Die Vorauer Novelle ist eine mittelhochdeutsche Reimpaardichtung in 649 Versen. Der Text ist ein Fragment und bricht nach etwa der Hälfte der Erzählung ab. Die Vorauer Novelle entstand in der hochhöfischen Zeit um 1200 und wurde in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts aufgezeichnet. Der Dichter des Textes, der in der Theophilus-Tradition steht und als frühe Bearbeitung des Faust-Stoffes gesehen werden kann, ist unbekannt. Der Text ist unikal im Stift Vorau (Steiermark) überliefert. mini|rechts|Faksimile der ersten Seite der Vorauer Novelle (Digitalisat von der Homepage von Wernfried Hofmeister, siehe Weblinks)
Zur Benennung der Vorauer Novelle Der Titel „Vorauer Novelle“ wurde vom Germanisten Anton Emanuel Schönbach, der den Text 1899 zum ersten Mal edierte, gewählt. Er begründete seine Entscheidung damit, dass die Novelle „zu der Gattung von Erzählungen [gehört], in denen sich Erbauliches und Unterhaltendes, Mirakel und Historie, Kirche und Welt begegnen […] und ich habe es die „Vorauer Novelle“ genannt, weil es der Idee entspricht, welche beim Aufkommen dieser Bezeichnung damit verbunden wurde.“Anton E. Schönbach: Studien zur Erzählungsliteratur des Mittelalters II: Die Vorauer Novelle. Carl Gerold’s Sohn, Wien 1899 (= Sitzungsberichte der phil.-hist. Klasse der kaiserl. Akademie der Wissenschaften in Wien. 140, IV. Abhandlung), S. 92. Diese Idee der Novelle, die Schönbach zitiert, orientiert sich an den französischen Nouvelles, die Blankenburg 1796 erstmals definiert als „wirkliche, kleine Romane“.Bernhard Seuffert: Goethes ‚Novelle‘. In: Goethe-Jahrbuch. Hrsg. v. Ludwig Geiger. Bd. 19. Rütten&Loening, Frankfurt/Main 1898, S. 133 (Dieser Beitrag wird von Schönbach für die Definition der Novelle zitiert).
Inhalt Zwei Klosterzöglinge fliehen aus ihrem Kloster, weil ihr Lehrer sie mit zu viel Lernstoff überfordert und häufig mit der Rute züchtigt. Sie kommen in eine (nicht näher beschriebene) Stadt, wo sie in eine Zauberschule eintreten, deren Meister sie bereits erwartet. Dort erbitten sie Einführung in die Nekromantie, die schwarze Magie, die sie durch ein Zauberbuch lernen sollen. Am Beginn dieses Buches steht aber der Preis, der dafür zu bezahlen ist:
Hie hebet sich an der sêle tôt, der mit êweclîcher nôt vil grimme wirt gebunden und lasterlîchen vunden in des tiuvels kewen von êwen unz hin z'êwen. (Vorauer Novelle, ed. Schönbach 1899, V. 205-210)
Hier beginnt das Verderben der Seele, die mit unendlicher Qual gar grausam gefesselt wird und sich dann sündenbeladen wiederfindet zwischen den Zähnen des Teufels für immer und ewig. (Übersetzung: Andrea Hofmeister 2012)
Von dieser Warnung wenig beeindruckt, fordern die Jungen den Meister auf, sie die Zauberkunst zu lehren. Sie leben dann ein sündiges Leben: Sie pflegen unkeusche Liebe, rufen den Höllenhund zu ihren Zwecken, werden habgierig, hochmütig und sind empfänglich für Trunkenheit und Völlerei. Durch dieses Verhalten lädt einer der beiden Jünglinge Gottes Fluch auf sich und erkrankt schwer, woraufhin beide rasch von der Zauberei ablassen. Es folgt ein ausführliches Gespräch der beiden Zöglinge miteinander, in dem der Gesunde den Kranken zu aufrechter Reue und Beichte überreden will. Der Kranke jedoch ist überzeugt, dass die Schwere seines Vergehens nicht zu sühnen ist. Dadurch begeht er aber erst die schwerste Sünde: Er vertraut nicht mehr auf die unendliche Gnade Gottes, er verfällt in Verzweiflung (desperatio). Bevor er stirbt, verspricht der Kranke dem Gesunden, dass er 30 Tage nach seinem Tod – sofern es ihm möglich ist – dem Freund noch einmal erscheinen wird, um ihm zu berichten, wie es ihm im Jenseits ergangen sei. Danach stirbt der Kranke, was in einer der ausführlichsten Sterbeszenen der deutschsprachigen Literatur geschildert wird. Die Knochen des Sterbenden krachen und verschieben sich, er krampft am ganzen Körper, knirscht mit den Zähnen und heult, bis der Teufel ihm seine Seele entreißt und er stirbt. Der Gesunde zieht aus dem Erlebten die Lehre und sucht voll Reue einen Priester auf, der ihm die Beichte abnimmt und die Absolution erteilt. An dieser Stelle bricht das Fragment ab.
