Alfred und Emily (im Original Alfred and Emily) ist ein Werk von Doris Lessing aus dem Jahr 2008, das letzte Werk der Nobelpreisträgerin. Es weist eine neue hybride Form auf: teils Erzählung, teils Notizbuch, teils Memoiren. Das Buch basiert auf den Biografien von Lessings Eltern. Der erste Teil ist eine fiktionale Schilderung, wie das Leben ihrer Eltern hätte verlaufen können, wäre der Erste Weltkrieg nicht gewesen. Im zweiten Teil wird nacherzählt, wie das Leben ihrer Eltern wirklich war. Alfred und Emily belegt Lessings anhaltendes Interesse an formalen Experimenten. Mitten im Buch werden Stil- und Tonlage gewechselt. Das Werk ist international viel beachtet worden und hat in Rezensionen ebenso wie in der Forschungsliteratur vielfältige Beschreibungen von Leseerlebnissen hervorgerufen.
Inhalt mini|Heutige Ansicht des Royal Free Hospital, Gray Inn’s Road, London. Im ersten Teil des Buches wird der Erste Weltkrieg verbannt und Emily muss im Royal Free keine sterbenden Soldaten behandeln. mini|St. George’s Hospital, London, wo Emily McVeagh 1916 mit erst 32 Jahren eine Position als Oberschwester angeboten bekommt; Abbildung von 1836
Der erste Teil beginnt in England im Jahr 1902, als Alfred und Emily einander bei einem Cricketspiel begegnen. Die Geschichte geht bis 1916, aber entgegen dem tatsächlichen Lebensverlauf heiratet das Paar nicht. Dass es in diesem fiktionalen Porträt keinen Krieg gibt, bedeutet, dass Alfred seine Kriegsverwundungen erspart bleiben, die ihn zum Krüppel machen, und Emily bleibt die Qual erspart, sich in der hoffnungslosen Rolle einer Krankenschwester um die Soldaten zu kümmern, manchmal ohne dass Morphium zur Hand war. Stattdessen gedeiht das Paar getrennt. Alfred wird Bauer und verbringt ein glückliches Leben mit Betsy. Emily heiratet einen Arzt, aber dieser stirbt früh und sie nutzt als kinderlose wohlhabende Witwe ihre finanziellen Ressourcen für das Errichten von Schulen für Kinder armer Familien. Am Ende von Teil 1 gibt es einen erläuternden Abschnitt aus Sicht der Autorin, anschließend zwei Porträts desselben Mannes und einen enzyklopädischen Eintrag zu einem Londoner Krankenhaus. Danach folgt ein Krankenzimmerfoto, auf dem ein Patient und eine Krankenschwester zu sehen sind.
Im zweiten Teil finden sich Alfred und Emily in derjenigen Phase ihres Ehelebens wieder, in der sie erfolglos eine Farm in Südrhodesien bewirtschaften. In einer Reihe von Episoden aus Lessings Kindheit wird erklärt, wie deren Unglücklichsein zustande gekommen ist.Susan Williams, „Alfred and Emily, by Doris Lessing, Twenty Chickens for a Saddle, by Robyn Scott“, in: The Independent, 16. Mai 2008 Beide, Emily ebenso wie Alfred, haben mit den Folgen ihrer Traumatisierung durch den Ersten Weltkrieg zu kämpfen und es prägt den Familienalltag. Auch die Folgen des Zweiten Weltkriegs sowie des Rhodesischen Befreiungskriegs (Rhodesian liberation war) werden spürbar, vor allem im Leben von Lessings Bruder, Harry.
