mini|hochkant|Erstausgabe in der Collection Blanche bei Éditions Gallimard Damit du dich im Viertel nicht verirrst (Originaltitel: Pour que tu ne te perdes pas dans le quartier) ist der 28. Roman von Patrick Modiano, dem Literaturnobelpreisträger des Jahres 2014. Die deutsche Übersetzung von Elisabeth Edl erschien 2015. Das Buch ist als „Schatten eines Zweifels“ bezeichnet worden.Bruno Corty, Pour que tu ne te perdes pas dans le quartier de Modiano : l'ombre d'un doute, lefigaro.fr, 16. Oktober 2014, in französischer Sprache An Leseerlebnissen wurde geschildert, dass Unausgesprochenes sich schlimmer anfühlt als Fakten, dass Problematisches aus der Vergangenheit einen mysteriösen Modergeruch entfaltet und dass Modianos leichtfüßiger sprachlicher Stil das Empfinden eines Fließens oder sogar eines Flirtens oder Verzaubertseins hervorrufen kann.
Titel und Motto mini|Pariser Nachtclub an der Ecke Rue Puget / Rue Coustou im Jahr 2013 Hauptfigur des Romans ist ein Schriftsteller, Jean Daragane. Die Worte des Titels, „Pour que tu ne te perdes pas dans le quartier“, kehren gegen Ende des Werks auf einem in Viertel gefalteten Zettel wieder, als handgeschriebene Phrase in der großen, altertümlichen Schrift von Annie Astrand, einer Frau im Alter der Mutter Daraganes. Später erinnert er sich, wie er als Junge allein in Paris herumgelaufen ist, nur mit diesem Zettel in der Tasche. Vor allem stand auf diesem Blatt Papier die damalige Wohnadresse von Annie und ihm. Im letzten Teil des Romans werden Begebenheiten aus der Jugendzeit mit weiteren „pour que“ („damit“)-Konstruktionen formuliert: „damit er sich (im Bahnhof) nicht in der Menge verliert“, „damit er nicht das Gleichgewicht verliert“, „damit er sich gut seinen neuen Namen würde merken können.“Pour que tu ne te perdes pas dans le quartier. roman, Paris: Gallimard 2014, S. 141, 142, 144. Am 4. Dezember 2012 sucht Daragane nach vielen Jahren jene Gegend am Montmartre wieder auf (S. 138), wo er als Junge allein herumlief und wo er als vielleicht 22-Jähriger an seinem ersten Roman arbeitete.
Das Motto „Ich kann nicht die Realität von Fakten, sondern nur deren Schatten präsentieren“Im Original: „Je ne puis pas donner la réalité des faits, je n'en puis présenter que l’ombre.“ ist der Autobiografie von Stendhal, Leben des Henry Brulard (1890), entnommen.
Inhalt mini|links|Paris, Gare de Lyon, 2006 mini|Rue de L’Arcade, Paris, 8. Arrondissement, 2014 Im Leben des Schriftstellers Jean Daragane, der jahrelang sorgsam versucht hatte, sich von allem abzuschirmen, bestehen eines Tages zwei ihm unbekannte junge Leute darauf, ihn persönlich kennenzulernen. Gilles Ottolini und dessen mysteriöse Gefährtin Chantal Grippay geben vor, im Restaurant der Gare de LyonAlexandre Astier in: Alexandre Astier, Nathalie Crom (Télérama) und Laurent Nunez (Marianne), Littérature : Rien que la vie et Pour que tu ne te perdes pas dans le quartier, franceculture.fr, 3. Oktober 2014 sein Adressbuch gefunden zu haben, was dazu führt, dass er sich mit ihnen in einem Café trifft, an der Ecke von Rue de L’Arcade und Boulevard Haussmann. Allerdings liegt ihm nicht besonders an dem Adressbuch, denn die Telefonnummern darin nutzt er nicht mehr.Caroline Doudet, Pour que tu ne te perdes pas dans le quartier, de Patrick Modiano, leschroniquesculturelles.com, 30. Oktober 2014 Nahezu gegen seinen Willen wird Daragane in Nachforschungen verwickelt, die sich um einen gewissen Guy Torstel drehen, der die Aufmerksamkeit der beiden auf sich gezogen hat. Ottolini wolle zu dieser Person einen Artikel schreiben. Dessen Name komme sowohl in ihren Unterlagen als auch in Daraganes Adressbuch vor, sagt Ottolini, und er will wissen, ob Daragane diesen Torstel kennt. Aber der erinnert sich nicht. Chantal Grippay versucht den Schriftsteller dazu zu bringen, ihrem Freund beim Schreiben zu helfen, und trifft sich zu diesem Zweck heimlich mit ihm. Daragane vermutet, dass es nur