Die Sudetenkrise oder sudetendeutsche Krise im Jahr 1938 war ein vom nationalsozialistischen Deutschland provozierter und eskalierter internationaler Konflikt mit dem Ziel, die staatliche Existenz der Tschechoslowakei zu zerstören und ihre böhmischen, mährischen und schlesischen Landesteile dem deutschen Reichsgebiet einzuverleiben. Konrad Henlein und die von ihm geführte Sudetendeutsche Partei als Vertreter der deutschen Minderheit arbeiteten dabei mit Adolf Hitler und der NS-Führung zusammen. Durch das Münchener Abkommen vom September 1938 wurde die Regierung der ČSR gezwungen, das Sudetenland an Deutschland abzutreten.
Frankreich und Großbritannien konnten mit ihrer Appeasement-Politik eine drohende militärische Konfrontation zwar noch einmal vermeiden, verloren wegen der Preisgabe der verbündeten Tschechoslowakei jedoch enorm an Ansehen und Vertrauen bei den Staaten Osteuropas. Unterdessen trieb das NS-Regime, ermutigt durch seinen Erfolg, seine aggressive Expansionspolitik voran. Trotz der in München gemachten Zusage, das Sudetenland sei seine „letzte territoriale Forderung“ gewesen, forcierte Hitler schon wenige Monate später die Abspaltung der Slowakei von der Tschecho-Slowakischen Republik (Č-SR). Am 15. März 1939 ließ er das verbliebene Staatsgebiet von der Wehrmacht besetzen und am Tag darauf als Protektorat Böhmen und Mähren annektieren. Eine Woche später zwang er Litauen unter Kriegsdrohung dazu, das Memelland abzutreten, und weniger als ein Jahr nach der Beilegung der Sudetenkrise befahl er den Überfall auf Polen, mit dem in Europa der Zweite Weltkrieg begann.
mini|Sprachenverteilung in der Tschechoslowakei (um 1930)
Vorgeschichte
Die Sudetendeutschen in der Tschechoslowakei
Alle Gebiete, um die es in der Sudetenkrise ging, gehörten bis 1918 als Königreich Böhmen, Markgrafschaft Mähren und Herzogtum Ober- und Niederschlesien (Österreichisch-Schlesien) zum cisleithanischen Reichsteil Österreich-Ungarns, der von Deutschösterreichern dominiert war. In ihren Grenzregionen lebten überwiegend Deutschböhmen und Deutschmährer. Um 1890 waren etwa 37 Prozent der Einwohner Böhmens deutsche und 63 Prozent tschechische Muttersprachler. Mit dem sich verstärkenden Nationalismus erhöhten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Spannungen zwischen beiden Volksgruppen. So kam es unter anderem zum Böhmischen Sprachenkonflikt, einem lang anhaltenden Streit um die offizielle Sprache in Behörden und Schulen. Im Wiener Reichsrat blockierten sich tschechische und deutsche Parteien gegenseitig. Alle Versuche, die Konflikte im Rahmen der Habsburgermonarchie zu lösen, schlugen fehl. So standen sich beide Bevölkerungsgruppen argwöhnisch gegenüber, als am 28. Oktober 1918, nach der Niederlage Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg, die Tschechoslowakische Republik (ČSR) als unabhängiger Staat proklamiert wurde. In diesem Vielvölkerstaat stellten die Deutschen mit 3,3 Millionen Menschen – oder 22,5 Prozent der Bevölkerung – die größte Minderheit.Jörg K. Hoensch: Geschichte Böhmens. Von der slavischen Landnahme bis zur Gegenwart. 2., aktualisierte und ergänzte Auflage, C.H. Beck, München 1992, S. 372–377, 383 f., 392–396 und 422.
Trotz des multiethnischen Charakters der jungen Tschechoslowakei vertraten Staatspräsident Tomáš Garrigue Masaryk und die Regierungsparteien das Konzept eines einheitlichen Nationalstaats. Da die Parteien der deutschen, magyarischen, ruthenischen und polnischen Minderheiten nicht in der Revolutionären Nationalversammlung vertreten waren, wurde die Verfassung der Tschechoslowakei 1920 ohne ihre Zustimmung verabschiedet. Sie sah eine zentralistische statt einer bundesstaatlichen Ordnung vor. Die Regierung unterzeichnete einen vom Völkerbund garantierten Minderheitenschutzvertrag und fühlte sich danach an weitergehende Autonomieversprechen aus dem Jahr 1919 nicht mehr gebunden. Die deutschsprachigen Bürger sahen sich daher gegenüber den Tschechen und Slowaken im Nachteil und bildeten als Reaktion darauf ein Zusammengehörigkeitsgefühl aus, das sich aber an Österreich, nicht am Deutschland der Weimarer Republik orientierte.Jörg K. Hoensch, Geschichte Böhmens. Von der slavischen Landnahme bis zur Gegenwart. C.H. Beck, München 1992, S. 423. Erst in dieser Zeit bürgerte sich für die Deutschen in der ČSR der Name Sudetendeutsche und für die von ihnen bewohnten Regionen der Begriff Sudetenland ein, abgeleitet vom gleichnamigen Gebirgszug.
