Die kubanische Literatur ist die spanischsprachige Literatur Kubas und als solche Teil der hispanoamerikanischen Literatur. Sie ist eine der profiliertesten, bedeutendsten und einflussreichsten Literaturen Lateinamerikas und ein wichtiges Element spanischsprachiger Literatur insgesamt mit zeitweise starker Ausstrahlung ins übrige Lateinamerika und nach Europa sowie der afroamerikanischen Literatur. Von Beginn an schließt sie auch eine umfangreiche Exilliteratur ein, wobei bevorzugte Exilländer Frankreich, Mexiko und später Spanien und die USA waren bzw. immer noch sind. Zahlreiche Autoren kehrten aber auch wieder aus dem Exil in ihre Heimat zurück. So erhält die kubanische Literatur von Anfang an ein transkulturelles Moment.

Die Kolonialzeit bis 1898 Kuba war von allen spanischsprachigen Ländern Lateinamerikas die längste Zeit Kolonie (und später US-amerikanische Halbkolonie) und behielt auch die Sklavenhaltung länger bei als andere hispanoamerikanische Staaten, nämlich bis 1880/86. Dies hinterließ seine Spuren in der Literatur. So entstanden zwar sehr früh erste nationalrevolutionäre Periodika, z. B. die 1824–1826 in den USA herausgegebene Zeitschrift El Habanero. Doch war Kuba nie so monokulturell deformiert und auf Exporte in das Mutterland ausgerichtet wie etwa die britischen und französischen Kolonien in der Karibik oder Hispaniola. Auch betrug der Anteil der Sklaven an der Bevölkerung nie über 50 Prozent, und in den Städten konnten sie sich freikaufen oder wurden früher freigelassen.Michael Zeuske: Sklaverei, Postemanzipation und Gender auf Kuba. Ein Überblick. In: Postemanzipation und Gender, Hrsg.: Ulrike Schmieder. Leipzig 2007 (=Comparativ. Zeitschrift für Globalgeschichte und Vergleichende Gesellschaftsforschung, 17, Nr. 1, S. 18–37.) So blieb genug Zeit für eine allmähliche kreolische Identitätskonstruktion. Auch bildete sich auf Kuba keine Kreolsprache aus (oder nur ansatzweise in der Provinz Oriente), da es für die schwarzen Sklaven attraktiv war, im Hinblick auf einen Freikauf Spanisch zu erlernen.John M. Lipski: A history of Afro-Hispanic language: five centuries and five continents. Cambridge University Press, 2005.

Ein großer Teil der Bevölkerung blieb in den revolutionären Wirren Lateinamerikas um 1820 königstreu, nicht zuletzt weil man daran gut verdiente und die Krone von den Zahlungen aus Kuba abhängig war – die Insel war die „Milchkuh des Imperiums“.Zeuske 2007, S. 20. Doch war es auch die Furcht vor einem Sklavenaufstand wie in Santo Domingo, die das Verlangen nach Unabhängigkeit dämpfte: „Kuba bleibt spanisch oder wird schwarz“, hieß es.

17. und 18. Jahrhundert Als das älteste erhaltene Dokument kubanischer Literatur wird das epische Gedicht Espejo de paciencia („Spiegel der Geduld“)Espejo de paciencia, auf ecured.cu (spanisch) von Silvestre de Balboa aus dem Jahr 1608 über die Gefangennahme des Bischofs in der heutigen Provinz Camagüey durch französische Piraten und seine Befreiung durch afrokubanische Sklaven aus Bayamo angesehen.Spanischer Text auf www.camagueycuba.org. Abruf am 18. September 2017. Der auf Gran Canaria geborene Autor, über den man sehr wenig weiß, war sich dabei der besonderen Probleme der Kolonialgesellschaft und der ethnischen Zusammensetzung des Landes bewusst. Da das Manuskript erst 1836 aufgefunden wurde und Bezüge zur damaligen Situation Kubas aufwies, in der man einen Sklavenaufstand befürchtete, da der Entdecker des Manuskripts José Antonio Echeverrías ein heftiger Gegner der Sklaverei war und das Manuskript außerdem eine Lücke von fast 200 Jahren bei der Konstruktion einer literarischen kubanischen Identität füllte, wurde seine Authentizität öfter angezweifelt; es zeigt jedoch tatsächlich Einflüsse kanarischer Autoren der Entstehungszeit. Auch dem Literaten, Kritiker und Gegner der Sklaverei Domingo del Monte (1804–1853) wurde das Werk gelegentlich zugeschrieben.

