Beim Sterbefasten (auch: FVNF Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit oder FVET Freiwilliger Verzicht auf Essen und Trinken) hört die sterbewillige Person nacheinander oder zugleich mit dem Essen und Trinken auf, um das eigene Leben zu beenden. Es wird kontrovers diskutiert, ob es sich dabei um eine Form des Suizids handelt. Sterbefasten ist insofern umstritten, als Argumente, mit denen es aus ethischen und moralischen Bedenken abgelehnt wird, Argumenten gegenüberstehen, die von einem Recht auf Selbstbestimmung über die Beendigung des eigenen Lebens ausgehen.
Im englischen Sprachraum wird für FVET das Akronym VSED (Voluntary Stopping of Eating and Drinking) verwendet.
Zum Begriff In der Palliativmedizin lautet der Begriff „Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit“ bzw. wird dafür die Abkürzung „FVNF“ verwendet. Fachleute kritisieren die Verwendung dieser Abkürzung aus inhaltlichen Gründen. In der klinischen Praxis träten Fälle von Sterbefasten auf, die jeweils in einem der vier Buchstaben nicht zuträfen, etwa wenn ein Patient zwar die Nahrungsaufnahme abbräche, nicht aber die Flüssigkeitszufuhr.Sabrina Fehn, André Fringer: Facetten des freiwilligen Verzichts auf Nahrung und Flüssigkeit. Notwendigkeit, Sterbefasten differenzierter zu betrachten. In: Schweizerische Ärztezeitung, 98(36), S. 1161–1163; doi:10.4414/saez.2017.05863.
Statt FVNF hat Anton van Hooff den Parallel-Begriff Inedia erstmals systematisch benutzt.Anton van Hooff: From autothanasia to suicide. Self-killing in classical antiquity. Routledge, London 1990. In der antiken Literatur findet neben Inedia auch das alt-griechische Gegenstück καρτερία (kartería = Ausdauer) Verwendung. So ist in den Schriften des Hippokrates und des Galenus vom Marasmus durch ἀποκαρτερεῖν (apo-kartereîn = hungern, fasten) die Rede.Hartwin Brandt: Am Ende des Lebens. Alter, Tod und Suizid in der Antike. Zetemata, Heft 136. München: C.H. Beck 2010. https://books.openedition.org/chbeck/1334 Cicero berichtet im 1. Buch, Abschnitt 84, seiner „Gespräche in Tusculum“ vom griechischen Philosophen Hegesias, dem sogenannten Selbstmordprediger. Dabei verwendet Cicero in seinem lateinischen Text zwei Begriffe für das Sterbefasten: in Latein „per inediam“ (durch Nahrungsentzug) und in Griechisch ἀποκαρτερεῖν (apokartereîn = fasten).Cicero: Vom Wesen der Götter / De natura deorum: Lateinisch – Deutsch (Sammlung Tusculum, übersetzt von Olof Gigon). de Gruyter, Berlin 2011. Das Reflexiv-Verb zu Inedia lautet: „sich inedieren“.
Im religiösen Bereich wird das Verfahren als Inedia prodigiosa oder Anorexia mirabilis beschrieben. Im Englischen wird Inedia als Fachbegriff für das esoterische oder religiöse, lebenslange Fasten, manchmal auch ohne Wasserzufuhr benutzt. Hier wird als Lebensquelle oft eine Lichtnahrung oder ein göttliches Wunder behauptet. Inedia ist auch beim Senizid eine Methode für alte Menschen, um im Opfertod still aus dem Leben zu scheiden.
Hintergrund Es gehört zum Sterbeprozess, dass häufig zunächst die Nahrungs- und später auch die Flüssigkeitsaufnahme reduziert und dann ganz eingestellt werden.C. Rayment, J. Ward: Care of the dying patient in hospital. In: Br J Hosp Med, London. 8, 2011, S. 451–455. Boudewijn Chabot und Christian Walther zufolge könne man bei ausreichender Flüssigkeitszufuhr durch Trinken viele Wochen auf Nahrung verzichten, ohne dadurch den Tod herbeizuführen.Boudewijn Chabot, Christian Walther: Ausweg am Lebensende. 2012, S. 49. Sterbefasten beruht auf einer bewussten, freiwilligen Entscheidung. Es kann zumindest in der ersten Woche wieder beendet werden, ohne dass mit bleibenden Schäden zu rechnen ist, während andere Selbsttötungsmethoden meist den sofortigen Tod nach sich ziehen oder beim Überleben zu zum Teil massiven Einschränkungen führen können.
