mini|Dara Schikoh Muhammad Dara Shikoh bzw. Muhammad Dārā Schikoh (; geboren 20. März 1615 nahe Ajmer; gestorben 12. August 1659 in Delhi) war der erstgeborene Sohn des Mogulherrschers Shah Jahan (reg. 1627–1657) und dessen Gemahlin Mumtaz Mahal, religiöser Denker, Mystiker, Dichter und Verfasser etlicher Werke in persischer Sprache. Name Der Name wird gemäß der indo-persischen Aussprache in der Literatur unterschiedlich wiedergegeben: Dara Schukoh/Shukoh, Dara Schikoh/Shikoh. Dārā Šukūh (DMG) bedeutet „Besitzer der Herrlichkeit“, Dārā Šikūh (DMG) hingegen „Besitzer der Furcht“.H. Junker: Persisch-deutsches Wörterbuch, Teheran 1349 (1970/71), S. 465

Außerdem kann DārāWörtlich auch: „wohlhabend, reich“, vgl. Junker/Alavi: Persisch-Deutsches Wörterbuch, Leipzig/Teheran 1970, S. 295. als Reminiszenz an den altpersischen Königsnamen Dārayavauš (neu-, Kurzform Dārā), griechisch Dareios, aufgefasst werden. Dieser Name lautet im klassischen PersischenH. Junker: Persisch-deutsches Wörterbuch, Teheran 1349 (1970/71), S. 296 und im iranischen Nationalepos Schahname ebenfalls Dārā.Vgl. Namensverzeichnis im Schahname. Persischsprachige Herrscher beriefen sich gern auf die Heldensagen des Schahname, die bis in jüngste Zeit als historisch galten. In diesem Fall bedeutet der Name des Prinzen „Dareios der Prächtige“.

Leben miniatur|Der Prinz auf einem Elefanten reitend, der von einem tributpflichtigen Fürsten geschickt worden war

Obwohl als Thronerbe aufgewachsen, zeigte Dara Shikoh zu keiner Zeit ernsthaftes politisches oder militärisches Interesse. Trotz seines bereits 1652 fehlgeschlagenen Versuchs, die strategisch wichtige Festung Kandahar aus den Händen der Perser zu erobern, ernannte ihn sein Vater um das Jahr 1656 zum Befehlshaber eines Heeres über 60.000 Mann, darunter 40.000 Reiter.

Stattdessen fühlte sich Dara Shikoh zur Philosophie und zur Mystik hingezogen, und es heißt, dass er nur deshalb den Posten des Statthalters von Allahabad 1645 annahm, weil dort der damals bekannteste Interpret der Philosophie des Ibn ‘Arabi (gest. 1240) zu jener Zeit, Muhibbullah AllahabadiDMG Muḥibbu'llāh Allāhābādī (gest. 1648), lebte. Allerdings übersiedelte Dara Shikoh nie nach Allahabad, sondern es blieb beim regen Briefwechsel mit Muhibbullah.

Bereits sein Großvater Jahangir (1605–1627), aber auch sein Vater Shah Jahan hatten Sufis und Hinduheiligen hohe Ehrerbietung erwiesen, und als er in jugendlichem Alter schwer erkrankte, wurde er von seinem Vater nach Lahore zu Mian Mir (gest. 1635) gebracht. Dieser war der Scheich (Oberhaupt) des Qādirīya-Ordens, der im späten 16. Jahrhundert im Sindh und im südlichen Punjab große Bedeutung erlangt hatte. Die Heilung des Jungen bewirkte seine tiefe Verehrung für Mian Mir, so dass er sich später gemeinsam mit seiner Schwester Jahanara dem Orden anschloss.Dārā Šukūh: Sakīnat al-aulīyā’ („Die Gottesnähe der Heiligen“, 1642)

Dara Shikoh umgab sich nicht nur mit islamischen Mystikern, sondern auch mit hinduistischen Yogis und Sannyasis, die ihn alle auf seinem verhängnisvollen Feldzug nach Kandahar begleiteten. Große Teile seiner Höflinge sowie vor allem die Religionsgelehrten () missbilligten dieses Verhalten. Ähnliches galt für sein offensichtliches Desinteresse an praktischer politischer Arbeit.

Während der Krankheit des Vaters Shah Jahan nahmen seine jüngeren Brüder, darunter Aurangzeb,DMG Aurang-zīb, bedeutet „Thronschmuck“ während der Jahre 1657 und 1658 die Gelegenheit wahr, sich gegen Dara Shikoh sowie den Vater Shah Jahan zu erheben und Dara Shikoh zum Häretiker (mulḥid) erklären zu lassen. Während der darauf folgenden Auseinandersetzungen floh Dara Shikoh aus der Hauptstadt, suchte Zuflucht, wurde jedoch gefangen genommen und an Aurangzebs Gefolgsleute übergeben. Kurze Zeit später wurde gegen ihn der Prozess wegen Häresie eröffnet, der mit seiner Verurteilung zum Tode endete. Am 12. August 1659 (22. Ḏū'l-Ḥiǧǧa 1069 A. H.) wurde Dara Shikoh hingerichtet und im Mausoleum seines Urahnen Humayun zu Delhi beigesetzt.