Im Werk des ersten kubanischen Historikers José Martín Félix de Arrate y Acosta (1701–1765) spiegeln sich bereits die sich zuspitzenden Konflikte zwischen der Krone und dem kreolischen Bürgertum. Sein Hauptwerk Llave del Nuevo Mundo („Schlüssel zur Neuen Welt“, eine Beschreibung und Geschichte Havannas von 1761) wurde jedoch erst 1830 veröffentlicht.

1739 wurde das erste Theaterstück eines Kubaners in Sevilla gedruckt: Die Komödie El príncipe jardinero y fingido Cloridano von Santiago Pita war vom klassischen spanischen Theater geprägt. Das erste Theater Kubas wurde 1776 gegründet; die ersten Zeitschriften erschienen 1782. Um 1790 setzte eine zunächst bescheidene Literaturproduktion ein, die vom europäischen Neoklassizismus (bis etwa 1820) und dann von der Romantik beeinflusst wurde.Annegret Thiem: Rauminszenierungen: Literarischer Raum in der karibischen Prosaliteratur des 19. Jahrhunderts. Münster 2010, S. 216–221.

Nationale Romantik und Unterdrückung der liberalen Opposition mini|hochkant|José Maria Heredia (um 1834/35)

Die romantische kubanische Lyrik gehört zu den wichtigsten Leistungen der jungen lateinamerikanischen Literatur. Sie ist eng verbunden mit der Entstehung eines liberalen Bürgertums. Aners als in anderen lateinamerikanischen Ländern – bedingt durch die Königstreue der Insel und den Sieg der absolutistischen Kräfte in Spanien 1823 – mussten in Kuba schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Autoren, die sich für die Unabhängigkeit und die Werte der Aufklärung einsetzten, ins Exil gehen. Dazu gehörten der Gründer von El Habanero, der katholische Priester, Theologe, Naturwissenschaftler und Schriftsteller Félix Varela (1788–1853), Vertreter der Insel bei den spanischen Cortes, der von Spanien in die USA floh (seit 2012 ein Kandidat für die Seligsprechung) wie auch der von italienischen und deutschen Vorbildern beeinflusste Lyriker José María Heredia,Michael Rössner: Die hispanoamerikanische Literatur. In: Walter Jens (Hrsg.): Kindlers neues Literatur-Lexikon, Bd. 20, München 1996, S. 44 der als frühester großer Romantiker des amerikanischen Kontinents gelten kann und oft als kubanischer Nationaldichter bezeichnet wird. Als Teilnehmer einer Verschwörung wurde er denunziert und ging 1823 ins US-amerikanische und später ins mexikanische Exil, von wo er nur zwei Jahre vor seinem Tode nach Kuba zurückkehren konnte. Sein bekanntestes Gedicht ist die 1824 entstandene Oda al Niágara („Ode an den Niagara“) im romantisch-neoklassizistischen Stil. Gelegentlich wird er mit Walt Whitman verglichen.

mini|hochkant|Placído

Der afrokubanische romantische Lyriker Gabriel de la Concepción Valdés, bekannt unter seinem Pseudonym Placído, wurde aufgrund falscher Anschuldigungen im Sklavenaufstand 1844 hingerichtet. Seine Gedichte erreichen nicht die Qualität der Arbeiten von Heredia, ihre Sprache ist jedoch natürlicher; er kann als Vorläufer des kubanischen Kreolismus gelten.

Neben dem politischen und historischen Essay entwickelten sich andere Prosaformen erst langsam. Félix Varela, der gegen die Sklaverei kämpfte (früher auch José María Heredia oder dem Spanier Félix Mejia, für dessen Autorenschaft bestimmte orthographische Merkmale sprechen) wird der vermutlich erste historische Roman in spanischer Sprache JicoténcalPhiladelphia 1826, Nachdruck 1995. zugeschrieben. Diese mit neoklassischen Motiven versehene (aufrechte Helden, die durch verräterische Schurken geopfert werden), aber im romantischen Stil geschriebene Geschichte über die Eroberung Mexikos durch Hernán Cortés mit Hilfe der Tlaxcalteken war ein Thema, das deutlich aktuelle Bezüge aufwies, indem es eine kreolische Identität postulierte und den Aufbau eines tugendbasierten politischen Systems jenseits der Rückkehr zur vorkolumbianischen Zeit und jenseits des spanischen Kolonialismus nahelegte.Francisco Bustamante: Jicoténcal (Filadelfia, 1826), temprana novela histórica latinoamericana entre la postindependencia y el neocolonialismo. In: revista landa 5 (2017) 2, S. 407–425.

