mini|Einige Interpreten der Schwarzen Szene affirmieren national­sozialis­tische Ästhetik in ihren Album­gestaltungen mit Abbildungen von beispiels­weise Josef Thorak, dem auch vom VAWS 1998 eine Kompilation gewidmet wurde, hier Der letzte Flug.

Seit den 1990er Jahren bildet die Schwarze Szene im Spannungsfeld rechter Ideologien einen gesonderten kultur- und sozialwissenschaftlichen Untersuchungsgegenstand. Die Adaption und Interpretation ideologischer und ästhetischer Elemente der Neuen Rechten und des Rechtsextremismus in der Schwarzen Szene stehen schon seit den Anfängen der schwarzen Subkultur in der Kritik und sind seit jeher ein in Szene-Chroniken und -Darstellungen berücksichtigter Aspekt. Die zwischen Dark Wave, Industrial und Post-Punk zum Ende der 1970er Jahre entstandene Szene wurde dabei erstmals in den 1990er Jahren einer intensiven kultur- und sozialwissenschaftlichen Untersuchung, im Hinblick auf die mögliche Affirmation rechtsextremer Ideologien, unterzogen. Resultierend wuchs in den 1990er und frühen 2000er Jahren eine journalistisch sowie kultur- und sozialwissenschaftlich geführte Debatte um Anknüpfungspunkt und Bezüge der Schwarzen Szene zum Rechtsextremismus und der neuen Rechten.

Die Schwarze Szene polarisierte bereits in ihrem Ursprung durch die Verwendung faschistoider Symbole und sah dabei auf eine Tradition zurück, die über den eigentlichen soziokulturellen Beginn der Szene selbst hinausgeht. Schon Interpreten, die als ästhetische und musikalische Vorreiter der Szene gelten, machten mit faschistoiden Requisiten, Äußerungen und Aktionen auf sich aufmerksam. Seither wurden das provozierende Spiel mit entsprechenden Symbolwerten sowie die allgemeine Beschäftigung mit dem Themenkomplex Totalitarismus und Faschismus in der Szene in immer neuen Facetten aufgegriffen. Die Ursprünge solcher Aktivitäten lagen zumeist in bewussten Provokationen und gezielten Tabubrüchen. Im Verlauf der Szene-Historie agierten einige Akteure zunehmend mit tiefergehenden Aspekten der zugehörigen Ideologien. Diese zeigten sich insbesondere in intertextuellen Bezugnahmen auf protofaschistische und nationalistische Ideologen, Künstler und Lyriker sowie in der ästhetischen Aufbereitung von Künstlern aus der Zeit des Nationalsozialismus.

Über die Bezüge lässt sich kein einheitlicher oder eindeutiger Vorwurf des Neonazismus gegen die Szene oder die einzelnen Interpreten generieren. Eine abschließende Selbstverortung im Rechtsextremismus nahmen nur vereinzelte Interpreten wahr. Vielmehr sahen und sehen sich die Musiker als Akteure außerhalb des politischen Spektrums. Trotzdem zeigten sich über das teils affirmative und teils kritisch-provozierende Verhalten Parallelen, welche von rechtsextremer und neurechter Seite als Anknüpfungspunkt an die Szene genutzt wurden und werden.

Während die ausdrückliche Offenheit gegenüber jedem Individuum einer kritischen Abgrenzung der Szene entgegenwirkt, fördern der Wille zum Tabubruch und die der Szene eigenen Kritik an der Moderne ebenso wie weitere thematische Überschneidungen das Potential zur Vereinnahmung, die im Besonderen durch die Neue Rechte angestrebt wurde.

Trotz vorhandener Bezüge und Kooperationen distanzieren sich die Interpreten häufig von rechtspopulistischem und rechtsextremem Gedankengut oder ziehen sich ohne ausdrückliche Abgrenzung auf eine allgemeine Interpretationsoffenheit ihres Gesamtwerkes zurück und lehnen jedwede Form der politischen Stellungnahme ab. Eine eindeutige ideologische Verortung kann daher nur in den wenigsten Fällen vorgenommen werden.

