Die Belagerung von Québec war eines der wichtigsten Ereignisse des Siebenjährigen Krieges in Nordamerika zwischen Frankreich und Großbritannien. Britische Truppen unter dem Kommando von James Wolfe landeten am 26. Juni 1759 in der Umgebung der Stadt Québec und setzten sich auf der vorgelagerten Île d’Orléans sowie am Südufer des Sankt-Lorenz-Stroms fest. Vom gegenüberliegenden Flussufer aus nahmen sie die Stadt ab dem 12. Juli mehrere Wochen lang unter heftigen Artilleriebeschuss. Einen ersten Angriffsversuch auf das Nordufer konnten die Franzosen unter Louis-Joseph de Montcalm am 31. Juli in der Schlacht bei Beauport abwehren. Als Vergeltung zerstörten die Briten daraufhin mehrere hundert Gebäude in den Dörfern der Umgebung. Schließlich gelang es den Briten nach zweieinhalbmonatiger Belagerung, westlich der Stadt auf das Nordufer überzusetzen. Die entscheidende Schlacht auf der Abraham-Ebene am 13. September endete mit einem Sieg der Briten, die daraufhin den Belagerungsring schließen konnten. Am 18. September kapitulierte die verbliebene französische Garnison und die strategisch bedeutende Stadt Québec ging in britischen Besitz über.

Ausgangslage

Verzögerte Eroberung Neufrankreichs Im Juni 1757 wurde William Pitt nach wenigen Monaten in der Opposition erneut in die britische Regierung berufen und bildete eine Koalition mit dem Duke of Newcastle. Als Secretary of State verfolgte er wieder die zwischenzeitlich fallengelassenen Pläne zur Eroberung der französischen Kolonien in Nordamerika, mit Kanada als Hauptziel.Stacey: Quebec, 1759 : The Siege and The Battle. S. 1. Der Feldzug von 1758 war für die Briten ein Teilerfolg: Am 26. Juli nahmen Admiral Edward Boscawen und Brigadier Jeffrey Amherst die Festung Louisbourg auf der Kap-Breton-Insel ein, vier Monate später gelang die Einnahme von Fort Duquesne im Ohio-Tal durch General John Forbes. Das Hauptziel konnte zunächst nicht umgesetzt werden: Am 8. Juli endete die Schlacht um Fort Carillon mit einem französischen Sieg, als die von Louis-Joseph de Montcalm angeführten Truppen die Briten unter James Abercrombie zurückschlugen.Stacey: Quebec, 1759 : The Siege and The Battle. S. 2.

Pitt wollte, dass die britische Flotte nach der Einnahme Louisbourgs sofort nach Québec vorstößt, doch die Royal Navy riet aufgrund des nahenden Winters davon ab. Amherst, der zum Oberbefehlshaber der britischen Truppen in Nordamerika befördert worden war, ordnete einen gestaffelten Feldzug an. Truppen sollten noch im Herbst über Land nach Montreal vorstoßen. Während dieser Operation griff Brigadier John Prideaux das Fort Niagara am Ontariosee an und konnte es nach der Schlacht bei La Belle Famille einnehmen. Währenddessen fuhr die Flotte unter Vizeadmiral Charles Saunders den Sankt-Lorenz-Strom hinauf bis kurz vor Québec, um Bodentruppen an Land zu setzen, die mit der Belagerung der Stadt beginnen sollten. Generalmajor James Wolfe erhielt die Aufgabe, die Außenposten im Osten und Westen Neufrankreichs zu verteidigen und die Franzosen dadurch zu zwingen, ihre Truppen aufzuteilen.

Kaum Unterstützung aus Frankreich Gouverneur Pierre de Rigaud und Louis-Joseph de Montcalm, Kommandeur der Truppen Neufrankreichs, entsandten im Dezember 1758 Louis Antoine de Bougainville eiligst nach Versailles, um Hilfe anzufordern.Stacey: Quebec, 1759 : The Siege and The Battle. S. 19. Die französische Regierung war kaum in der Lage, Unterstützung zu bieten. Montcalm hielt die Lage für aussichtslos. Obwohl er auf umfangreichen Nachschub an Soldaten und Munition hoffte, war er sich bewusst, dass die Royal Navy in der Lage war, jedes französische Schiff abzufangen. Er schlug einen Scheinangriff auf Virginia oder Carolina vor, um einen Sklavenaufstand anzuzetteln. Dadurch wären die Briten gezwungen gewesen, Truppen dorthin zu verschieben und weniger offensiv gegen Kanada vorzugehen. Ebenso schlug er vor, die fähigsten kanadischen Milizionäre in die französischen Truppen einzugliedern.Stacey: Quebec, 1759 : The Siege and The Battle. S. 20–21. Montcalm bat aus gesundheitlichen Gründen um seine Abberufung.Stacey: Quebec, 1759 : The Siege and The Battle. S. 22. Vaudreuil wiederum erbat die Hilfe der französischen Marine, damit diese im Sankt-Lorenz-Golf direkt gegen den Feind oder in einem Ablenkungsmanöver gegen britische Kolonien vorgehe. Gleichzeitig befürwortete er die Abberufung Montcalms und schlug dessen Stellvertreter François-Gaston de Lévis als Nachfolger vor.

