Die Ahl as-Suffa () bzw. Ashāb as-Suffa () waren eine Gruppe von Gefährten des Propheten Mohammed, die zu ihm nach Medina ausgewandert waren und mangels Unterkunft für eine Übergangszeit in seiner Moschee lebten. Zu den bekanntesten Mitgliedern dieses Personenkreises gehörten Abū Huraira und Abū Dharr al-Ghifārī. Die Entbehrungen der Ahl as-Suffa sowie ihre Unterstützung und Speisung durch die Gemeinschaft der Muslime sind Gegenstand zahlreicher Hadithe. In der sufischen Tradition gelten sie als nachahmenswertes Modell für freiwillige Armut und Askese. Im heutigen Islam wird die Gruppe vor allem als religiöse Lerngemeinschaft interpretiert.
Die Suffa als Zufluchtsort obdachloser Muhādschirūn Die Suffa, nach der die Gruppe benannt ist, war ein Schattendach (ẓulla) im hinteren, nördlichen Bereich der Prophetenmoschee in Medina.Vgl. as-Samhūdī: Wafāʾ al-wafā. 1955, S. 453. Das Dach war aus Palmblättern und Lehm, und man konnte es von unten aus mit ausgestreckten Händen berühren.Vgl. Hemgesberg: Abu Huraira. 1965, S. 44. Auch der schattige Platz (mauḍiʿ muẓallal) unter diesem Dach wurde als Suffa bezeichnet.Vgl. az-Zabīdī: Tāǧ al-ʿArūs. 1987, Bd. XXIV, S. 26. Zu der Zeit, als die Muslime sich beim Gebet noch nach Jerusalem ausrichteten, fand das Gebet hier statt. Nachdem Mohammed die Qibla nach Mekka hin verlegt hatte, nutzten mittellose Muhādschirūn und solche, die in Medina keine Unterkunft hatten, den Platz als Zufluchtsort und übernachteten hier.Vgl. as-Samhūdī: Wafāʾ al-wafā. 1955, S. 453.
ʿUmar ibn Schabba zitiert einen Prophetengefährten mit den Worten: „Wer nach Medina kam und dort einen Stammesvertreter (ʿarīf) hatte, stieg bei diesem ab, wer aber keinen hatte, wohnte in der Suffa.“Vgl. Ibn Šabba: Tārīḫ al-Madīna al-munauwara. 1979, S. 286. Muhammad ibn Kaʿb al-Qurazī (gest. 735–38) wird mit der Aussage zitiert, dass die Ashāb as-Suffa in Medina kein Zuhause und keine Verwandten (ʿašāʾir) hatten.Vgl. Muhammad ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. I/2, S. 13. William Montgomery Watt vermutete, dass diejenigen, die in der Suffa schliefen, Männer aus weniger einflussreichen Stämmen in der Umgebung von Medina waren, die keine Bündnispartner in Medina hatten, die sie hätten unterbringen könnten.Vgl. Watt: Art. "Ahl aṣ-Ṣuffa" S. 266a.
Die Anzahl der Ahl as-Suffa war nicht konstant, sondern schwankte je nach den Lebensumständen.Vgl. az-Zabīdī: Tāǧ al-ʿArūs. 1987, Bd. XXIV, S. 26. Neu eintreffende Einwanderer vergrößerten ihre Anzahl, durch Heirat, Tod oder Abreise verschiedener Personen gab es aber auch immer wieder Abgänge.Vgl. as-Samhūdī: Wafāʾ al-wafā. 1955, S. 453. Der Prophetengefährte Talha ibn ʿAmr an-Nadirī wird bei Ibn Schabba mit der Aussage zitiert, dass er bei seinem Aufenthalt in der Suffa zwei Männer getroffen habe.Vgl. Ibn Šabba: Tārīḫ al-Madīna al-munauwara. 1979, S. 286. Zu seiner Zeit war ihre Anzahl offenbar nicht besonders groß. Abū Huraira wird dagegen mit der Aussage zitiert, dass er dreißig bzw. siebzig Männer von den Ahl as-Suffa hinter dem Gottesgesandten beten sah.Vgl. Muhammad ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. I/2, S. 13f.Vgl. Hemgesberg: Abu Huraira. 1965, S. 60. Ibn Taimīya erklärt das so: „Das eine Mal waren es zehn oder weniger, das andere Mal zwanzig, dreißig oder mehr und manchmal waren es siebzig.“Ibn Taimīya: Ahl aṣ-ṣuffa. 1930, S. 28. Insgesamt sollen ungefähr 400 Personen zu irgendeinem Zeitpunkt in der Suffa gewohnt haben.Vgl. Ibn Taimīya: Ahl aṣ-ṣuffa. 1930, S. 28.
