Die Abendzeitung, kurz AZ, ist eine Münchner Boulevardzeitung. Sie wurde 1948 von Werner Friedmann gegründet und bis 2014 von der Familie Friedmann geführt.
Seit 2014 gehört das Blatt zur Mediengruppe Attenkofer. Die Abendzeitung wird seitdem von einer verkleinerten Redaktion mit einer deutlich geringeren Auflage von Die Zeitung erscheint im Berliner Format.
Geschichte Seit 1945 gehörte München zur US-Besatzungszone. Diese Zone unterstand bis zur Gründung der Bundesrepublik der US-Militärregierung („OMGUS“). Ernst Langendorf von der Pressekontrollbehörde der OMGUS ergriff im April 1948 die Initiative, in einer internationalen Presseausstellung den Münchnern, Bayern und Deutschen nach dem Nationalsozialismus die Rolle der Presse für die Demokratie zu vermitteln. Um nicht „in der Hauptsache alte Zeitungen aus dem Jahre 1848 oder irgendwelche Kuriositäten aus der Pressegeschichte“Aussage von Ernst Langendorf, zitiert bei Katrin Nikolaus 1990, S. 125 zu zeigen, wurde in der Ausstellungshalle im Haus der Kunst eine arbeitende Zeitung, von Fernschreibern über die Redaktion bis zur Druckerei, aufgebaut. Dank Sonderzuteilungen der Amerikaner an Druckpapier wurde das Tageszeitung getitelte Blatt die erste Zeitung im Nachkriegsdeutschland, die täglich erscheinen konnte; alle anderen erschienen wegen Papiermangels nur zwei- bis dreimal pro Woche.
Chefredakteur wurde Werner Friedmann, der ein Lizenzinhaber für die Süddeutsche Zeitung war. Während der Ausstellung – für die Dauer von 41 Tagen zwischen dem 6. Mai und dem 15. Juni 1948 – arbeiteten junge Journalisten, die Friedmann bei der Süddeutschen und beim Münchner Merkur ausgeliehen hatte. Sie produzierten täglich vier bis sechs Seiten, mit teils farbigem Druck. Die Tageszeitung deckte alle klassischen Ressorts ab: Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport und Lokales – sie war auf die Wünsche eines angenommenen Durchschnittslesers ausgerichtet und hatte bei seriösem Inhalt eine „flotte“ Aufmachung. Innovativ waren Leseraktionen: Ein Wettbewerb „München in 100 Worten“ und der bis heute existierende Schönheitswettbewerb ursprünglich unter dem Titel „Große Schönheits-Konkurrenz“, heute „Die schöne Münchnerin“.Paul Hoser 2016 Das Blatt erschien jeden Nachmittag in einer Auflage von 70.000 Exemplaren, davon gingen 20.000 in den Verkauf in München, der Rest wurde in alle deutschen Besatzungszonen geliefert.Die Vorgeschichte beruht auf Nikolaus 1990, S. 125–127
Gründung und Konzept In der letzten Ausstellungsausgabe kündigte die Redaktion an, dass das Blatt weitere drei Monate täglich erscheinen konnte. Friedmann wollte aber eine dauerhafte Lizenz. Er warb für seine Idee, indem er die Zeitung als gemeinnützige Einrichtung gründen wollte. Alle Überschüsse sollten in die Ausbildung und das Training junger Journalisten fließen. Mit diesem Konzept erhielt Friedmann am 16. Juni 1948 eine eigentlich nicht vorgesehene 23. bayerische Lizenz des OMGUS-Pressebüros und am selben Tag erschien die erste Ausgabe unter dem Titel Abendzeitung. Die Nummerierung schloss aber an die vorherige Arbeit an, so dass die Ausgabe unter der Nummer 42 erschien.Nikolaus 1990, S. 127
Das Werner-Friedmann-Institut wurde parallel gegründet und im Juli 1949 von der dann schon bayerischen Staatsregierung als gemeinnützig anerkannt. Es förderte jeweils ungefähr zwanzig junge Journalisten, die bereits erste Erfahrungen gesammelt haben und von ihren Redaktionen empfohlen wurden. Die Stipendiaten arbeiteten für jeweils zwei Jahre bei der Abendzeitung und erhielten dort die praktische Ausbildung. Bis 1950 blieb das Institut Herausgeber der Abendzeitung, dann wurde der Verlag Die Abendzeitung GmbH gegründet, an dem Friedmann mit zwei Dritteln und der Verlagsdirektor des Süddeutschen Verlags, Hans Dürrmeier, mit einem Drittel beteiligt waren. Damit wurde auch der gemeinnützige Charakter aufgegeben, jedoch wurde die Journalistenausbildung über das Werner-Friedmann-Institut weiter gefördert. 1958 wurde der Verlag in eine Kommanditgesellschaft gleichen Namens und mit denselben Anteilseignern umgewandelt. Aus dem Institut ging 1957 die Deutsche Journalistenschule hervor, 1959 wurde es aufgelöst.Niklaus 1990, S. 129
Geplant war die Abendzeitung als Straßenverkaufszeitung. Ziel war es, eine in München verankerte Tageszeitung zu schaffen, die viele Leser von Boulevardzeitungen und auch intellektuelle Kreise ansprechen sollte. Die Abendzeitung erhielt unter anderem einen umfangreicheren Kulturteil und deutlich längere Texte als typische Boulevardzeitungen.
