Das Unternehmen Merkur war der Deckname einer deutschen Militäroperation der deutschen Fallschirmjäger, unterstützt von Gebirgsjägern, im Zweiten Weltkrieg zur Eroberung der Insel Kreta. Es war das erste große Luftlandeunternehmen in der Kriegsgeschichte. Kurz nach der Einnahme Griechenlands im Balkanfeldzug 1941 eroberte die deutsche Wehrmacht das von britischen, australischen, neuseeländischen und griechischen Truppen verteidigte Kreta binnen 12 Tagen und hielt es bis Kriegsende 1945 besetzt.
Vorgeschichte Kreta war aus britischer Sicht von strategischem Interesse, da der Besitz der Insel wegen ihrer geografischen Lage für die Verteidigung Ägyptens und Maltas wichtig war. Deshalb war die Besetzung Kretas bereits in der logistischen Vorbereitung, als am 28. Oktober 1940 das faschistische Königreich Italien Griechenland nach einem Ultimatum angriff und die griechische Regierung von London Hilfe erbat. Bereits am 1. November landeten Vorauskommandos aus Alexandria auf Kreta. In den folgenden Monaten folgten einige britische Infanterieverbände und Flugabwehreinheiten, die Verteidigungsstellungen wurden jedoch nicht wesentlich ausgebaut. Athen zog die Masse der auf Kreta stationierten griechischen Verbände im November 1940 an die Epirus-Front auf das Festland ab. Zu Beginn des Jahres 1941 standen nur noch etwa 1000 griechische Soldaten auf der Insel. Bis Februar 1941 wurden in Maleme, Rethymno und Iraklio drei Landeplätze für die Verbände der Royal Air Force eingerichtet.
Mitte April 1941 zeichnete sich nach Beginn des deutschen Balkanfeldzugs die Niederlage der von den britisch-australisch-neuseeländischen Expeditionsstreitkräften unter General Henry Maitland Wilson unterstützten griechischen Armee ab. Als etwa 250 deutsche Transportflugzeuge nach Plowdiw in Bulgarien verlegt wurden und Fallschirmjäger nach ihrem Einsatz in Korinth Griechenland nicht wieder verließen, rechnete die britische Führung mit einem deutschen Luftlandeunternehmen. London beschloss, seine Truppen vom griechischen Festland abzuziehen. Auf Anweisung des britischen Premierministers Churchill wurde ein Teil des britischen Expeditionskorps nach Kreta transportiert, um die dortige Verteidigung zu verstärken. Die Masse der britischen Truppen wurde jedoch nach Ägypten verbracht. Churchill sah trotz der Vorbehalte, die die britischen Oberbefehlshaber im Nahen Osten und in Nordafrika wegen unzureichender militärischer Kapazitäten äußerten, die Gelegenheit gekommen, den deutschen Angreifern erhebliche Verluste zuzufügen oder aber im günstigsten Falle die Insel zu halten. Zudem erwartete er von seinem Entschluss, Kreta zu verteidigen bzw. zu halten, günstige politische Auswirkungen auf die Türkei und den gesamten Nahen Osten.
Als die griechischen Streitkräfte auf dem Festland gegenüber der deutschen 12. Armee in eine aussichtslose Lage geraten waren, erschoss sich der neue griechische Ministerpräsident Alexandros Koryzis. Der griechische König Georg II. bildete eine neue Regierung unter Emmanouil Tsouderos, die von Kreta aus den Widerstand fortsetzen wollte. Sie verließ das griechische Festland am 23. April 1941 und errichtete in Chania den Sitz einer unabhängigen griechischen Regierung.
Aus deutscher Sicht boten die britischen Stützpunkte auf Kreta – und auch auf Malta – den Briten die Möglichkeit, den Schiffsverkehr bzw. den Nachschub der Achsenmächte für den Afrikafeldzug wirkungsvoll zu behindern. Von Kreta aus waren zusätzlich Vorstöße der Briten in die Ägäis möglich. Außerdem befürchtete Hitler, dass von Kreta aus Luftangriffe auf die rumänischen Erdölfelder um Ploiești geführt werden könnten, die für den geplanten und kurz bevorstehenden Angriff auf die Sowjetunion von kriegswichtiger Bedeutung waren.
