Üsküdar’a Gider İken („Auf dem Weg nach Üsküdar“), auch Kâtibim, ist ein populäres türkisches Vokallied, dessen Melodie über die Türkei hinaus in vielen Ländern, insbesondere Südosteuropa, verbreitet ist.
Geschichte und Hintergrund Die geschichtliche Entwicklung um das Lied „Üsküdar’a Gider İken“ weist eine bemerkenswerte Eigenart auf. Der Fall dieser vermutlich im Original türkischen Melodie, die in den Sprachen der gesamten Balkanregion in Form verschiedener Adaptionen und mit verschiedenen Texten (darunter sogar religiösen) gesungen und jeweils von den entsprechenden Nationalitäten als kulturelles Eigentum für sich beansprucht wird, Dort mit Verweis auf: Die Auseinandersetzung um den tatsächlichen Ursprung ist 2001 eindrücklich in dem 2003 erschienenen Dokumentarfilm „Whose is this Song?“ von Adela Peeva dokumentiert worden. (Quelle: ) Die darin dargestellte Beobachtung, dass das vermutlich aus der kosmopolitischen Umgebung des Osmanischen Reiches stammende Lied „Üsküdar’a Gider İken“ in seinen Varianten jeweils beispielsweise unter Griechen, Albanern, Türken und Bulgaren für die eigene Identitätsgruppe beansprucht wird und auch die Bereitschaft besteht, zum Beweis für diesen Anspruch Auseinandersetzungen einzugehen, kann in ähnlicher Form auch für das Lied Misirlou gemacht werden, dessen faktischer Ursprung ebenfalls schwer objektiv zu entdecken ist und vom subjektiven Empfinden der Menschen über eben diesen Ursprung überlagert wird. So kam es etwa zu Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern einer türkischen und griechischer Liedherkunft auf der Diskussionsseite des englischsprachigen Wikipedia-Artikels zu diesem Lied, und der vorwiegend von Befürwortern einer griechischeren Liedherkunft geschriebene Wikipedia-Haupteintrag der englischsprachigen Wikipedia zum Lied stellte nicht nur die unbelegte Behauptung auf, die Melodie sei höchstwahrscheinlich in Athen komponiert worden, sondern versuchte trotz gegenteiliger Beleglage auch mit der Behauptung, das Lied sei „almost certainly written by Patrinos“ zusätzlich einen griechischen Ursprung des Textes zu beanspruchen. (Quelle: ). Peeva verwendete allerdings bei den Gesprächen in ihrem Dokumentarfilm zum Lied „Üsküdar’a Gider İken“, in denen sie ihre Gesprächspartner in verschiedenen Ländern fragt, ob das dortige lokal verbreitete „Lied“ aus der Türkei stammt, zum Teil ein bulgarisches Wort (песен pesen) oder dessen Entsprechung in anderen Sprachen oder Dialekten, das eher den Text als die Melodie impliziert oder von ihren Gesprächspartnern assoziieren lässt. (Quelle: ) zog die Aufmerksamkeit verschiedener musikethnologischer und anderer Fachautoren auf sich wie etwa Rajna Kacarova (1973), Adela Peeva (2003), Dorit Klebe (2004) oder Donna Buchanan (2008).
„Üsküdar’a Gider İken“ ist als städtisches Lied aus Istanbul bekannt und durchlief in seiner über 100-jährigen Geschichte verschiedene Stationen. Laut Elefterias-Kostakidis (2013–2014) soll das Lied bereits ab dem Jahr 1700 als armenisches, osmanisches, sephardisch-jüdisches und persisches Lied aufgeführt worden sein. Es legte vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine „beispiellose Wanderung“ (Buchanan 2007) durch die gesamte Balkanregion und mannigfache Diaspora-Gemeinschaften zurück. Die Geschichte des Liedes kann ab seiner im Jahr 1902 erfolgten Aufnahme durch Felix von Luschan fast lückenlos bis heute nachgezeichnet werden und stellt in dieser Hinsicht eine rare Besonderheit in der mündlich überlieferten Musiktradition dar. Obwohl die Geschichte des Liedes nicht völlig lückenlos dokumentiert ist, wurden anhand von Klang- und Schriftdokumenten einige bedeutende Veränderungen und Wandlungsprozesse nachgewiesen. Die Musikethnologin Klebe nannte als Einflussfaktor für die Wandlungen von Text, Musik und Formalgestalt den jeweilig unterschiedlichen Aufführungskontext sowie gesellschaftliche und soziokulturelle Entwicklungen.
