Wilhelm Ludwig Hertz (* 26. Juni 1822 in Hamburg; † 5. Juni 1901 in Berlin) war ein Berliner Buchhändler und Verleger.
Leben mini|Ehrengrab, Großgörschenstraße 12, in Berlin-Schöneberg Wilhelm Ludwig wurde als Sohn des Apothekers Johann Jakob Hertz (1788–1867) und seiner Ehefrau Marianne Hertz geb. von Halle (1792–1844), einer Bankierstochter, in Hamburg geboren; beide Elternteile waren jüdischer Abstammung und seit 1816 miteinander verheiratet. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass sein biologischer Vater Adelbert von Chamisso (1781‒1838), der bekannte Naturforscher und Dichter französischer Herkunft war, welcher mit Wilhelm Ludwigs Mutter eine außereheliche Liebesbeziehung hatte. Wilhelm Ludwig hatte drei ältere Brüder: Martin Julius (1818‒1895), Hans Julius (* 1819; im gleichen Jahr verstorben) und Otto Julius Hertz (1820‒1898). Dass diese drei als zweiten Vornamen traditionell den Vatersnamen Julius (als modernen Ersatz für den alttestamentlichen Namen Joseph), Wilhelm jedoch Ludwig als Patronym bekam, ist als Hinweis auf seine Abkunft von Chamisso gewertet worden, dessen wirklicher erster Vorname Louis lautete.Vgl. die Abhandlung von Hans W. Hertz zu Wilhelm Ludwigs Lebensgang und der Vaterschaft Chamissos.
Nach der Übersiedelung der Familie Hertz von Hamburg nach Berlin im Jahre 1829 wurde Wilhelm für einige Jahre der Cauerschen Anstalt, einer Internatsschule in Charlottenburg, zur Erziehung anvertraut. Er besuchte anschließend das Friedrichswerdersche Gymnasium in Berlin und wollte eigentlich Maler werden. Stattdessen ging er 1840 bei Stange in Berlin und daraufhin bei Friedrich Johannes Frommann in Jena als Buchhändler in die Lehre. 1844 arbeitete er bei Perthes, Besser & Mauke in Hamburg als Gehilfe. 1847 heiratete Wilhelm Hertz in Hamburg seine Cousine Fanny (1826–1913) und kaufte im selben Jahr die Bessersche Buchhandlung in Berlin. 1848 wurde der Sohn Hans Adolf (gest. 1895) geboren. Weitere Kinder des Ehepaares Hertz waren: Marianne (1849–1917) verh. Lehnerdt, Paul Wolfgang (1850–1884), Fanny (1852–1918) verh. Strack, Bernhard Wilhelm (1853–1886), Emma (1856–1932) verh. Springer und Otto Ludwig (1859–1891).Vgl. Familienstammbaum von Hans W. Hertz in seinem genealogischen Beitrag.
Durch die Hochzeit seiner Tochter Emma Hertz im Jahr 1879 war er der Schwiegervater des Berliner Verlegers Fritz Springer.
Die letzte Ruhe fand Wilhelm Hertz auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg. Sein Grab ist seit 1984 als Ehrengrab der Stadt Berlin gewidmet.
Tätigkeit als Verleger 1847 kaufte Hertz die Bessersche Buchhandlung und gründete einen Verlag. In den folgenden Jahrzehnten verlegte Wilhelm Hertz – neben wissenschaftlichen Werken – Theodor Fontane, Emanuel Geibel, Gottfried Keller, Julian Schmidt, Herman Grimm und seinen Freund Paul Heyse. Bei Wilhelm Hertz erschienen mehr als tausend Titel. Dazu nur ein Beispiel: 1893 kam im Verlag der – gemessen an Nachauflagen erfolgreiche – Ursley-Roman heraus. Das war die erste größere Prosaarbeit der 29-jährigen Ricarda Huch.
1879 stand Wilhelm Hertz dem Börsenverein der Deutschen Buchhändler Leipzig vor, nachdem er bereits seit 1854 im Vorstand tätig gewesen war.