Die französische Regierung beschloss, vier Schiffe mit Munition und Ausrüstung zu entsenden, den Transport von Lebensmitteln überließ sie privaten Unternehmern. Darüber hinaus wurden 400 zusätzliche Soldaten, 40 Kanoniere und mehrere Ingenieure entsandt.Stacey: Quebec, 1759 : The Siege and The Battle. S. 25. Man war sich mit Montcalm einig, kanadische Milizionäre in die Reihen der französischen Truppen aufzunehmen. Montcalm wurde nicht abberufen, sondern als Anerkennung für seinen Sieg bei Carillon zum Generalleutnant befördert. Vaudreuil erhielt den Befehl, bei allen Fragen zu militärischen Operationen und der Verteidigung Montcalm zu Rate zu ziehen und ihm alle Briefe zu übermitteln, die er aus Frankreich erhielt.Stacey: Quebec, 1759 : The Siege and The Battle. S. 23.

Die Blockade des Sankt-Lorenz-Stroms, mit der Vize-Admiral Philip Durell beauftragt worden war, erwies sich als Misserfolg. Wegen des vereisten Flusses musste er seine Schiffe bis Ende April 1759 in Halifax zurückbehalten. Ungünstige Winde sorgten für eine weitere Verzögerung bis zum 5. Mai. Erst am 21. Mai traf die aus zehn Kriegs- und drei Transportschiffen bestehende Flotte mit 600 Soldaten in Le Bic bei Rimouski ein.Stacey: Quebec, 1759 : The Siege and The Battle. S. 8. 16 französische Schiffe hatte diesen Ort bereits am 9. Mai passiert und erreichten Québec am 18. Mai. Weitere Konvois – darunter die Chézine mit Bougainville an Bord – folgten im Laufe der nächsten Tage.Frégault: La Guerre de la Conquête. S. 330.

Ablauf der Belagerung

Vorbereitungen mini|hochkant|Louis-Joseph de Montcalm Die französische Heeresführung erfuhr Anfang Mai 1759 von einer neuen Expedition gegen Québec über den Sankt-Lorenz-Strom. Montcalm, der in Montreal weilte, brach umgehend nach Québec auf, um die Verteidigung der Stadt zu übernehmen. Er kam dort am 22. Mai an und begann, die notwendigen Arbeiten zu leiten.Stacey: Quebec, 1759 : The Siege and The Battle. S. 40. Am 24. Mai begannen 300 Seeleute am rechten (westlichen) Ufer des Rivière Saint-Charles Schanzen auszuheben. Über diesen Fluss wurde eine Hafenkette gelegt. Weitere Schanzen entstanden zwischen dem Montmorency-Fall und der Stadtmauer.Frégault: La Guerre de la Conquête. S. 337. Die französischen Bataillone, die in Montreal überwintert hatten, wurden nach Québec verlegt. Vaudreuil ordnete die Mobilisierung der gesamten Miliz und die Evakuierung der Umgebung Québecs an (die Île d’Orléans, das Südufer um das heutige Lévis, der Uferbereich von Beauport). Die Bewohner strömten mit Wertgegenständen und Viehherden in die Stadt, die Männer schlossen sich ihren Milizeinheiten an. Wehrpflichtig waren alle fähigen Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren. Insgesamt zählte man rund 15.000 Kämpfer (darunter etwa 140 deportierte Akadier), die sich in den Dienst der 60.000 Einwohner zählenden Kolonie stellten. Montcalm bemerkte spöttisch, die Hälfte der Milizionäre seien Greise oder Kinder.Frégault: La Guerre de la Conquête. S. 336. Die Evakuierung der ländlichen Umgebung konnte nicht rechtzeitig abgeschlossen werden, so dass sich die Bewohner bewaffnet in den Wäldern versteckten.

Auf Seiten der Briten begann die Expedition gegen Québec am 4. Juni. Saunders’ Flotte verließ Louisbourg und segelte den Sankt-Lorenz-Strom hinauf in Richtung Québec. 49 Kriegsschiffe (etwa ein Viertel der gesamten Royal Navy) beförderten 13.500 Mann Besatzung. Hinzu kamen 119 requirierte Handelsschiffe mit 4.500 Matrosen, die ein 8.500 Soldaten zählendes Landungskommando an Bord hatten.Stacey: Quebec, 1759 : The Siege and The Battle. S. 5 und 8.MacLeod: La vérité sur la bataille des plaines d’Abraham. S. 50.