Auch die deutsche Seekriegsleitung drängte auf eine Eroberung Kretas, weil ihr die Zurückdrängung der Briten aus dem östlichen Mittelmeer entscheidend für die weitere Kriegsführung gegen Großbritannien erschien. Genau wie das Oberkommando der Luftwaffe erwartete sie, von Kreta aus den Nachschubverkehr der Briten durch den Suezkanal lahmlegen zu können. Erste strategische Überlegungen dazu wurden bereits Ende Oktober 1940 durch den Chef des Wehrmachtführungsstabes (WFSt) Alfred Jodl angestellt. Diesen zufolge würde eine militärische Aktion der Italiener gegen Nordgriechenland und den Hafen von Piräus mit Sicherheit zu einer Inbesitznahme der Insel Kreta durch die Briten führen.Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht, Hrsg. Percy E. Schramm, Teilband I, 1940–1941, S. 129ff. Dadurch würde die Verbindung zwischen Italien und Libyen dauernd bedroht sein. Eine überraschende italienische Aktion gegen Kreta sei zwar möglich, aber nur unter vollem Einsatz der italienischen Schlachtflotte und nach Erringung weiterer Erfolge in Nordafrika (Wegnahme von Marsa Matruk) sowie einer Schwächung des britischen Alexandria-Geschwaders durch Stukas, Minen und U-Boote, um dessen Eingreifen gegen Kreta zu verhindern. Diese Gedanken wurden jedoch wegen der am 28. Oktober 1940 begonnenen Offensive der Italiener gegen Griechenland nicht weiter verfolgt.
Am 15. April 1941 legte der Befehlshaber der Luftflotte 4, General der Flieger Alexander Löhr, Reichsmarschall Hermann Göring einen konkreten Plan zur Eroberung Kretas durch Luftlandetruppen vor. Im vorgeschobenen „Führerhauptquartier Frühlingssturm“ überzeugte Kurt Student am 21. April 1941 in Begleitung des Generalstabschefs der Luftwaffe Hans Jeschonnek den widerstrebenden Hitler von den strategischen Notwendigkeiten der Inbesitznahme Kretas. Dieser befahl daraufhin per „Weisung für die Kriegführung Nr. 28“, Mitte Mai 1941 das Unternehmen Merkur mit Luftlandetruppen, Fallschirmjägerverbänden und der Unterstützung der 5. Gebirgs-Division durchzuführen.
Militärische Lage und Planung vor dem Angriff Deutscher Angriffsplan mini|hochkant|Kurt Student, Kommandierender General des XI. Fliegerkorps, mit Hermann-Bernhard Ramcke, 1941 Göring beauftragte die Luftflotte 4 mit der Planung und Durchführung der Operation. Löhr wurde dazu das XI. Fliegerkorps unter Kurt Student mit seinen Luftlande- und Fallschirmjägerverbänden unterstellt. Die Jagd- und Bomberstaffeln des VIII. Fliegerkorps unter Wolfram von Richthofen sollten ihren Schutz übernehmen und nach der Erringung der Lufthoheit die kämpfenden Bodentruppen aktiv unterstützen. Außerdem sollte die 12. Armee in Griechenland Teile der 5. Gebirgs-Division zur Verstärkung des XI. Fliegerkorps abstellen und aus weiteren Teilen der 6. Gebirgs-Division Reserven bilden. Weil der deutschen Marineführung im Mittelmeerraum keine nennenswerten Schiffsverbände zur Verfügung standen, wurde Italien um Unterstützung gebeten.
Löhrs Plan sah vor, zunächst die Hauptstadt Chania und Maleme, wo sich der größte Flugplatz Kretas befand, mit Luftlande- und Fallschirmtruppen zu erobern und danach Richtung Osten vorzustoßen. Student wollte dagegen gleichzeitig alle wichtigen Punkte der Insel aus der Luft angreifen und danach auf den eroberten Flugfeldern Heeresverbände landen lassen, die die übrige Insel besetzen sollten. Richthofens Fliegerverbände hatten aber für die Sicherung einer größeren Zahl von Absetzorten keine ausreichende Stärke. Deswegen sah der endgültige Plan vor, nur vier Punkte aus der Luft zeitlich gestaffelt anzugreifen. Im ersten Anflug in den Morgenstunden des Angriffs sollte wie in Löhrs Plan das Gebiet von Chania und Maleme angegriffen werden, im zweiten Anflug am Nachmittag Rethymno und Iraklio.
Angesichts der Überlegenheit der Royal Navy auf See entschloss sich die deutsche Führung, den größten Teil der Soldaten auf dem Luftweg zu transportieren, zumal dem maritimen Admiral Südost Karlgeorg Schuster nur zwei Schiffsstaffeln mit zusammen etwa 60 Motorseglern zur Verfügung standen. Die italienische Regia Marina übernahm den Schutz dieser improvisierten Flotte von Griechenland über die Insel Milos nach Kreta. Nach der Sicherung von Brückenköpfen und Anlandungsstellen durch Luftlandetruppen sollten weitere Truppen und Kriegsmaterial per Schiff nach Kreta gebracht werden.
