Das Kleinkastell Schaan war Bestandteil der Festungskette des spätantiken Donau-Iller-Rhein-Limes der Provinz Raetia prima und befindet sich auf dem Gemeindegebiet von Schaan, in der Region Oberland des Fürstentums Liechtenstein.
Im 1. Jahrhundert n. Chr. wurde von den Römern die Militärstrasse Mailand-Bregenz angelegt, die auch durch das Gebiet des heutigen Schaan führte. Mitte des 4. Jahrhunderts n. Chr. entstand an dieser Strasse ein kleines Kastell zum Schutz des Rheintals gegen Einfälle der Alamannen. Bis heute haben sich die Fundamente der nördlichen Mauer und des Torturmes erhalten. Das Areal um das ehemalige Kastell bildete später den mittelalterlichen Siedlungskern von Schaan. Ein Baptisterium aus dem 5. Jahrhundert, das bei Grabungen in der Peterskirche gefunden wurde, lässt auf eine frühe Christianisierung der Region schliessen. Nachgewiesen sind für Schaan auch Gräberfelder der Alamannen und Rätoromanen und eine spätantike Höhensiedlung auf Krüppel.Elisabeth Ettlinger 1959, S. 230
Name und Lage mini|Das Kastell mit der Peterskirche Der römische Name des Kastells wird in antiken Schriftquellen nicht erwähnt. Auch eine diesbezügliche antike Inschrift wurde bislang nicht gefunden. Der heute gebräuchliche Ortsname leitet sich wohl von den topographischen Gegebenheiten ab. Schaan scheint in einem Reichsurbar des 9. Jahrhunderts als Scana auf. Dieser Name stammt vermutlich von Esca/Escan ab, die keltische Bezeichnung für Wasser. Vielleicht breitete sich in prähistorischer Zeit zwischen Schaan und Eschen ein See aus. Es könnte aber auch für die Esche oder einen Bach stehen, der heute noch durch das Eschnerried fliesst und in den Rhein mündet.David Beck 1957, S. 242.
Schaan befindet sich etwa 3 km von Buchs, im schweizerischen Kanton St. Gallen und 3 km von der liechtensteinischen Landeshauptstadt Vaduz entfernt. Der Ortskern liegt auf einem Hügel am Ostufer des Rheins, der so genannte «Bühel». Er wurde einst von Wildbächen, den sogenannten Rüfen, aufgeschüttet, die schon seit Jahrtausenden ihr Geschiebe von den Dolomitfelsen des Dreischwesternmassivs ins Rheintal hinab transportieren. Westlich der Peterskirche wurde er im Laufe der Zeit abgetragen bzw. planiert und überbaut. Dabei wurde auch die Westhälfte des Kastells vollkommen zerstört. Von hier aus kann man nach Norden bis in die Gegend von Feldkirch, nach Süden zum Passübergang Luzisteig und den Talkessel von Sargans sehen. mini|Die Schweiz und Liechtenstein zur Römerzeit (um 284 n. Chr.) Die Region um Schaan gehörte in der Spätantike zur Provinz Raetia prima, die von einem Statthalter (praeses) mit Sitz in Curia Raetorum/Chur verwaltet wurde. Dieser war wiederum einem Präfekten unterstellt, der in Mediolanum/Mailand seine Residenz hatte. Das Kastell stand direkt an der rechtsrheinischen römischen Strasse, die an der Westmauer des Lagers vorbei, in Richtung der heutigen Landstrasse verlief. Ferdinand Keller fand den Standort des Kastells insofern bemerkenswert, da es offensichtlich nicht an einem strategisch wichtigen Punkt errichtet worden war. Es lag ziemlich genau in der Mitte des Streckenabschnittes zwischen Brigantium/Bregenz und Curia, um so wohl auch die Alpenpässe besser zu schützen. Auf der Tabula Peutingeriana, der mittelalterlichen Kopie einer römischen Strassenkarte des 4. Jahrhunderts und einer der wichtigsten Quellen für römische Ortsnamen, sind hier allerdings nur die Etappenstationen Clunia/Feldkirch und Magia/Maienfeld angeführt.David Beck 1957, S. 242–243; Ulrike Mayer 2005, S. 64–65, Jördis Fuchs 2011, S. 80.