Die Suffa wurde gelegentlich auch für andere Zwecke verwendet. So wird überliefert, dass bei der Hochzeit von Mohammed mit Zainab bint Dschahsch im Jahre 627 etwa 300 Gäste kamen, die die Suffa und die angrenzenden Räumlichkeiten komplett ausfüllten.Vgl. Ṣaḥīḥ Muslim: Kitāb an-Nikāḥ, Bāb Zawāǧ Zainab bint Ǧaḥš, Hadith Nr. 94. Manchmal wurden auch Delegationen arabischer Stämme vorübergehend in der Suffa untergebracht.Vgl. Hemgesberg: Abu Huraira. 1965, S. 46.
Die Armut der Ahl as-Suffa Ein besonders häufiges Thema bei der Beschreibung der Ahl as-Suffa ist ihre Armut.Vgl. Abū Nuʿaim: Ḥilyat al-Auliyāʾ. Bd. I, S. 340: wa-l-mašhūr min aḫbāri-him ġalabat al-faqr ʿalaihim. Schon im Hadith werden die Ahl as-Suffa als besonders „arme Menschen“ (unās fuqarāʾ) gekennzeichnet.Vgl. Ṣaḥīḥ al-Buḫārī Nr. 577 (Kitāb Mawāqīt aṣ-ṣalāt). Nach Muhammad ibn Kaʿb al-Qurazī (gest. 735–38) waren die Ahl as-Suffa auch mit den „Armen, die auf Gottes Weg behindert werden“, in Sure 2:273 zu identifizieren.Vgl. Muhammad ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. I/2, S. 13. Von diesen heißt es dort weiter: „Nur wer töricht ist, hält sie für reich, weil sie sich zurückhalten. Du erkennst sie an ihrem Äußeren“ (Übers. Rudi Paret).
Ihre Armut zeigte sich vor allem im Bereich der Kleidung. Abū Huraira wird mit der Aussage zitiert, dass die dreißig Männer von den Ahl as-Suffa, die er hinter dem Gottesgesandten beten sah, alle kein Obergewand (ridāʾ) trugen.Vgl. Muhammad ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. I/2, S. 13f. In einer anderen Version dieser Überlieferung, die al-Buchārī anführt, sagt Abū Huraira: „Ich sah siebzig von den Leuten der Suffa, von denen keiner ein Obergewand anhatte. Sie trugen entweder einen Lendenschurz (izār) oder ein einfaches Tuch (kisāʾ), das sie im Nacken zusammengebunden hatten. Bei manchen reichte es bis zum Knie, bei anderen bis zu den Fersen. Sie mussten es mit der Hand zusammenhalten, damit ihre ʿAura nicht sichtbar wurde.“Vgl. Ṣaḥīḥ al-Buḫārī Nr. 431 und die deutsche Übersetzung von Dieter Ferchl: Nachrichten von Taten und Aussprüchen des Propheten Muhammad. Reclam, Stuttgart, 1991. S. 112f. As-Sarrādsch erklärt, dass die Gewänder der Ahl as-Suffa so zerrissen waren, dass sie nur bis zu den Knien reichten, und sie besonders beim Rukūʿ festgehalten werden mussten, bei dem der Betende sich vorbeugt. Er berichtet auch, dass die Ahl as-Suffa, wenn der Prophet bei ihnen stand, versucht hätten, einander als Deckung zu benutzen, um ihre Nacktheit zu verbergen.Vgl. Abū Naṣr as-Sarrāǧ: Kitāb al-Lumaʿ fī taṣauwuf. S. 132–134. Wāthila ibn al-Asqaʿ wird mit den Worten zitiert: „Keiner von uns trug ein Kleidungsstück, das vollständig war. Und der Schweiß bildete wegen des Drecks und Staubs Ringe auf unserer Haut“Vgl. Abū Nuʿaim: Ḥilyat al-Auliyāʾ. Bd. I, S. 341. Mohammed soll die Ahl as-Suffa, als sie einmal darüber klagten, auf bessere Zeiten vertröstet haben, in denen ihre Kleider so schön wie die Umhänge der Kaaba sein würden. Diese waren zu jener Zeit noch weiß.Vgl. Hemgesberg: Abu Huraira. 1965, S. 66.