Ungeachtet ihres gespannten Verhältnisses zum tschechoslowakischen Staat, garantierte dieser den Angehörigen der deutschen Minderheit alle individuellen Bürgerrechte. Sie konnten Beamte werden, wenn sie Tschechisch lernten, und rund 90 Prozent der Sudetendeutschen konnten auf Ämtern nach wie vor ihre Muttersprache verwenden. Zudem waren sie mit eigenen Parteien im Parlament vertreten. Diese gehörten allerdings zwei gegensätzlichen Gruppierungen an, den sogenannten Aktivisten und Negativisten. Zu den letzteren gehörten die Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei (DNSAP) und die konservative Deutsche Nationalpartei (DNP). Sie setzten im Parlament auf Konfrontation und Obstruktion, was mitunter zu regelrechten Saalschlachten führte. Dagegen traten die Aktivisten, die Deutsche sozialdemokratische Arbeiterpartei, der Bund der Landwirte, die Deutsche Christlich-Soziale Volkspartei und die liberale Deutsche Demokratische Freiheitspartei für eine Überwindung der nationalen Gegensätze ein. Sie waren zur konstruktiven Mitarbeit im neuen Staat bereit und einige von ihnen waren seit 1926 an Koalitionsregierungen beteiligt. Daher wurde in der ČSR gegen Ende der 1920er Jahre öffentlich darüber debattiert, den Sudetendeutschen den Status eines zweiten „Staatsvolks“ zuzuerkennen. Große Erfolge waren der Gleichstellungspolitik der Aktivisten jedoch nicht beschieden. Vollends ins Hintertreffen gerieten sie infolge der Weltwirtschaftskrise von 1929. Diese traf die deutsche Minderheit überproportional hart, da sich die besonders betroffene Textil- und Konsumgüterindustrie der ČSR in den von ihnen bewohnten Gebieten konzentrierte. Zwei von drei Arbeitslosen des Landes waren Sudetendeutsche.Jörg K. Hoensch: Geschichte Böhmens. Von der slavischen Landnahme bis zur Gegenwart. 2., aktualisierte und ergänzte Auflage, C.H. Beck, München 1992, S. 383 f., 392–396 und 426.Richard J. Evans: Das Dritte Reich. Band 2: Diktatur. DVA, München 2006, Teilband 2, S. 806 f.
Die Negativisten der DNSAP und der DNP, deren Schwesterparteien in Deutschland soeben Adolf Hitler an die Macht gebracht hatten, kamen 1933 einem drohenden Verbot durch tschechoslowakische Behörden durch ihre Selbstauflösung zuvor. An ihre Stelle trat die am 1. Oktober desselben Jahres gegründete Sudetendeutsche Heimatfront (SHF) unter Führung des Turnlehrers Konrad Henlein, die sich 1935 in Sudetendeutsche Partei (SdP) umbenannte. Sie verstand sich zunächst als Interessenvertretung und Sammlungsbewegung mehrerer konservativ-nationaler Richtungen. Formal stellte sie sich auf den Boden der Demokratie und des tschechoslowakischen Staats, geriet aber zunehmend unter den Einfluss des NS-Regimes und bekannte sich ab 1937 offen zum Nationalsozialismus. Bei den Wahlen im Mai 1935 erhielt sie mehr als 62 Prozent der deutschen Stimmen.Detlef Brandes: Sudetendeutsche, in: Stefan Aust, Stephan Burgdorff (Hrsg.): Die Flucht. Über die Vertreibung aus dem Osten. Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2005, ISBN 3-89331-533-0, S. 120.Jörg K. Hoensch: Geschichte Böhmens. Von der slavischen Landnahme bis zur Gegenwart. 2., aktualisierte und ergänzte Auflage. C.H. Beck, München 1992, S. 427.
