Die Geächteten hieß ein „Gigantisches Filmwerk in sieben Akten von Rita Barré“, das Joseph Delmont 1919 für die Nivo-Film Comp. GmbH des Max Nivelli in Berlin realisierte. Der Schriftsteller Helmuth Orthmann bearbeitete die literarischen Vorlage der Autorin Barré,auch: Rita Barrée; von ihr kamen auch die Drehbuch-Vorlagen zu den Stummfilmen „Die Minderjährige – Zu jung fürs Leben“ (D 1921) und „Prejudice“ (USA 1922); bei letzterem führte ebenfalls Joseph Delmont die Regie, vgl. IMDb imdb.com in der es um das Zusammenleben von Christen und Juden und um die Legende von Ritualmorden geht, die Juden immer wieder angedichtet wurden, für den Film.

In die Kinos kam der Film 1921 demnach als „Aufklärungsfilm“vgl. Kritik im „Filmkurier“, wo es heißt: „Es weht ein heisser Atem in diesem Film, er hat Tempo und Kraft, der sittliche Ernst, der hier waltet, macht ihn zu einem Aufklärungswerk im besten Sinne des Wortes...“, in „Film und Brettl“: „Ein Kulturdokument, ein Aufklärungsfilm in des Wortes edelster Bedeutung“, und in der „Standarte“: „Ein Aufklärungsfilm, aber ein solcher, der nicht auf die niedersten, sondern auf die edelsten Triebe im Menschen spekuliert.“ (Seite in der Max Nivelli Collection archive.org) unter dem neuen Titel „Der Ritualmord“. Er war mit ersten Kräften wie Alfred Abel, Leonhard Haskel, Wilhelm Diegelmann, Hella Tornegg, Sybill Morel und Rosa Valetti besetzt.

Handlung Eifersüchtiges Mädchen entfesselt ein Pogrom.

„Der Inhalt des Films erzählt in den einleitenden stimmungsvollen Bildern von dem anfänglichen friedlichen Zusammenleben zwischen christlichen und jüdischen Familien eines größeren russischen Ortes mit überwiegend ländlichem Charakter; er schildert im weiteren Verlauf das brutale Vorgehen einer russischen Kosakenabteilung bei der Anforderung benötigter Quartiere, was bei der Überfüllung des Ortes mit Obdachlosen zu rücksichtslosester Zwangsausquartierung aller jüdischen Familien führt […]

Der Beamte Mulnikow (Wilhelm Diegelmann) hat mit den Angehörigen des Vorstehers der Jüdischen Gemeinde Chaim Abramowitsch (Leonhard Haskel) Mitleid, woraus sich aus überquellender Dankbarkeit der ältesten Tochter Manja (Sybill Morel) für diesen Liebesbeweis eine Herzensannäherung zu dem Studenten Sascha (Alfred Abel), dem Erstgeborenen des Beamten Mulnikow, wie von selbst ergibt.

Veras, des Studenten Dimitri Wronskis Schwester (Rita Clermont), ahnende Eifersucht belauscht das vorerwähnte Paar in zärtlichem Beisammensein. Wilde Gefühle durchzucken das schöne Gesicht. Ihre verletzte Eitelkeit sinnt auf eine Gelegenheit zur Rache. Vera entdeckt gelegentlich eines studentischen Massenbesuches bei Sascha sein Interesse für aufklärende Lektüre über Ritualmorde.

Das kleine, sehr gelungene Intermezzo eines studentischen Ausfluges in die ländliche Kneipe des Polenwirtes Czapka (Ludwig Rex) gibt über dessen Nebengewerbe, die heimlichen Schlingenlegerei, Aufschluß. Zugleich eine Erklärung für das geheimnisvolle Verschwinden der kleinen Sonja, der jüngsten Tochter Mulnikows, die beim Suchen nach lockenden Beeren in die Schlinge gerät und erst nach einigen Tagen vom beutegierigen Polenwirt halb verschmachtet aufgefunden wird.

Inzwischen benutzt Vera die Verschollenheit des Kindes zum Anzetteln eines Pogroms, indem sie aufgrund der bei Abramowitsch gefundenen Mütze das Märchen vom Ritualmord verbreitet und das Volk zur Vernichtung der Juden aufhetzt. Ihre aufrührerischen Reden haben nur zu guten Erfolg. Mit teuflischer Bestialität verfolgt, misshandelt und tötet der Mob alle erreichbaren Juden und steinigt schließlich deren Vorsteher angesichts seiner Familienangehörigen, die gewaltsam gezwungen werden, dem Martyrium ihres Ernährers zuzusehen.