Werke »Die Arche der Heiligen«, 1640 ()Der Begriff al-aulīyā’ bedeutet wörtl. „die Freunde (Gottes)“, was jedoch durchaus dem Begriff „die Heiligen“ (wörtl. „die heilen/vollkommenen Menschen“) anderer Religionen entspricht.

Dara Shikoh verfasste sein erstes Werk Safīnat al-aulīyā’ („Die Arche der Heiligen“) zum 21. Januar 1640 (27. Ramaḍān 1049 A. H.). Es handelt sich um eine Sammlung von Lebensbeschreibungen heiliger Männer und Frauen nach dem Vorbild von Nafaḥāt al-’uns („Die Düfte der Freundlichkeit“) des ‘Abd ar-Rahman-i Dschami (gest. 1492) aus Herat, worin er namhafte Mitglieder verschiedener Sufi-Orden, aber auch die ersten vier Kalifen, die zwölf schiitischen Imame sowie die Begründer der vier islamischen Rechtsschulen aufführt. Auf diese Art und Weise stellte er unter Beweis, dass er zu allen Zeiten durchaus auch den dogmatischen Prinzipien des Islams verbunden blieb. So nannte er sich selbst wiederholt einen „ḥanafitischen Qādirī“, und seine mystischen Schriften entsprachen weitgehend denjenigen anderer Sufis. Ein weiterer bemerkenswerter Aspekt der Arche der Heiligen liegt darin, dass er den Mystikerdichter Dschalal ad-Din-i Rumi (gest. 1273) und dessen Familie fälschlicherweise der spirituellen Kette (silsila) der Kubrawiyya zuordnete.

Das Datum selbst hatte für ihn eine besondere Bedeutung, da er am 27. Ramadan 1040 A. H. (1630 n. Chr.), in der Lailat al-qadr (Nacht der Niederkunft des Korans) sein erstes mystisches Lichterlebnis hatte, das er auf die spirituelle Gegenwart des Mian Mir zurückführte.Dara Shikoh: Sakīnat al-aulīyā’, S. 54

»Die Seelenruhe der Heiligen«, 1642 ()

In seinem zweiten Werk Sakīnat al-aulīyā’ („Die Seelenruhe der Heiligen“) beschrieb Dara Shikoh seine Hingabe an Mian Mir sowie an dessen Schwester Bibi Dschamal Chatun und Mulla Schah Badachschi (gest. 1661), der die spirituelle Kette nach Mian Mirs Tod weiterführte, und unter dessen Führung sich Dara Shikoh und seine Schwester Jahanara um 1640 dem Orden anschlossen.

Das Werk führt vorzüglich aus erster Hand in das Leben und die Überlieferungen der Mystik in Lahore und Kaschmir ein.

»Der Pfad der göttlichen Wahrheit« ()

In diesem Werk werden Poesie und Prosa miteinander verknüpft, wobei die meisten dichterischen Zitate von Rumi stammen. Dennoch wird die Urheberschaft Dara Shikoh zugeschrieben, wobei gewisse Zweifel bestehen bleiben, da sich dieses Werk in seiner besonderen Vielschichtigkeit von seinen vorigen Werken unterscheidet.

»Sendschreiben über die Wegweisung zur göttlichen Wahrheit«, 1646 ()

Dieses Werk gilt als eine seiner beeindruckendsten Studien über den Sufismus. Sie ist am Stil des Ibn ‘Arabi von Murcia (gest. 1240) ausgerichtet, von dessen Philosophie Dara Shikoh zutiefst beeinflusst war. Die meisten Sufis, mit denen er regen Austausch pflegte, wie Muhibbullah und Schah Dilruba, waren Verfechter der Vorstellung über die Waḥdat al-wuǧūd (Einheit der Existenz), so wie sie Ibn ‘Arabi entwickelt hatte. In diesem kleinen Buch versuchte Dara Shikoh die vier verschiedenen Existenzebenen zu verdeutlichen: von der menschlichen Welt (arab. nāsūt) aufsteigend zu den Höhen der göttlichen Welt (arab. lāhūt).

Er betrachtete dieses Büchlein als Zusammenfassung nicht nur der beiden Werke des Ibn ‘Arabi, Al-futūḥāt al-makkiyya („Die mekkanischen Offenbarungen“) und Fuṣūs al-ḥikam („Die Ringsteine der Weisheiten“), sondern auch der Lama‘āt („Lichtstrahlen“) des Fachr ad-Din-i ‘Iraqi (gest. 1289), der eine Zeit lang im panjabischen Multan verbracht hatte, sowie der Lawā’iḥ („Erscheinungen“) des Dschami aus Herat (gest. 1492). In seinem Schlussvers, in dem er auch das Jahr der Vollendung des Werkes erwähnt, beteuert er seine göttliche Eingebung.