Als möglicher Entstehungspunkt des Liedes wird Istanbul im 19. Jahrhundert angesehen. Kacarova betonte in diesem Zusammenhang, dass in der Mitte des 19. Jahrhunderts türkische, griechische, albanische, armenische, serbische, russische, kroatische und rumänische Lieder nicht nur in ihrer Originalsprache, sondern auch in Übersetzungen oder mit neuen, an lokale Bedingungen angepassten Texten aufgeführt wurden. Bei ihrer Verbreitung nahmen unter anderem auch reisende Kaufleute, Roma-MusikgruppenRoma-Kemenespieler (bulgar. цигани[те] кеменджии cigani[te] kemendžii) durchstreiften den gesamten europäischen Teil des Osmanischen Reichs und verbreiteten dabei türkische Melodien (meist in einer Komposition aus Violine, Klarinette, Zurna, Laute, Tambura und Davul) (Quelle: ). und türkische TheatergruppenTürkische Theater wie Karagöz ve Hacivat bereisten die Balkanhalbinsel und verbreiteten dabei türkische Melodien. (Quelle: ). eine bedeutende Funktion ein. Auch verfügbar als: Während „ausländische“ Lieder, die der Mode entsprachen, ähnlich wie Hits oder Schlager in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, rasch übernommen wurden, aber auch schnell wieder in Vergessenheit gerieten, behielten nur einige von ihnen einen festen Platz im Liedrepertoire einer bestimmten Stadt. Das Lied „Üsküdar’a Gider İken“ gehört zu den türkischen Melodien, die quer über den Balkan migrierten und dabei fest im Liedrepertoire der albanischen, bulgarischen, griechischen und serbischen Bevölkerung verankert wurden. Auch verfügbar als:
Das Lied „Üsküdar’a Gider İken“ verbreitete sich über das geografische Gebiet seiner Frühdokumentation auch in andere Provinzen des Osmanischen Reiches – wie nach Griechenland und auf die Balkanhalbinsel – und erreichte auch Osteuropa. Die Melodie wurde zur Grundlage von Liedern, die nicht nur jeweils in eigener Sprache in den Bevölkerungen der verschiedenen Länder wie beispielsweise Türkei, Albanien, Serbien oder Bosnien und Herzegowina gesungen wurden, sondern deren Text dabei auch jeweils unterschiedlichen poetischen Inhalt erhielt, während die übernommene musikalische Grundlage an die besonderen Eigenheiten der musikalisch-poetischen Ausdrucksformen und der ästhetischen Ansprüche der verschiedenen Bevölkerungen oder Ethnien angepasst wurde. Die Melodie erlangte über die Türkei hinaus in verschiedenen Balkanländern und unterschiedlichen Versionen Bekanntheit als Liebes-, Militär- oder Revolutionslied. Das Lied ist somit ein Beispiel dafür, dass urbane Melodien von verschiedener ethnischer Herkunft über die ganze Balkanregion hinweg gebräuchlich waren und verschiedene Transformationen durchlaufen haben. Dort mit Verweis auf: Райна Кацарова / Raina Katzarova, балкански варианти на две турски песни / Balkanski varianti na dve turski pesni, Известия на Института за Музикознание / Izvestiya na Instituta za Muzikoznanie, 16, 1973, S. 115–133; Николай Кауфман / Nikolai Kaufman, български градски песни / Bulgarski gradski pesni, Sofia: Издателство на Българската академия на науките / Izdatelstvo na Bulgarskata akademiya na naukite, 1968, S. 25–27.