Interpretationen In Alfred und Emily befreit Lessing sich nicht so sehr aus der Geschichte, sondern sie begibt sich vielmehr mitten hinein, denn das Buch handelt ebenso sehr von ihren Eltern wie von ihr selbst, stellt Susan Watkins in ihrer Lessing-Studie von 2010 fest. Lessings Arbeiten seit 2000 implizieren, dass fiktionales Schreiben fruchtbarer sein kann als faktisches Schreiben, insofern es Individuen und Nationen die Möglichkeit eröffnet, die Vergangenheit zu verstehen, so Watkins weiter, und diese Idee werde in Alfred and Emily verkörpert, indem der erste Teil spekulativ sei und der zweite „a memoir.“ Auf Basis ihrer Interpretation von Lessings Werk The Story of General Dann and Mara’s Daughter, Griot and the Snow Dog (2006) geht Watkins sogar so weit zu sagen: „Lessing’s work in this period strongly suggests [...] that official histories are flawed and imperfect.“Susan Watkins, Doris Lessing, Manchester University Press, Manchester 2010, S. 141 und S. 162
In seiner Rezension für The Guardian beschreibt Tim Adams das Werk als „handwerklich perfekt“ und als „eine auf stille Weise außergewöhnliche Meditation über Familie“. Er ergänzt, dass ein Schriftsteller immer in einem solchen Zwischenraum lebe, wie er hier zwischen dem ersten und dem zweiten Teil entstehe.Tim Adams, „A family at war“, in: The Guardian, 11. Mai 2008 Kathy Watson kommentiert anerkennend die doppelte Perspektive, mit der Lessing gekonnt die Widersprüchlichkeit in Emilys Persönlichkeit behandele: einerseits zusammengebrochen, jammernd und leidend, aber aus Kinderperspektive erschreckend, ärgerlich und rätselhaft.Kathy Watson, „Alfred and Emily“, in: The tablet, vol. 262, no. 8749, (5. Juli 2008), S. 22 In der New York Times stellt Caryn James fest, dass Lessing mit diesem Buch ihre fixe Idee von alternativen Realitäten weiterverfolgt und dass das Vorhaben als Ganzes gesehen aufschlussreicher ist als einer der Teile für sich genommen, insofern es dokumentiert, dass Lessing, mit 88 Jahren, noch immer grimmig um die Bedeutung des Lebens ihrer Eltern ringt. James endet mit lobenden Worten: mit ihrer Großzügigkeit und der gefasst gestalteten Wut sei Alfred und Emily auch eine außergewöhnliche und unkonventionelle Ergänzung von Lessings Autobiografie.Caryn James, „They May Not Mean to, but They Do“, in: The New York Times, 10. August 2008 Valerie Sayers schreibt in The Washington Post, dass Alfred und Emily Lessings anhaltendes Interesse an formalen Experimenten belege, und in diesem Fall finde sie zwei ausgeklügelte Formate. Sayers begrüßt das Werk als eine kluge Kombination aus Belletristik und Sachliteratur (non-fiction), dessen Effekt sei, dass Lessing ihren Lesern Einblick gewähre in die Verbindung zwischen Autobiografie und Erzählung, zwischen Form und Inhalt. Auf diese Weise bestätige Lessing Macht und Möglichkeiten des Erzählens.Valerie Sayers, „A Separate Peace“, in: The Washington Post, 3. August 2008 Frank Kermode beschreibt die beiden Teile des Buches als „two separate narratives“, „the first fictional“ („a counterfactual imagining“), „the second autobiographical“, sieht aber ein gemeinsames Thema: „a preoccuation with the destructive impact of war on ordinary happiness.“Frank Kermode, „The Daughter Who Hated Her. Alfred and Emily“, in: The London review of books, vol. 30, no. 14, (17. Juli 2008), S. 25 Franz Birkenhauer hat Alfred und Emily als ein Vermächtnis gelesen, auch „an alle unzähligen Menschen des Zwanzigsten Jahrhunderts[,] denen es erging wie Alfred und Emily und deren Kindern[,] und über die keine Bücher geschrieben werden.“Franz Birkenhauer, „Erzähl uns eine Geschichte!“, sf-magazin.de, 28. November 2008
Verhältnis der beiden Teile zueinander Über die Bedeutsamkeit der Struktur des Werks besteht keine Einigkeit, ebenso wenig darüber, welcher Teil lesenswerter ist. Aus Sicht von Susan Williams besteht Alfred und Emily aus zwei Teilen, es handele sich vielmehr um zwei Bücher. Der erste Teil sei eine Novelle, in der sie das Leben ihrer Eltern umschreibt, und der zweite basiere auf Fakten. Im ersten Teil schaffe Lessing den Ersten Weltkrieg ab und der zweite stehe dazu im Kontrast. Während der erste Teil eine gut lesbare Erzählung sei, habe der zweite keinen klaren Rahmen und wirke unzusammenhängend und nervös. Genau andersherum sieht es Bernadette Conrad in ihrer Würdigung. Der erste Teil sei zu flach und dafür der zweite ein wertvolles Stück Literatur, das Aufmerksamkeit verdiene, weil Lessing hier die Themen, mit denen sie sich über lange Jahre auseinandergesetzt hat, auf meisterhafte Weise erneut bearbeite. Und sie tue dies mit einer liebevollen Geste in Richtung ihrer ansonsten gehassten Mutter. Conrad findet es bemerkenswert, dass es nicht im imaginären Teil des Buches ist, wo Lessing diese Rehabilitierung gelinge, sondern im zweiten Teil, wo sie das tatsächliche Leben ihrer Mutter erinnert.Bernadette Conrad, „Lessing über ihre Eltern. Der weite Weg zurück nach Hause“, in: Neue Zürcher Zeitung, 21. April 2009 Im ersten Teil werde Emily mit zähflüssiger Farbe gezeichnet, findet Virginia Tiger, was darauf deren unheilvoll komplexen Charakter zurückzuführen sei: Sie habe unerträglich sentimental sein können, sei dennoch in der Lage gewesen, Kätzchen zu ertränken und habe im Alter von 32 Jahren eine Stelle als Oberschwester im St. George’s Hospital angeboten bekommen. In Teil 1 fliegt Emily zuhause raus, weil sie nicht zur Universität gehen will: „But Emily was starting work as the lowest of the low, this coming week, at the Royal Free Hospital in the Gay’s Inn Road in London“ (Alfred and Emily, S. 8). Tiger meint ähnlich wie Williams, dass der erste Teil kaum schlüssig sei, sogar hölzern, und der Stil der Prosa entnervt, wo nicht gar verknäuelt. Watkins fragt sich, welchen Teil Lessing als befreiender empfindet und sie kommt zu dem Schluss, dass es gerade das kreative Zusammenspiel zwischen „the ‹fictionalised› part“ und „memoir“ sei, durch das die Autorin sich eine „talking/writing cure“ ermöglicht.