1875 wurde der Sohn Hans Adolf Hertz Teilhaber der Besserschen Buchhandlung. Nachdem der Sohn 1895 durch Freitod verstorben war, verkaufte Wilhelm Hertz, durch gesundheitliche Probleme mehr und mehr an seiner Verlegertätigkeit gehindert, mehrere Autorenrechte an Cottas Nachfolger in Stuttgart. Nach Hertz’ Tod kaufte der von Adolf Kröner (ab 1905: Adolf von Kröner) geführte Cotta-Verlag im Rahmen seiner Expansionsbestrebungen am 24. August 1901 die Firma Wilhelm Hertz an.Vgl. Schreinert/Hay: Briefwechsel Fontane – Hertz, S. 392
Wilhelm Hertz war ein wichtiger, zeitweise wohl der wichtigste Verleger Theodor Fontanes (1819‒1898).Vgl. Schreinert/Hay: Briefwechsel Fontane – Hertz, Einführung S. 375 ff. Und er förderte als Verleger die Entstehung von dessen erstem Roman Vor dem Sturm, die sich über Jahre hinzog, indem er den Autor immer wieder ermunterte und Vorschüsse auf das noch unvollendete Manuskript zahlte. Im Verlag von Wilhelm Hertz erschienen folgende Werke Fontanes:Vgl. Online-Bibliographie des Theodor-Fontane-Archivs in Potsdam
Balladen. Berlin: 1861 Wanderungen durch die Mark Brandenburg. [Später: Erster Theil. Die Grafschaft Ruppin. Der Barnim. - Der Teltow.] Berlin: 1862 Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Theil. Das Oderland. Barnim. Lebus. Berlin: 1863 Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Erster Theil. Die Grafschaft Ruppin. Barnim ‒ Teltow. Zweite vermehrte Auflage. Berlin: 1865 Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Theil. Das Oderland. Barnim‒Lebus. Zweite verbesserte Auflage. Berlin: 1868 Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Dritter Theil. Ost-Havelland. Die Landschaft um Spandau, Potsdam, Brandenburg. Berlin: 1873 Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Erster Theil. Die Grafschaft Ruppin. Dritte vermehrte Auflage. Berlin: 1875 Gedichte. Zweite, vermehrte Auflage. Berlin: 1875 Vor dem Sturm. Roman aus dem Winter 1812 auf 13. Band 1‒4. Berlin: 1878 Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Theil. Das Oderland. Barnim-Lebus. Dritte verbesserte Auflage. Berlin: 1880 Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Dritter Theil. Havelland. Die Landschaft um Spandau, Potsdam, Brandenburg. Zweite verbesserte Auflage. Berlin: 1880 Grete Minde. Nach einer altmärkischen Chronik. [Roman] Berlin: 1880 Ellernklipp. Nach einem Harzer Kirchenbuch. [Roman] Berlin: 1881 Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Vierter Theil. Spreeland. Beeskow-Storkow und Barnim-Teltow. Berlin: 1882 Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Erster Theil. Die Grafschaft Ruppin. Vierte vermehrte Auflage. Berlin: 1883 Christian Friedrich Scherenberg und das literarische Berlin von 1840 bis 1860. [Biographie] Berlin: 1885 Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Vierter Theil. Spreeland. Beeskow-Storkow und Barnim-Teltow. Zweite Auflage. Berlin: 1886 Grete Minde. Nach einer altmärkischen Chronik. [Roman] 2. Auflage. Berlin: 1888 Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Theil. Das Oderland. Barnim-Lebus. Vierte Auflage. Berlin: 1889 Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Dritter Theil. Havelland. Die Landschaft um Spandau, Potsdam, Brandenburg. Dritte Auflage. Berlin: 1889 Gedichte. 3., vermehrte Auflage. Mit einem Bildnis. Berlin: 1889 Fünf Schlösser. Altes und Neues aus Mark Brandenburg. Berlin: 1889 Quitt. Roman. Berlin: 1891 Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Erster Theil. Die Grafschaft Ruppin. Wohlfeile Ausgabe. [5. Aufl.] Berlin: 1892 Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Theil. Das Oderland. Barnim-Lebus. Wohlfeile Ausgabe. [5. Aufl.] Berlin: 1892 Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Dritter Theil. Havelland. Die Landschaft um Spandau, Potsdam, Brandenburg. Wohlfeile Ausgabe. [4. Aufl.] Berlin:, 1892 Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Vierter Theil. Spreeland. Beeskow-Storkow und Barnim-Teltow. Wohlfeile Ausgabe. [3. Aufl.] Berlin: 1892 Gedichte. 