Bei konsequenter Durchführung des freiwilligen Verzichts auf Nahrung und Flüssigkeit ist – abhängig von Konstitution und Grunderkrankung – in fast drei Vierteln der Fälle innerhalb von 14 Tagen mit dem Tod zu rechnen. In einigen Fällen kann es aber länger dauern; vor allem wenn keine tödliche oder schwere Erkrankung vorliegt;KNMG Royal Dutch Medical Association and V&VN Dutch Nurses’ Association Guide: Caring for people who consciously choose not to eat and drink so as to hasten the end of life. Empirical data. 2015, Tabelle 3.4, S. 17 (englisch).Dieter Birnbacher: Sterbefasten – eine ethische Bewertung. Humanistischer Pressedienst, Oktober 2014. auch die Aufnahme von geringen Mengen Flüssigkeit, beispielsweise bei der Medikamenteneinnahme, verzögert das Sterben.Stanley A. Terman (Medical und Executive Director bei Caring Advocates) im Interview, S. 8. (PDF) patientenverfuegung.de; abgerufen am 9. Dezember 2014. Empirischen Untersuchungen zufolge ist der Verzicht auf Essen und Trinken bei Sterbenden in der Regel nicht leidvoll, ein längerer Sterbeprozess kann aber zu einer Belastung für Betroffene beziehungsweise auch für deren Angehörige werden.J. Bickhardt, R. M. Hanke: Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit: Eine ganz eigene Handlungsweise. In: Deutsches Ärzteblatt, 2014, 111(14), S. A-590 / B-504 / C-484; abgerufen am 9. Dezember 2014.
Von Außenstehenden wird das Sterben durch konsequentes Vermeiden einer Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme überwiegend als sanfter Vorgang empfunden. Eine Befragung von Pflegenden aus Hospiz- und Palliativeinrichtungen 2001 in Oregon, die ein solches Sterben begleitet hatten, ergab, dass sie den Sterbeprozess im Durchschnitt als sehr gut und friedlich erlebt hatten.Ralf J. Jox: Sterben lassen – Über Entscheidungen am Ende des Lebens. rororo, Reinbek 2013, S. 197. In den Fragebögen für die 126 Krankenschwestern waren unterschiedliche Kategorien („suffering, pain, peacefulness“) abgefragt worden. Insgesamt beurteilten sie auf einer Punkteskala von null („schrecklich“) bis neun („friedlich“) den letzten halben Monat des individuellen Sterbeverlaufs mit acht Punkten.Linda Ganzini, Elizabeth Goy u. a.: Nurses’ Experiences with Hospice Patients Who Refuse Food and Fluids to Hasten Death. In: The New England Journal of Medicine, 24. Juli 2003.
Eine FAZ-Rezension des Buches Ausweg am Lebensende: Sterbefasten von Chabot und Walther setzt sich hingegen kritisch mit dem propagierten Konzept des sogenannten Sterbefastens auseinander: So seien „Magersüchtige und Hungerstreikende“ gemäß dem Buch vom Sterbefasten ausgenommen, da das Konzept „für junge Menschen unerträgliche Qualen bedeute“, während den „Alten“ ein Sterben angeboten werde, welches „nicht ganz frei von Leiden“ sei.Heilsterben. FAZ.net, 20. Juli 2012.
Voraussetzungen Sterbefasten kann durch drei Bedingungen definiert werden: Ein Patient entscheidet sich, in einem Zustand, in dem er zur Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme fähig ist, weder das eine noch das andere zu sich zu nehmen. Er beabsichtigt damit, den Eintritt des Todes zu beschleunigen. Er trifft die Entscheidung dazu im Zustand der Einsichtsfähigkeit, ohne äußeren Druck und im Wissen um die Tragweite seiner Entscheidung.KNMG Royal Dutch Medical Association and V&VN Dutch Nurses’ Association Guide: Caring for people who consciously choose not to eat and drink so as to hasten the end of life. Characteristics and definitions. 2015, S. 10 und 11.
Um zu gewährleisten, dass der Betroffene sein Vorhaben jederzeit abbrechen kann, falls er sich doch noch anders entscheidet, sollte sich in seiner Reichweite ein Getränk oder auch eine Kleinigkeit zu essen befinden.