Zudem gelang der Melodie im 20. Jahrhundert die Verbreitung in die Unterhaltungsindustrie der USA. Als erstes und lange Zeit einziges Lied aus der Türkei hatte es internationalen Erfolg und wurde in den 1960er Jahren in sämtlichen Musikcharts zu einem englischsprachigen Hit. Auch danach diente die Melodie als Inspiration für Autoren der Unterhaltungsgenres, so etwa Frank Farian für das von ihm komponierte Lied „Rasputin“, das in der Aufführung der Disco-Formation Boney M. lange Zeit weltweit die höchsten Plätze der Musikcharts in der Popmusik belegte. Diesem zu den erfolgreichsten Liedern der Gruppe Boney M. gehörenden Hit gelang 2021 als globales Internetphänomen ein Comeback mit „völlig unverhofftem Megaerfolg“ durch Millionen von Videos und in die Milliarden reichenden Aufrufzahlen.Ein anläßlich des 80. Geburtstages von Frank Farian erstellter Dokumentarfilm, für den Farian auch interviewt wurde, hebt hervor, dass Farian „eigentlich kein Komponist“ gewesen sei, sondern es verstanden habe, eingängige Melodien mit Sound und Groove erfolgreich zu kombinieren. So habe nicht nur die „türkische Melodie“ als Grundlage für sein Lied „Rasputin“ gedient, sondern Farian habe auch seine anderen Hits der Gruppe Boney M. oftmals an „karibische Volkslieder“ angelehnt. (Quellen: ) Neben dem der alten türkischen Melodie sehr ähnlichen Lied „Rasputin“ hat sich Farian als Produzent der Band Boney M. noch von einem anderen Lied aus der MENA-Region für einen weiteren der kommerziell erfolgreichsten Hits der europäischen Disco-Musik (das Boney M.-Lied „Ma Baker“) inspirieren lassen: Eigenen Angaben zufolge will Farian das traditionelle tunesische Lied „Sidi Mansour“ während eines Urlaubs in Tunesien dafür „entdeckt“ haben. Die europäische Disco-Welle der 1970er und 1980er Jahre nutzte traditionelle Lieder der MENA-Region durch kulturelle Aneignung und prägte zudem das Bild der Region durch dem Orientalismus zuschreibbare Klischees. (Quelle: )
Zeitgleich mit dem Phänomen des musikalischen Kosmopolitismus entstanden in der Region des Osmanischen Reichs auch nationalistische Bewegungen, die dem kulturübergreifenden Trend entgegenwirkten und danach strebten, Belege regionaler kultureller Verwandtschaften zu verbergen. Unmittelbar nach der Befreiung von der Herrschaft des Osmanischen Reichs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts führten verschiedene Balkanländer Maßnahmen durch, um jegliche Belege der türkischen Besatzungszeit auszulöschen und alaturca-Elemente (im Sinne von soziokulturell-türkischen Praktiken) in der Gesellschaft durch alafranga-Elemente (im Sinne von soziokulturell-westlichen Praktiken) zu ersetzen. Trotz dieser großen politischen Veränderungen und intensiver Versuche einer „Europäisierung“ blieben jedoch ethnisch-übergreifende kulturelle alaturca-Merkmale bestehen. Die Bevölkerungen wertschätzen weiterhin Bräuche aus der Zeit unter osmanischer Herrschaft. Menschen mit urbanem Status verwendeten noch immer türkische Sprache oder Ausdrücke zur Abgrenzung von Menschen der gleichen Ethnie mit ländlicher Lebensweise. Auch regional verankerte musikalische Ausdrucksformen überlebten. Während politische Diskurse in den Balkanstaaten das osmanische Erbe für einen an den Verhältnissen in Westeuropa gemessenen Verlust an Wirtschaftskraft und kultureller Höhe verantwortlich machen, wird der Fall der Melodie von „Üsküdar’a Gider İken“ von Musikethnologen als Beispiel dafür hervorgehoben, dass alaturca im Kontext der Balkanmusik ethnienübergreifend gemeinsame ästhetische Werte repräsentiert, etwa durch melodische Formen, rhythmische Muster, spezifische Klangfarben und Aufführungsarten.