angeblich heimlich ist, und findet heraus, dass es die Firma gar nicht gibt, bei der Ottolini laut Chantal arbeitet. Sie sagt zu Daragane, dass Ottolini alle seine Romane gelesen habe. Auch in Daraganes erstem Roman von vor 45 Jahren, Le noir de l’été, werde Torstels Name einmal genannt.Francis Richard, « Pour que tu ne te perdes pas dans le quartier » de Patrick Modiano, contrepoints.org, 25. Oktober 2014 Daragane stellt für sich fest, dass Chantal ihn an eine frühere Freundin gleichen Namens erinnert. Als er sich die von Gilles erstellte Akte nach dem Weggang von Chantal ansieht, fällt ein Kinderporträt heraus, das ein Passfoto aus einem Automaten zu sein scheint und auf dem Daragane zu sehen ist, etwa sieben Jahre alt. Ansonsten besitzt er selbst noch Unterlagen in einem Koffer, zu dem er den Schlüssel verloren hat. In der Akte von Gilles umkringelt er beim Lesen den Namen von Annie Astrand rot, und erschrocken überlegt er sich hinterher, wie er seine Markierung vor den beiden verbergen könnte. Außer dem Namen seiner Mutter und dem von Annie kommt ihm in den Unterlagen auch der Name Roger Vincent bekannt vor.
mini|Blick auf das Bahnhofsgebäude in Saint-Leu-la-Forêt, April 2007 Daragane verlässt den Schutzraum, den er sich in einer Art „freiwilliger Amnesie“ („une amnésie volontaire“) geschaffen hatte, und lässt sich von den Ereignissen treiben wie eine Feder im Wind. Schnell tauchen weitere Namen auf, weitere Ereignisse und Lokalitäten aus der Vergangenheit. Sie bringen die Gegenwart ebenso durcheinander wie das Gemüt des Erzählers.Pascal Gavillet, Prix Nobel de littérature, Patrick Modiano explore l’oubli dans son dernier roman, tdg.ch, 9. Oktober 2014 Es gibt viele falsche Fährten und das Ganze spielt sich in drei verschiedenen Zeiten ab: in der Kindheit des Schriftstellers, als er seinen ersten Roman schreibt und als er um die Mitte 60 ist. Zudem verliert man sich leicht zwischen den Zeiten und es ist nicht leicht auszumachen, wann und in welcher Reihenfolge Daragane bestimmte Personen aus seiner Vergangenheit trifft, wie alt er zu dem jeweiligen Zeitpunkt ist und ob im Traum oder nicht: Annie Astrand, Guy Torstel sowie den Arzt Louis Voustraat. Letzterer war in Saint-Leu-la-Forêt der direkte Nachbar einer angeblich verruchten Gruppe von Erwachsenen, mit denen Daragane zeitweise aufgewachsen ist, ohne seine Mutter. Während des Gesprächs kommt Daragane die Erinnerung von Stimmen und Gelächter spät in der Nacht, die er im Halbschlaf gehört hat, von Annie und einer Colette Laurent im Zimmer auf der anderen Seite des Flurs. Und dass es oft eine Männerstimme war, wobei der Mann wohl jeweils das Haus verlassen habe, bevor es für Daragane Zeit war, zur Schule zu gehen. Da Voustraat den Schlüssel für das verlassene Haus eines gewissen Roger Vincent hat, will er dem Schriftsteller die Gelegenheit geben, es sich anzusehen. Daragane hat den Eindruck, dass Voustraat möglicherweise ahnt, dass sein Besucher der Junge von damals ist, aber er zieht es vor, sich ihm nicht zu erkennen zu geben und nimmt seinen Zug.
Chantal und Gilles, die von Daragane im Geiste inzwischen bei ihren Vornamen genannt werden, rufen nicht mehr an – auch wenn er das Telefon wieder eingestöpselt hatte –, und sie tauchen bis zum Ende des Romans auch als Figuren nicht wieder auf.
mini|Am Bahnhof Èze-sur-Mer im Jahr 2006 mini|links|Haus in Èze Die Geschichte endet damit, dass Daragane sich 20 Jahre später an einen Ort an der Côte d’Azur begibt, Èze-sur-Mer, dessen kleinen Bahnhof er wiederzuerkennen glaubt. Dort hatte er mit Annie nach einer langen Zugfahrt via Lyon Station gemacht, als diese nach Rom unterwegs war, wo man sie nicht würde finden können. Er erinnert, wie man sich fühlt, wenn man am Morgen nach einer unruhigen Nacht mit Telefonaten im Zimmer nebenan durch das Geräusch eines wegfahrenden Autos aufwacht und nach und nach gewahr wird, dass im Haus niemand mehr ist als man selbst.
