mini|Der Beginn von Für Elise in der kommentierten Erstausgabe von Ludwig Nohl, 1867 mini|Einspielung eines Musikliebhabers von 2006
Für Elise ist das Klavierstück a-Moll WoO (Werk ohne Opuszahl) 59 von Ludwig van Beethoven aus dem Jahre 1810. Der gängige Titel stammt von dem verschollenen Autograph, das laut Ludwig Nohl die Aufschrift trug: „Für Elise am 27 April zur Erinnerung von L. v. Bthvn“.Nohl (1867), S. 28 (Fußnote) Die fehlende Jahreszahl lässt sich durch das Skizzenblatt BH 116 im Beethoven-Haus erschließen.
Das kurze, rondoartige Stück gehört zu den berühmtesten Werken Beethovens. Es hat die Form .
Entstehungsgeschichte mini|Erste Skizze zur Hauptmelodie von WoO 59 (Für Elise), 1808, Ausschnitt aus Mus. ms. autograph. Beethoven Landsberg 10 mini|Ineinander geschriebene Skizzen zu WoO 59, BH 116 (Ausschnitt). Tinte: 1810, Bleistift: 1822 mini|Derselbe Ausschnitt transkribiert und dabei entflochtenBrandenburg (2002), S. 8 Zu dem Stück sind drei Quellen überliefert, anhand derer sich vier Arbeitsstadien erkennen lassen. 1808 entwarf Beethoven die Hauptmelodie in einem Skizzenbuch zur Pastorale.Tyson (1974), S. 95 Das Notat findet sich auf Seite 149, Zeilen 6 und 7. Diese Seite wurde später herausgelöst und befindet sich heute unter der Signatur Mus. ms. autograph. Beethoven Landsberg 10 in der Staatsbibliothek zu Berlin. Es handelt sich um eine einstimmige, sechzehntaktige Melodie, die sich besonders bei den Auftakten des Mittelteiles und bei den Schlusswendungen der Takte 7 und 15 sowie durch das Fehlen des zweitaktigen Orgelpunktes auf E von späteren Fassungen unterscheidet.Brandenburg (2002), S. 12 1810 entstand in zwei Arbeitsphasen ein umfangreicher Entwurf des gesamten Stücks,Brandenburg (2002), S. 14 der heute im Beethoven-Haus unter der Signatur BH 116 verwahrt wird.Digitales Archiv im Beethovenhaus Bonn, BH 116 Aufgerufen am 1. November 2009 Das Doppelblatt enthält auch Skizzen zur Egmont-Musik op. 84, die am 15. Juni 1810 zur Uraufführung gelangte, sowie zum Marsch WoO 19, den Beethoven am 3. August 1810 beendete. Das Blatt ist also auf Frühjahr 1810 zu datieren. Dieser Entwurf war wahrscheinlich die Grundlage für das am 27. April 1810 entstandene und heute verschollene Autograph mit der Widmung, das 1867 erstmals durch Ludwig Nohl veröffentlicht wurde.Nohl (1867), S. 28–33 Nohls Publikation bildet bis heute die Grundlage für fast alle Veröffentlichungen des Stücks. BH 116 enthält noch eine 1822 erfolgte Bearbeitung. Sie entstand offenbar zu einer Zeit, als Beethoven das Autograph, das er seinerzeit der Widmungsempfängerin geschenkt hatte, nicht mehr vorlag, und hatte vermutlich das Ziel, das Klavierstück in eine für eine Veröffentlichung taugliche Fassung zu bringen. Es sollte als № 12 den Schluss eines Zyklus von Bagatellen bilden. Bei der Überarbeitung überschrieb Beethoven das Klavierstück mit molto grazioso. Er verschob die Begleitfiguren des A-Teils in der linken Hand um ein Sechzehntel nach rechts und entlastete dabei den Taktanfang. Außerdem führte er die Begleitfigur teilweise in eine tiefere Lage und weitete damit den Klang aus.Brandenburg (2002), S. 8 und 15 Im Teil B kehrte Beethoven zu einer melodisch und rhythmisch komplizierteren, 1810 verworfenen Fassung zurück. Den vermutlichen Gesamtaufbau des Klavierstückes ließ er nicht völlig unangetastet und fügte vier bisher ungenutzte Takte als Überleitung zum Teil B ein. Vier 1822 notierte Einleitungstakte, die zum A-Teil passen, strich er dagegen wieder.Brandenburg (2002), S. 9 f. und 15 f., auch Fußnote 15; siehe auch BH 116, Seite 1, rechts unten Bei der Anweisung für die Reprise des letztmals wiederkehrenden Teiles A schrieb er una corda vor, was sich auf diesen Teil selbst beziehen kann oder nur auf den neu entworfenen, dreitaktigen, wahrscheinlich akkordisch gedachten, aber nur einstimmig notierten Schluss.Brandenburg (2002), S. 10 und 15 Eine vollständige Fassung als Resultat der Bearbeitung von 1822 stellte Beethoven nicht her.Brandenburg (2002), S. 15 f. und Cooper (1984)
Der verhältnismäßig lange Entstehungsprozess und seine verschiedenen Stadien (1808–1810 und 1822) zeigen, dass Für Elise kein Gelegenheitswerk ist, sondern von Beethoven selbst als gewichtige Komposition begriffen wurde.