Funktion Die Lage an einer stark frequentierten römischen Heer- und Handelsstrasse, die von Mediolanum/Mailand über die Bündner Pässe nach Augusta Vindelicorum/Augsburg führte, war wohl der Grund, dass hier ein Kastell errichtet wurde. Hauptaufgabe der Besatzung war die Nachrichtenweitergabe, die Sicherung und Überwachung des Verkehrs auf der Rheintalstrasse im Abschnitt Clunia-Magia und des Passübergangs. Bei Barbareneinfällen sollten seine Soldaten die Strasse sperren und das Vordringen der Invasoren nach Süden aufhalten oder zumindest versuchen, sie zu behindern. Später wurden hier – wahrscheinlich – auch Nachschubgüter für die Garnisonen am Rheinlimes zwischengelagert. Das Kastell von Schaan wird in der Notitia Dignitatum nicht genannt. Man vermutet, dass es als Getreidespeicher (horreum) der Zivilverwaltung (Praeses provinciae Raetia I und II) unterstand und deshalb dort nicht angegeben wird.Hans Jörg Kellner 1972, S. 179; David Beck 1957, S. ?.
Welche Einheit der römischen Armee im Kastell von Schaan stationiert war, ist mangels schriftlicher Quellen unbekannt. Diesbezügliche Funde wie z. B. Münzen, kerbschnittverzierte Gürtelgarnituren und Waffen belegen die Anwesenheit von Soldaten im Kastell. Die Truppen der Provinzen Raetia I und II standen unter dem Oberbefehl eines Dux Raetiae.Notitia Dignitatum occ. XXXV; Ulrike Mayer 2005, S. 66.
Forschungsgeschichte mini|Plan des Kastells von 1864 nach Paul Immler Der Standort des Kastells ist schon lange bekannt. 1847 erwähnt Peter Kaiser in seiner Geschichte des Fürstentums Liechtenstein die «...Spuren eines alten Gebäudes, das sehr geräumig war und ein längliches Viereck bildete. Die Mauern sind von ungewöhnlicher Dicke und Festigkeit...». Johann Baptist Büchel war der Ansicht, dass die in Schaan aufgefundenen Mauern zu einem Königs- oder Fronhof (curtis dominica) gehörten, der in einem Reichsurbar von 830/831 erwähnt wird. Etwas genauere Angaben über das Kastell machte im Jahre 1853 Joseph von Bergmann. Er berief sich dabei auf einen Bericht des fürstlichen Hofkaplans Johann-Franz Fetz. Nach einer Brandkatastrophe im Jahr 1849 stiess man erneut auf die Überreste des römischen Lagers. Da das Feuer fast die gesamte Ortschaft eingeäschert hatte, konnte es bei den Aufräumarbeiten teilweise freigelegt werden. Fetz informierte Bergmann auch über die hierbei geborgenen Artefakte. 1864 fertigte Ferdinand Keller nach den Vorstellungen Paul Immlers einen (fehlerhaften) Kastellplan an und veröffentlichte ihn in den «Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft Zürich». Keller hielt die Kastellruine für das antike Magia.
Dreissig Jahre nach Kellers Veröffentlichung regte der k.k. Konservator von Bregenz, Samuel Jenny, eine neuerliche Ausgrabung des Kastells an, die 1893 in Angriff genommen wurde. Sie wurde vom Landesverweser Friedrich Stellwag von Carion und dem Leiter des Bauamtes, einem gewissen Ingenieur Mathausch, geleitet und konzentrierte sich auf das Areal östlich des Stallgebäudes des Grundbesitzers Hilti. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen wurden jedoch nie publiziert. Hauptsächlich wurde dabei wohl das Gelände westlich des Kastellbades nach antiken Artefakten durchsucht, bzw. nur reine Schatzgräberei betrieben.
1909 veröffentlichte Albert Schädler einen Aufsatz über prähistorische und römische Funde in Liechtenstein. Über das Kastell in Schaan fasste er im Wesentlichen die Erkenntnisse von Bergmann und Keller zusammen. Von 1956 bis 1958 untersuchten David Beck und Bernhard Marxer von Mauren im Auftrag des Historischen Vereines für das Fürstentum Liechtenstein das Kastell. Sie gruben hierbei die gesamte Ostmauer, das Lagerbad, Teile der Mannschaftsunterkünfte, den südöstlichen Eckturm und frühmittelalterliche Gräber aus. Die Ostmauer und das Haupttor konnten fast vollständig aufgedeckt werden. Die Südmauer des Kastells wurde westlich vom Südostturm bis an den Holzschopf östlich der Sennerei und danach auch noch ein Teil im Konrad-Prossenschen Garten (ca. 5 m) freigelegt. Ausgedehntere Flächengrabungen im Kastellinnern konnten nicht ausgeführt werden, da der Grundbesitzer (wegen der dort stehenden Obstbäume) hierzu seine Erlaubnis verweigerte. Es konnten deshalb nur kleinere Flächen bis auf den gewachsenen Boden untersucht werden. In den meisten Fällen musste man sich mit sehr schmalen Suchschnitten begnügen. Im Laufe der Grabung kristallisierte sich heraus, dass die Peterskirche direkt auf den spätrömischen Mauern stand. Da ohnehin eine gründliche Renovierung des Gotteshauses geplant war, erteilten Pfarramt und Gemeinde den Archäologen die Erlaubnis, auch im Innern der Kirche Grabungen durchzuführen. Diese begannen im Sommer 1958. Sie sollten sowohl die Kastellgrabung ergänzen als auch die früheste Baugeschichte von St. Peter klären. Nach Entfernung der Fussböden kamen sowohl römerzeitliche Mauern als auch Reste des Vorgängerbaus der Kirche ans Tageslicht. 1960 wurden auf Krüppel die Reste einer zwischen 260 und 270 n. Chr. errichteten, stark befestigten Höhensiedlung entdeckt. Beim Bau eines Mehrfamilienhauses in der Reberastrasse 2006 konnten die Mitarbeiter der Landesarchäologie Liechtenstein bei einer Notgrabung einige frühmittelalterliche Gräber untersuchen.Ulrike Mayer: 2005, S. 64–65.