»Das mächtigste Elixier« ()

Bereits in der Risāla nannte Dara Shikoh die Selbsterkenntnis „das mächtigste Elixier“. So nahm er diese Aussage auch als Überschrift zu seinem kleinen, kurze Zeit später verfassten Dīwān (Gedichtsammlung), worin er unter dem Pseudonym Qādirī seine Gedanken in überlieferte Bilder kleidete. Die Aussage einiger Verse sind allerdings von außergewöhnlicher Bedeutung, da er gegen die dogmatische Borniertheit der Religionsgelehrten („Mulla“)Dieser Begriff wird etymologisch von abgeleitet, vgl. Langenscheidt. Der traditionelle Begriff ist hingegen , Plural , vgl. H. Wehr: Arabisches Wörterbuch, Wiesbaden 1968, S. 572. zu Felde zieht:

بهشت آن جا كه ملائى نباشد ز ملا بحث و غوغائى نباشد جهان خالى شود از شور ملا ز فتواهاش پروائى نباشد

bihišt ān ǧā ki mullā-’ē nabāšad zi mullā baḥs̱-u ġauġā-’ē nabāšad ǧahān ḫālī šawad az šōr-i mullā zi fatwāhā-š parwā-’ē nabāšadUmschrift nach DMG gemäß der in Afghanistan und auf dem Indischen Subkontinent üblichen Vokalisation.

Das Paradies ist, wo kein Mulla ist, Wo kein Geschrei und Krach vom Mulla ist! O wär die Welt von diesen Mullas leer Und keiner hört’ auf ihren Rechtsspruch mehr! Denn wo der Mulla lebt, an jenem Ort Findet kein Weiser sich; rasch zieht er fort!A. Schimmel: Gärten der Erkenntnis, Düsseldorf/Köln 1982, S. 223.

Jedoch auch ganz im Sinne der Liebesmystik des Fachr ad-Din-i ‘IraqiFaḫr ad-Dīn-i ‘Irāqī: Kullīyāt-i dīwān-i šaiḫ faḫr ad-dīn ibrāhīm-i hamadānī, mutaḫalliṣ bi-‘irāqī, Teheran 1370 (1991/92), pers. oder auch des Ibn ‘ArabiA. Schimmel: Gärten der Erkenntnis, Düsseldorf/Köln 1982, S. 142 f. äußert er:

O Du, von dessen Namen Liebe regnet, Von dessen Brief und Kunde Liebe regnet – Wer deine Straße fand, der fiel in Liebe, Von Deinem Dach und Tor ja Liebe regnet!A. Schimmel: Gärten der Erkenntnis, Düsseldorf/Köln 1982, S. 223.

»Die Wohltaten der Mystiker«, 1652 ()

Im Jahr 1652 stellte Dara Shikoh eine Sammlung von Šaṭaḥāt („Streifzüge“ in der Bedeutung von „paradoxe Redewendungen“) von 107 Heiligen zusammen, die er Ḥasanāt al-‘ārifīn („Die Wohltaten der Mystiker“) nannte. Viele Vierzeiler daraus entsprechen Aussagen vorangegangener Sufis. Dieses Buch gilt als sein letztes Werk, das sich ausschließlich mit der Sufi-Literatur befasste.

Die Gespräche von Lahore, 1653 Hierbei handelt es sich um Gespräche, die Dara Shikoh mit dem Hindu-Weisen und Mitglied der reformerischen Kabirpanthi-Sekte, Baba Lal Das, in Lahore führte, wo er sich nach seiner verheerenden Niederlage vor Kandahar im Jahr 1653 aufhielt. Diese Gespräche fanden auf Hindustani statt und wurden von Dara Shikohs Sekretär Chandar Bhan Brahman in persischer Sprache niedergeschrieben. Chandar Bhan Brahman selbst war als Dichter und Meister des „Persischen Stils“ bekannt.

Dieser Diskurs, der von den beiden Biografen Clément Huart und Louis Massignon in ihrer Arbeit mit diesem Titel versehen wurdeCl. Huart/L. Massignon: Les entretiens de Lahore [entre le prince impérial Dârâ Shikûh et l’ascète hindou Baba La’l Das], in: Journal Asiatique 209, 1926, S. 285–334, offenbart das solide Wissen des Prinzen bezüglich der indischen Mythologie und Philosophie. Damit stellte sich Dara Shikoh in eine Reihe mit seinem Urgroßvater Akbar I. (1542–1605), der während seiner Regierungszeit Übersetzungen zahlreicher bedeutender Sanskrit-Werke ins Persische angeordnet hatte. Die „Gespräche von Lahore“ bewegten sich zwischen rein philosophischen Gedanken und Fragestellungen, die unter anderem das Verständnis des Ramayana betrafen.

»Der Zusammenfluss der beiden Meere«, 1655 ()