Vor Québec Am 26. Juni erreichte die britische Flotte problemlos die Île d’Orléans gegenüber von Québec. Französische Seekarten und Informationen gefangener Seeleute ermöglichten es den britischen Lotsen, ihre Ziele ohne Verluste zu erreichen. Die Briten gingen behutsam und methodisch vor: Sie loteten den Strom systematisch aus und überprüften dadurch die Exaktheit der Angaben des Feindes. An diesen Arbeiten beteiligte sich unter anderem James Cook.MacLeod: La vérité sur la bataille des plaines d’Abraham. S. 55. General Wolfe ließ am 27. Juni einen Teil der Soldaten bei Saint-Laurent im Süden der Île d’Orléans an Land gehen. Sie marschierten zehn Kilometer bis zur Westspitze der Insel, wo sie die lange französische Verteidigungslinie vom Rivière Montmorency bis zur Stadt überblicken konnten.Stacey: Quebec, 1759 : The Siege and The Battle. S. 51. Wenig später errichteten die Briten dort ihr Hauptlager.

Noch am 26. Juni ließ Wolfe ein Manifest verbreiten, um die Bevölkerung einzuschüchtern. Kopien wurden in den folgenden Tagen an die Pforten verschiedener Kirchen angeschlagen. Darin drohte er die Zerstörung von Siedlungen und Ernten an, falls die britischen Truppen auf Widerstand stoßen sollten.Stacey: Quebec, 1759 : The Siege and The Battle. S. 88.Lacoursière: Histoire populaire du Québec. S. 299. Am späten Abend des 28. Juni ließen die Franzosen sieben Brander den Fluss hinabtreiben, um der vor der Île d’Orléans ankernden Flotte möglichst großen Schaden zuzufügen und die Landeoperationen zu unterbrechen. Die Brander wurden jedoch etwas zu früh angezündet, so dass es den Briten gelang, sie von Booten aus mit Haken wegzuziehen.Stacey: Quebec, 1759 : The Siege and The Battle. S. 52. In der folgenden Nacht gingen leicht bewaffnete britische Truppen auf dem Gebiet der am Südufer gelegenen Gemeinde Beaumont an Land. Am Morgen des 30. Juni folgten ihnen vier Bataillone der Monckton-Brigade. Der kanadischen Miliz gelang es nicht, die Landung zu verhindern.Stacey: Quebec, 1759 : The Siege and The Battle. S. 53.

Anhaltender Artilleriebeschuss mini|hochkant=1.9|Plan der Belagerung von Québec 1759, gezeichnet von F. W. Des Barres Ebenfalls am 30. Juni wurden die Stadttore Québecs verschlossen.Lacoursière: Histoire populaire du Québec. S. 299. Währenddessen begann Moncktons Einheit im Dorf Saint-Joseph-de-la-Pointe-De Lévy unmittelbar gegenüber der Stadt Artillerie-Batterien aufzubauen, in einer Entfernung von ca. 1200 yards bis zu einer Meile (ca. 1100 bis 1600 Meter). Oberstleutnant George Williamson, Kommandant der Artillerie, ließ am 6. Juli eine erste Batterie mit fünf 13-Zoll-Mörsern und sechs 32-Pfund-Kanonen aufstellen. Ende August waren vier Batterien mit 13 Mörsern und 20 Kanonen im Einsatz.MacLeod: La vérité sur la bataille des plaines d’Abraha. S. 70. Die Batterien waren entlang der Felswand aufgestellt (bei der heutigen Schule École Marcelle-Mallet in Lévis). Dort war auch die Redoute von Oberstleutnant Ralph Burton zu finden.

Am Abend des 12. Juli, gegen 21 Uhr, eröffnete die Artillerie das Feuer. Die Stadt wurde zwei Monate lang praktisch während der ganzen Nacht beschossen, gelegentlich auch tagsüber. Vom Beginn des Beschusses bis etwa um die Mittagszeit des folgenden Tages durchdrangen jeweils rund 300 Geschosse die Festungsanlagen. Der Beschuss war auf die Häuser in der Oberstadt und die französischen Batterien in der Unterstadt gerichtet.Stacey: Quebec, 1759 : The Siege and The Battle. S. 63. Bereits am ersten Tag des Beschusses war das Kloster der Ursulinen beschädigt worden, worauf die Nonnen ins Hôpital général im Nordwesten der Stadt umziehen mussten. Trotz der schweren Schäden ist das Ursulinenkloster eines der wenigen Gebäude jener Epoche, die heute noch stehen.Stacey: Quebec, 1759 : The Siege and The Battle. S. 64.