Das Alport-Syndrom, auch hereditäre Nephritis („erbliche Nierenentzündung“) oder progressive hereditäre Nephritis genannt, ist eine vererbte Krankheit mit fehlgebildeten Kollagenfasern des Typ IV. Es wurde erstmals 1875 von William Howship DickinsonWilliam Howship Dickinson: Diseases of the Kidney and Urinary Derangements. In Three Parts. Longmans, Green, and Co., London 1875. Part II: Albuminuria, S. 278–281. und dann 1927 von Arthur Cecil Alport ausführlicherArthur Cecil Alport: Hereditary familial congenital haemorrhagic nephritis. In: British Medical Journal, Volume 1, Ausgabe 3454, S. 504–506, 19. März 1927, pmid 20773074, pmc 2454341, doi:10.1136/bmj.1.3454.504, jstor 25322864. beschrieben.Markus Escher: Alport-Syndrom. In: Pschyrembel Online [Internet]. Januar 2022 [zitiert am 11. Juli 2026]. Verfügbar unter: .Lutz T. Weber, Martin Pohl, Anja K. Büscher, Stefanie Weber, Magdalena Riedl, Christoph Licht, Kerstin Amann: Alport-Syndrom und Syndrom der dünnen Basalmembran. In: Jörg Dötsch, Lutz T. Weber: Nierenerkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Springer-Verlag, Berlin 2017, ISBN 978-3-662-48788-4, S. 109–111. Dieses „hereditäre oto-okulo-renale Syndrom“Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung 1966–1977, 1. Ordner (A-Carf), München / Berlin / Wien 1966, ISBN 3-541-84000-5, S. A 142. hieß früher auch Nephropathie-Taubheits-SyndromPeter Reuter: Springer Klinisches Wörterbuch 2007/2008. Springer-Verlag, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-34601-2, S. 53. oder hereditäre progrediente Nephritis.Helmut Geiger, Dietger Jonas, Tomas Lenz, Wolfgang Kramer (Hrsg.): Nierenerkrankungen. Schattauer Verlag, Stuttgart / New York 2003, ISBN 3-7945-2177-3, S. 127 f. Weitere Synonyme sind „hereditäre Nephropathie“ und „familiäre idiopathische Hämaturie mit Schwerhörigkeit.“Gotthard Schettler (Hrsg.): Innere Medizin. 5. Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart / New York 1980, ISBN 3-13-552205-9, S. I:265.

Häufigkeit und Vererbung Das Alport-Syndrom ist eine vererbbare chronisch progrediente Nephropathie, die zum Nierenversagen führen kann. Die Prävalenz beträgt circa 1:7500. 80 % der Betroffenen sind männlich. „Die Krankheit verläuft anscheinend bei den weiblichen Familienmitgliedern leichter als bei den männlichen (Nieth).“Robert Heintz: Nieren-Fibel. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1964, S. 172. Gemeint ist der Nephrologe Hellmut Nieth.

„Die Inzidenz des Alport-Syndroms beträgt ungefähr 1 : 10.000 in der Allgemeinbevölkerung und kann in bestimmten ethnischen Gruppen auf 1 : 5.000 ansteigen. Ungefähr 80 % der Patienten mit einem Alport-Syndrom haben die klassische X-chromosomale Variante.“Norbert Suttorp, Martin Möckel, Britta Siegmund, Manfred Dietel (Hrsg.): Tinsley Randolph Harrison: Harrisons Innere Medizin. 20. Auflage, ABW Wissenschaftsverlag, Georg Thieme Verlag, Berlin 2020, ISBN 978-3-13-243524-7, S. 3690, doi:10.1055/b000000107.

Wenn es in Deutschland etwa 8000 Betroffene und etwa 550 nephrologische Praxisstandorte gibt, dann kommen auf jede Praxis rechnerisch etwa 15 Alport-Patienten.

„Die Prävalenz beträgt bei Patienten mit terminaler Niereninsuffizienz 0,2 % für Erwachsene und 3 % für Kinder.“Mark Dominik Alscher, Ulrich Kuhlmann: Angeborene Nierenerkrankungen. In: Ulrich Kuhlmann, Joachim Böhler, Friedrich C. Luft, Mark Dominik Alscher, Ulrich Kunzendorf (Hrsg.): Nephrologie. 6. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart / New York 2015, ISBN 978-3-13-700206-2, S. 652–680, Zitat S. 666.

Männliche Patienten mit der häufigen X-chromosomalen Form des Alport-Syndroms haben dieses von ihrer Mutter (XX) geerbt, nicht vom Vater (XY). Bei Mädchen (XX) kann der Gendefekt je nach Erbgang durch ihr zweites gesundes X-Chromosom kompensiert werden. Jungen haben nur ein X-Chromosom (XY); der Gendefekt kann somit bei Jungen nicht kompensiert werden. Deswegen sind kranke Männer stärker betroffen als kranke Frauen.