Im Februar 1938 nahm die SdP Kontakte zur katholisch-klerikalen Slowakischen Volkspartei Andrej Hlinkas auf, mit der sie ideologisch nur den jeweiligen Nationalismus gemein hatte, der beide gegen tschechische Zentralisierungstendenzen einte.Gotthold Rhode: Die Tschechoslowakei von der Unabhängigkeit bis zum „Prager Frühling“ (1918–1968). In: Theodor Schieder (Hrsg.): Handbuch der europäischen Geschichte. Band 7: Europa im Zeitalter der Weltmächte. Klett-Cotta, Stuttgart 1979, 2. Teilband, S. 939.
Das nationalsozialistische Deutsche Reich nutzte die internen Spannungen der ČSR zunehmend für seine offensive Expansionspolitik. Die Bedrohung der letzten verbliebenen Demokratie in Mitteleuropa gefährdete andererseits auch die Macht- und Sicherheitsinteressen der beiden Großmächte Frankreich und Großbritannien. Nach dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938, der große Demonstrationen unter der Parole „Heim ins Reich!“ auslöste, rückte das NS-Regime nun die so genannte Sudetenfrage in den Brennpunkt der europäischen Politik.Jörg Echternkamp: Das Dritte Reich. Diktatur, Volksgemeinschaft, Krieg. De Gruyter Oldenbourg, Berlin/Boston 2018, ISBN 978-3-486-85852-5, S. 31.
In Hitlers militärischem Kalkül stellte die kleine, aber gut gerüstete und zusätzlich durch den seit 1935 erbauten Grenzwall geschützte Tschechoslowakei eine gefährliche und letztlich unannehmbare Rückenbedrohung bei einem Krieg gegen die westlichen Großmächte dar. Bereits am 3. Februar 1933 hatte er die Befürchtung geäußert, Frankreich würde mit seinen „Ost-Trabanten“ (gemeint waren Polen und die Tschechoslowakei) „über uns herfallen“.Klaus Hildebrand: Das vergangene Reich. Deutsche Außenpolitik von Bismarck bis Hitler. Oldenbourg, München 2008, ISBN 978-3-486-58605-3, S. 581. Der Staatssekretär im Auswärtigen Amt Bernhard Wilhelm von Bülow sprach bezugnehmend auf die Beistandsverträge des Landes mit Frankreich und der Sowjetunion von einem „russischen Flugzeugträger“ inmitten Europas, den es zu zerstören gelte.Jens Petersen: Hitler, Mussolini: Die Entstehung der Achse Berlin – Rom 1933–1936. Niemeyer, Tübingen 1973, ISBN 3-484-80064-X, S. 414. Die Zerschlagung der Tschechoslowakei als unabhängiger Staat war von Beginn an Hitlers Ziel, die Besetzung des Sudetenlandes unter dem Vorwand des Selbstbestimmungsrechtes nur der erste Schritt dahin.
Die französische Sicherheitspolitik Die Tschechoslowakei war als Mitglied der Kleinen Entente und durch den französisch-tschechoslowakischen Vertrag vom 24. Januar 1924 Teil des französischen Sicherheitssystems, das eine Revision des Versailler Vertrags und insbesondere einen Anschluss Österreichs hatte verhindern sollen. Der reale Anschluss am 12. März 1938 zeigte deutlich die ganze Problematik dieser Sicherheitsarchitektur: Frankreich hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg auf eine Defensivstrategie festgelegt. Im Konfliktfall wollte man hinter der Maginotlinie einem deutschen Angriff standhalten, bis alle Reservisten einberufen und mobilgemacht worden wären. Dann wollte man zum Angriff übergehen und Deutschland mithilfe von Frankreichs Verbündeten im Osten einen Zweifrontenkrieg aufzwingen.Jean Doise und Maurice Vaïsse: Diplomatie et outil militaire (1871–1991). Éditions du Seuil, Paris 1992, S. 341–344 und 371 ff. Hinzu kam, dass es im französischen Sicherheitssystem keine multilaterale Kooperation gab: Daher war es in Krisen nicht aktionsfähig.Peter Krüger: Ostmitteleuropäische Bündnissysteme und Konfliktfelder. In: Jürgen Zarusky, Martin Zückert (Hrsg.): Das Münchener Abkommen von 1938 in europäischer Perspektive. Oldenbourg, München 2013, ISBN 978-3-486-70417-4, S. 31–44, hier S. 39 f.