschließend trug sie durch Veröffentlichungen, Vorträge und organisatorische Arbeit wesentlich zur Verbreitung der Kindergartenidee bei.Ann T. Allen: Kommt, laßt uns unsern Kindern leben. Kindergartenbewegungen in Deutschland und den Vereinigten Staaten, 1840–1914. In: Zeitschrift für Pädagogik. Band 35, Nr. 1, 1989, S. 65–84, hier S. 69–70, doi:10.25656/01:14505.
1867 reiste Peabody nach Deutschland, um sich intensiver mit der Fröbelpädagogik auseinanderzusetzen. Dabei stand sie unter anderem mit Luise Fröbel und Bertha von Marenholtz-Bülow in Verbindung. Solche persönlichen und institutionellen Kontakte waren ein wichtiges Element des transatlantischen Transfers der Kindergartenpädagogik.