Entwicklung Die Abendzeitung entwickelte sich langsam, die große Zeit des Blattes begann, als Werner Friedmann sich ihr ab 1961 komplett widmen konnte. Nach einer Affäre mit einer minderjährigen Auszubildenden des Süddeutschen Verlages verlor er 1960 dort seine Anstellung und wurde zu einer Haftstrafe verurteilt. Er schuf aus dem bis dahin als „eher eine klarer und luftiger geordneten Abonnementzeitung“Nikolaus 1990, 126 bezeichneten Blatt die moderne Boulevardzeitung, die Sensationen sucht und Skandale sowie Klatsch- und Personenberichterstattung bietet. Unter seiner Führung stieg die Auflage des Blattes von 85.000 (1961) auf 185.000 (1965).Nikolaus 1990, S. 134 Im Todesjahr Friedmanns 1969 lag sie erstmals über 300.000. Von da sank sie wieder und pendelte lange zwischen 220.000 und 250.000, bis sie in der Zeitungskrise 2000 auf 185.000 und bis 2008 weiter auf 148.000 sank. Die jahrzehntelang „meistgekaufte Zeitung Münchens“ fiel dabei hinter die tz und die Bild München zurück.
Nach Werner Friedmanns Tod wurden Anneliese Friedmann und Johannes Friedmann, die Ehefrau und der Sohn des Gründers, die langjährigen Herausgeber. Die Phase fiel mit einem massiven Umbruch in der Münchner Zeitungslandschaft zusammen: Nachdem Springer 1968 eine Münchner Ausgabe der Bild-Zeitung angekündigt hatte, brachte der Münchner Zeitungsverlag, in dem der Münchner Merkur erscheint, als Abwehrmaßnahme eine eigene Boulevard-Zeitung, die tz, auf den Markt. 1969 erschien dann die Bild-München zum ersten Mal, so dass die Abendzeitung innerhalb von nur einem Jahr nicht mehr die alleinige Münchner Boulevard-Zeitung war, sondern gleich zwei direkte Konkurrenten hatte, die aus starken Verlagshäusern kamen. AZ-Gesellschafter Hans Dürrmeier schied 1971 aus, seine Anteile wurden von Alfred Neven DuMont übernommen. 1987 kaufte Anneliese Friedmann Neven DuMont heraus, so dass der Verlag in reinen Familienbesitz überging.Nikolaus 1990, S. 135 Das Hauptverbreitungsgebiet der überregional erscheinenden Zeitung sind München und die angrenzenden Teile Oberbayerns. Die politische Grundhaltung des Blattes gilt als liberal und kritisch, aber keiner Partei zuzuordnen. 1972 gehörte die Abendzeitung zu den ersten Blättern, die ein Redaktionsstatut einführten, in dem die inhaltliche Ausrichtung und der Charakter der Zeitung sowie die Unabhängigkeit der Redakteure festgeschrieben wurden.
1952 führte die Abendzeitung als erstes deutsches Medium eine Gesellschaftskolumne ein, die von Johannes Baptist Obermaier unter dem Pseudonym Hunter geschrieben wurde. Er füllte bis zu vier Seiten täglich und erschuf damit die später als Schickeria bekannt gewordene Münchner Gesellschaft, die er als „leichtlebiger, lustiger“ als anderswo beschrieb. 1970 wurde Hunter durch die Bildzeitung abgeworben,Stern: Kir Royal ist eine arge Provinz-Posse, 16. Oktober 1986, S. 68–72 sein Nachfolger als AZ-Klatsch-Kolumnist wurde Michael Graeter. Die Fernsehserie Kir Royal, deren Drehbuch Helmut Dietl mit Patrick Süskind schrieb, lehnt sich an die Geschichte der Abendzeitung an. Zentrale Figur war der Klatschreporter Baby Schimmerlos, der nach dem Vorbild von Hunter und Graeter geschaffen wurde. Graeter wechselte 1984 ebenfalls zu Bild und kehrte 2008 zur Abendzeitung zurück.
