Tursunsoda (), auch Tursunzoda, , bis 1978 Regar, ist die Hauptstadt des gleichnamigen Distrikts (nohija) in der Region Nohijahoi tobei dschumhurij („Der Republik unterstellte Bezirke“) im Westen von Tadschikistan. Die im fruchtbaren Hisortal nahe der usbekischen Grenze gelegene Stadt besitzt einen geschäftigen Markt für die umliegenden Dörfer.
Bekannt ist Tursunsoda wegen der 1975 in Betrieb genommenen Aluminiumfabrik, heute Tajikistan Aluminium Company (TALCO), dem größten Industriebetrieb des Landes, der rund 60 Prozent des Exports und 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erzeugt und dafür bei Vollbetrieb durchschnittlich 40 Prozent des landesweiten Bedarfs an elektrischem Strom verbraucht. Korruptionsvorwürfe im Umfeld von TALCO und der Regierung, die in einem der teuersten internationalen Gerichtsverfahren von 2005 bis 2008 in London verhandelt wurden, haben die Kreditwürdigkeit Tadschikistans bei internationalen Geldgebern in Frage gestellt.
Lage mini|Aluminiumfabrik TALCO Tursunsoda liegt auf einer Höhe von 705 Metern im breiten Hisortal, das sich in Ost-West-Richtung von der Landeshauptstadt Duschanbe bis zur usbekischen Grenze erstreckt und im Norden vom Hissargebirge (Fanberge) mit Gipfelhöhen zwischen 3000 und 4000 Metern und im Süden von Hügeln bis zu 1500 Metern Höhe begrenzt wird. Letztere trennen die Ebene vom Tal des Kofarnihon im Südosten. In Usbekistan setzt sich das Hisortal im Tal des Surxondaryo fort. Das Hisortal gehört mit dem Ferghanatal im Norden und den Tiefebenen in der Provinz Chatlon im Süden zu den größten Ackerbaugebieten des Landes. Im Distrikt wird hauptsächlich Reis und Baumwolle angebaut, wenn auch in deutlich geringerem Umfang als in den anderen genannten Regionen. Beides muss intensiv über ein System von Kanälen (arik) bewässert werden. Die Bewässerung erfolgt von Zuflüssen des Surxondaryo, darunter dem Fluss Karatag, der von Nordosten aus einem Tal des Hissargebirges kommend südlich an der Stadt vorbeifließt und sich an der Landesgrenze mit dem Schirkent vereint, der in den Bergen im Norden entspringt und den westlichen Stadtrand tangiert. Des Weiteren gedeihen in der Umgebung Weintrauben, Granatäpfel und Zitronen.
Von Duschanbe ist Tursunsoda nach etwa 54 Kilometern auf der gut ausgebauten Fernstraße M41 zu erreichen, die nördlich an Hisor vorbeiführt und zehn Kilometer westlich von Tursunsoda die usbekische Grenze beim Grenzort Uzun erreicht. Die nächste größere Stadt in Usbekistan, Denov, ist 35 Kilometer von der Grenze entfernt. Die Lage an einem von nur drei allgemein offenen Grenzübergängen zwischen beiden Ländern, deren gemeinsame Grenze rund 1330 Kilometer lang ist, und an der direkten Verbindung zur Hauptstadt Duschanbe macht Tursunsoda zu einer wichtigen Durchgangsstation für den Waren- und Personenverkehr.
Durch das Hisortal verlief eine parallel zur Durchquerung des Ferghanatals alternative südliche Route der Seidenstraße. Diese „Karotegin-Route“ führte von Termiz über Denov und Tursunsoda, durch das Hisortal weiter nach Osten durch das Raschttal (früher Karotegintal) am Fluss Wachsch entlang Richtung China.Sunatullo Jonboboev, Sharofat Mamadambarova: The Silk Road of Tajikistan. META (Karte)
Außerdem liegt Tursunsoda an der Bahnlinie Duschanbe – Moskau, die für tadschikische Arbeitsmigranten die günstigste Reisemöglichkeit darstellt. Von der turkmenischen Hafenstadt Türkmenbaşy wird Petrolkoks per Bahn zu TALCO transportiert, wo der Kohlenstoff bei der Aluminiumherstellung benötigt wird.
