mini|Christian Landauer mini|Landauers Haus in Stuttgart (zweites links vom Gymnasium illustre)
Der Gang aufs Land. An Landauer ist eine Elegie von Friedrich Hölderlin. Obwohl unvollendet,siehe allerdings Braungart 1999, S. 110. ist sie berühmt geworden, schon wegen ihres die Sehnsucht vieler Menschen spiegelnden Eingangs-Anrufs: „Komm! ins Offene, Freund!“ Eine „herrliche Land-Elegie“, ein „vollendetes Elegie-Fragment“ schrieb ein dem „Landleben“ gewidmetes Feuilleton im Jahr 2014.Jochen Hieber Komm! ins Offene, Freund! Was aufhört, was anfängt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 24. November 2014, S. 11.
Entstehung und Überlieferung Nach dem Ende seiner Tätigkeit als Hauslehrer bei Jakob Friedrich Gontard-Borkenstein (1764–1843) in Frankfurt am Main im September 1798 hielt sich Hölderlin zunächst im nahen Homburg auf. Mitte Juni 1800 wanderte er über Nürtingen, wo die Mutter und die Schwester lebten, nach Stuttgart. Dort wohnte er bei dem gebildeten, liberalen Tuchhändler Christian Landauer (1769–1845). Ihm widmete er – zu dessen Geburtstag am 11. Dezember 1800 – auch das gereimte Lied An Landauer: „Sei froh! Du hast das gute Loos erkoren, / Denn tief und treu ward eine Seele dir; / Der Freunde Freund zu seyn, bist du geboren, / Diß zeugen dir am Feste wir.“Stuttgarter Ausgabe Band 2, 1, S. 114.
Im Januar 1801 trat Hölderlin eine weitere Hauslehrerstelle bei dem Leinenfabrikanten Anton von Gonzenbach (1748–1819) in Hauptwil in der Schweiz an. An Landauer schrieb er im Februar:Stuttgarter Ausgabe Band 6, 1, S. 415.
Schon Anfang April 1801 kehrte er nach Nürtingen zurück.
In der relativ glücklichen Stuttgarter Episode 1800 oder – nach Dietrich SattlerFrankfurter Ausgabe Band 7, S. 276. und anderenSchmitz 1994, S. 277–282. – bei einem weiteren Aufenthalt in Stuttgart im April oder Mai 1801 ist Der Gang aufs Land entstanden. Die Überlieferung besteht aus mehreren Handschriften, darunter, hier abgebildet:
einer Reinschrift der Verse 1 bis 34 mit unmittelbar anschließendem Entwurf der Verse 35 bis 40 und Stichwörtern für eine Fortsetzung(1),(2) und
dem Entwurf einer Fortsetzung.(3)
Die Überschrift Der Gang aufs Land. An Landauer steht, getrennt von den Entwürfen, aber ihnen zuzuordnen, auf einem Entwurf der Elegie Brod und Wein.Beissner 1943. Gedruckt wurde das Fragment zuerst 1826 in der von Ludwig Uhland und Gustav Schwab veranstalteten Sammelausgabe der „Gedichte“.
Hölderlin wird hier, wenn nicht anders angegeben, nach der von Friedrich Beissner, Adolf Beck und Ute Oelmann (* 1949) besorgten historisch-kritischen Stuttgarter Ausgabe seiner Werke zitiert. Der Textteil in Band 2, 1 enthält dort nur die „vollendeten“ Verse 1 bis 40, die zusätzlichen Stichwörter und Verse werden im Kommentarteil Band 2, 2 gedruckt. Ebenso verfährt Jochen Schmidts „Leseausgabe“, die die Orthographie „modernisiert“. Der „konstituierte Text“ der historisch-kritischen Frankfurter Ausgabe von Dietrich Sattler und der Textteil der „Leseausgabe“ von Michael Knaupp hängen dagegen die Stichwörter und zusätzlichen Verse den „vollendeten“ Versen 1 bis 40 unmittelbar an. Knaupp überschreibt das Gedicht statt „Der Gang aufs Land. An Landauer“ mit „Das Gasthaus. An Landauer“, einem Titel, der aus Spuren an der Abrissstelle der Reinschrift(1) rekonstruiert ist.
