mini|hochkant|Sapho (2014) Sapho (* 10. Januar 1950 in Marrakesch; bürgerlich Danielle Ebguy) ist eine marokkanisch-französische Sängerin. Stilistisch deckt sie ein breites Spektrum ab: von nordafrikanischer Musik und Flamenco bis hin zu Chanson, Rock und New Wave. Sie singt auf Französisch, Arabisch, Englisch, Spanisch und Hebräisch. Darüber hinaus hat sie mehrere Romane veröffentlicht und betätigt sich in den Bereichen Cabaret und Choreografie.
Leben und Karriere Sapho emigrierte als Jugendliche mit ihrer jüdischstämmigen Familie 1966, im Jahr der marokkanischen Unabhängigkeit, nach Frankreich. Neues Domizil wurde die südfranzösische Metropole Lyon. Nach einer kurzen Zwischenetappe und dem Besuch der dortigen Schule setzte Danielle Ebguy ihre Schulausbildung auf einem Schweizer Internat fort. Mit 18 zog sie in das am Südufer der Seine gelegene Pariser Künstler- und Touristenviertel Saint-Germain-des-Prés und schrieb sich an der Universität für ein Kunststudium ein. Unterdessen nahm die Musik zunehmend größeren Raum ein: sie spielte Gitarre, nahm Schauspielunterricht und machte Straßenmusik. Dem Rat eines Freundes folgend, nahm sie Gesangsunterricht auf dem von der Filmschauspielerin Mireille Hartuch begründeten Petit Conservatoire de Mireille. Als Künstlername wählte sie, nach einem kurzen Zwischenspiel mit dem Pseudonym Bergamote, den Namen Sapho – abgeleitet von der antiken griechischen Dichterin Sappho.
Frühe Karriere (1979–1990) mini|hochkant|Aufnahmeort des Live-Doppelalbums aus dem Jahr 1987: das Bataclan im XI. Arrondissement von Paris Parallel zum Konservatoriumsbesuch konzentrierte sich Ebguy/Sapho mehr und mehr auf ihre Musik. Schließlich nahm RCA France die Sängerin unter Vertrag. Das Debütalbum, Le Balayeur du Rex, erschien 1979. Die zehn Stücke der Platte pendelten stilistisch zwischen Rock und New Wave. Kommerziell war das Album nicht sonderlich erfolgreich. Seitens der Kritik wurde Sapho allerdings als neues, aufregendes Talent registriert. Nach der Veröffentlichung des Erstwerks wechselte die Sängerin für ein Jahr als Reporterin nach New York. Neben ihrer Tätigkeit für das Musik- und Underground-Magazin Actuel absolvierte Sapho Auftritte in unterschiedlichen Clubs. Auf die Zeit in New York folgte ein kürzerer Aufenthalt in London. Das zweite Album aus dem Jahr 1980 (Titel: Sapho) spiegelte die Begeisterung der Sängerin für die dortige Punk-Szene. Ebenso wie der Vorgänger offerierte auch Sapho eine Mixtur aus schnellem, druckvollem Punkrock und düsteren, an der US-Band The Doors orientierten New-Wave-Melodien. Single-Auskoppelung war das Stück Janis – eine Hommage an die US-Rocklegende Janis Joplin.
Auf den beiden Folgeproduktionen – der 1980 erschienenen Mini-LP Le Paris stupide und dem 1982 herausgekommenen Album Passage d’enfer – kultivierte die Sängerin weiter ihren Mix aus schnellem Punkrock, New Wave, Synthiepop und Chanson. Passage d’enfer enthielt mit Souvenir D’Enfance (Endi Ou Hida) (übersetzt: Kindheitserinnerungen – Endi oder Hida) erstmals ein längeres Stück in arabischer Sprache und mit nordafrikanischer Melodik. Die beiden Anschlussalben Barbarie (1983) und Passions, passons (1985) offerierten noch mehr nordafrikanische Töne. Mit den – teilweise als Single-Auskoppelungen erschienenen – Stücken Carmel, Méthylène sowie Globo Night enthielt das von Les-Négresses-Vertes-Entdecker Peter Murray produzierte Album Passions, passons drei Stücke, die zum Grundrepertoire der Sängerin avancierten. Deutlicher als auf ihren ersten Alben thematisierten die Texte gesellschaftliche Missstände wie Ausgrenzung, Rassismus sowie die Macho-Haltung vieler Männer. Flankiert waren die – zeitweilig fast im Jahresturnus erscheinenden – Albumproduktionen von Tourneen inner- und außerhalb von Europa. So absolvierte Sapho Auftritte in Frankreich, Deutschland den USA, Kanada und Japan.