Physiologie Die körperlichen Erscheinungen beim Verzicht auf Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr verlaufen folgendermaßen: Wenn dem Körper keine Nahrung zugeführt wird, kommt es nach ein bis zwei Tagen zum sogenannten Hungerstoffwechsel, bei dem so wenig Energie wie möglich verbraucht wird. Gleichzeitig legt sich das Hungergefühl. Die Eiweiß- und Fettreserven des Körpers werden allmählich aufgelöst; es kommt zum Muskelschwund. Bei diesen Stoffwechselvorgängen bilden sich Ketonkörper wie Aceton. Bei längerem Fasten schüttet der Körper Endorphine aus, was das Hungern erträglicher macht und zu euphorischen Gefühlszuständen führen kann. Pro Tag verlieren Fastende im Durchschnitt etwa 400 Gramm Gewicht; anfangs vor allem Wasser, später dann Eiweiß (und damit Muskelsubstanz).
Bei Verzicht auf die zum Erhalt der Stoffwechselfunktionen nötigen ca. 25 ml Wasser pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag kommt es zur Austrocknung, die sich ab einem Wasserverlust von drei Prozent als Durst äußert. Ab ca. zehn Prozent können Sprach- und Gangstörungen auftreten. Eine gute Mund- und Schleimhautpflege, z. B. durch halbstündliches Mundausspülen, kann Symptome wie Durstgefühl und Mundtrockenheit (Xerostomie) lindern. Hingegen führt eine Flüssigkeitszufuhr über eine Infusion nicht zwangsläufig zu einer Minderung des Durstgefühls.F. Oehmichen u. a.: In: Aktuel Ernahrungsmed. 38, 2013, S. 112–117, Abschnitt 4.3; abgerufen am 9. Dezember 2014.
Schwerkranke, deren Immunsystem durch die Erkrankung oder deren Behandlung (z. B. Therapie mit Zytostatika) beeinträchtigt ist, neigen zusätzlich zu Entzündungen und Pilzinfektionen wie Mukositis und Soor. Durch die Austrocknung haben die Nieren zu wenig Flüssigkeit, um ihre Ausscheidungsfunktion aufrechtzuerhalten. Es kommt zum akuten Nierenversagen mit einer Erhöhung des Harnstoffs im Blut, was mit der Zeit schläfrig macht. Der Tod tritt dann in der Regel im Schlaf durch Herzstillstand ein.
Weitere Symptome Wie häufig auch beim krankheitsbedingten Sterben treten bei fortschreitender Abmagerung und Austrocknung (Exsikkose, Dehydrierung) weitere Symptome auf. Dazu zählt zunehmende Schwäche, die letztendlich in die Bettlägerigkeit führt, mit den damit einhergehenden Risiken des Wundliegens und von Kontrakturen. Beim Aufstehen kommt es vermehrt zu einem Schwindelgefühl (Orthostase), da sich der Blutkreislauf auf die wichtigen Organe zurückzieht und die periphere Durchblutung nachlässt. Füße, Arme und Hände werden kalt und können sich verfärben, insbesondere die Beine erscheinen „marmoriert“. Die Urinmenge ist reduziert (Oligurie), die Kontrolle über die Ausscheidung geht eventuell verloren (Inkontinenz); in selteneren Fällen kommt es zu schmerzhaftem Harnverhalt, was durch Anlage eines Blasenkatheters behoben werden kann.
Müdigkeit und Teilnahmslosigkeit steigern sich bis zur Apathie, Schlafphasen werden häufiger und verlängern sich (Somnolenz), die seltener werdenden Wachphasen können von Verwirrtheit und Unruhe geprägt sein.M. Kern, F. Nauck: Letzte Lebensphase. In: Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (Hrsg.): Handreichung Palliative Care und Hospizarbeit. Stand 11/2006 Daneben können, vor allem im Zusammenhang mit fieberhaften Infektionen, Muskelkrämpfe auftreten.Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.): Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie – Crampi/Muskelkrampf. (PDF) September 2016, S. 4.
Diese Symptome lassen sich in der Regel durch palliativmedizinische und -pflegerische Therapie und Unterstützung lindern. Andere Symptome beruhen auf eventuell vorhandenen Grunderkrankungen und müssen unter Umständen entsprechend weiter palliativ behandelt werden.
Ethische Bewertungen und gesellschaftliche Akzeptanz