Text und Interpretation In Hölderlins Elegien bilden seit der – mit Der Gang aufs Land. An Landauer ungefähr gleichzeitigen – zweiten Fassung von Der Wanderer jeweils drei Distichen eine Einheit, „Triade“, und jeweils drei Triaden, also 18 Verse, eine Strophe. Der Gang aufs Land wäre, so vermutet man, vier- oder sechsstrophig geworden. Die zweite Strophe zählt nur 16 Verse; Hölderlin hat anscheinend ein auf Vers 22 folgendes Distichon in die Reinschrift(1),(2) zu übertragen vergessen.Stuttgarter Ausgabe Band 2, 2, S. 583. Von der dritten Strophe sind nur drei Distichen fertiggestellt (bis Vers 40).
mini|(1) Vers 1–22 Reinschrift mini|(2) Vers 23–34 Reinschrift, 35–40 Entwurf Der Gang aufs Land. An Landauer Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute Nur herunter und eng schließet der Himmel uns ein. Weder die Berge sind noch aufgegangen des Waldes Gipfel nach Wunsch und leer ruht von Gesange die Luft. 5Trüb ists heut, es schlummern die Gäng’ und die Gassen und fast will Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit. Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtglaubige zweifeln an Einer Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag. Denn nicht wenig erfreut, was wir vom Himmel gewonnen, 10Wenn ers weigert und doch gönnet den Kindern zulezt. Nur daß solcher Reden und auch der Schritt und der Mühe Werth der Gewinn und ganz wahr das Ergözliche sei. Darum hoff ich sogar, es werde, wenn das Gewünschte Wir beginnen und erst unsere Zunge gelöst, 15Und gefunden das Wort, und aufgegangen das Herz ist, Und von trunkener Stirn’ höher Besinnen entspringt, Mit der unsern zugleich des Himmels Blüthe beginnen, Und dem offenen Blik offen der Leuchtende seyn.
Denn nicht Mächtiges ists, zum Leben aber gehört es, 20Was wir wollen, und scheint schiklich und freudig zugleich. Aber kommen doch auch der seegenbringenden Schwalben Immer einige noch, ehe der Sommer ins Land. Nemlich droben zu weihn bei guter Rede den Boden, Wo den Gästen das Haus baut der verständige Wirth; 25Daß sie kosten und schaun das Schönste, die Fülle des Landes, Daß, wie das Herz es wünscht, offen, dem Geiste gemäß Mahl und Tanz und Gesang und Stutgards Freude gekrönt sei, Deßhalb wollen wir heut wünschend den Hügel hinauf. Mög’ ein Besseres noch das menschenfreundliche Mailicht 30Drüber sprechen, von selbst bildsamen Gästen erklärt, Oder, wie sonst, wenns andern gefällt, denn alt ist die Sitte, Und es schauen so oft lächelnd die Götter auf uns, Möge der Zimmermann vom Gipfel des Daches den Spruch thun, Wir, so gut es gelang, haben das Unsre gethan.
35Aber schön ist der Ort, wenn in Feiertagen des Frühlings Aufgegangen das Thal, wenn mit dem Nekar herab Weiden grünend und Wald und all die grünenden Bäume Zahllos, blühend weiß, wallen in wiegender Luft Aber mit Wölkchen bedekt an Bergen herunter der Weinstok 40Dämmert und wächst und erwarmt unter dem sonnigen Duft. Das Gedicht lässt sich als Wiedergabe von konkret Erlebtem (genauer als Fiktion von konkret Erlebtem) wie als Vision der Menschheitsgeschichte lesen.
Konkretes Erleben Das Konkrete ist bescheiden genug. „Trüb ists“ im Stuttgarter Talkessel. Tiefhängende Wolken verhüllen Berge und Wälder. „Weder die Berge sind noch aufgegangen des Waldes / Gipfel nach Wunsch und leer ruht von Gesange die Luft,“ schreibt Hölderlin statt „Weder die Berge noch des Waldes Gipfel sind nach Wunsch aufgegangen und die Luft ruht leer von Gesange“ – ein Beispiel seines Stils der „harten Fügung“.Den Begriff „harte Fügung“, von ἁρμονία αὐστηρά, prägte Norbert von Hellingrath. Der Stil sei gekennzeichnet durch Härte der Fugen zwischen den sprachlichen Elementen, irrationaler und minder gebunden als bei üblicher Prosa. Im Satzgefüge gebe es Anakoluthe, prädikatlos hingestellte Worte, bald weitgespannte Perioden, die zwei- oder dreimal neu einsetzen und dann doch überraschend abbrechen, stets voll jähen Wechsels in der Konstruktion. Friedrich Norbert von Hellingrath: Pindarübertragungen von Hölderlin. Prolegomena zu einer Erstausgabe. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1910. Ins Offene aufzubrechen, ruft der Dichter seinen Freund auf. Er nennt ihn wie auch „Stutgard“ und den „Nekar“ mit Namen. Justinus Kerner hat in einem Vermerk am Kopf der ersten Seite der Reinschrift(1) solche „spezialitæten […] z. B. der Name Stuttgart“ getadelt.Von Justinus Kerner stammt der Vermerk nach der Stuttgarter Ausgabe. Nach der Frankfurter Ausgabe Band 7, S. 276 stammt er von Gustav Schwab.Hölderlin verankert die Gedichte dieser Zeit oft in seinem wirklichen Leben. Drei etwa gleichzeitige, vollendete Elegien tragen ebenfalls Widmungen, nämlich Stutgard. An Siegfried Schmidt – gemeint ist der gleichaltrige Dichterfreund Siegfried Schmid (1774–1859); Brod und Wein. An Heinze – gemeint ist der 24 Jahre ältere, bewunderte Wilhelm Heinse; und Heimkunft. An die Verwandten, bald nach der Rückkehr aus Hauptwil entstanden. Siegfried Schmidt wird sogar im Text seines Gedichtes angeredet: „Das zu nennen, mein Schmidt! reichen wir beide nicht aus.“ Geographisches nennen das Gedicht Der Winkel von Hahrdt und der Hymnenentwurf Ihr sichergebaueten Alpen …, in welchem der Schwarzwald, Stuttgart, Tübingen, die Weinsteige bei Stuttgart, der Spitzberg bei Tübingen und „Tills Thal“ bei Tübingen eine heimatliche Wanderung ausschildern. Beissner entgegnet, das Eigentümliche und besonders Hölderlinsche dieser Sprache mit ihrer vertraulichen Hinwendung zum Freund liege „darin beschlossen, daß sie nicht in einen geschwätzigen Plauderton hinabgleitet, sondern deutsam und bedeutsam in sich selbst bleibt und an ‚Unendliches‘ rührt, ohne das ‚Beschränkte‘, das Endliche und Vordergründige, […] verdrängen zu müssen.“Beissner 1953, S. 255.