Nach heutigem Verständnis gelten diese heterozygoten Frauen mit einer pathogenen Variante in COL4A5 (X-chromosomales Alport-Syndrom) nicht mehr nur als „Überträgerinnen“, sondern als selbst betroffene Patientinnen. Ihr Krankheitsbild zeigt allerdings unterschiedliche Ausprägungen. So ist eine Mikrohämaturie bei fast allen betroffenen Frauen lebenslang nachweisbar. Eine Proteinurie entwickelt sich bei einem Teil der Frauen im Verlauf. Ihr Risiko für eine chronische Niereninsuffizienz nimmt mit dem Alter zu; ein Teil der Frauen entwickelt eine terminale Niereninsuffizienz. Innenohrschwerhörigkeiten und Augenveränderungen kommen ebenfalls vor, sind aber seltener und meist milder ausgeprägt als bei Männern.

Beim häufigen X-chromosomalen Alport-Syndrom ist deswegen der Vater grundsätzlich deutlich geeigneter für eine Lebendnierenspende als die Mutter, allerdings nur dann, wenn er selbst gesund ist und wenn keine andere Kontraindikation besteht.

Ursache Bisher sind über 300 verschiedene Mutationen bekannt,Oliver Groß, Kai-Olaf Netzer, Romy Lambrecht, Stefan Seibold, Manfred Weber: Meta-analysis of genotype - phenotype correlation in X-linked Alport Syndrome: Impact on genetic counseling. In: Nephrology Dialysis Transplantation. Jahrgang 17, 2002, S. 1218–1227. die Defekte der α-Kette des Typ-IV-Kollagens bewirken. Typ-IV-Kollagen bildet netzartige Strukturen in den Basalmembranen und ist damit einer ihrer wichtigsten Bestandteile.

Je nach dem Genlocus (Genort im Chromosom) der Mutation können verschiedene Erbgänge vorliegen:Gerd Harald Herold: Innere Medizin 2026. Eigenverlag, Köln 2026, ISBN 978-3-9821166-5-5, S. 604 f. In 80 % der Fälle liegt ein X-chromosomal-dominanter Erbgang vor. Die Mutation befindet sich auf Xq22.3, betroffen ist das Gen COL4A5. Bei 10 % besteht ein autosomal-rezessiver Erbgang, die Mutation liegt auf Chromosom 2, Genlocus q35–36. Betroffen können die Gene COL4A3 oder COL4A4 sein. Circa 10 % der Fälle beruhen auf Neumutationen. Sehr selten liegt dem Alport-Syndrom ein autosomal-dominanter Erbgang zugrunde.

Symptome Am häufigsten sind neben den Nieren die Augen und Ohren betroffen, in seltenen Fällen auch innere Organe wie Speiseröhre und Darm sowie der Trachealbaum.

Nieren Das erste Symptom ist meist eine Hämaturie (Blut im Urin), zu der dann eine Proteinurie (Eiweiß im Urin) hinzu kommt. Im weiteren Verlauf entwickelt sich eine chronisch-progrediente Niereninsuffizienz, die meist zu Beginn der zweiten Lebensdekade eine Nierenersatztherapie notwendig macht.

mini|Innenohrschwerhörigkeit bei Alport-Syndrom Ohren Im jungen Erwachsenenalter kommt es in 50 % der Fälle zu einer beidseitigen Innenohrschwerhörigkeit, vor allem im Frequenzbereich 2000–8000 Hz. Es kann in seltenen Fällen sogar zum einseitigen oder bilateralen Hörverlust kommen. Vestibuläre Funktionsstörungen sind in spezialisierten Untersuchungen nachweisbar, verursachen jedoch häufig keine klinisch auffälligen Gleichgewichtsstörungen (bilaterale Vestibulopathie).

Augen Bei etwa 10 % der Alport-Patienten kommt es zu Augenveränderungen mit Sehschwächen. Erwähnt wurde hier die Sphärophakie;Günter Thiele: Handlexikon der Medizin. Urban & Schwarzenberg, München / Wien / Baltimore, Band 2 (L–Z), ISBN 3-541-09121-5, ISBN 3-541-09521-0, S. 1703. darunter versteht man eine seltene angeborene Fehlbildung der Augenlinse, bei der diese kugelförmig statt linsenförmig flach und oval ist.

Magen-Darm-Trakt In sehr seltenen Fällen kommt es beim Alport-Syndrom zu einer diffusen Leiomyomatose. Man nennt das ein AS/DL-Syndrom. Man beobachtet diese gutartigen Proliferationen der glatten Muskulatur in der Speiseröhre (ösophagealen Leiomyomatose) und im Darm. Schluckprobleme, Entzündungen der Speiseröhre, Verschlucken bei der Nahrungsaufnahme, Stridor, bronchiale Reizerscheinungen (Röcheln) und chronische Verstopfungen im Säuglingsalter und bei Kleinkindern können die Folge sein.Karl Tryggvason, Judy Savige, Rachel Lennon u. a.: Alport Syndrome. In: GeneReviews®. University of Washington, Seattle (laufend aktualisiert).