Rahmen, Personen und Begriffe Der folgende Text nimmt wiederholt intensiven Bezug zu bestimmten Termini und verweist auf eine Fülle an Schriften und Personen. Zum besseren Überblick der Darstellung werden hier die zentralen Aspekte der Metaebene kurz erläuternd aufgegriffen. Somit steht der Auseinandersetzung vorweg eine knappe Darstellung der schwarzen Szene, sowie der Begriffe Rechtsextremismus, Rechtsradikalismus und Neue Rechte, gefolgt von den wesentlichen Schriften der sozial- und kulturwissenschaftliches Aufarbeitung der schwarzen Szene im Spannungsfeld rechter Ideologien.

Die Schwarzen Szene und ihre politische Verortung

Die Schwarze Szene ist eine in den späten 1980er Jahren aus der Anhängerschaft des Dark Wave und Independent entstandene Szene. Sie entwickelte sich aus einer jugendkulturellen Gemeinschaft über Jahrzehnte hinweg zu einem altersunabhängigen sozialen Netzwerk, dessen große Gemeinsamkeit in einem ästhetischen, selbstdarstellerischen und individualistischen Konzept liegt. Sie gilt als Gemeinschaft, die sich über szeneinterne Symbole, Medien und Treffpunkte definiert, besonders szenespezifische Veranstaltungen und Diskotheken sowie die unterschiedlichen Strömungen der szeneeigenen Mode.

Zu den gemeinsamen Interessen der Szene gehören Musik, Kunst und Mode sowie die Auseinandersetzung mit philosophischen, neureligiösen oder von der Gesellschaft als negativ wahrgenommenen Themen- und Tabubereichen. Insbesondere findet vor dem Hintergrund des individualistischen Konzeptes eine Auseinandersetzung mit den Themenkomplexen Tod, Sterblichkeit, Traurigkeit, Trauer und Melancholie, klinische Psychologie und Psychopathologie statt.

Dabei ist die Szene weder musikalisch noch modisch als homogene Gruppe zu verstehen. Sie gliedert sich in unterschiedliche Strömungen, die sich zum Teil in ihren musikalischen und modischen Vorstellungen diametral gegenüberstehen. Die musikalischen Vorlieben der unterschiedlichen Anhänger der Schwarzen Szene sind dabei von einer annähernd unüberschaubaren Stilvielfalt geprägt. Als Sammelbezeichnung für die Gesamtheit der in der Szene rezipierten Musik wird in der sozial- und kulturwissenschaftlichen Literatur der Ausdruck Schwarze Musik genutzt.

In ihrer Gesamtheit gilt die Schwarze Szene als politisch passive Gruppierung. Aktivismus und politisches Engagement sind in der Szene nur gering vorhanden und in den seltensten Fällen innerhalb der Szene organisiert. Einem politisch begründeten Zusammenschluss von Szenegestaltern oder -anhängern steht meist das individualistische Ideal gegenüber. Zum ideologischen Mainstream der Szene bestehen unterschiedliche Einschätzungen.

Der Musikjournalist, Mitherausgeber der Buchreihe Gothic – Die Szene in Deutschland aus der Sicht ihrer Macher und langjährige Pressesprecher des Wave-Gotik-Treffens Peter Matzke bezeichnet die Szene als überwiegend wertekonservativ. Als Indikator dieses Konservatismus nennt er eine Skepsis gegenüber der Konsumgesellschaft, Zweifel an der Reformierbarkeit der Industriegesellschaft, einen Hang zur Mystik sowie die passive Ablehnung der Moderne.

Der Sozialwissenschaftler und Herausgeber des Sammelbandes Schillerndes Dunkel Alexander Nym hingegen bezeichnet die Szene als „grundsätzlich unpolitisch“. Er verweist darauf, dass sich die Szenegänger „ungern belehren“ ließen. Der Anteil an politisch motivierten Personen gilt als gering. Da die Szene keine homogene Struktur besitzt und sich aus unterschiedlichen jugendkulturellen Strömungen und Individualisten zusammensetzt, sind durchaus variierende politische Tendenzen vorzufinden.

Im Anbetracht ihrer Größe, ihres Hangs zum Tabubruch und dem in der Szene „über allem stehenden Wert des Individualismus“ bleibt die Szene bar einer gemeinsamen politischen Richtungsvorgabe. Das dogmatische Respektieren jedes Einzelnen geht dabei über „Traurigkeit, Trauer und Melancholie“ hinaus und schließt „eine stille Rebellion, die niemanden direkt angreift“, aber Enttabuisierungen befördert, mit ein.