Der Enge und Bedrücktheit der ersten Triade setzt die zweite ihr „Dennoch“ entgegen. Allerdings meldet der Optativ „der Lust bleibe geweihet der Tag“ einen Zweifel an, ob die Öffnung gelingt. Aus jedem Distichon klingen Zuversicht und Skepsis. Mit der dritten Triade ändert sich der Rhythmus. Bildet bis zum Ende der zweiten Triade jedes Distichon „nach lateinischer Weise“ einen eigenen, mit einem Punkt geschlossenen Satz, so spannt im dritten – „und das ist eigentlich griechische Form“ – ein einziger Satz seinen Bogen über alle sechs Verse.Beissner 1953, S. 258. „Ein einziger Satz, durch ein vierfach steigerndes ‚und‘ verbunden, schwillt über sechs Verse an zu der Schlussklimax, in der die ‚Öffnung‘ des Anfangs wiedererscheint – nun doppelt genannt, um die entscheidende Konstellation zu verdeutlichen. Die Öffnung des Himmels ereignet sich nur für den ‚offenen Blick‘.“Koch 2005, S. 26.
Nach der Begeisterung des Schlusses der ersten Strophe lenkt die zweite zum schlichteren Ton des Anfangs zurück. „Denn nicht Mächtiges ists, zum Leben aber gehört es / Was wir wollen, und scheint schiklich und freudig zugleich.“ Nichts Mächtiges ist ja das Konkret-Biographische, das Schickliche, der gesellige Alltag, aber es gehört zum Leben. Das Kernstück der zweiten Strophe spricht erstmals das Vorhaben, „Was wir wollen“, aus, nämlich die Bodenweihe, vielleicht Grundsteinlegung, für ein Gasthaus auf einem Weinberg bei Stuttgart. Landauer mag, muss aber nicht der Bauherr sein. Wieder bilden drei Distichen einen einzigen Satz (Vers 23–28), in dem „der Gewinn“ (Vers 12) „der Schritte und der Mühe“ (Vers 11) besungen wird: Künftig sollen hier die Gäste bei Mahl, Tanz und Gesang gesellig „das Schönste, die Fülle des Landes“ schauen. Im kommenden Mai wird dann beim Richtfest das Sonnenlicht dem fertigen Gasthaus einen Segen sprechen, auch ohne Worte, „von selbst“ den Gästen verständlich; oder der Zimmermann wird nach alter „Sitte“ (Vers 31) den Zimmermannsspruch tun. Darauf werden die Götter lächelnd und Anteil nehmend herab schauen.
In den Versen, die vielleicht die erste Triade der dritten Strophe werden sollten, weitet sich der Blick ins frühlingshafte Neckartal. Was beim trüben Beginn noch nicht „aufgegangen“ war (Vers 3), ist jetzt „aufgegangen“ (Vers 36), Tal, Weiden, der Wald, die grünenden oder weiß blühenden Bäume. Die Harmonie der Landschaft entspricht der sozialen Harmonie des ländlichen Festes, und beiden entspricht die dichterische Form: 35Aber schön ist der Ort, wenn in Feiertagen des Frühlings Aufgegangen das Thal, wenn mit dem Nekar herab Weiden grünend und Wald und all die grünenden Bäume Zahllos, blühend weiß, wallen in wiegender Luft Aber mit Wölkchen bedekt an Bergen herunter der Weinstok 40Dämmert und wächst und erwarmt unter dem sonnigen Duft.