Über ihre Musik hinaus betätigte sich Sapho auch als Autorin. Ihre ersten beiden Romane erschienen noch in den 1980ern: der autobiografisch geprägte Debütroman Douce violence 1982, fünf Jahre danach der Zweitling Ils préféraient la lune – ein Roman, der die identitäre Unsicherheit eines jungen Tunesiers im Rahmen einer Liebesgeschichte thematisiert. Zwischenzeitlich absolvierte die Sängerin einen längeren Mexiko-Aufenthalt. 1987 erschien ein Live-Doppelalbum – Live au Bataclan, welches einen Querschnitt von Saphos Repertoire darbot und auf mehreren Bataclan-Auftritten im September 1996 basierte. Im Oktober 1987 erschien das nächste Studioalbum, El sol y la luna. Weitere Aktivitäten: Cabaret-Auftritte als Seeräuber-Jenny in einer Inszenierung der Dreigroschenoper von Brecht/Weill sowie die Mitwirkung an einem 1989 gedrehten Film mit über die Situation palästinensischer Kinder während der Intifada. Allerdings fand sich für den – unter problematischen Produktionsbedingungen eingespielten – Film (Titel: Discours à la mer) kein Verleih; eine öffentliche Aufführung fand nicht statt.
Spätere Karriere (seit 1991) Der Wechsel weg vom harten Rock-Image hin zu einer eher chansonhaften, stark von arabischen Elementen bestimmten Musik hatte sich bereits mit dem Album Passions passons angekündigt. La traversée du désir, das 1991 erschienene Folgealbum von El sol y la luna, war textlich lyrischer gehalten als die Vorgänger. Aufgenommen in Rabat, Berlin und Lille, enthielt es Stücke in Arabisch, Französisch und Englisch – darunter eine Coverversion des populären Chansons Parlez-vous d’amour von Charles Lenoir aus dem Jahr 1930. Neu im Repertoire der Sängerin: El Atlal – ein Hit der bekannten ägyptischen Sängerin Umm Kulthum. 1994 organisierte Sapho ein Konzert in Jerusalem, das zugleich als musikalisches Experiment fungierte. Zusammen mit einem Ensemble aus palästinensischen und israelischen Musikern spielte sie ein Reminiszenz-Album ein mit Stücken von Umm Kulthum – darunter auch den Titelsong El Atlal. Anschließend absolvierte Sapho mit dem Repertoire des Konzeptalbums eine Europa-Tournee.
1995 publizierte die Künstlerin einen weiteren Roman – Patio, opéra intime. Die beiden nächsten Alben waren von einem Mix unterschiedlicher Stile geprägt. Jardin Andalou aus dem Jahr 1996 kombinierte Rockmusik-Elemente mit andalusischen und arabischen Klängen. Das 1997 veröffentlichte Album Digital Sheikha war einerseits stark von Tekkno, House und anderen elektronischen Stilen bestimmt. Andererseits kaprizierte sich Sapho stark auf die Musik der marokkanischen Sheikhates – Maghreb-Sängerinnen, die bei Hochzeiten und ähnlichen Anlässen auftreten und deren Image mit einem losen, tendenziell unmoralischen Leben verbunden ist. Die Rohaufnahmen von Digital Sheikha erfolgten in Casablanca. Die finalen Mixes wurden in einem Basler Studio fertiggestellt. Der neuartige stilistische Mix fand bei der Kritik Anklang; der Kritiker Pat Jabbar charakterisierte den Sound des Albums mit dem Begriff Ethno Dance.