Der ursprünglich früher geplante Zeitpunkt für den Angriff wurde wegen Engpässen in der Versorgung mit Flugbenzin endgültig auf den 20. Mai gelegt. In den ersten Maitagen begannen Verbände des VIII. Fliegerkorps mit Aufklärungsflügen und anschließenden Angriffen auf Konvois und Schiffe der Royal Navy.
Ab der zweiten Maiwoche wurde der britische Schiffsverkehr an der Nordseite Kretas, wo die wichtigsten Häfen lagen, praktisch blockiert. Von den Anfang Mai eingeschifften rund 27.000 Tonnen wichtiger Nachschubgüter für Kreta konnten nur etwa 3000 Tonnen gelandet werden, während der Rest umkehren musste.Winston Churchill: Der Zweite Weltkrieg, Scherz Verlag 1948, S. 492.
Auf deutscher Seite war zunächst ein schneller Angriff von Fallschirmjägern vorgesehen; diese sollten die wichtigsten strategischen Punkte wie Flugplätze und Häfen einnehmen, damit später Verstärkungen durch Gebirgsjäger per Flugzeug und Schiff nachlanden konnten. Sowohl Fallschirmjäger als auch Gebirgsjäger waren gut ausgebildet und besaßen auf Grund ihrer ausschließlich leichten Ausrüstung zwar nur eine geringe absolute Feuerkraft, bedingt durch ihre hohe Mobilität und Motivation sowie ihren ausgeprägten Korps- und Kampfgeist aber einen hohen Einsatzwert.
Die Wehrmacht verfügte über 15.000 Fallschirmjäger der 7. Flieger-Division, die nach der Eroberung eines Flugfeldes von etwa 14.000 Gebirgsjägern der 5. Gebirgs-Division und 700 Kradschützen der 5. Panzer-Division durch Lufttransporte unterstützt werden sollten. Weitere Verstärkung sollte dann auch über See angelandet werden. Dazu kam Unterstützung von 46 Kampf- und 16 Jagdflugzeugen der Italiener von den Dodekanes.
Für die Überführung dieser Kräfte nach Kreta war Generalmajor Rudolf Konrad verantwortlich, der zehn Kampfgruppen zur besonderen Verwendung (z. b. V.) mit 550 Transportmaschinen Ju 52 und 60 Lastenseglern zur Verfügung hatte. Das zur Sicherung und Unterstützung eingeplante VIII. Fliegerkorps hatte 280 Bomber, 150 Sturzkampfbomber, 180 Jagdflugzeuge und 40 Aufklärer zur Verfügung. Zur See war die Kriegsmarine mit zwei Dampferstaffeln und zwei Motorseglerstaffeln beteiligt. Die Sicherung erfolgte durch die italienische Marine (Kapitän zur See Peccori-Giraldi) mit zwei Zerstörern und zwölf Torpedobooten, mehreren U-Booten, Schnellbooten und Minensuchern.Janusz Piekałkiewicz: Der Zweite Weltkrieg, Düsseldorf 1985, S. 462.
Der deutsche Militär-Nachrichtendienst Abwehr unterschätzte die tatsächliche Anzahl feindlicher Soldaten auf Kreta erheblich und schätzte, dort seien maximal 15.000 britische Soldaten und nur wenige griechische Truppen stationiert. Die Bevölkerung Kretas sei den Deutschen wohlgesinnt. Viele Kreter seien antimonarchisch und hätten die alte griechische Regierung abgelehnt, zudem habe sich die griechische Bevölkerung bei der Besetzung des griechischen Festlands passiv und abwartend verhalten. Die Aufklärung der 12. Armee ging zwar von mehr Truppen aus, unterschätzte aber die tatsächlichen Zahlen ebenfalls.
Nach dem gelungenen Abschluss des Unternehmens Merkur erwog die Wehrmachtführung eine weitere Verwendung der Luftlandetruppen während des in Vorbereitung befindlichen Russlandfeldzuges. Zu diesem Zweck sollte die 7. Flieger-Division auf die drei Heeresgruppen Nord, Mitte und Süd aufgeteilt und punktuell im Bedarfsfalle während des Vormarsches eingesetzt werden.vergl. hierzu: Kriegstagebuch des OKW, Percy E. Schramm (Hrsg.) Teilband, S.