Saascha kann das Märchen vom Ritualmord nicht glauben; er grübelt und sucht in den geschichtlichen Büchern nach Wahrheit und Aufklärung. Was ihm die Lektüre einer Abhandlung darüber offenlegt, erscheint in wundervoll rekonstruierten Bildern aus der Zeit Alexanders des Grossen plastisch vor den Augen des Zuschauers. […]

Der mutige Sascha entdeckt schließlich die absichtlich verborgen gehaltene Sonja, und mit männlicher Energie des überzeugten Vertreters einer guten Sache stürmt er mit der Kleinen am Arm der wütenden Menschenmenge entgegen, die angesichts dieser klaren Entkräftung einer vermeintlichen Schuld die Steine beschämt fallen lässt, unter deren Wurfwucht der alte Abramowitsch sein Leben aushauchen sollte ....“

(aus: Kinematograph No. 668, 1919)

Hintergrund Die Filmbauten errichtete Willi A. Herrmann. Die Photographie besorgte Gustave Preiss. Der Produzent war Max Nivelli.Geburtsname Max Levin, Darsteller, Regisseur, Produzent. Vgl. Nicht zu verwechseln mit dem Zauberkünstler Nivelli (Herbert Levin, 1906–1977), vgl. themagicdetective.com (englisch) und magicpromotionclub.ch magicpromotionclub.ch (deutsch) in seiner Firma Nivo-Film Comp. GmbH. Berlin SW 68., Friedrichstr. 37.vgl. Briefkopf, wiedergegeben bei Max Nivelli Collection archive.org

Die Geächteten lag der Polizei Berlin im Dezember 1919 zur Prüfung vor; unter der Nr. 43 591 erhielt er Jugendverbot. Die Polizei München verbot den Film zunächst, gab ihn dann aber frei (Prüf-Nrn. 35108, 35109, 35110, 35111, 35112, 35113, 35114). Von der Reichsfilmzensur wurde der Film am 16. Oktober 1920 unter der Nr. 596 für Jugendliche verboten.

Der Film hatte eine ursprüngliche Länge von 2560 Metern auf 7 Akten; nach Zensurschnitten war er noch 2460 Meter, dann 2447 Meter lang.

Eine Pressevorführung gab es am 9. November 1919 in der „Schauburg“ am Potsdamer Platz.gehörte zum Münchener Emelka-Konzern, wurde 1930 geschlossen, vgl. allekinos.com allekinos.com In die Kinos kam der Film jedoch erst 1921 unter neuem Titel als Der Ritualmord.vgl. Stratenwerth-Simon S. 235.

In einer Nebenrolle als Gymnasiast ist der noch junge, später als Kameramann bekannt gewordene Friedel Behn-Grund zu sehen.

Rezeption Sowohl die Tages- wie auch die Fachpresse reagierte auf die Vorführung des Films durchweg positiv.

Der Film wurde besprochen in: Filmkurier No. 135, 1919 Der Film No. 35, 1919 Der Film No. 37, 1919 Erste Internationale Kinematographenzeitschrift No. 40, 1919 Der Film No. 42, 1919 Filmkunst/Haase No. 6, 1919 Kinematograph No. 673, 1919 Filmkurier No. 85, 1919 Filmkurier No. 125, 1920 Deutsche Lichtspielzeitung No. 2, 1920 Film und Presse No. 7, 1920 Filmtechnik No. 19, 1919 Film-Schau No. 25, 1919 Filmkunst/Haase No. 4, 1919 Der Film No. 40, 1919 Erste Internationale Kinematographenzeitschrift No. 44, 1919 Erste Internationale Kinematographenzeitschrift No. 45, 1919 Filmkunst/Haase No. 5, 1919

Film-Schau No. 32/34, 1919 Erste Internationale Kinematographenzeitschrift No. 49, 1919 Filmkunst/Haase No. 8, 1919

Berliner Börsenzeitung

Der Film „Die Geächteten“ muss heute als verschollen gelten.vgl. Stratenwerth-Simon S. 235. Die Zensurkarten sind erhalten. Der Film ist verzeichnet bei:

Birett : Verzeichnis in Deutschland gelaufener Filme. München 1980 (München) No. 293, 1920

Birett : Verzeichnis in Deutschland gelaufener Filme. München 1980 (München) No. 466, 1920

