Gesellschaftliche Gerichte waren in der DDR mit Laienrichtern besetzte Gerichte der „sozialistischen Rechtspflege“. Nach § 1 des Gesetzes über die gesellschaftlichen Gerichte der Deutschen Demokratischen Republik sollten „[d]ie gesellschaftlichen Gerichte [...] gewählte Organe der Erziehung und Selbsterziehung der Bürger [sein]“ und das „Recht der Bürger auf Mitwirkung an der Rechtspflege“ verwirklichen.

Geschichte Die beiden Arten der gesellschaftlichen Gerichte waren die Konfliktkommissionen (KK) und die Schiedskommissionen (SchK; ehemals: Sühnestellen).

Rechtsgrundlage waren zunächst die SchiedsmannsordnungAnordnung über die Errichtung von Sühnestellen in der Deutschen Demokratischen Republik (Schiedsmannsordnung) vom 24. April 1953 (GBl. Nr. 59 S. 647) und die Konfliktkommissionen-VerordnungVerordnung über die Bildung von Kommissionen zur Beseitigung von Arbeitsstreitfällen (Konfliktkommissionen) in den volkseigenen und ihnen gleichgestellten Betrieben und in den Verwaltungen vom 30. April 1953 (GBl. Nr. 63 S. 695) von 1953. Die Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik von 1968 regelte dann in Artikel 92:

Die Beteiligung von Laienrichtern in der Rechtspflege allgemein war in Artikel 90 verankert.

In Umsetzung der Verfassungsregelung wurden das Gesetz über die gesellschaftlichen Gerichte der Deutschen Demokratischen Republik - GGG vom 11. Juni 1968Gesetz über die gesellschaftlichen Gerichte der Deutschen Demokratischen Republik vom 11. Juni 1968, im Gesetzblatt der DDR, Teil I Nr. 11, 1968, S. 229ff., Digitalisat. und das Gesetz über die gesellschaftlichen Gerichte der Deutschen Demokratischen Republik - GGG vom 25. März 1982Gesetz über die gesellschaftlichen Gerichte der Deutschen Demokratischen Republik - GGG - vom 25. März 1982. Im Gesetzblatt der DDR, Teil I Nr. 13, S. 269ff., Digitalisat. erlassen.

Nach der Wende wurden auch die Konfliktkommissionen und Schiedskommissionen in den Prozess der Wiedereinführung eines Rechtsstaates einbezogen. Der beherrschende Einfluss der in PDS umbenannten SED auf die gesellschaftlichen Gerichte endete. Die erste frei gewählte Volkskammer wandelte sie in Schiedsstellen um.

Mitglieder Die Mitglieder der gesellschaftlichen Gerichte (eine weitere Amtsbezeichnung gab es nicht), waren nach § 2 „[...] in ihrer Rechtsprechung unabhängig [und] nur an die Verfassung, die Gesetze und anderen Rechtsvorschriften der Deutschen Demokratischen Republik gebunden.“Gesetz über die gesellschaftlichen Gerichte der Deutschen Demokratischen Republik vom 11. Juni 1968, im Gesetzblatt der DDR, Teil I Nr. 11, 1968, S. 229ff., Digitalisat.

Zuständigkeit Die Zuständigkeit der gesellschaftlichen Gerichte erstreckte sich auf:§ 8 GGG 1968; §§ 13, 14 GGG 1982 Arbeitsrechtssachen einschließlich Neuererrecht (nur vor den Konfliktkommissionen) zivilrechtliche Streitigkeiten Vergehen, wenn die Sache von den Untersuchungsorganen, der Staatsanwaltschaft oder den Gerichten übergeben wurde (wie Eigentumsvergehen, Körperverletzungen, Verkehrsdelikte, Verletzungen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes) Verfehlungen (wie Eigentumsverfehlungen, Beleidigung und Verleumdung, Hausfriedensbruch in Räumen und Grundstücken eines Bürgers) Ordnungswidrigkeiten, wenn die Sache von den Ordnungsstrafbefugten übergeben wurde Schulpflichtverletzungen „arbeitsscheues Verhalten“ (nur 1964 bis 1979 vor den Schiedskommissionen)

Verfahrensstatistik Die gesellschaftlichen Gerichte waren für eine große Zahl von Verfahren zuständig. 1970 bzw. 1985 entfielen auf: Rechtspflegeorgane Rechtsgebiet 1970 1985 Kreis-, BezirksgerichteStatistisches Jahrbuch der DDR, 1978 und 1986 Strafsachen (nach Verurteilten) 63.214 59.574 Zivilsachen 30.606 55.280 Familienrechtssachen 65.507 88.356 Arbeitsrechtssachen   6.058 14.311 Gesellschaftliche Gerichte Straf-, Arbeits-, Zivilsachen 65.905 93.330

Innerhalb der gesellschaftlichen Gerichte verteilten sich die Verfahren wie folgt:Britta Schubel: Geschichte und Gegenwart außergerichtlicher Erledigung von Strafsachen durch ehrenamtliche Schiedsinstanzen in den neuen Bundesländern (1997), S. 316–319 Rechtsgebiet 1970 1985 Anteil KK SchK Anteil KK SchK Arbeitsrecht 27,5 % 18.148 – 59,3 % 55.317 – Zivilrecht 10,4 % 0 6.837 6,0 % 329 5.280 Vergehen 33,9 % 15.156 7.208 21,4 % 13.948 6.034 Verfehlungen 25,7 % 3.680 13.281 11,4 % 3.604 6.993 Ordnungswidrigkeiten 1,2 % 404 376 1,3 % 620 572 Schulpflichtverletzungen 0,8 % 73 422 0,7 % 147 486 arbeitsscheues Verhalten 0,5 % – 320 – – –Summe 65.905 37.461 28.444 93.330 73.965 19.365Anteil 56,8 % 43,2 % 79,3 % 20,7 %