4. verm. Aufl. Mit einem Bildnis. Berlin: 1892 Unwiederbringlich. Roman. Berlin: 1892 Unwiederbringlich. Roman. 2. Auflage. Berlin: 1892 Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Theil. Das Oderland. Barnim-Lebus. Wohlfeile Ausgabe. [5. Aufl.] Berlin: 1893 Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Erster Theil. Die Grafschaft Ruppin. Wohlfeile Ausgabe. Sechste Aufl. Berlin: 1896 Vor dem Sturm. Roman aus dem Winter 1812 auf 13. Wohlfeile Volksausgabe. [2. Aufl.] Berlin: 1896 Gedichte. 5. vermehrte Auflage. Mit einem Bildnis. Berlin: 1898 Vor dem Sturm. Roman aus dem Winter 1812 auf 13. Dritte Auflage. Berlin: 1898 Unwiederbringlich. Roman. 3. Auflage. Berlin: 1898 Ellernklipp. Nach einem Harzer Kirchenbuch. [Roman] 2. Auflage. Berlin: 1899 Gedichte. 6. Auflage. Mit einem Bildnis. Berlin: 1899 Die Grafschaft Ruppin. Wohlfeile Ausgabe. 7. Auflage. Berlin: 1899 Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Theil. Das Oderland. Barnim-Lebus. Wohlfeile Ausgabe. 6. Aufl. Berlin: 1899 Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Dritter Theil. Havelland. Die Landschaft um Spandau, Potsdam, Brandenburg. Wohlfeile Ausgabe. 5. Aufl. Berlin: 1899 Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Vierter Theil. Spreeland. Beeskow-Storkow und Barnim-Teltow. Wohlfeile Ausgabe. 4. Aufl. Berlin: 1899 Grete Minde. Nach einer altmärkischen Chronik. [Roman] 3. Auflage. Berlin: 1900 Gedichte. 7. Aufl. Mit einem Bildnis. Berlin: 1901 Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Dritter Theil. Havelland. Die Landschaft um Spandau, Potsdam, Brandenburg. Wohlfeile Ausgabe. 6. Aufl. Berlin: 1901
Literatur
Theodor Fontane: Briefe an Wilhelm und Hans Hertz. Hrsg. von Kurt Schreinert †; vollendet und mit einer Einführung versehen von Gerhard Hay. Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1972, ISBN 3-12-902670-3 Hans W. Hertz: Wilhelm Ludwig Hertz ‒ ein Sohn des Dichters Adelbert von Chamisso. Ein genealogischer Beitrag. Sonderdruck für die Mitglieder der Familie Hertz, 1969, aus: Archiv für Geschichte des Buchwesens, Band X. Digitalisat Rudolf Schmidt: Deutsche Buchhändler. Deutsche Buchdrucker. Band 3. Berlin/Eberswalde 1905, S. 431–33: Online-Version Michael Davidis: Der Verlag von Wilhelm Hertz. Beiträge zu einer Geschichte der Literaturvermittlung im 19. Jahrhundert, insbesondere zur Verlagsgeschichte der Werke von Paul Heyse, Theodor Fontane und Gottfried Keller. Buchhändler Vereinigung, Frankfurt am Main 1982, ISBN 3-7657-1180-2 Chamisso-Gesellschaft: Adelbert von Chamisso Wolfgang Rasch: Theodor Fontane Bibliographie online. Auf der Grundlage der Theodor Fontane Bibliographie. Werk und Forschung (3 Bde., Berlin: De Gruyter 2006) hg. v. Theodor-Fontane-Archiv. Potsdam 2019 ff. Online-Version Jürgen Kipp: Einhundert Jahre. Zur Geschichte eines Gebäudes 1913–2013. Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-8305-3226-2
Weblinks
Bildnis in der Europeana Biographie Chamissos auf den Webseiten der Chamisso-Gesellschaft
Anmerkungen Perthes, Besser & Mauke war seit 1836 der Firmenname der Buchhandlung, die von den Erben Johann Heinrich Bessers betrieben wurde. Das ist die seit 1829 in Berlin präsente Buchhandlung des Verlegers und Antiquars G. Eichler, die 1837 von Wilhelm Besser (*1809; † 1848) übernommen wurde. Martin Hertz, der 1818 geborene Halbbruder von Wilhelm Hertz, verstarb ebenfalls 1895.
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