Die Bewohner von Tursunsoda und im gesamten Westteil des Hisortals sind mehrheitlich Usbeken, die tadschikische Landesbevölkerung ist hier in der Unterzahl. Eine Besonderheit stellt die kleine Minderheit der Parya dar, eine ethnolinguistische Gruppe von maximal 7500 Mitgliedern, die in den 1950er Jahren erstmals von der Wissenschaft zur Kenntnis genommen wurden. Die Parya sprechen eine noch nicht klassifizierte indoarische Sprache, die möglicherweise dem Rajasthani nahesteht, und leben hauptsächlich in kleinen Dörfern im Distrikt Tursunsoda, im östlich angrenzenden Distrikt Schahrinaw und jenseits der Grenze in der usbekischen Provinz Surxondaryo.Elisabeth Abbess, Katja Müller, Daniel Paul, Calvin Tiessen, Gabriela Tiessen: Language Maintenance Among the Parya of Tajikistan. SIL Electronic Survey Report, 2010, S. 4
Wenige Kilometer nördlich von Tursunsoda beginnt das Schirkent-Tal, dessen oberer Teil 1991 zu einem naturhistorischen Landschaftspark erklärt wurde. An drei schwer zugänglichen Stellen blieben dort fossile Fußspuren von Dinosauriern erhalten.
Geschichte mini|Standbild von Mirso Tursunsoda am zentralen Platz Tursunsoda war bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Dorf. Bis 1952 hieß der Ort Stanzija-Regar, danach wurde der Name auf Regar („Stadt aus Sand“) verkürzt. Ende des 19. Jahrhunderts gehörte das Gebiet zum Emirat Buchara. Bei der Aufteilung Zentralasiens in sowjetische Teilrepubliken wurde Tadschikistan im Oktober 1924 zunächst der Usbekischen Sozialistischen Sowjetrepublik als Tadschikische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik zugeschlagen. Die Grenzziehung dieser Teilrepublik erfolgte ohne Rücksicht auf die ethnische Verteilung der Bevölkerung, sodass die Tadschiken mit Buchara und Samarqand ihre historischen Kulturzentren verloren und große Siedlungsgebiete mit usbekischer Bevölkerung innerhalb der tadschikischen Teilrepublik lagen. Hierzu gehörten die Grenzregionen um Tursunsoda, um Pandschakent und Gebiete im Südwesten; 1929, als Tadschikistan eine autonome Sowjetrepublik wurde, ergänzt um die usbekisch besiedelte Region Chudschand im Ferghanatal.
Im selben Jahr 1929 wurde die direkte Eisenbahnverbindung zwischen Moskau und Duschanbe durch den Bahnhof Regar eröffnet. Der Bahnhof hat bis heute seinen alten Namen behalten. Die Umbenennung der Stadt Regar erfolgte 1978 zu Ehren des Dichters und Politikers Mirso Tursunsoda (1911–1977), der während der Tadschikischen Sozialistischen Sowjetrepublik einer der ersten tadschikischen Dramatiker wurde und bis heute als Nationaldichter gewürdigt wird. Tursunsoda gehörte nach Sadriddin Ainij zu den führenden Vertretern des sozialistischen Realismus tadschikischer Prägung. Er ist auf der Ein-Somoni-Banknote von 1999 abgebildet und seine goldfarbene Statue steht auf dem zentralen Platz der Stadt.
Ende der 1950er Jahre entstanden Pläne, den Fluss Wachsch an mehreren Stellen aufzustauen. Mitte der 1970er Jahre war der Nurek-Staudamm fertiggestellt und hatte mit der Stromproduktion begonnen. Er ist mit 300 Metern Höhe die weltweit höchste Talsperre und liefert annähernd drei Viertel des tadschikischen Strombedarfs.From Nurek to Rogun. Tajikistan Mission Parallel zum Bau des Staudamms wurde als Hauptabnehmer des erzeugten Stroms von 1972 bis 1975 in Tursunsoda die größte Aluminiumfabrik Zentralasiens errichtet.