Verschiedene Berichte handeln davon, dass Mohammed die Armut der Ahl as-Suffa gelobt haben soll. Nach einem Bericht, der auf al-Fadāla ibn ʿUbaid (gest. 673) zurückgeführt wird, trat er einmal nach dem Gebet zu ihnen und rief: „Wenn ihr wüsstet, welchen Rang ihr bei Gott habt, dann würdet ihr Armut und Not noch weiter vermehren wollen.“Vgl. at-Tabarānī: al-Muʿǧam al-Kabīr. s. v. al-Faḍāla ibn ʿUbaid al-Anṣārī (Bd. XV, S. 310) und as-Samhūdī: Wafāʾ al-wafā. 1955, S. 454. Die Klagen der Ahl as-Suffa über ihre Armut soll er einmal mit dem Argument zurückgewiesen haben, dass sie, wenn sie wohlhabender wären, sich gegenseitig beneiden, schneiden und hassen würden.Vgl. Abū Nuʿaim: Ḥilyat al-Auliyāʾ. Bd. I, S. 340 nach Muhammad ibn Chāzim Abū Muʿāwiya (gest. 810). Nach ʿAmr ibn Huraith (gest. 704) bezog sich auch die Aussage in Sure 42:27: „Wenn Gott seinen Knechten den Unterhalt reichlich zuteilen würde, würden sie maßlos werden auf der Erde“ auf die Ahl as-Suffa. Mit diesen Worten soll Mohammed nämlich auf ihre Klagen über ihre Armut geantwortet haben.Vgl. at-Tabarī: Ǧamiʿ al-bayān ad 42:27.Vgl. Abū Nuʿaim: Ḥilyat al-Auliyāʾ. Bd. I, S. 338.
Unterstützung und Speisung der Ahl as-Suffa In einem Hadith, der auf Abū Huraira zurückgeführt wird, heißt es: „Die Ahl as-Suffa waren Gäste des Islams (aḍyāf al-islām), die weder Familie, noch Vermögen, noch etwas anderes hatten. Wenn (sc. dem Gottesgesandten) eine Almosengabe zukam, schickte er sie zu ihnen und nahm nichts davon an sich. Und wenn ihm ein Geschenk zukam, ließ er sie holen. Dann nahm er etwas davon ein und ließ sie ebenfalls daran teilhaben.“Vgl. Ṣaḥīḥ al-Buḫārī Nr. 6087 (Kitāb ar-Riqāq). Ein anderer Hadith berichtet davon, dass Mohammed den Erlös des Verkaufs von Sklaven dazu benutzte, die Ahl as-Suffa zu unterstützen.Vgl. Hemgesberg: Abu Huraira. 1965, S. 63. Muhammad ibn Kaʿb al-Qurazī (gest. 735–38) wird mit der Aussage zitiert, dass Mohammed auch seine Gefährten zur Almosengabe für die Ahl as-Suffa aufgerufen habe.Vgl. Muhammad ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. I/2, S. 13. Auch der Koranvers von Sure 2:273, der auf die Ahl as-Suffa bezogen wird, endet mit einem Aufruf zur Almosenspende.