Fundspektrum In Schaan wurden schon im 19. Jahrhundert mehrmals römische Zufallsfunde gemacht. 1887 wurden, etwas oberhalb des Dorfes, im Ortsteil Dux, zwei römische Legionärshelme des Typs Hagenau aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. entdeckt. Vermutlich wurden sie einst als Opfergaben dort zurückgelassen. Südlich des Kastellareals wurden bei Baufundamentierungen immer wieder Einzelfunde gemacht und dabei vermutlich auch die Trasse der römischen Rheintalstrasse angeschnitten.
Von den hier gefundenen römischen Münzen stammt die früheste aus der Zeit des Augustus, alle anderen sind, nur sehr schlecht erhaltene, Prägungen des 3. und 4. Jahrhunderts, die zwischen 1956 und 1957 ans Tageslicht kamen. Sie wurden in der Zeit der Kaiser Constans, Constantius II., Theodosius I., Valentinian II. und Arcadius geprägt.
In Suchschnitt 13 konnten aus einer römischen Schicht eine Anzahl vorrömischer Keramikfragmente und ein Dolch aus stark kupferhaltiger Bronze geborgen werden. Sie stammten aus der frühen Bronzezeit. Die übrigen Funde – wie z. B. Keramik, Werkzeuge oder Gürtelbeschläge – gehören alle dem 4. Jahrhundert an. Vor dem Portal der Peterskirche barg man den Stosszahn eines Elefanten, der später vom Landvogt Pokorny zur Aufbewahrung nach Wien geschickt wurde. An der Nord- und Südmauer der Kirche entdeckte man zwölf frühmittelalterliche Gräber. Einige der untersuchten Skelette waren von ungewöhnlicher Grösse. Die im Kastell aufgefundenen Ziegel waren ohne Inschriften. An der Westmauer der Kirche stiess man auf einige angesägte bzw. handwerklich bearbeitete Hirschgeweihgriffe. An Funden aus dem Innenbereich sind noch Gefässscherben (Terra sigillata und Lavez), einige Bronzegegenstände sowie Knochen- und Geweihstücke mit Bearbeitungsspuren erwähnenswert. Das Keramikspektrum umfasste Fragmente vom Typ der Argonnenware und nordafrikanischer Sigillata, ferner Gefässe mit grünlicher oder bräunlicher Glasur, darunter viele Reibschalen. Der überwiegende Teil waren Lavezbehältnisse, die u. a. als Kochgefässe verwendet wurden.Elisabeth Ettlinger 1959, S. 230
Über die Nahrungsquellen der Kastellbewohner gaben Tierknochen Auskunft. Es wurden Haus- und Nutztiere wie Schafe, Ziegen, Schweine, und Rinderknochen identifiziert. An Wild standen Hirsche, Gämsen, Steinböcke, Wildschweine und Elche auf dem Speiseplan. Bisher einzigartig für Liechtenstein konnte auch eine Katze im Kastell nachgewiesen werden. Hauskatzen wurden erst mit Ankunft der Römer in diesen Breiten heimisch. Im Lagerbad fand man einen reich verzierten Kamm aus Bein.Bernhard Overbeck 1982, S. 108 und 110; David Beck 1957, S. 233–234, 245, 251; David Beck 1962, S. 34; Ulrike Mayer 2005, S. 65.
Entwicklung mini|Rekonstruktionsversuch des Kastells, Zustand im letzten Drittel des 4. Jahrhunderts, Blick aus Ost