Musikalische Merkmale
Das Grundgerüst des poco moto (ital. etwas bewegt) überschriebenen Klavierstückes bilden drei periodische Teile, die mit improvisatorisch wirkenden Zwischenspielen aufgelockert und miteinander verbunden werden und die rondoartige Form A–B–A–C–A ergeben.
Der pianissimo zu spielende A-Teil in a-Moll weist einige Besonderheiten auf, die ihn über eine simple Periodik hinausheben. Der chromatische Auftakt mit seinem kreisenden Halbtonschritt e’’–dis’’ wird durch seine spielerische Ausweitung im Zwischenspiel zum Erkennungsmerkmal des Stückes, das auch die weiteren, unterschiedlich gestalteten Zwischenspiele bestimmt. Die Verschränkung der Hauptmelodie mit der akkordischen Begleitung ist typisch für einen genuin instrumental erfundenen Klaviersatz, bei dem nicht sicher zwischen Melodie und Begleitung unterschieden werden kann. Auch die metrischen Verhältnisse sind zu Beginn unklar. Die Aufteilung der Sechzehntelnoten auf die beiden Hände des Spielers suggeriert statt des 3/8-Taktes einen 6/16-Takt. Die gegenüber dem Erstentwurf häufig auftretenden 3-16tel-Auftaktbildungen unterstützen die latent hemiolische Wirkung.
Teil B wird im Auftakt durch die drei aufwärts führenden Töne der zweiten Stimme und deren Gegenbewegung in der Unterstimme mit Teil A motivisch verbunden. Dem folgen eine von F-Dur nach C-Dur modulierende Melodie und ein von C-Dur zur Haupttonart a-Moll zurückführender Teil mit 32tel-Noten, der auch von dem aufwärts führenden 3-16tel-Motiv mit Gegenbewegung bestimmt wird.
Teil C wirkt durch seinen fünftaktigen Orgelpunkt wie eine Coda, die jedoch nach einer Rückung in die Tonart des Neapolitaners zum a-Moll eines Zwischenspiels überleitet. Dieses durchgehend im Pedal gehaltene Zwischenspiel in 16tel-Triolen bringt zunächst dreimal pianissimo aufwärtsführend den aufgelösten Tonikadreiklang von a-Moll und anschließend eine chromatische Tonleiter abwärts, die lückenlos in die Auftaktfigur des abschließenden A-Teils mündet. Außer in diesem Zwischenspiel wird Pedal nur im Hauptteil A vorgeschrieben. Beide tragen zudem die Lautstärkenbezeichnung pp.
Insgesamt ist die kompositorische Handschrift typisch für den „mittleren Beethoven“, bei dem generell ein Hang zu verschiedensten Wiederholungsmustern in Form und Motivik zu erkennen ist.Das ganze Kapitel Musikalische Markmale nach Riethmüller (1996), S. 437–439.
Theorien zur Widmungsempfängerin
Ludwig Nohl, der damals in München lebte, entdeckte das Stück 1865 bei der dortigen Lehrerin Barbara („Babette“) Bredl (1792–1880),Zu ihrer Biografie vgl. May (2014), S. 146–149 und Kopitz (2015), S. 55 f. der Mutter des Pianisten und Komponisten Rudolph Schachner (1816–1896), des Hausfreunds und Erben der Musikalien von Therese Malfatti.Lorenz, Baronin Droßdik… (2001), S. 80; Testament in Transkription bei Lorenz, Studien zum Schubert-Kreis (2001), Anhang Es war offensichtlich über Schachner dorthin gelangt. Nohl fertigte eine Abschrift des Autographs an, das zunächst bei Babette Bredl verblieb und schon bald nach Nohls Entdeckung verschollen ging. Die Abschrift enthielt eine Art Vollmacht, die bei der ersten separaten Veröffentlichung (1870) zum Abdruck gelangte: „Das vorstehende Klavierstückchen habe ich Herrn Prof. Dr. Nohl hier nach Beethovens eigenhändige[m] Originalmanuscript copiren lassen und gestatte ihm jedwede Verwendung und Publicirung desselben. München 14. July 1865. Babeth Bredl.“Digitalisat des Abdrucks auf der letzten Notenseite unten Kurze Zeit darauf erschien in der Fachpresse eine Meldung über den Fund.Recensionen und Mittheilungen über Theater und Musik, Jg. 11, Nr. 31 vom 5. August 1865, S. 495 (Digitalisat); Abdruck bei Kopitz (2010), S. 45
Im Kommentar zur Erstveröffentlichung von 1867 schrieb Nohl, das Klavierstück sei „nicht für Therese [Malfatti] geschrieben“, sondern trage von Beethovens Hand die Widmung: „Für Elise am 27 April zur Erinnerung von L. v. Bthvn“. Er konnte die Identität der Widmungsträgerin nicht ermitteln, was zu Forschungen und Spekulationen Anlass gab.