Die „Vorauer Novelle“ und „Reuner Relationen“ Die „Vorauer Novelle“ steht in engem inhaltlichen Zusammenhang mit den sogenannten „Reuner Relationen“, einer lateinischen Erzählung, die unikal im Stift Rein (Steiermark) überliefert ist.Vgl. Klaus Zatloukal: Vorauer Novelle. In: ²VL 10, Sp. 524. Das genaue Verhältnis von „Vorauer Novelle“ und „Reuner Relationen“ zueinander ist aufgrund unsicherer Datierungen der beiden Texte nicht festzustellen. Es ist sogar denkbar, dass beide Dichtungen unabhängig voneinander aus derselben Stofftradition heraus entstanden sein können. In der lateinischen Bearbeitung des Stoffes erscheint der Kranke dem Gesunden nach dreißig Tagen tatsächlich in einer Art Walpurgisnacht und schildert auf drastische Art und Weise die Schrecken der Hölle. Davon stark beeindruckt, verstärkt der Gesunde seine Reue, indem er nicht nur beichtet, sondern beschließt, wieder in ein Kloster einzutreten.
Der Dichter der „Vorauer Novelle“ Der Text ist ohne Namensnennung überliefert. Schönbach hat den Text anhand einer detaillierten Untersuchung des Lautstandes dem alemannischen Bereich zugeordnet, eine nähere Spezifizierung auf einen elsässischen Dichter deutet er nur an, weil für eine eindeutige Zuordnung die Mittel nicht ausreichen.Vgl. Schönbach, Vorauer Novelle (wie Anm. 1), S. 69, 89. Der Dichter ist jedenfalls gebildet und des Lateinischen mächtig, auch schreibt er im Prolog, dass er bereits mehrfach lateinische Texte ins Deutsche übertragen habe. Die große Kunstfertigkeit des Dichters wird immer wieder hervorgehoben, Schönbach verweist auf das herausragend hohe Niveau von Metrik, Reim und verwendeten Stilmitteln.Vgl. Schönbach, Vorauer Novelle (wie Anm. 1), S. 87–89. Der Dichter kann nicht eindeutig einem gesellschaftlichen Stand zugeordnet werden. Schönbach vermutet einen Kleriker oder einen von Klerikern gebildeten Laien, wofür die populärtheologischen Argumente im Text, die Vertrautheit mit höfischem Leben und die Art und Weise, wie die propagandistische Absicht der lateinischen Vorlage weggelassen wird, sprächen.Vgl. Schönbach, Vorauer Novelle (wie Anm. 1), S. 89 f. Auch wenn der Dichter namentlich nicht festgemacht werden kann, so steht er für Schönbach in der Tradition Gottfrieds von Straßburg,Vgl. Schönbach, Vorauer Novelle (wie Anm. 1), S. 90. Helmut de Boor stellt ihn an die Seite Konrads von Würzburg, „nicht als dessen ‚Schüler‘ oder Nachahmer, sondern als einen Ebenbürtigen.“Helmut de Boor: Die deutsche Literatur im späten Mittelalter 1250–1350. Erster Teil: Epik, Lyrik, Didaktik, geistliche und historische Dichtung. Neubearbeitet von Johannes Janota. 5., neu bearb. Aufl. München: Beck 1997 (= Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart. Band 3.), S. 485.
Überlieferung des Textes Der Text ist ausschließlich (unikal) im Vorauer Codex 412, einer lateinisch-deutschen Mischhandschrift, überliefert.Vgl. Handschriftencensus | Vorau, Stiftsbibl., Cod. 412 (früher CCCXXX) (14. Oktober 2014). Der Codex besteht aus 189 Pergamentblättern, mit sehr unterschiedlichen Teilen, die erst im 15. Jahrhundert zu einem Band vereinigt wurden. Die „Vorauer Novelle“ ist der einzige deutschsprachige Text in diesem Codex, gemeinsam überliefert mit lateinischen Predigten, die in ihrem Ton auf ein Laienpublikum als Adressaten schließen lassen.Vgl. Schönbach, Vorauer Novelle (wie Anm. 1), S. 2–5. Der überlieferte Text in der „Vorauer Novelle“ ist mit ziemlicher Sicherheit nicht die erste schriftliche Fassung, sondern eine Abschrift, wie aus Schreibfehlern und Korrekturen hervorgeht.Vgl. die Anmerkungen bei Schönbach, Vorauer Novelle (wie Anm. 1), S. 42–68. Die Überlieferung dieses Stoffes in einem Augustiner-Chorherren-Stift könnte auch mit der Person des heiligen Augustinus zusammenhängen. Augustinus führt in seiner Jugend ein ausschweifendes Leben und findet erst in späteren Jahren durch aufrichtige Reue seinen Weg zu Gott. Der Gedanke, durch Umkehr und Reue ein sündiges Leben ins Gute wenden zu können, mag daher den Augustiner-Chorherren eventuell näher sein als anderen Orden.