Anmerkung: es gab 1917 mit diesem Titel schon einmal einen Film nach einem Manuskript von Gertrud David, welches Robert Reinertvgl. , gibt als Regisseur Josef Stein an dramatisiert hat, der ursprünglich „Fräulein Mutter“ hieß und die gesellschaftliche Stellung unehelich geborener Kinder thematisierte; er lag im September d. J. der Zensur vor und wurde zuerst für die Dauer des Krieges verboten, im November jedoch unter dem geänderten Titel „Die Geächteten“ freigegeben.vgl. Buske S. 91–92 u. Anm. 9

Literatur Ofer Ashkenazi: Weimar Film and Modern Jewish Identity. Studies in European Culture and History. Verlag Palgrave Macmillan, 2012, ISBN 978-1-137-01083-4, S. 223. (englisch) Herbert Birett: Stummfilmmusik. Materialsammlung. Deutsche Kinemathek, Berlin 1970. Herbert Birett: Verzeichnis in Deutschland gelaufener Filme. Saur, München 1980. Sybille Buske: Fräulein Mutter und ihr Bastard. (= Moderne Zeit. Band 5). Wallstein Verlag, Göttingen 2013, ISBN 978-3-8353-2060-4. Dan Diner (Hrsg.): Jahrbuch des Simon-Dubnow-Instituts / Simon Dubnow Institute Yearbook. XI (2012) (= Religiöse Kulturen im Europa der Neuzeit. Band 2). Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012, ISBN 978-3-647-36941-9, S. 269–270 u. Anm. 37. Ronald Hinrichs: Joseph Delmont. In: Irene Stratenwerth, Hermann Simon (Hrsg.): Pioniere in Celluloid. Juden in der frühen Filmwelt. Henschel, Berlin 2004, ISBN 3-89487-471-6, S. 131–134. Thomas Koebner (Hrsg.): Diesseits der "Dämonischen Leinwand". Verlag Ed. Text + Kritik, 2003, ISBN 3-88377-732-3, S. 204. Siegbert Salomon Prawer: Between Two Worlds. The Jewish Presence in German and Austrian Film, 1910–1933. (= Film Europa. Band 3). Verlag Berghahn Books, Oxford / New York City 2007, ISBN 978-1-84545-303-9, S. 197. (englisch) Christian Rogowski: The Many Faces of Weimar Cinema. Rediscovering Germany's Filmic Legacy. (= Screen cultures : German film and the visual). Verlag Camden House, Suffolk, U.K. 2010, ISBN 978-1-57113-429-5, S. 85 f. (englisch) Irene Stratenwerth: Auszug aus dem Ghetto. In: Irene Stratenwerth, Hermann Simon (Hrsg.): Pioniere in Celluloid. Juden in der frühen Filmwelt. Henschel, Berlin 2004, ISBN 3-89487-471-6, S. 221–239, bes. 234–239. Georges Sturm: Die Circe, der Pfau und das Halbblut: die Filme von Fritz Lang, 1916–1921. (= Filmgeschichte International: Schriftenreihe der Cinémathèque Municipale de Luxembourg. Band 8). Wissenschaftlicher Verlag, Trier 2001, ISBN 3-88476-434-9, S. 109. Hillel Tryster, Steven Spielberg Jewish Film Archive (Hrsg.): Israel before Israel: silent cinema in the Holy Land. Verlag Steven Spielberg Jewish Film Archive of the Avraham Harman Institute of Contemporary Jewry, Hebrew University of Jerusalem and the Central Zionist Archives, 1995, , S. 101. (englisch) Gerhard Winkler: Joseph Delmont, 1873–1935: Abenteurer, Filmer, Schriftsteller : sein Leben, seine Filme, seine Bücher. Verlag Literaturedition Niederösterreich, 2005, ISBN 3-901117-70-9, S. 25, 101, 104. Friedrich von Zglinicki: Der Weg des Films. Geschichte der Kinematographie und ihrer Vorläufer. Rembrandt Verlag, Berlin 1956, .

Weblinks

(mit Fotogalerie)

Abbildungen Photo des Regisseurs Joseph Delmont bei bibliograph.ru bibliograph.ru Titelbl. Jll. Film-Kurier Nr. 5, Jg. 1919 (beide Titel Die Geächteten / Der Ritualmord) mit Sybil Morell und Alfred Abel juris-world.com Max Nivelli Collection archive.org, darin: Jll. Programmheft archive.org und Kritiken zu Die Geächteten archive.org, dazu Bilder der Mitarbeiter der Nivo-Film (einschl. Rita Barre und Helmuth Orthmann, Max Nivelli und Joseph Delmont) archive.org

Einzelnachweise

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