Der Musikwissenschaftler Albrecht Riethmüller vertrat die Ansicht, nicht die Widmung sei das Rätsel des Stückes, sondern sein Erfolg. Auch mit einem zweifelsfreien Nachweis der Widmungsträgerin sei nichts für das Stück und vor allem für seine eminente Wirkung gewonnen, auf die es musikalisch und musikgeschichtlich ankomme.Riethmüller (1996), S. 440.
Therese Malfatti mini|Beethovens Schreibweise des Namens „Therese“ in seinem Brief an Therese Malfatti vom Mai 1810. 1923 bezweifelte der Beethoven-Forscher Max Unger den Titel mit der Widmung, da es nach seiner Meinung zur fraglichen Zeit keine Frau namens „Elise“ in Beethovens Leben gab: „Wer das Leben des Meisters etwas genauer kennt, dem fallen nur zwei Beethovenfreundinnen des Vornamens Elise ein: Die musikalische Tochter des Bremer Domkantors Wilhelm Christian Müller, die sich in ihrer Heimat seit 1807 für Beethovens Klavierwerke tatkräftig einsetzte, und Elise von der Recke. Aber keine von beiden kommt als Bewidmete in Betracht: Die Freundin Tiedges lernte den Tondichter erst 1811 in Teplitz kennen, und die Beziehungen Elise Müllers zum Tondichter datieren aus noch späterer Zeit.“Unger (1923), S. 334–340, hier S. 335 Daraus folgerte Unger, dass Nohl den Namen auf dem Autograph falsch transkribierte und das Stück in Wahrheit die Widmung „Für Therese“ trug.Unger (1925), S. 70 Beethoven beabsichtigte 1810, Therese Malfatti zu heiraten.Alexander Wheelock Thayer, Ludwig van Beethovens Leben, deutsch bearbeitet von Hermann Deiters, neu bearbeitet von Hugo Riemann, Band 2. Leipzig 1922, S. 322 Die Heirat kam jedoch nicht zustande. Therese Malfatti war tatsächlich längere Zeit im Besitz des Autographs. Bereits Nohl, der das Stück entdeckte, hatte allerdings ausdrücklich bemerkt, es sei „nicht für Therese geschrieben“.
Elisabeth Röckel mini|Beethovens Schreibweise des Namens „Elisa“ in seinem Brief an Elisa von der Recke vom 11. Oktober 1811. Ähnlich könnte die Widmung „Für Elise“ in Beethovens Schrift ausgesehen haben. mini|Hauptthema mit dem unterlegten Namen E-L-I-S-E. mini|Anna Milder-Hauptmann, Brief an „Elise Hummel“ geb. Röckel, 1830 (Auszug) – Düsseldorf, Goethe-Museum Eine zweite These zur Widmungsempfängerin stellte 2010 der Musikwissenschaftler Klaus Martin Kopitz auf und ergänzte sie 2015 und 2020 mit zusätzlichen Aspekten. Er wies darauf hin, dass es in Beethovens Leben durchaus eine Frau namens „Elise“ gab: die aus Neunburg vorm Wald stammende, damals 17-jährige Sängerin Elisabeth Röckel, mit der er in den Jahren 1808 bis 1814 eng befreundet gewesen sei. Sie wurde 1813 die Frau von Johann Nepomuk Hummel. Kopitz führt an:
Es sei unwahrscheinlich, dass ein ausgewiesener Beethoven-Forscher wie Nohl einen Namen wie „Therese“ versehentlich als „Elise“ entzifferte, zumal er direkt betonte, das Stück sei „nicht für Therese geschrieben“.Nohl (1867), S. 45. Anhand von Schriftproben Beethovens lässt sich belegen, dass eine Verwechslung beider Namen praktisch unmöglich ist. Das verdeutlichte 2014 auch Jürgen May.May (2014), S. 142 f. Johannes Quack meinte entdeckt zu haben, Beethoven habe das Anfangsmotiv aus den drei Tonbuchstaben des Namens E-L-I-S-E gebildet, wobei er das S (E) enharmonisch als D vertauschte. Dies deute ebenfalls darauf, dass die Widmung „Für Elise“ korrekt sei.Ausführlich, mit ähnlichen Beispielen, bei Kopitz (2010), S. 50–52.