Auch die Autobiographie des Juan Francisco Manzano und Dichters, die er noch als Sklave im Jahr 1835 schrieb, ist ein Zeugnis der Kämpfe dieser Zeit, in der die nach Unabhängigkeit strebenden Kräfte immer wieder vor der Auseinandersetzung mit der spanischen Krone zurückschreckten, weil sie ein mögliches Chaos durch Sklavenaufstände fürchteten. Anselmo Suárez y Romero (1818–1878) verfasste 1838/39 den erst 40 Jahre später veröffentlichten Roman Francisco, in dem er die Sklavenhaltung kritisierte. Auch Félix Tanco gehörte zu den radikalen Kritikern der spanischen Kolonialverwaltung auf Kuba. 1838 veröffentlichte der den Roman Petrona y Rosalía, mit dem er sich als erster Literat mit einem fiktionalen Werk gegen die Sklaverei wandte.Luis Williams: Literary Bondage. Slavery in Cuban narrative. University of Texas Press 1990. 1869 ging er in die USA. 1841 veröffentlichte die aus Kuba stammenden Autorin Gertrudis Gómez de Avellaneda in Spanien der Roman Sab (dt. Ausgabe 1997). Darin thematisierte sie nicht nur die Rechtlosigkeit der schwarzen Sklaven, sondern auch die der Frauen. Der Publizist und Kritiker Domingo del Monte, ein Förderer Manzanos, musste Kuba 1843 verlassen, weil er angeblich einen Sklavenaufstand provozieren wollte. Der romantische Dichter und Schriftsteller Juan Clemente Zenea lebte zeitweise im amerikanischen Exil, kehrte aber heimlich nach Kuba zurück; er wurde 1871 in Havanna hingerichtet. Cirilo Villaverde, Verfasser des bedeutenden costumbristischen Romans Cecilia Valdés (teilweise publiziert 1839, endgültige Version New York 1882; verfilmt 1981), musste ebenfalls in die USA emigrieren. In dieser Zeit der sich verschärfenden Krise entstand sein Roman über die verhinderte Beziehung zwischen einer Mestizin und einem Angehörigen der weißen Oberschicht vor dem Hintergrund politischer Despotie, eines Sklavenaufstands und der Ausrottung der letzten Indigenen. Villaverde entwirft die Utopie einer multiethnischen kubanischen Identität; er kann zu den Vorläufern des lateinamerikanischen Indigenismo oder Indianismo gezählt werden, der in den 1920er Jahren einen Höhepunkt erreichte. Die überarbeitete zweite Ausgabe 1882 spiegelt die Frustrationen des Exils wider.

Gertrudis Gómez de Avellaneda wird großer Einfluss auf die romantische Bewegung und den Roman Kubas und Lateinamerikas zugeschrieben, obwohl sie bereits in jungen Jahren nach Spanien auswanderte. Während der zweimonatigen Schiffsreise schrieb sie ihren ersten Roman Sab, sozusagen ein Vorläufer von Onkel Toms Hütte, der sich gegen die Sklaverei richtete. Ihr Aufbegehren gegen die sozialen Konventionen und die Durchsetzung eines eigenen Lebensstils machen sie aus heutiger Sicht zur Protagonistin der feministischen Bewegung in Kuba und Spanien.Teodosio Fernández Rodriguez: Gertrudis Gómez de Avellaneda en Madrid. In: Anales de la literatura hispanoamericano, no. 22: Madrid y la literatura hispanoamericana. Universidad Complutense, Madrid 1993, S. 115–126. In Spanien wurde sie vor allem durch Theaterstücke bekannt.

Während der gesamten zweiten Jahrhunderthälfte bekämpften sich die „Annexionisten“, insbesondere die Zuckerplantagen-Besitzer, die einen großen Teil des Zuckers in die USA exportierten, freien Handel und den Anschluss als Bundesstaat an die USA forderten und teils auch gewaltsam betrieben, die „Separatisten“, die die Unabhängigkeit von Spanien verlangten, und die Monarchisten, die der spanischen Krone die Treue hielten. Dieser Kampf fand nicht nur auf politischem, sondern auch auf literarisch-publizistischem Terrain statt, wobei Vertreter aller Parteien oft die Fronten wechselten.Rebecca Bodenheimer: Annexation Nation auf Daily (jstor.org), 1. Juli 2023 Bis zum Ende des Jahrhunderts stieg die Abhängigkeit Kubas von den USA, die inzwischen 90 Prozent der Zuckerernte abnahmen, ununterbrochen an. Die Insel wurde dadurch monokulturell deformiert. So entstand bereits vor der Annexion durch die USA eine antiamerikanische Bewegung, die sich auch in der stark politisierten Literatur niederschlug.

Anfänge des Modernismo