Die politische und menschenrechtlich problematische Situation im Nahen Osten blieb weiterhin ein wichtiges Thema in den Aktivitäten der Sängerin. Aus Protest gegen die anhaltende Besetzung des Westjordanlands und des Gazastreifens organisierte sie 1998 ein Konzert für den Frieden in Gaza. Trotz Warnungen im Vorfeld sowie einer angespannten Situation vor Ort konnte der Auftritt ohne Zwischenfälle stattfinden und erwies sich im Nachhinein als Erfolg.Sapho déchaîne Gaza. La chanteuse d’origine juive a donné un concert de réconciliation. Christophe Boltanski, Libération, 4. März 1998 (franz.) 1999 konzipierte Sapho eine neue Show, mit der sie unter anderem in der Schweiz, den Niederlanden und Marokko gastierte. Vom 21. September bis 29. Oktober 2000 beteiligte sie sich an einer genreübergreifenden Performance zu Ehren von Rilke, Lorca, Michaux und Baudelaire im Pariser Maison de la poésie. Die Inszenierung erntete begeisterte Kritiken und wurde aufgrund der großen Nachfrage im März 2001 wiederholt. Am 5. Oktober 2001 trat sie zusammen mit dem Raï-Musiker Cheb Mami und der French-Pop-Sängerin Jane Birkin auf einem Konzert anlässlich des fünften Jahrestags der Abschaffung der Todesstrafe in Frankreich auf.
Die Nachfolgealben von Digital Sheikha wurden in einem noch internationaleren Umfeld produziert als die Vorgänger. Spätestens mit ihrem Hommage-Album für Umm Kulthum () ist Sapho in die Liga der international renommierten World-Music-Acts gelangt. 2002 hatte sie diverse Gastspiele auf dem afrikanischen Kontinent (unter anderem in Mauretanien und Guinea-Bissau), im Irak und in der nordisraelischen Stadt Nazareth. Das 2003 erschienene Album Orients wurde zusammen mit einem klassischen Orchesterensemble aufgenommen, dem jüdische, christliche und muslimische Musiker angehören. 2004 beteiligte sich Sapho an einer französischen Aufführung von Eve Enslers Romanvorlage Die Vagina-Monologe. Am 14. Februar 2005 gab sie ein Solidaritätskonzert im Rahmen der Kampagne zur Freilassung der im Irak entführten Journalistin Florence Aubenas und ihres Übersetzers Hussein Hanoun Al-Saadi.
Mit ihrem nächsten, 2006 erschienenen Album vollzog Sapho erneut eine musikalische Wendung. Ferré Flamenco (Sapho chante Ferré) versammelt Flamenco-Stücke des bekannten französischen Chansonniers und Anarchisten Léo Ferré. Universelle wiederum, veröffentlicht 2008, enthält eine stilistische Mixtur aus Rock, Reggae, Funk und arabisch-andalusischen Klängen. Gefolgt wurde es 2011 von dem Album Velours sous la lettre, dessen Titel Bezug nimmt auf das englische Velvet Underground und sich musikalisch bezieht auf die Arbeit des ehemaligen Velvet-Underground-Frontmannes Lou Reed. Das Engagement der Sängerin für Frieden und Menschenrechte manifestierte sich des Weiteren 2013 in der Teilnahme an einer Solidaritätsveranstaltung zugunsten der vom syrischen Bürgerkrieg in Mitleidenschaft gezogenen Zivilbevölkerung.
Stilistische Einordnung, Kritik und politisches Engagement In ihrem Heimatland Frankreich zählt Sapho zu den anerkannten Größen der Pop- und World-Music-Szene. Ihr Crossover aus westlichen Musikstilen und nordafrikanischer Musik fand in französischen Medien ebenso breiten Widerhall wie ihre ambitionierten Musikprojekte. Berichte, Rezensionen und Porträts publizierten unter anderem Le Parisien, L’Humanité, Match de Paris, Le Figaro, L’Express, France Soir und Le Monde.Sapho. Site officiel. Pressespiegel auf der offiziellen Webseite von Sapho. Aufgerufen am 26. November 2014 Sie selbst charakterisiert ihre Hinwendung zu der Musikkultur Nordafrikas als folgerichtigen Schritt, der sich aus ihrer Entwicklung ergeben habe. Ihr partielles Abrücken von dem New-Wave-Stil ihrer ersten Alben begründete sie 1999 gegenüber der Zeitschrift Le Parisien mit dem Eingeständnis, Rockmusik sei für sie erst eine adäquate Form der Rebellion gewesen. Die Besuche von Konzerten mit traditioneller arabischer Musik hätten allerdings einen nachhaltigen, bewegenden Eindruck bei ihr hinterlassen und sie schließlich dazu veranlasst, sich selbst stärker mit dieser Musik zu befassen.Vivre au Maroc. Sapho, Le Parisien, 1999 (franz.). Text enthalten im Pressespiegel auf der offiziellen Webseite. Aufgerufen am 26. November 2014