Luftröhre In sehr seltenen Fällen besteht eine Atemnot (Luftnot) besonders bei Belastungen. In der Fachliteratur wurde eine Leiomyomatose der Luftröhre (Trachea) beziehungsweise des Tracheobronchialbaums, also eine diffuse Proliferation der glatten Muskulatur, beschrieben.Romeo García-Torres, D. Cruz, Lorena Orozco, Laurence Heidet, Marie-Claire Gubler: Alport syndrome and diffuse leiomyomatosis. Clinical aspects, pathology, molecular biology and extracellular matrix studies. A synthesis. In: Néphrologie, Band 21, Nr. 1, 2000, S. 9–17. PMID 10730274.Martina C. Anker, Joachim Arnemann, Katrin Neumann, Peter Ahrens, Helga Schmidt, Rainer König: Alport syndrome with diffuse leiomyomatosis. In: American Journal of Medical Genetics Part A. Band 119 A, Nr. 3, 15. Juni 2003, S. 381–385. doi:10.1002/ajmg.a.20019. PMID 12784310.

Pathomechanismen Bedingt durch den Gendefekt in Bezug auf das kollagene Bindegewebe beim Alport Syndrom ist nicht immer eine optimale Verbindung zwischen den Zellschichten des Muskel- und Nervengewebes der Blutgefäße vorhanden. Dies führt zu einer geringeren Stabilität der Adern.

Nieren In der Niere sind vor allem die glomerulären Basalmembranen (GBM) zwischen dem fenestrierten Endothel der Glomeruluskapillaren und den Podozyten betroffen. Dies ist der wichtigste Schädigungsort beim Alport-Syndrom. Daneben können auch die Basalmembranen der Nierentubuli, der Bowman-Kapseln und der intrarenalen Blutgefäße befallen sein.

Ohren Die Innenohrschwerhörigkeit wird auf Defekte des Typ-IV-Kollagens in den Basalmembranen der Hörschnecke (Cochlea) zurückgeführt. Wahrscheinlich führen Veränderungen insbesondere der Stria vascularis und der Basilarmembran zu einer gestörten Funktion des Corti-Organs mit sekundären Schäden an den Haarzellen und so zu einer progredienten sensorineuralen Schwerhörigkeit. Neben der Cochlea kann auch das Vestibularorgan betroffen sein.Stefania Barozzi, Daniela Soi, Elisabetta Intieri, Marisa Giani, Mirko Aldè, Eleonora Tonon, Lia Signorini, Alessandra Renieri, Chiara Fallerini, Paola Perin, Giovanni Montini, Umberto Ambrosetti: Vestibular and audiological findings in the Alport syndrome. In: American Journal of Medical Genetics Part A. Band 182A, Nr. 10, 20. August 2020, S. 2345–2358. doi:10.1002/ajmg.a.61796.

Augen Typisch ist hier eine kegelförmige Vorwölbung der Augenlinse (Lenticonus anterior). Seltener treten weitere Augenkrankheiten wie der Keratokonus (ebenfalls kegelförmige Vorwölbung der Hornhaut, Hornhautkegel) oder eine hintere subkapsuläre Katarakt (Grauer Star) (Cataracta subcapsularis posterior) auf. Im Rahmen des Alport-Syndroms kann es außerdem zu einer Hornhautdystrophie sowie im Augenhintergrund zu charakteristischen fleckförmigen Veränderungen der Netzhaut (Retina) (englisch dot-and-fleck retinopathy) in der Makula (Gelber Fleck) und in der mittleren Netzhautperipherie kommen.

Magen-Darm-Trakt Die Koordination der wellenförmigen (peristaltischen) Bewegungen der Speiseröhre und des Darms kann gestört sein. Das nennt man Motilitätsstörungen im Magen-Darm-Trakt.Rita G. Sousa, Pedro C. Figueiredo, Pedro Pinto-Marques, Tânia Meira, Luís A. Novais, Ana Isabel Vieira, Carlos Luz, Paula Borralho, João Freitas: An unusual cause of pseudoachalasia: The Alport syndrome–diffuse leiomyomatosis association. In: Current Opinion in Gastroenterology. Band 25, Nr. 11, November 2013, S. 1352–1357. doi:10.1097/MEG.0b013e328361dd17.Philippe Guillem, François Delcambre, Laurence Cohen-Solal, Jean-Pierre Triboulet, Corinne Antignac, Laurence Heidet, Philippe Quandalle: Diffuse esophageal leiomyomatosis with perirectal involvement mimicking Hirschsprung disease. In: Gastroenterology. Band 120, Nr. 1, 2001, S. 216–220. doi:10.1053/gast.2001.20883.

Luftröhre