Aspekte der Interpretation Es gibt nur wenige wissenschaftliche Beiträge zur „Vorauer Novelle“, was daran liegen mag, dass der Text ein Fragment ist. Nicht zuletzt deshalb hält Hans Gröchenig fest, dass „das Fragment das Interesse verdienen [würde], das zweifellos vorhanden wäre, wenn das ganze Gedicht vorliegen würde“.Die Vorauer Novelle und Die Reuner Relationen. In Abbildung herausgegeben und transkribiert von Hans Gröchenig. Kümmerle, Göppingen 1981 (= Litterae. Göppinger Beiträge zur Textgeschichte. Band 81). S. IV. Kurz sollen nun einige Interpretationsaspekte referiert werden:
Zur Stofftradition Die „Vorauer Novelle“ steht einerseits in der Tradition der Mirakellegende „Von den zwei Klerikern“, die bis ins 7. Jh. zurückreicht.Vgl. Leopold Kretzenbacher: Teufelsbündner und Faustgestalten im Abendlande. Verlag des Geschichtsvereins für Kärnten, Klagenfurt 1968 (= Buchreihe des Landesmuseums für Kärnten. Band 23). S. 62. Andererseits steht sie aber auch deutlich im Traditionsbereich der Theophilus-Legende, die im 9. Jh. vom Diakon Paulus von Neapel aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt wurde. Seit Ende des 9. Jhs. erfreute sich diese lateinische Fassung großer Beliebtheit und bot das Material für zahlreiche Neufassungen und Bearbeitungen in Prosa und Vers, in lateinischer Sprache und diversen Volkssprachen. Ein wesentliches Element dieser Legende ist der Teufelspakt, den Theophilus im Gegenzug für irdischen Erfolg eingeht. Am Ende wird er jedoch von der Gottesmutter Maria gerettet. Die Legende wird zweifach als Beispielerzählung eingesetzt: Die ursprüngliche Interpretation betont die Verkörperung des Bußgedankens durch Theophilus, die spätere Interpretation, die ab dem 11. Jh. stärker auftritt, fokussiert auf die Stärke Marias als Fürsprecherin bei Gott.Vgl. Paolo Chiesa: Theophilus-Legende, I. Mittellateinische Literatur. In: Lexikon des Mittelalters. Bd. 8, Sp. 667f. Gerade die erste Interpretation mit Betonung des Bußgedankens lässt sich auch in der „Vorauer Novelle“ finden.
Bereits Anton Schönbach, der die „Vorauer Novelle“ zum ersten Mal herausgibt, verweist darauf, dass mit dem Text „zum ersten Male das Faustproblem in der Literatur des Mittelalters und auf dem Boden Deutschlands [nb: des deutschen Sprachraums]“Schönbach, Vorauer Novelle (wie Anm. 1), S. 92. erscheint. Die Frage nach Ähnlichkeiten zum Fauststoff unterliegt natürlich einem gewissen Interpretationsspielraum, dennoch kann man einige Argumente für diese Sichtweise benennen: Beide Texte stehen im Spannungsfeld von Bildung und Erkenntnis: Die Klosterzöglinge sind Teil einer Bildungseinrichtung und fliehen in die Zauberschule, von der sie sich spannenderes (verbotenes) Wissen erhoffen. Faust strebt nach der allumfassenden Erkenntnis und will wissen, „was die Welt / Im Innersten zusammenhält“.Johann Wolfgang Goethe: Faust. Der Tragödie erster Teil. Reclam, Stuttgart 1986 (= RUB. 1.), S. 13, V. 382f.
mini|rechts|Eugène Delacroix: Faust
Solche Erkenntnis ist aber Gott vorbehalten und auf Erden nur durch einen Pakt mit den bösen Mächten erreichbar. Nicht nur Goethes Faust, sondern auch unsere Klosterzöglinge gehen einen Seelenpakt als Preis für das Wissen ein: Während Faust mit seinem Blut ein Stück Papier für Mephisto unterzeichnet, stellt das Lesen des Zauberbuchs trotz der eindringlichen Warnung des Meisters den Paktabschluss der Zöglinge dar. Das Ergebnis des Paktes ist eine Form von Macht, eine anti-göttliche Lizenz für irdische Lustbarkeiten. In Goethes Faust erscheinen die Lustbarkeiten in der Person Gretchens personifiziert, in der „Vorauer Novelle“ wird von „unkeuscher Minne“ berichtet, mit der die Jünglinge mancher Frau die keusche Gesinnung genommen hätten (V. 255–261).