Ähnliche Einrichtungen Land Einrichtung Zeitraum Rechtsgrundlage Anzahl Gesellschaftliche Gerichte:KK; SchK (bis 1963: Sühnestellen) 1953–90 Gesetz über die gesellschaftlichen Gerichte (GBl. 1968, 1982) 1970: 20.000 KK, < 6.000 SchK Товарищеские судыKameradschaftsgerichte 1919–38, 1956–95 Положение о товарищеских судах (ВВС РСФСР 1961, 1977); ferner: общественный приговор (1957–65), товарищеские суды чести (ab 1971) 1965: 230.000 Sądy społeczne: w zakładach pracy; społeczne komisje pojednawczeGG: an Arbeitsplätzen; ges. SchK 1960?–90 1963: 50+200 Místní lidové soudy; rozhodčí komiseÖrtliche Volksgerichte; Schiedskommissionen 1961–691975–91 Zákon ze dne 18. dubna 1961 o místních lidových soudech (38/1961 Sb.)Zákon č. 20/1975 Sb. 1963: 1.000 Társadalmi bíróságokGesellschaftliche Gerichte 1958–89? 1962. évi 24. törvényerejű rendelet társadalmi bíróságokról ? Comisiile de judecatăSchiedskommissionen 1957–92 Legea nr. 59 din 26 decembrie 1968 privind comisiile de judecată (B.Of. nr. 169 din 27 decembrie 1968) ? Другарските съдилищаKameradschaftsgerichte 1961–91 Закон за другарските съдилища (Известия, бр. 50 от 23 юни 1961 г.) 1963: 10.000 人民调解委员会 Rénmín tiáojiě wěiyuánhuìVolksschiedskommissionen 1949–? 中华人民共和国人民调解法 Zhōnghuá rénmín gònghéguó rénmín tiáojiě fǎ (2010年8月28日) 1955: 158.000 Самоуправни судови: Судовима удруженог рада, Мировна већаSelbstverwaltungsgerichte: Gerichte assoziierter Arbeit, Friedensräte 1975–91 Закон о судовима удруженог рада (Сл. лист СФРЈ 24/74), Закон о мировним већима (Сл. гласник СРС 43/79) ? Komiteti profesionalArbeitskomitee ? Kodi i Punës (1980), Art. 100 ? Tribunales popularesVolksgerichte 1964–73 ? 1969: > 2.000Luis Salas: The emergence and decline of the Cuban popular tribunals (1983) ማህበራዊ ፍርድ ቤቶችGesellschaftliche Gerichte 1989– Establishment of social courts of Ethiopia proclamation 37/1989Dereje Tilahun: Jurisdiction of social courts in Addis Ababa: the law and the practice (2010) ? Außerdem: Beschwerdekommissionen für Sozialversicherung beim FDGB (siehe Sozialgerichtsbarkeit)

Literatur Werner Reiland: Die gesellschaftlichen Gerichte der DDR. Univ.-Diss. Tübingen/Basel 1971. ISBN 3-7711-0949-3 Frank Rotter: Die Gesellschaftlichen Gerichte in der DDR und das Problem der Alternativen zum Recht, in: Alternative Rechtsformen und Alternativen zum Recht. Jahrbuch für Rechtssoziologie und Rechtstheorie Bd. 6, Opladen, 1980, S. 462–475. ISBN 978-3-322-96990-3 Hans Martin Schmid: Gesellschaftliche Gerichte und ihre Übertragbarkeit auf das bundesdeutsche Strafverfahren – Ein Beitrag zur Institutionalisierung gemeinwesenbezogener Konfliktschlichtung in das allgemeine Strafrecht, Univ.-Diss. Würzburg, 1998. Felix Herzog: Rechtspflege - Sache des ganzen Volkes? Bericht über eine Studie zu den Gesellschaftlichen Gerichten in der DDR. Humboldt-Spektrum, Heft 04/1999, S. 20–26 Hans-Andreas Schönfeldt: Vom Schiedsmann zur Schiedskommission : Normdurchsetzung durch territoriale gesellschaftliche Gerichte in der DDR. (= Studien zur europäischen Rechtsgeschichte. Band 145). 2002, ISBN 3-465-03176-8.

Weblinks Gesetz über die gesellschaftlichen Gerichte der Deutschen Demokratischen Republik vom 11. Juni 1968, im Gesetzblatt der DDR, Teil I Nr. 11, 1968, S. 229ff., Digitalisat. Gesetz über die gesellschaftlichen Gerichte der Deutschen Demokratischen Republik - GGG - vom 25. März 1982. Im Gesetzblatt der DDR, Teil I Nr. 13, S. 269ff., Digitalisat. Albin Eser: Gesellschaftsgerichte in der Strafrechtspflege: neue Wege zur Bewältigung der Kleinkriminalität in der DDR (erweiterte Fassung der Tübinger Antrittsvorlesung vom Januar 1970) Gesellschaftliche Gerichte Neues Deutschland, 7. Juli 1968 Bele Carolin Peters: Der Gütegedanke im deutschen Zivilprozeßrecht. Eine historisch-soziologische Untersuchung zum Gütegedanken im Zivilverfahrensrecht seit 1879 Univ.-Diss. Jena, 2004, S. 132 ff., 147 ff.

Siehe auch Genossengericht

Einzelnachweise

Kategorie:Recht (DDR)