Einen deutlichen Bruch zum Rechtsextremismus weist die Schwarze Szene in dem von der Szene gehüteten Individualismus auf. Dem von Backes und Jesse als „eine antiindividualistische, das demokratische Grundaxiom menschlicher Fundamentalgleichheit negierende Abwehrbewegung gegen die liberalen und demokratischen Kräfte und ihr Entwicklungsprodukt, den demokratischen Verfassungsstaat“ definierten Rechtsextremismus steht der „über allem stehende[n] Wert des Individualismus“ vermeintlich gegenüber. An anderer Stelle wird der Individualismus der Szene als potentieller Anschlusspunkt einer elitären Selbstverortung ausgemacht. Hinzukommend birgt die Offenheit und Akzeptanz der Szene in der Kombination mit dem gegebenen Hang zum Tabubruch, dem Rückgriff auf meist nebulöse Mystik sowie der Ablehnung der Moderne gerade der neuen Rechten Anknüpfungspunkte für eine ideologische Einflussnahme.

Neue Rechte, Rechtsextremismus und rechte Ideologien

Die hier als rechte Ideologien gefasste Begrifflichkeit bezieht sich auf die so genannte Neue Rechte als Teilströmung des Rechtsextremismus und den Rechtsextremismus insgesamt. Die Verwendung des allgemein umreißenden Terminus „rechter Ideologien“ im Titel ist an den Buchtitel Ästhetische Mobilmachung: Dark Wave, Neofolk und Industrial im Spannungsfeld rechter Ideologien angelehnt.

Armin Pfahl-Traughber definiert für die Bundeszentrale für politische Bildung den Begriff Neue Rechte als „Intellektuellengruppe, die sich hauptsächlich auf das Gedankengut der Konservativen Revolution der Weimarer Republik“ beruft um politischen Wandel im Sinn einer Kulturrevolution zu forcieren. Trotz der Einordnung in den Rechtsextremismus hebe sich die Neue Rechte von dem traditionellen Rechtsextremismus ab. Dabei, so Volker Weiß, treffen die Versuche der Abgrenzung nur bedingt zu und der Ausdruck „neu“ ließe höchstens eine temporäre Abgrenzung zu. Helmut Kellershohn schrieb zu solchen Einschätzungen, „dass das Etikett ‚neu‘ mittlerweile musealen Charakter“ innehätte, wenn nicht alternierend Neuerungen und Neubesetzungen des Begriffs stattfinden würden.

Die von Weiß für nicht generell anwendbar erklärten Abgrenzungsversuche zum traditionellen Rechtsextremismus sind ideologisch und strategisch. Die ideologische Abgrenzung ist begründet in der „Berufung auf die Konservative Revolution bzw. die Jungkonservativen“ anstelle des Nationalsozialismus während die strategische darauf ausgerichtet ist, den „intellektuellen Diskurs als politisches Handlungsfeld“ zu erschließen. Dabei sei die Neue Rechte „keine einheitliche Formation, sondern setz[e] sich aus verschiedenen Strömungen zusammen, die im historischen Prozess das Gesicht der Neuen Rechten in unterschiedlicher Weise beziehungsweise mit wechselnden Dominanzen geprägt haben und prägen.“ Die Neue Rechte ist nach Weiß daher eine heterogene Strömung des Rechtsextremismus deren Beteuerungen und Versuche einer Distanzierung zur gewähnten ‚alten‘ Rechten den „Tücken“ eines „Ausfransens ins altrechte Lager“ unterliegen.

Der übergeordnete Begriff Rechtsextremismus ist ebenso eine Sammelbezeichnung für ein heterogenes Ideologiegemenge faschistischer, neonazistischer oder chauvinistisch-nationalistischer politischer Ideologien und Aktivitäten. Eine einheitliche und allgemeingültige Definition von Rechtsextremismus, ebenso vom Rechtsradikalismus und eine Abgrenzung zueinander, fehlt. In ihrem Aufsatz Rechtsradikale Gewalt im vereinigten Deutschland, den Roland Merten und Hans-Uwe Otto in dem von ihnen für die Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung 1993 herausgegebenen gleichnamigen Buch, hielten Merten und Otto fest, dass es sich generell „um Begriffe mit fließenden Grenzen“ handele, „denen die Zuordnung operationalisierbarer Kriterien […] eher zu fehlen scheint.“