Erzählweise und Interpretation In seiner Rezension für Tribune de Genève schreibt Pascal Gavillet, die Architektur des Romans baue darauf auf, dass Fährten gestört werden. Unklar ist, wer an dem Suchspiel beteiligt ist und womit. Alles ist komplexer, als es auf den ersten Blick zu sein scheint. Die Reflexionen des Erzählers mischen sich im Laufe der Geschichte so stark mit den Nachforschungen, dass man sie nicht mehr voneinander unterscheiden kann. Der erste Satz ist ohne Subjekt: „Nahezu nichts“, womit der Wille zu Abstraktion selbstsicher zum Ausdruck gebracht wird. Hier ist kein „ich“, aber dennoch ein allwissender Erzähler, der zeitgleich mit dem Leser die Puzzleteile einer Realität entdeckt. Alles dreht sich um einen Punkt, der außerhalb dieser Fiktion selbst liegt. Der Leser wird unablässig verwirrt und man weiß nicht, woher bei der Lektüre dieses Empfinden von Leere kommt, um nicht zu sagen Panik. Zentrale Figur ist die Erinnerung und deren Abwesenheit.
Für Bruno Corti hingegen, in seiner Rezension für Le Figaro, laufen die Fäden bei der Figur von Annie Astrand zusammen. Auch Natalie Crom, in der Debatte bei France Culture am 3. Oktober 2014, ist der Ansicht, dass Annie Astrand die zentrale Figur des Buches ist: eine unbestimmbare, komplexe Mutterfigur, ein Phantom. Und das, obwohl auf stilistischer Ebene eine große Klarheit herrsche, die sprachlich pur und ästhetisch ausbalanciert sei. Die Hauptfigur hangelt sich bei den Nachforschungen an einzelnen Namen entlang und dieser sei der wichtigste. Im selben Gespräch bei France Culture äußert sich Laurent Nunez dahingehend, dass es hier um Doubles gehe: Gilles und Jean, Chantal und Annie seien paarweise aufeinander beziehbar, es gibt Namensänderungen, gefälschte Ausweise, unrichtige Adressen und nicht zuletzt ist Geschriebenes nicht mehr da (der erste Teil des ersten Romans von Daragane) und es wird quasi eine Rekonstruktion versucht.
Dem Tenor der Fragen nach zu urteilen, die Modiano Anfang Oktober 2014 in einem Interview des Verlags Gallimard zu seinem neuesten Roman gestellt wurden, nimmt die Geschichte durch einen Verlust ihren Anfang, nicht durch etwas Wiedergefundenes. Verlust und Erinnerung stehen hier zueinander im Verhältnis: Je mehr der Erzähler mit dem Aufspüren seiner Kindheit weitermacht, desto weniger versteht er. Als ob es unabwendbar wäre, dass Sich-Erinnern zu mehr Unverständlichkeit führt anstatt zu mehr Klarheit. Der Protagonist Jean Daragane hat Schwierigkeiten damit, eine schlüssige Darstellung seiner eigenen Vergangenheit zu verfassen, was die Frage nahelegt, ob es unmöglich ist, eine Autobiografie zu verfertigen. Neben anderen Erinnerungen kommt Daragane auch einer seiner Jugendromane wieder in den Sinn, der wie eine Flaschenpost dazu dienen sollte, eine bestimmte Frau wiederzufinden, sozusagen ein Roman mit einer einzigen Leserin. Allem Anschein nach fabriziert der Protagonist vielmehr selbst Geheimnisse aus ziemlich alltäglichen Ereignissen. Will man so ein Geheimnis auflösen, gelangt man zu einer unvermeidlichen Enttäuschung.Was Modiano in diesem Interview antwortet, ist zusammengefasst im Eintrag zu seiner Person zu finden, im Abschnitt zu Pour que tu ne te perdes pas dans le quartier. Quelle: Interview mit Patrick Modiano, Pour que tu ne te perdes pas dans le quartier de Patrick Modiano, gallimard.fr, 2. Oktober 2014
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