mini|Industrie- und Arbeitersiedlung südlich der Bahnlinie 1991 wurde Tadschikistan unabhängig. Im selben Jahre begann eine Front aus verschiedenen Oppositionsgruppen einen Bürgerkrieg gegen die neue tadschikische Regierung, die erst 1997 das ganze Land unter ihre Kontrolle brachte. 1994 unternahm mitten im Bürgerkrieg der Warlord und Bürgermeister von Tursunsoda, Ibodullo Boimatov, einen Aufstand gegen die Regierung und lehnte es später ab, seine Kämpfer entwaffnen zu lassen. Stattdessen floh er nach Usbekistan, von wo er Anfang 1996 mit zwei usbekischen Militärfahrzeugen zurückkehrte und mit rund 1000 Mann die Kontrolle der Stadt übernahm. Nach zwei Wochen übergab er die schweren Waffen an den mit ihm verbündeten Rebellen Makhmoud Khudoberdiyev, ein usbekischstämmiger Colonel, der sich mit seinen Truppen in Qurghonteppa aufhielt. Nachdem ihre Forderung nach Rücktritt einiger Regierungsmitglieder teilweise erfüllt worden war, beendeten sie den Aufstand.Shale Asher Horowitz: From Ethnic Conflict to Stillborn Reform: The Former Soviet Union and Yugoslavia. Lancer, Delhi 2008, S. 136, ISBN 978-8170622734; Carlotta Gall: The Moscow Times, 8. Februar 1996
Das Ende des Bürgerkriegs 1997 sah einen Friedensschluss mit den Oppositionsgruppen vor und bezog erstmals im nachsowjetischen Zentralasien eine islamische Oppositionspartei in die Regierung ein, was in Usbekistan auf Ablehnung stieß. Die usbekische Regierung begann als eine Reaktion darauf, Mahmud Khudoiberdiyev als Gegner der tadschikischen Regierung zu unterstützen. Nach Zusammenstößen mit Regierungseinheiten im August 1997 zog sich Khudoiberdiyev von Qurghonteppa in den Süden Usbekistans und später nach Afghanistan zurück.Bernd Kuzmits: Borders an Orders in Central Asia. Transactions and Attitudes between Afghanistan, Tajikistan and Uzbekistan. (Weltregionen im Wandel, Band 15) Nomos, Baden-Baden 2013, S. 126 Die Aufstände und Gefechte in der Region Tursunsoda während des Bürgerkriegs hängen mit der wirtschaftlichen Bedeutung der Aluminiumfabrik zusammen, deren Betrieb während dieser Zeit nur mit Mühe aufrechterhalten werden konnte.
2006 begann die Regierung in einem Freiwilligenprogramm, Familien aus anderen Regionen des Landes in der Umgebung von Tursunsoda anzusiedeln, wo bessere Arbeitsmöglichkeiten in der Industrie und Landwirtschaft auf sie warten sollten. 1000 Familien aus der unterentwickelten Region Kulob, wo es weder Arbeit noch Ackerland gibt, aber die Zahl der Auswanderer hoch ist, wurden mit diesem Programm umgesiedelt. Das zur Verfügung gestellte Land liegt nahe an der usbekischen Grenze. Da alle Umsiedler Tadschiken aus der Heimatregion des Präsidenten Rahmon sind, die in einem mehrheitlich von Usbeken bewohnten Gebiet Land erhielten, bemerken Kritiker, dass es vermutlich auch darum ging, eine besonders loyal zur Regierung stehende Bevölkerungsgruppe anzusiedeln. Das Grenzgebiet gilt als sensibel, weil die Beziehungen zwischen Tadschikistan und Usbekistan seit dem Bürgerkrieg unter anderem wegen Auseinandersetzungen um Wassermengen und den genauen Grenzverlauf in bestimmten Gebieten angespannt sind.Tajik Resettlement Project Aims to Help Poorest. Reporting Central Asia No. 474, Institute for War & Peace, 11. Dezember 2006
Stadtbild mini|Geschäftiger Markt 1974 lebten 21.000 Einwohner in der Stadt.Regar. The Great Soviet Encyclopedia, 1979 Im Jahr 2007 wurde die Einwohnerzahl auf 44.200 geschätzt. Damit ist Tursunsoda die achtgrößte Stadt des Landes. Der als Wohnplatz der Arbeiter in der Aluminiumfabrik in den 1970er Jahren zu einer Stadt ausgebaute Ort ist weitgehend in einem modernen rechteckigen Straßengitter angelegt. Zentrum ist ein großer freier Platz, 100 Meter vom Bahnhof entfernt. Die Bahnlinie passiert in Ost-West-Richtung am südlichen Rand die Innenstadt. Von der Schnellstraße M41 zweigt in der Nähe der Aluminiumfabrik eine bis ins Zentrum drei Kilometer lange Straße nach Süden ab. Der zentrale Platz mit einem Kreisverkehr ist die Haltestelle für Minibusse nach Duschanbe und für Sammeltaxis in die umliegenden Dörfer. In den Gassen im Osten schließt sich ein geschäftiges Marktviertel mit landwirtschaftlichen Produkten der Region, Grundstoffen für die Landwirtschaft und Haushaltswaren an. Auf der anderen Seite des Platzes befindet sich ein kleiner baumbestandener Park.
Der Außenbezirk südlich der Bahnlinie besteht aus einigen teilweise verfallenen Industriebauten aus sowjetischer Zeit und einer ebensolchen Arbeitersiedlung. Neben der Aluminiumfabrik gehören eine Ziegelfabrik und ein Baumwollverarbeitungsbetrieb zu den Arbeitgebern.
Es gibt zwei Fernsehstationen, TV-Regar und TV-TadAz, die beiden Zeitungen Tojikiston und Regar sowie eine Rundfunkstation. Der örtliche Fußballverein heißt Regar TadAZ.
TALCO mini|TALCO von Süden