Zu den bekanntesten Autoren der Abendzeitung zählten Sigi Sommer, der zwischen 1949 und 1987 mehr als 3500 Kolumnen als Blasius, der Spaziergänger verfasste, Dorothea Federschmidt, langjährige Feuilletonchefin und erste Frau überhaupt in der Redaktion der AZ, und Werner Meyer, der 37 Jahre lang Chefreporter des Blattes war. Regelmäßige Kolumnen schrieben Münchens Oberbürgermeister Christian Ude, Kabarettist Django Asül, Kabarettistin Lisa Fitz, Schriftsteller Joseph von Westphalen und Filmkritikerin Ponkie. Täglich erscheint im Lokalteil eine Zeichnung von Franziska Bilek mit Herrn Hirnbeiß und seinem Dackel. Bedeutende Ehrungen erhielt die Abendzeitung für die Arbeit der Landtagskorrespondentin Angela Böhm, die zwischen 1990 und 2014 dreimal mit dem Wächterpreis der deutschen Tagespresse ausgezeichnet wurde.
Zu den ehemaligen Mitarbeitern der AZ gehören unter anderem Helmut Fischer, Nils von der Heyde, Erich Böhme, Bernd Dost, Peter Glotz, Hans-Jürgen Jakobs, Sebastian Borger, Michael Jürgs, Arno Luik, Frank Plasberg, Marie Waldburg, Jan-Eric Peters, Andreas Petzold, Rafael Seligmann und Claus Strunz.
Die Abendzeitung war durch eine enge Leserbindung geprägt. Häufig wurden zu aktuellen Themen Telefon-Aktionen ins Blatt genommen, bei denen externe Fachleute in die Redaktion eingeladen wurden und Leser sie direkt anrufen konnten. Am Folgetag wurden dann die typischen Fragen im Blatt dargestellt.
mini|Verlagsgebäude in der Sendlinger Straße bis 2008 Bis 2008 verpasste die Abendzeitung einige Entwicklungen der Zeitungslandschaft. Die Übernahme der Chefredaktion durch den erfahrenen Münchner Lokaljournalisten Arno Makowsky sollte dies ändern. Die Zeitung wurde wieder konsequent zum Lokalblatt mit Schwerpunkten auf Sport und Kultur. Mehrere Jahre lang wurde eine Website mit für die Online-Veröffentlichung aufbereiteten Inhalten geschaffen. Gleichzeitig verließ im September 2008 die AZ ihr Traditionshaus in der Sendlinger Straße; auf dem Grundstück wurde die Einkaufspassage Hofstatt errichtet. Die Redaktion zog in die Hopfenpost.
2009 wollten die Verleger die Abendzeitung an den Bankier August von Finck junior verkaufen. Eine damals erstellte Unternehmensbewertung stufte die Erlössituation als befriedigend ein, sprach aber von „fehlendem Kostenbewusstsein“, so dass das Geschäft nicht zustande kam.
Wegen „wirtschaftlicher Schwierigkeiten“ entschied die Geschäftsführung im März 2010, die Zahl der Mitarbeiter in Redaktion und Verlag erheblich zu reduzieren.Marc Felix Serrao: Radikaler Jobkahlschlag. In: Süddeutsche Zeitung. 23. März 2010. Demnach sollten 22 von 80 Stellen in der Redaktion abgebaut werden, insgesamt sollten laut Süddeutscher Zeitung 40 von 90 Mitarbeitern von dem Stellenabbau betroffen sein. Im November 2010 verstärkte die AZ ihre Lokalredaktion für München. Neuer Ressortleiter wurde Michael Schilling, seine Stellvertreter Timo Lokoschat und Thomas Müller. Tina Angerer übernahm die neu geschaffene Stelle der Chefreporterin im Lokalteil.Neue Gesichter für den AZ-Lokalteil. In: Abendzeitung, 6./7. November 2010, S. 16.
Insolvenz und Fortführung 2014 Am 5. März 2014 stellte die Abendzeitung einen Insolvenzantrag. Seit 2004/2005 hatte der Verlag Verluste von rund 70 Millionen Euro gemacht, davon 10 Millionen allein im Jahr 2013. Die Erträge aus dem Verkauf des ehemaligen Redaktionssitzes in der Sendlinger Straße und der Nürnberger Abendzeitung wurden dadurch vollkommen aufgebraucht. Die Eigentümerfamilie sah sich nicht in der Lage, die Verluste weiter zu tragen.Christian Jakubetz: Das Aus der AZ. In: Blog von Christian Jakubetz, 5. März 2014. Als erste Maßnahme ließ der Insolvenzverwalter den Straßenverkaufspreis werktags von 60 Cent auf 1 Euro anheben.
Der Spiegel machte als Gründe für den Niedergang der AZ einen absurd teuren und langfristigen Druckvertrag aus, ferner ein inhaltliches Ausbluten der Zeitung, wobei nur ein flotter Sportteil in der Zeitung verblieben sei.