Mehrere Berichte handeln von der Speisung der Ahl as-Suffa. Mohammed soll diese Leute, wenn er am Abend zu essen beabsichtigte, zu sich gerufen haben. Die meisten von ihnen verteilte er dann als Einzelpersonen bzw. Gruppen von zwei bis drei Männern auf seine Gefährten, der Rest (etwa vier bis zehn Personen) aß bei ihm.Vgl. as-Samhūdī: Wafāʾ al-wafā. 1955, S. 456.Vgl. Muhammad ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. I/2, S. 13. Nach einem Hadith, der auf ʿAbd ar-Rahmān, den Sohn von Abū Bakr, zurückgeführt wird, forderte Mohammed seine Anhänger auf, die Ahl as-Suffa zu ihren Mahlzeiten einzuladen, wobei er sprach: „Wer genug essen für zwei hat, soll noch einen dritten einladen. Und wer genug für vier hat, soll noch einen fünften oder sechsten einladen.“Vgl. Ṣaḥīḥ al-Buḫārī Nr. 577 (Kitāb Mawāqīt aṣ-ṣalāt) und die deutsche Übersetzung von Dieter Ferchl: Nachrichten von Taten und Aussprüchen des Propheten Muhammad. Reclam, Stuttgart, 1991. S. 132. Der wohlhabende Saʿd ibn ʿUbāda ibn Dulaim wird gerühmt, er habe sogar manchmal 80 von ihnen nach Hause mitgebracht und bewirtet.Vgl. Hemgesberg: Abu Huraira. 1965, S. 60.
Aus einem Hadith, den Muslim ibn al-Haddschādsch in seinem Ṣaḥīḥ überliefert, geht hervor, dass sich auch die Qurrāʾ, die Koranleser in der Prophetenmoschee, an der Verpflegung der Ahl as-Suffa beteiligten. Sie schlugen Brennholz, verkauften es und kauften mit dem Erlös Nahrungsmittel für sie.Vgl. Ṣaḥīḥ Muslim, Kitāb al-Imāra, Bāb Ṯubūt al-Ǧanna li-š-šahīd, 4. Hadith.
Eine ausreichende Versorgung der Ahl as-Suffa mit Nahrungsmitteln scheint aber nicht immer gewährleistet gewesen zu sein. In mehreren Berichten ist davon die Rede, dass sie sich beim Propheten über ihren Hunger beschwerten.Vgl. al-Balāḏurī: Kitāb Ansāb al-ašrāf. Bd. I, S. 272. Der Prophetengefährte Talha ibn ʿAmr an-Nadirī, der bei Ibn Schabba zu Wort kommt, berichtet, er und die beiden anderen Männer, die sich zu seiner Zeit in der Suffa aufhielten, hätten über mehrere Tage nur eine Anzahl von Datteln zu essen bekommen. Als sich einer von den Männern darüber beschwerte und vorbrachte, dass die Datteln ihm den Magen „verbrannt“ hätten, beantwortete Mohammed die Klage mit dem Verweis darauf, dass er selbst über mehrere Tage nichts Besseres zu essen bekommen habe.Vgl. Ibn Šabba: Tārīḫ al-Madīna al-munauwara. 1979, S. 286f. Einige von den Ahl as-Suffa sollen vor Nahrungsmangel (ḫaṣāṣa) sogar beim Gebet zusammengebrochen sein, so dass Beduinen, die das beobachteten, sie für Verrückte (maǧānīn) hielten.Vgl. Muhammad ibn ʿĪsā at-Tirmidhī: Sunan Nr. 2368 (Kitāb az-Zuhd ʿan rasūl Allāh, bāb mā ǧāʾa fī maʿīšat aṣḥāb an-nabī).