Blake Morrison findet Alfred und Emily ungewöhnlich, weil es gleichzeitig Belletristik und Sachtext sei und dieselbe Geschichte auf zwei verschiedene Arten erzählt werde, als ob Würfel zweimal geworfen worden seien („a double throw of the dice“).Blake Morrison, „The righting of lives. On reading Alfred and Emily, Blake Morrison applauds Doris Lessing’s boldness in imagining fictitious destinies for her parents“, in: The Guardian, 17. Mai 2008 Auch Denis Scheck meint, dass die Geschichte von Alfred und Emily ein zweites Mal erzählt werde und dann autobiografisch. Dass Lessing mitten im Buch Stil- und Tonlage wechselt, finde er eine kühne Idee.Denis Scheck, Nachgetragene Tochterliebe, deutschlandradiokultur.de, 2. Dezember 2008
Hybride Form Tiger hebt hervor, dass die hybride Form des Buches neu sei, von der Form her ein Triptychon: Erzählung, Notizbuch und Memoiren. Dem voran stehe ein Vorwort, in dem die Autorin die Absicht der Dreiteilung erläutere. Das Notizbuch sei eines von Lessings berühmten Formaten, das an ihren Klassiker Das goldene Notizbuch von 1962 erinnere. Hier in Alfred und Emily habe das Notizbuch die Funktion, die imaginative Strohdecke des ersten Teils mit einem Lack zu überziehen. Tiger findet Alfred und Emily verwirrend, denn es gebe noch zwei weitere Abschnitte: einen enzyklopädischen Eintrag und ein Epigraph. Darüber hinaus zieht Tiger die Fotos in Betracht („the Tayler family album photos“), vor allem dasjenige von Emily als Krankenschwester im St. George’s Hospital und meint, dass Fakten und Fiktion nicht verschwimmen, sondern vielmehr ineinanderbluten („fact and fiction do not so much blur as bleed into one another“). Mit Conrad ist Tiger einer Meinung, wenn sie schreibt, dass der erste Teil kaum zusammenhängend und eher hölzern wirke und dessen Prosa kraftlos wenn nicht sogar verworren sei. Sie findet den ersten Teil auch aus dem Grund nicht überzeugend, dass dort der Fluss der Erzählung durch vorausweisende Anmerkungen unterbrochen wird.
David Sergeant meint, dass es sich um ein Amalgam handelt, bei dem die beiden Teile noch eine ganze Reihe von weiteren Elementen assimilieren, nämlich ein Vorwort sowie eine Coda zu Teil 1, eine Erklärung der Autorin, inwiefern das Erzählte auf Fakten basiert oder nicht, ein langer Auszug aus einer Enzyklopädie über London sowie eine Auswahl an körnigen Fotografien. Mit all diesem ziehe Lessing kreuz und quer durch verschiedene Zeiten, Regionen und Themen. Es funktioniere, denn „the novel – or is it biography? – or is it history?“ werde durch Lessings Stimme zusammengehalten. Literarische Werke würden normalerweise von Genrekonventionen eingekapselt und diese durchbreche Lessing. Um den kumulativen Effekt dieser Ereignisse und ihrer Abfolge wahrnehmen zu können, muss man seine Ohren für Fiktionales neu „tunen“, so Sergeant.David Sergeant, „Stories to Herself“, in: The Oxonian Review of Books, summer 2008: volume 7: issue 3
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